Von der Notwendigkeit einer »zweiten Aufklärung« – Wie man das Tor zu einer modernen Metaphysik aufstoßen kann

»Es scheint, dass es Physik überhaupt nur geben kann, weil sie ein offenes Tor hat zur Metaphysik.«
Carl Friedrich von Weizsäcker

Einführung
Seit jener Zeit, da Galileo Galilei durch sein Fernrohr blickte und als erster Mensch die Monde des Jupiters entdeckte, hat die Naturwissenschaft eine rasante Entwicklung genommen. Sie hat innerhalb von nur vier Jahrhunderten nahezu alle Wirklichkeits-bereiche aufklären können. Wir kennen nicht nur den Aufbau der Materie, wir wissen auch um das Geheimnis des Lebens. Mittlerweile sind wir sogar fähig, so tief in den kosmischen Raum hineinzublicken, dass wir aus der »Glut der Schöpfung« zu lesen vermögen. Dieser atemberaubende Erfolg hat dazu geführt, dass sich die Naturwissenschaft zu einer der dominierendsten Erkenntnis-methoden auf unserem Planeten entwickelt hat.
Doch bei all diesem Erfolg ist ein Bereich der Wirklichkeit bis heute naturwissenschaftlich vollständig unaufgeklärt geblieben: Es ist das Transzendente. Über diesen Bereich wissen wir nahezu gar nichts. Alles Wissen verliert sich im Dunkel der Zeit. Es ist in Texten aufge-zeichnet, deren metaphysischen Aussagen über das Transzendente ebenso vieldeutig wie diffus sind.
Trotz dieses fehlenden objektiven Wissens bestimmt der Glaube an die Existenz dieses Bereiches das Denken und das Verhalten von mehr als zwei Milliarden Menschen. Dieser gläubige Teil ist nicht nur davon überzeugt, dass das Transzendente der letzte und eigentliche Grund der Welt ist, er glaubt auch verbindlich zu wissen, was es mit ihm auf sich hat und in welcher Beziehung er zu uns und dem Universum steht.
Dies ist eine der großen Paradoxien unserer Zeit. Gerade der Bereich der Wirklichkeit, der von einem nicht unerheblichen Teil der Menschheit als die eigentliche Grundlage der Naturwissenschaften aufgefasst wird, ist bis heute naturwissenschaftlich unaufgeklärt geblieben. Dies hat dramatische Folgen für unsere globale Welt, denn gerade dieser zentrale Part der Wirklichkeit ist nach wie vor mit all jenen irrationalen Vorstellungen und Erwartungen befrachtet, die wir mit Hilfe der Naturwissenschaft in allen anderen Wirklichkeitsbereichen erfolgreich haben überwinden können. Und nicht selten entlädt sich dieser bisweilen zum Wahnsinn entartete Glauben in todbringenden Handlungen.
Diese zutiefst irrationalen Handlungen sind in der Tat das letzte Stück Mittelalter in unserer ansonsten aufgeklärten modernen Welt. Sie sind getrieben von dem, was der Biologe Richard Dawkins in seinem gleichnamigen Buch zu Recht als »Gotteswahn« bezeichnet hat.
Angesichts dieser bedrohlichen Situation erscheint der Ruf nach einer »Zweiten Aufklärung« als ein Gebot der Stunde – und dieses um so mehr als eine der mächtigsten Institutionen der Welt – die Römisch-Katholische Kirche – mit dem Anspruch auftritt, bereits religio vera, d.h. aufgeklärte, vernünftige Religion, zu sein. [1]
Sie begründet diesen Vernunftsanspruch wesentlich mit ihrer erklärten Bindung an die Metaphysik. Doch bis zum heutigen Tage waren die durch die »klassische« Metaphysik begründeten Aussagen über den gemutmaßten transzendenten Grund der Wirklichkeit wie auch seine Beziehung zum physikalischen Universum in wissenschaftlicher Hinsicht so extrem vage und unbestimmt, dass dieser Anspruch auf Vernünftigkeit niemals ernsthaft herausgefordert worden ist.
Diese Erkenntnissituation ließe sich dann und nur dann nachhaltig verändern, wenn man Metaphysik auf eine Weise betreiben könnte, die den üblichen wissenschaftlichen Erkenntnisstandards genügte. Doch gerade diese Möglichkeit wird heutzutage bestritten. Man ist vielmehr allgemein davon überzeugt, dass Metaphysik als Wissenschaft prinzipiell unmöglich ist. Diese Überzeugung ist mittlerweile eines der bestimmendsten Dogmen der Postmoderne. Sie hat ihren Ursprung in Kant’s Kritik der Reinen Vernunft. 1781 erschienen, führte sie innerhalb weniger Jahrzehnte dazu, dass die Metaphysik ihre zentrale Rolle im wissenschaftlichen Diskurs des Abendlandes nahezu vollständig einbüßen sollte.
Kant hatte mit seiner Kritik überzeugend zeigen können, dass alle traditionellen Argumentationsfiguren, die dem Beweis der Existenz des Transzendenten galten, auf einem empirisch nicht gedeckten Grenzübergang beruhten und als solches gerade jener Legitimation entbehrten, wie sie für das Wesen von Wissenschaft kennzeichnend ist. Kants erkenntniskritische Analyse war trotz ihres sprachlich unzugänglichen Jargons philosophisch so wirkungsmächtig, dass sie ihm Ruf einbringen sollte, »Zertrümmerer der Metaphysik« zu sein.
Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass diese Analyse keineswegs die Schlussfolgerung erlaubt, Metaphysik sei als Wissenschaft unmöglich, denn sie beruht auf einer epistemo-logischen Forderung, die durch die moderne Wissenschaftspraxis längst als viel zu restriktiv aufgegeben worden ist. Sie beruht nämlich auf der Forderung, nur das als existent anzuerkennen, was unmittelbar beobachtbar ist. Sie beinhaltet als solches die erkenntnis-theoretisch sehr weitreichende Forderung, dass jeder Aspekt einer physikalischen Theorie sich zu jedem Zeitpunkt auf beobachtbare Größen beziehen müsse. Eine physikalische Theorie, die dieser Forderung genügen wollte, dürfte demnach keinerlei Aspekte enthalten, die grundsätzlich nicht beobachtbar sind.
Eben diese erkenntnistheoretisch ultrarestriktive Forderung, die wir heute als positivistisch bezeichnen, ist jedoch seit Beginn der 60er Jahren mit der Entwicklung der Theorie der Quarks innerhalb der modernen Physik unumkehrbar aufgegeben worden, denn es besteht grundsätzlich keinerlei Möglichkeit, Quarks jemals als freie Teilchen beobachten zu können. Wir haben lediglich die Möglichkeit, ihre Existenz mittelbar nachweisen zu können – anhand ihres spezifischen Verhaltens. So besitzen Quarks die sonderbare, aber für sie charakteristische Eigenschaft, dass die Kräfte abnehmen, sobald sie einander näher kommen. Da man dieses als »asymptotische Freiheit« bezeichnete Verhalten von Quarks bei der Streuung hochener-getischer Teilchen empirisch hat nachweisen können, gilt die Existenz von Quarks – obwohl nur mittelbar beobachtbar – heute als wissenschaftlich »bewiesen«.
Physiker, wie z.B. Steven Weinberg, sehen in der Einführung solcher grundsätzlich unbeobachtbaren Entitäten, wie z.B. freier Quarks, das unvermeidliche Ergebnis des fortschreitenden physikalischen Erkenntnisprozesses, da die Physiker bei ihrem Bemühen, das Fundament der Wirklichkeit zu verstehen, in immer entrücktere Bereiche vorgedrungen seien; Bereiche, deren theoretische Repräsentation nur noch sehr mittelbar zur Beobachtungsebene in Beziehung stünden. Weinberg hält es daher für unwahrscheinlich, dass die positivistische Erkenntnistheorie bei der zukünftigen Entwicklung der Physik sehr viel weiterhelfen wird. Unbestritten bleibt natürlich auch für ihn die Forderung, dass eine Theorie, die wissenschaftlich sein will, sich letztlich der Beobachtung zu stellen hat. [2]
Legen wir bei der Frage nach der Möglichkeit von Metaphysik als Wissenschaft diese moderne Forschungspraxis zugrunde, dann wird das Kant’sche Verdikt wider die Metaphysik hinfällig, denn wenn wir erkenntnistheoretisch nicht genötigt sind, das Transzendente selbst nachweisen zu müssen, dann steht uns die Möglichkeit offen, systematisch zu untersuchen, wie sich das Transzendente innerhalb des sichtbaren Universums auf mittelbare Weise bemerkbar gemacht haben könnte.
Doch gerade die transzendente Natur des von der Metaphysik behaupteten Gegenstandsbereiches hat bisher ihre Etablierung als wissenschaftlicher Disziplin im Wege gestanden hat. Dass Transzendenz in wissenschaftlicher Hinsicht eine ernste Heraus-forderung für die Entwicklung einer modernen Metaphysik darstellt, ist unmittelbar einsichtig: Wenn das eigentliche Fundament unseres Universums wirklich transzendenter Natur ist, dann verfügen wir per se über keinerlei empirische Daten, die uns zeigen, in welcher Richtung eine mögliche Theorieentwicklung den größten Erfolg verspricht. Dieser eklatante Mangel an Daten hat in der Vergangenheit, wie die Geschichte zeigen sollte, zu einer unübersehbaren und verwirrenden Vielfalt metaphysischer Theorien geführt, die jedoch allesamt weit hinter den Erkenntnisansprüchen der neuzeitlichen Physik zurückblieben. Keines der in jener Zeit entwickelten Erkenntnissysteme erlaubte die Formulierung präziser Aussagen darüber, wie die Existenz des von der Metaphysik behaupteten Forschungsgegenstandes empirisch prüfbar sein könnte.
Dies war die intellektuelle Situation, auf die Kant Mitte des 18. Jahrhunderts stoßen sollte und die er zu Recht als tumultuarisch bezeichnete. Er hoffte durch eine Bestimmung des wissenschaft-lichen Geltungsbereiches von Metaphysik diesen Tumult beenden zu können und der so gereinigten Metaphysik einen Weg in die Zukunft zu ebnen – mit, wie wir wissen, unerwartet fatalen Folgen. Seine Arbeit führte zu dem bislang als irreversibel erscheinenden »Ende von Metaphysik«. Seither ist nie wieder der Versuch unternommen worden, Metaphysik als Wissenschaft betreiben zu wollen.
Es ist klar, dass eine Metaphysik sich unter den gegenwärtig herrschenden Erkenntnisbedingungen nur dann modern nennen kann, wenn sie von Anfang an eine erklärte Bindung zur wissenschaftlichen Methode eingeht. Dies bedeutet, dass eine moderne Metaphysik von Anbeginn an bestrebt sein muss, ihre Theorie so zu entwickeln, dass die sie konstituierenden Aussagen empirisch prüfbar sind. So und nur so kann sie in einer sich technisch-wissenschaftlich verstehenden Welt erfolgreich sein.
Als sich der Physiker Albert Einstein zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Brown’schen Bewegung auseinandersetzte, war die Existenz von Atomen noch umstritten. Es gab zu jener Zeit noch keinerlei Möglichkeit, sie in irgendeiner Weise beobachten zu können. Einstein war jedoch davon überzeugt, dass die Brown’sche Bewegung durch die Existenz von herumwirbelnden Atomen verursacht war.
Als er sich mit diesem speziellen Bewegungsmuster – der unaufhörlich andauernden, aber scheinbar regellosen Bewegung von Pollenkörnern in wässrigen Suspensionen – eingehender befasste, war sein Ziel jedoch nicht nur die Entwicklung einer rational begründeten Atom-Theorie, er verfolgte auch ganz ausdrücklich das Ziel, einen mittelbaren Existenzbeweis von Atomen führen zu können; ein Ziel, was er schließlich auch erreichen sollte. Er konnte ein Aussage formulieren, die genau vorhersagte, wie das Brown’sche Bewegungsmuster im Falle der Existenz von Atomen auszusehen hatte. Diese Aussage wurde von vielen Physikern als so spezifisch erlebt, dass sie, nachdem sie drei Jahre später (1908) empirisch bestätigt werden konnte, als wissenschaftlicher »Beweis« der Existenz von Atomen betrachtet wurde – selbst von ihren Kritikern, wie z.B. dem Chemiker Wilhelm Ostwald.[3]
Wenn wir die Existenz des Transzendenten wissenschaftlich beweisen wollen, dann muss unser Ziel ebenfalls darin bestehen, eine hinreichend spezifische wie auch empirisch prüfbare Aussage zu finden.
Doch wie findet man eine solche empirisch prüfbare Aussage, wenn das, was man beweisen möchte, gerade jegliche Empirie überschreitet? Diese Wie-Frage steht bislang – seit mehr als zwei Jahrhunderten – unbeantwortet im Raum. Wann immer metaphysische Fragestellungen thematisiert werden, erscheint fast reflexartig diese Wie-Frage: Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich? Seit Kant’s Veröffentlichung der Kritik der Reinen Vernunft irrlichtert diese Frage durch das abendländische Bewusstsein. Die meisten Philosophen sind durch diese Frage so sehr gefangen, dass sie niemals damit beginnen, wirklich Metaphysik zu betreiben. Doch diese Frage ist, philosophisch gesehen, eine Sackgasse. In Wahrheit lautet die Frage nicht: Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?, sondern Wo ist Metaphysik als Wissenschaft möglich? [4]
Wenn wir den letzten und eigentlichen Grund der Wirklichkeit ganz erklärtermaßen als transzendent auffassen, dann kann sich die gesuchte Aussage zwangsläufig nur auf ein innerhalb des sichtbaren, physikalischen Universums gelegenen Gebiet beziehen, denn nur hier sind grundsätzlich empirische Daten zu erwarten. Für ein Etwas, das seiner inneren Natur nach transzendent ist, kann es per se keinerlei empirische Daten geben.
So trivial diese Überlegung zunächst erscheinen mag, sie lenkt unseren Blick, wenn wir von der Möglichkeit von Metaphysik als Wissenschaft zutiefst überzeugt sind, früher oder später auf ein ganz spezifisches Gebiet, welches uns zeigt, wo ein wissenschaftlicher Beweis des Transzendenten überhaupt nur geführt werden kann. Es handelt sich um jenes innerweltliche Gebiet, welches sich unmittelbar an der Schwelle zum Transzendenten befindet. Was dieses Gebiet metaphysisch auszeichnet, sind gerade zwei spezielle Bedingungen, die nirgendwo sonst im sichtbaren, physikalischen Universum angetroffen werden können.
Zum einen ist dieses Gebiet dem Transzendenten erkenntnis-theoretisch so nahe, dass man dort befindliche Strukturen begrifflich einigermaßen verlässlich als »Schattenriss« desselben identifizieren kann. In allen anderen Gebieten des physikalischen Universums, wie z.B. dem Leben, dürfte die Beziehung zum Transzendenten in begrifflicher Hinsicht sehr viel diffuser und uneindeutiger ausfallen.
Zum anderen befindet sich dieses spezielle Gebiet trotz seiner Nähe zum Transzendenten noch im sichtbaren Universum. Wenn es also dieses Gebiet gibt, dann dürfen wir auch mit einiger Berechtigung von der Existenz entsprechender empirischer Daten ausgehen.
Wenn es uns nun gelänge, den in diesem Gebiet vermuteten »Schattenriss« des Transzendenten – die Signatur Gottes – begrifflich zu präzisieren, dann müsste sich dieser Schattenriss, wenn unser Universum tatsächlich auf einem transzendenten Grund basieren würde, auch anhand spezifischer empirischer Daten nachweisen lassen.
Eben diese beiden Bedingungen machen dieses »Schwellengebiet« zu einem metaphysisch bevorzugten Forschungsgebiet. Wenn es einen »Ort« im physikalischen Universum gibt, wo Metaphysik als Wissenschaft möglich ist, dann ist es zweifellos dieses Gebiet an der Schwelle zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.
Es ist einigermaßen überraschend, festzustellen, dass es bereits zahlreiche Denker gegeben hat, die in dieses weit entrückte Gebiet des Universums vorgedrungen sind – und dies zu einer Zeit, als es die Wissenschaft in der uns vertrauten Form noch gar nicht gab. Da sie sich jedoch einer sprachlich bisweilen antiquierten Form (wie auch ihrer fehlenden Formalisierung) bedienen, werden sie aus heutiger Sicht oftmals als verquastes metaphysisches „Geraune“ verkannt. Daher ist bis heute auch noch kein zeitgenössischer Physiker oder Philosoph systematisch der Frage nachgegangen, ob es nicht für die eine oder andere auf dieses spezielle Gebiet bezugnehmende Aussage ein empirisches Äquivalent innerhalb des von uns beobachteten Universums geben könnte.
Gleichwohl geht von diesen Aussagen noch so viel schwelende Erkenntnisglut aus, dass sie auch heute noch – nach vielen Jahrhunderten – das Interesse von Theologen, Philosophen und Philologen erregen. Es ist allein diesem Interesse zu verdanken, dass wir über diese Aussagen und ihre Entstehungsbedingungen beinahe genauso viel wissen wie beispielsweise über Aussagen der Speziellen Relativitätstheorie .
Was diese Aussagen vor anderen Aussagen der klassischen Philosophie auszeichnet, ist gerade ihre besondere erkenntnis-theoretische Nähe zur Gottesfrage. Sie zielen als solches von ihrer Intention her auf die Beantwortung der Frage nach der letztendlichen Natur der Wirklichkeit.
Es gibt sicherlich keine Periode im abendländischen Denken, in dem um diese Antwort intensiver und nachhaltiger gerungen wurde als in jener Epoche, die wir heute als Renaissance bezeichnen. Eine der vielleicht bemerkenswertesten Aussagen aus dieser Zeit ist die „Koinzidenz des Kleinsten und des Größten“.
Coincidentia Oppositorum – Wissenschaftlich relevant?
In begrifflich dezidierter Form finden wir diese Aussage (lat. coincidentia oppositorum) erstmals in dem Werk De Docta Ignorantia (dt. Über die Belehrte Unwissenschaft), welches 1440 von Nikolaus von Kues veröffentlicht worden ist. Sie galt ihm als die entscheidende Schlüsselerkenntnis über die Natur Gottes. Nikolaus von Kues machte mehrmals deutlich, dass diese Erkenntnis mit Blick auf ein Verständnis der wahren Natur Gottes einen intellektuellen Durchbruch ohnegleichen darstellen würde. Aus seinem Werk wissen wir auch um die besonderen Bedingungen, unter denen er zu dieser Erkenntnis vorgestoßen ist. Offenbar ist ihm diese Erkenntnis auf offener See im Angesicht der Weite des Meeres zuteil geworden, als er sich im Frühjahr 1438 auf der Heimreise von Konstantinopel nach Venedig befand. Im Herbst zuvor war er auf Geheiß von Papst Eugen IV. nach Konstantinopel aufgebrochen, um führende Vertreter der byzantinischen Ostkirche nach Italien zu holen – in der Absicht, auf dem geplanten Unionskonzil in Ferrara die ursprüngliche Einheit der Kirche wieder herzustellen. [5]
Und in der Tat: So einfach und unscheinbar diese Aussage auch zunächst aussehen mag, sie zeigt in einer äußerst kompakten und begrifflich stringenten Form, wie man das Transzendente innerhalb des sichtbaren physikalischen Universums so „codieren“ kann, dass es als sein »allgegenwärtiger« Grund aufgefasst werden kann, während es zur gleichen Zeit von niemandem innerhalb des Universums »gesehen« werden kann.
Obwohl Nikolaus von Kues, wie seine eigenen Kommentare erkennen lassen, um diese bemerkenswerte Aussageleistung gewusst hat, erscheint sie uns Heutigen in der von ihm gewählten Form vielfach als dunkel und vage. Wenn er beispielsweise davon spricht, er habe das Unbegreifliche in nicht begreifender Weise erfasst, dann klingt dies für moderne Ohren mehr nach Unsinn als nach Tiefsinn.
Doch so unsinnig diese Aussage auch klingen mag, ihr liegt, wie eine Textexegese seiner De Docta ignorantia sehr schnell zeigt, ein ebenso klares wie durchdringendes Verständnis über die Schnittstelle zwischen dem Transzendenten und dem sichtbaren physikalischen Universum zugrunde. Doch der einfachste Weg, sich diesem Verständnis anzunähern, besteht darin, die Aussage selbst »sprechen« zu lassen. Ihre begrifflichen und konzeptionellen Bestimmungen liefern hierzu alles Notwendige.
Beginnen wir mit den beiden rein begrifflichen Elementen: dem Kleinsten und dem Größten. Diese beiden Elemente enthalten in der Tat alles, um ein wie auch immer geartetes Etwas als „allgegenwärtig“ aufzufassen zu können: Wäre etwas das Kleinste, dann könnte es in allem enthalten sein. Wäre es zugleich das Größte, dann könnte es auch alles umfassen. Ein Etwas, welches in allem enthalten wäre und alles umfassen würde, wäre mithin allgegenwärtig.
Um diese durch die beiden Begriffe des Kleinsten und des Größten vermittelten Möglichkeitsbedingungen von Allgegenwart jedoch einlösen zu können, bedarf es einer weiteren Bedingung: Beide begriffliche Bestimmungen müssen auch rational als kennzeichnende Merkmale ein- und derselben Entität legitimiert sein, denn beide Bestimmungen für sich genommen reichen nicht aus, um die Eigenschaft der Allgegenwart überzeugend »codieren« zu können.
Wäre etwas nur das Kleinste, dann würde es nichts von dem, was das sichtbare Universum ausmacht, umfassen, denn etwas Kleineres als das Kleinstes kann es schlechterdings nicht geben. Wir hätten es folglich mit einer Wirklichkeit zu tun, in der das Transzendente und das sichtbare Universum in einem einzigen Punkt miteinander verschmolzen wären.
Wäre etwas nur das Größte, dann könnte es zwar – im Gegensatz zum Kleinsten – Alles im sichtbaren Universum umfassen, es könnte aber in nichts von diesem enthalten sein, da es innerhalb des physikalischen Universums etwas Größeres als das Größte schlechterdings nicht geben kann.
In einer solchermaßen charakterisierten Wirklichkeit wäre das Universum zwar unendlich groß, aber das Transzendente stünde in keinerlei Beziehung zu ihm, da es in seiner Eigenschaft als das Größte in nichts von diesem enthalten wäre. Es wäre mithin nicht möglich, das Transzendente als den Grund eben dieses Universums anzusprechen.
Wie wir sehen, führen beide begriffliche Bestimmungen, wenn sie disjunkt bleiben, zu einem metaphysisch ebenso restriktiven wie irrealen Bild von der Wirklichkeit. Es bedarf daher einer Vorschrift, die diese beiden begrifflichen Bestimmungen nicht nur miteinander verbindet, sondern sie überdies als Ausdruck ein- und desselben Agens ausweist. Eben diese Möglichkeit eröffnet das konzeptionelle Element der Koinzidenz: Weisen zwei Bestimmungen eine Koinzidenzbeziehung auf, dann ist es möglich, diese Koinzidenz als das Ergebnis ein- und derselben Ursache deuten zu können. Das konzeptionelle Element der Koinzidenz liefert mithin eine rationale Rechtfertigung dafür, die beiden begrifflichen Bestimmungen des Kleinsten und des Größten ein- und derselben Entität zuschreiben zu können. Folgen wir dieser Zuschreibung, dann ist es möglich, auf der Grundlage der „Koinzidenz des Kleinsten und des Größten“ ein wie auch immer geartetes Etwas als allgegenwärtigen Grund des sichtbaren Universum auffassen zu können, denn ein Etwas, das in allem enthalten ist und zugleich alles umfasst, ist allgegenwärtig. Doch ist auch die Transzendenz dieses allgegenwärtigen Grundes sichergestellt? Ist also sichergestellt, dass dieser Grund von einer innerweltlichen Warte her unbeobachtbar bleibt?
Es zeigt sich, dass die so beschriebene Entität in der Tat unsichtbar wäre, denn mit den Begriffen des Kleinsten und des Größten ist der letztmögliche Unterschied, den das sichtbare Universum gerade noch aufweisen kann. Wir haben es in beiden Fällen mit unübersteigbaren räumlichen Extrema zu tun. Es kann prinzipiell keine räumlichen Bestimmungen geben, die über das Kleinste und das Größte hinausgehen. Deutlich wird dies vor allen Dingen dann, wenn wir diese beiden Bestimmungen entsprechend ihren begrifflichen Vorgaben »formalisieren«: Setzen wir für das Kleinste R = 0 und für das Größte R = ¥, dann ist unmittelbar erkennbar, dass es, räumlich gesehen, weder etwas geben kann, dass kleiner als ein Punkt ist, noch dass die Existenz eines Raumes denkbar ist, der größer als unendlich groß ist. Daher führt die Aufhebung (i.e. Koinzidenz) des durch diese beiden Begriffe begründeten letztmöglichen Unterschiedes in Richtung ihrer bedingenden Ursache unabweisbar auf eine grundlegend unsichtbare Sphäre, denn die Eigenschaft der Sichtbarkeit ist untrennbar mit der Eigenschaft der Unterscheid-barkeit verknüpft.
Wie diese Überlegungen zeigen, haben wir es in Gestalt der Koinzidenz des Kleinsten und des Größten mit einem philosophisch äußerst kompakten Konstrukt zu tun. Es zeigt in rational nachvollziehbarer Form, welche spezielle Bedingung ein physikalisches Universum erfüllen muss, wenn sein eigentlicher Grund so beschaffen sein soll, dass er allgegenwärtig ist und dennoch nicht gesehen werden darf.
Dieses Konstrukt liefert als solches eine äußerst bündige philosophische Antwort auf die uralte, theologisch bis heute nicht befriedigend beantwortete Frage: Wenn Gott überall ist, warum sehen wir ihn dann nicht?
Was der durch die Koinzidenz des Kleinsten und des Größten gegebenen Antwort eine enorme physikalische und philosophische Wucht verleiht, ist jedoch nicht allein diese Antwort, sondern vor allem der Umstand, dass wir es mit einer empirisch prüfbaren Aussage zu tun haben. Obwohl der implizite Aspekt dieses Konstruktes mit dem Aufweis einer unsichtbaren Sphäre erkennbar nicht-empirischer Natur ist, für seinen expliziten Aspekt gilt dies nicht. Er bezieht sich, wie seine äußere sprachliche Gestalt zu erkennen gibt, auf das sichtbare Universum. Dieser Aspekt beinhaltet, physikalisch gewendet, die Aussage, dass ein Universum mit unsichtbarem Grund an seinen äußersten Grenzen – im Kleinsten wie im Größten – notwendig eine empirische Koinzidenz aufweisen muss.
Die von Nikolaus von Kues vor mehr als fünf Jahrhunderte formulierte Aussage beinhaltet folglich die Option, die Urfrage der Philosophie – die Frage nach der Existenz einer transzendenten Sphäre – empirisch überprüfen zu können; eine Option, nach der wir mehr als zwei Jahrtausende vergeblich gesucht haben. Dass sie diese Option in sich birgt, verdankt sie ihrem erkenntnistheoretisch »hybriden« Charakter: Sie verknüpft das Transzendente mit dem Immanenten in einer solchen Weise, dass sie in begrifflich eindeutiger Weise als »Signatur Gottes« identifizierbar ist. Es spricht einiges dafür, dass Kant mit der von ihm metaphysisch favorisierten Klasse synthetischer Urteile a priori solche hybriden Aussagen resp. Urteile im Auge hatte.
Die entscheidende Frage, die sich angesichts dieser Option stellt, ist natürlich die: Weist unser Universum an seinem äußersten Rand eine solche Koinzidenz auf? Es gibt signifikante Hinweise, dass dies tatsächlich der Fall ist.
Der unheimliche Befund
Physiker haben bereits vor einiger Zeit entdeckt, dass der »Trägheitskompass« und der »Sternenkompass« eine auffällige Koinzidenz aufweisen; ein Befund, den der Physiker Friedrich Hund in seinen Lehrbüchern zur Physik schon in den siebziger Jahren als unheimlich bezeichnet hat. [6]
Mittlerweile ist diese empirische Koinzidenz im Zuge der fortschreitenden Sternenkatalogisierung (Hipparcos) mit einer bemerkenswerten Genauigkeit von 2.5 x 10-4 arcsec/yr gemessen worden. Bei dieser empirischen Koinzidenz handelt es sich bezeichnenderweise um eine Anomalie, die sich bislang jeglicher überzeugenden physikalischen Erklärung entzogen hat. [7]
Was diese empirische Koinzidenz in metaphysischer Hinsicht auszeichnet, ist gerade der Umstand, dass die beiden Kompasse räumlich auf das sehr Kleine und das sehr Große Bezug nehmen. Die Koinzidenz von Trägheits- und Sternenkompass korrespondiert als solches signifikant mit der metaphysisch prognostizierten »Koinzidenz des Kleinsten und des Größten«.
Ob und inwieweit diese Korrespondenz allerdings ausreicht, um diese empirische Koinzidenz wirklich als empirisches Äquivalent der Koinzidenz des Kleinsten und des Größten rechtfertigen zu können, ist noch unklar. Diese Unklarheit hängt u.a. mit der Tatsache zusammen, dass wir nur einen kleinen Teil des Universums überblicken können. Es stellt sich daher zwangsläufig die Frage, ob wir die hier getroffene Deutung, die sich lediglich auf diesen von uns beobachtbaren Teil des Universums bezieht, auch auf das Universum als Ganzes ausdehnen können. Erst diese Möglichkeit gäbe uns die Rechtfertigung für diese Deutung, denn von ihrem Begriff des Größten her zielt sie auf das ganze Universum.
Es sei an dieser Stelle jedoch angemerkt, dass sich nicht nur die hier formulierte metaphysische Aussage diese Frage gefallen lassen muss, tatsächlich ist jede Aussage von kosmologischem Rang dieser Frage ausgesetzt. Wann immer wir Aussagen über das ganze Universum machen, sind wir mit dieser Frage konfrontiert – und da sie bisher wissenschaftlich noch nicht befriedigend beantwortet werden konnte, haftet allen kosmologischen Aussagen ein gewisses Maß an Unsicherheit an.
Trotz dieser inhärenten Unsicherheit genießen die von der Kosmologie formulierten Aussagen mittlerweile dennoch denselben erkenntnistheoretischen Status wie Aussagen anderer Wissenschafts-disziplinen. Die moderne Kosmologie zählt gegenwärtig zu den lebendigsten Forschungsgebieten der modernen Physik. Sie bedient sich ebenso wie andere Disziplinen modernster Forschungsmittel.
So wurde am 18. November 1989 ein Satellit namens COBE (Cosmic Background Explorer) ins All geschossen – mit dem Ziel, die kosmische Hintergrundstrahlung, also jene Glut, die beim Urknall erzeugt worden ist und heute noch das gesamte Universum durchdringt, mit einer noch höheren Genauigkeit zu messen. Aufgrund von quantentheoretischen Fluktuationen vermutete man winzige Abweichungen von der mittleren, bei 2,7 Grad Kelvin liegenden Strahlungstemperatur; Abweichungen, die dann tatsächlich durch COBE bestätigt wurden.
2006 wurden die beiden amerikanischen Physiker John C. Mather und George Smoot für diese Untersuchungen schließlich mit dem Physik-Nobelpreis geehrt.
Obwohl die vermuteten Abweichungen experimentell bestätigt wurden, erlauben diese Messungen, um ein Beispiel zu nennen, keine eindeutige Aussage über die Größe des Universums. Theoretische Untersuchungen der durch COBE ermittelten Daten lassen durchaus den Schluss zu, dass das Universum kleiner ist als es aussieht.[8] Trotz der Unklarheit, ob die durch COBE erlangten empirischen Befunde wirklich für das Universum als Ganzes repräsentativ sind, wird ihre theoretische Deutung – als frühe Keime der Galaxienbildung – dennoch wissenschaftlich ernstgenommen. [9]
Wenn man dieses Recht auch einer modernen Metaphysik zugesteht, dann haben wir es in Gestalt der metaphysischen Deutung der empirischen Koinzidenz von Trägheits- und Sternenkompass mit einer höchst überraschenden und unerwarteten Erkenntnis zu tun; einer Erkenntnis, die uns einen völlig neuen Blick auf das Universum eröffnet. Wir sind das erste Mal in unserer Geschichte in der Lage, jene Perspektive einzunehmen, um die der Physiker Albert Einstein ein Leben lang gerungen hat.
Einstein war zeit seines Lebens darum bemüht herauszufinden, ob selbst Gott jene Zusammenhänge der Natur nicht anders hatte festlegen können, als sie tatsächlich waren. In diesem Bemühen sah er das prometheische Element des wissenschaftlichen Lebens – seinen eigentlichen Zauber. [10]
In dem die Koinzidenz des Kleinsten und des Größten auf exemplarische Weise zeigt, wie metaphysische Eigenschaften innerhalb des physikalischen Universums »codiert« sein könnten, erlaubt sie uns die Aufklärung gerade jenes Gegenstandsbereiches, den wir traditionell mit dem Begriff GOTT identifiziert haben. Sie ermöglicht damit die Wahrnehmung genau jener Zusammenhänge, die, um Einstein zu paraphrasieren, selbst Gott nicht anders hätte festlegen können.
Mit der Koinzidenz des Kleinsten und des Größten ist nur einer dieser Zusammenhänge bezeichnet: Sie zeigt lediglich, wie der »Rahmen« eines physikalischen Universums auszusehen hat, wenn es mit einem unsichtbaren Grund verträglich sein will. Sie beinhaltet jedoch keinerlei Angaben darüber, wie das zu diesem Rahmen passende »Bild« des Universums aussieht. Es ist unmittelbar einsichtig, dass dieses Bild, wenn es nahtlos in diesen metaphysisch vorgegebenen Rahmen passen will, sehr spezifischen Vorgaben genügen muss. Es war tatsächlich möglich, dieses passgenaue Bild zu bestimmen. Es handelt sich um eine geometrische Struktur, die unverkennbar an ein Mandala erinnert. Erste Untersuchungen dieser archetypischen Struktur zeigen, dass es sich signifikant von dem »relativistischen« Bild des Universums unterscheidet – also jenem Bild, wie es von Albert Einstein 1905 in seiner speziellen Relativitätstheorie beschrieben worden ist.[11][12]
Doch eine moderne Metaphysik hätte nicht nur weitreichende Folgen für die moderne Physik, sie hätte, was zweifellos sehr viel schwerwiegender ist, massive Auswirkungen auf das traditionelle Gottesbild.

Fides et Ratio: Der Ruf nach einer modernen Metaphysik
Wie bereits eingangs angedeutet, erhebt die römisch-katholische Kirche den Anspruch, einen Glauben zu vertreten, der in völligem Einklang zur Vernunft steht.
Sie begründet diesen Anspruch mit ihrer erklärten Bindung an die Metaphysik. Diese Bindung beinhaltet die ausdrückliche Überzeugung, dass Gott der Grund aller Dinge ist. Dies ist von Papst Benedikt XVI mehrfach betont worden. So schreibt er in seinem Werk Einführung in das Christentum, dassdie frühe Kirche den ganzen Kosmos der antiken Religionen entschlossen beiseite geschoben und ihn insgesamt als Trugwerk und Blenderei betrachtet habe. Sie habe in Gott vielmehr das Sein selbst gesehen – also das, was die Philosophen als den Grund allen Seins betrachten. Nur so sei der christliche Gott gesehen worden. [13]
Dass dieser Grund durch spezifische Eigenschaften, wie z.B. die der Unsichtbarkeit, charakterisiert ist, auch dies ist Teil dieser Überzeugung. So beschreibt Papst Benedikt in demselben Werk den Glauben als „das Bekenntnis zum Primat des Unsichtbaren als des eigentlich Wirklichen, das uns trägt und daher ermächtigt, mit gelöster Gelassenheit uns dem Sichtbaren zu stellen – in der Verantwortung vor dem Unsichtbaren als dem wahren Grund aller Dinge.“[14]
Was den christlichen Gott von dem Gott der Philosophen freilich unterscheidet, ist die explizite personale Deutung dieses unsichtbaren Grundes. Infolgedessen ist Unsichtbarkeit auch keine temporär unaufhebbare essentielle Eigenschaft dieses Grundes, es ist lediglich das Ergebnis einer jederzeit aufhebbaren göttlichen Entscheidung. Es steht Gott daher in jedem Augenblick frei, seine Unsichtbarkeit aufzugeben und sichtbar in die Welt hineinzuwirken.
Die entscheidende theologische Basis für diese personale Deutung von Unsichtbarkeit ist die alttestamentliche Erzählung vom brennenden Dornbusch (Ex 3). Dieser Erzählung zufolge hat sich GOTT an diesem spezifischen Ort zu dieser spezifischen Zeit nicht nur offenbart, er hat die Welt wissen lassen, dass Er der letzte und eigentliche Grund der Wirklichkeit ist.
Papst Benedikt sieht in dieser spezifischen Selbstaussage (Ex 3, 14) Gottes eine der wichtigsten Klammern, die Heilige Schrift und Philosophie miteinander verbindet. Sie eröffnet theologisch die Möglichkeit, diese Selbstaussage Gottes als Wesensaussage aufzufassen, in und mit welcher sich Gott als metaphysischer Grund der Wirklichkeit zu erkennen gibt. [15]
Wie ernst es der römisch-katholischen Kirche mit dieser personalen Deutung von Unsichtbarkeit ist, zeigt die Enzyklika Fides et Ratio (dt. Glaube und Vernunft), die von Papst Johannes Paul II. im Herbst 1998 veröffentlicht worden ist. In dieser Enzyklika ist nicht nur die Bindung der römisch-katholischen Kirche an die Metaphysik neuerlich bekräftigt worden, es erging auch zugleich der Ruf an die Philosophen in aller Welt, die theoretische Auseinandersetzung mit diesem metaphysischen Grund wieder aufzunehmen. Ungewöhnlich an diesem Ruf war zweifellos der Umstand, dass Papst Johannes Paul II. keiner spezifischen Metaphysik das Wort redete. Als Papst Benedikt – noch in seiner Eigenschaft als Präfekt der Glaubenkongregation – diese Enzyklika in dem Pressesaal des Vatikans vorstellte, versicherte er vor aller Welt, dass die römisch-katholische Kirche in der Tat kein bestimmtes metaphysisches System vorschreiben wolle.[16]
In der tiefen und unerschütterlichen Überzeugung, im Besitz der letztgültigen Wahrheit zu sein, ist mit diesem erklärten Ruf nach einer modernen Metaphysik die christliche Theologie zu keiner Zeit von der römisch-katholischen Kirche so stark zur Disposition gestellt worden wie in jenen Herbsttagen des Jahres 1998.
Bislang freilich ist diese Überzeugung noch niemals ernsthaft herausgefordert worden, denn bislang ist der Metaphysik der Sprung in die Wissenschaft verwehrt geblieben.
Die traditionelle Metaphysik stützt sich zur rationalen Rechtfertigung des metaphysischen Grundes, wie die thomistischen Gottesbeweise zeigen, bisher ausschließlich auf induktive Beweisformen. Doch induktive Beweise sind wissenschaftlich in der Regel weit schwächer legitimiert als deduktive Beweise. So beruhen die thomistischen Gottesbeweise allesamt auf Extrapolationen von extrem weiträumig gestreuten Beobachtungen. So wird aus der Beobachtung, dass eine Vielzahl von physikalischen und biologischen Phänomene kontingenter Natur ist, geschlossen, dass es eine erste Ursache geben muss, die in einem strikten ontologischen Sinne notwendig ist. Eine solche Argumentation ist nicht notwendig falsch, aber sie aufgrund ihres empirisch äußerst diffusen Charakters in wissenschaftlicher Hinsicht wenig überzeugend. [17]
Die hier vorgestellte Argumentationsfigur hingegen beinhaltet nur nicht eine sehr spezifische Vorhersage, sie ist zudem deduktiver Natur: Sie erklärt in rational nachvollziehbarer Weise, warum das Universum ganz spezifische Grenzbedingungen, wie eben die der Koinzidenz des Kleinsten und des Größten, erfüllen muss, wenn es mit einem als unsichtbar charakterisierten Grund kompatibel sein soll. Sie erlaubt mithin ein tieferes Verstehen der metaphysischen Eigenschaft der Unsichtbarkeit. Wir sind nicht gezwungen, an dieser Stellen an einen unerforschlichen Willen Gottes glauben zu müssen.
Doch eine Metaphysik, die den hier geschilderten Grundlinien folgt, hat, wie der vorhergehende Satz bereits erkennen lässt, einen Preis: Wenn sie wahr wäre, dann erwiese sich die Eigenschaft der Unsichtbarkeit als das ebenso natürliche wie zwingende Ergebnis einer speziellen Konzeption des Universums; eine Konzeption, die man im weitesten Sinne als »nicht-dual« bezeichnen könnte.
Unsichtbarkeit wäre fortan eine charakteristische, temporal unauf-hebbare Eigenschaft des ultimativen Grundes unseres Universums.
Es ist offenkundig, dass diese Schlussfolgerung im Widerspruch zum römisch-katholischen Gottesbild steht, welches in der Unsichtbarkeit dieses metaphysischen Grundes, schon von der christlichen Eschatologie her, ganz explizit das Ergebnis einer spezifischen, nur temporär geltenden göttlichen Handlungsweise sieht. Es ist nur sehr schwer vorstellbar, dass die römisch-katholische Kirche diese durch eine moderne Metaphysik nahegelegte Schlussfolgerung jemals akzeptieren wird.
Doch wie auch immer die Haltung des Vatikans am Ende ausfallen mag, es ist eine vielfach bestätigte historische Tatsache, dass jedes Konzept, das einer früheren Kulturepoche der Menschheit entstammt, im Zuge seiner späteren wissenschaftlichen Aufklärung ein sehr viel spezifischeres Profil erhalten sollte. Das uns vielleicht vertrauteste Konzept aus antiker Zeit ist sicherlich das Atom. Von dem griechischen Philosophen Demokrit vor mehr als zwei Jahrtausenden erstmals formuliert, ist das moderne Bild des Atoms ungleich spezifischer. Es ist daher eine sich fast aufdrängende Schlussfolgerung, dass auch das mehr als zwei Jahrtausende alte »Gottesbild« mit fortschreitender Entwicklung einer modernen Metaphysik eine sehr viel spezifischere Form annehmen dürfte. Dies mag zweifellos unbequeme Schlussfolgerung sein, aber vielleicht ist sie der einzige Weg, um der Vernunft gerade in dem Bereich der Wirklichkeit Geltung zu verschaffen, in dem sich der Mensch oft am unvernünftigsten verhält.

Referenzen:
[1] Beier, Peter; Eine zweite Aufklärung!, in: Was die Welt im Innersten zusammenhält, Zum Dialog zwischen Theologie mit der Naturwissenschaften, Beier Peter (Hg.), Neukirchener 1997, S. 7
[2] Weinberg, Steven, Der Traum vom Einheit des Universums, München 1992, S. 189, 190
[3] Fölsing, Albrecht, Albert Einstein – Eine Biographie, Frankfurt a. Main 21993, S. 145 ff.
[4] Hansen, Helmut, Elementarmatrix 3.0 – Auf der Suche nach dem Einen, Hamburg 2000, S. 23, 24
[5] Nicolai de Cusa, De Docta Ignorantia/Die Belehrte Unwissenheit, Hamburg 1999, Bd. III, S. 98 – 101
[6] Hund, Friedrich, Grundbegriffe der Physik, Mannheim 1979, S. 42
[7]Hansen, Helmut, “About an Anomaly that challenges Relativity”, Proceedings of the 15th Natural Philosophy Alliance, April 7 – 11, 2008 at the University of New Mexico, Albuquerque; Vol. 5, No. 1, pp. 73 – 84 (2008)
[8]Luminet, Jean-Pierre; Starkman, Glenn D.; Weeks, Jeffrey R.; Ist der Raum endlich? in: Kosmologie, Spektrum der Wissenschaften, Dossier-ND 3/2004, S. 28, 29
[9]Smoot, George; Davidson, Keay; Das Echo der Zeit – Auf den Spuren der Entstehung des Universums, München 1993
[10]Einstein, Albert; Beitrag zur Festschrift für Aurel Stodola, hrsg. v. E. Honegger, Zürich/Leipzig 1929, S. 126, 127
[11] Hansen, Helmut; Die Physik des Mandala, Aitrang 2007
[12] Hansen, Helmut; Die Linien des Alten, eBook, FU Berlin 2009
[13] Ratzinger, Joseph, Einführung in das Christentum, München 1969, S. 103, 104
[14] ebenda S. 48
[15] Ratzinger, Joseph, Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen, Ein Beitrag zum Problem der theologia naturalis, Leutesdorf 2004, S. 20
[16] Papst Johannes Paul II, Enzyklika Fides et Ratio, Glaube und Vernunft, Stein am Rhein/Schweiz 1998, S. 107 ff. (Kardinal Ratzinger präsentiert die neue Enzyklika)
[17] Hansen, Helmut; Von der Entdeckung Gottes am Rande des Universums, Petersberg 2005

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