Antiker Stil und neues Styling – Der Münchner Königsplatz ist bis 8. Oktober Schauraum der „Macht“ der Gewandung

Foto: Hans Gaertner

Wer dieser Tage die Glyptothek und die Staatlichen Antikensammlungen am Münchner Königsplatz betritt, trifft, unvorbereitet, auf so etwas wie eine Modenschau. Neben steinernen  Göttinnen und Gottähnlichen, nackten wie bekleideten, stehen Figuren, die, meist kopflos, in Stoff gehüllt wurden. Manche mit kunstvollem Faltenwurf, anmutig, wallend und gewagt geschnitten, andere übertrieben monströs, die „Macht“ der Gewandung aufzeigend. Irgendwie antworten die bekleideten oder durch Kleidung ergänzten „Puppen“ auf die ihnen zugeordneten Antikenstatuen. Mode von heute tritt in Dialog mit Mode von gestern. Wobei „gestern“ weit in Wirklichkeit und Mythologie der alten Griechen zurückreicht.

Die Sonderschau mit umfangreichem Katalog heißt „Divine x Design“ und dauert in beiden sich gegenüber stehenden Königsplatz-Häusern bis 8. Oktober. Ekkehart Baumgartner ist der Kurator. Führungs-Themen lauten zum Beispiel „Göttliche Kleidung“, „Kleider machen Leute – Modische Identität“, „Chlamys und Himation – Männermode in der griechischen Antike“, „Nackter Körper, Pracht der Gewänder – ein Gegensatz?“. Es geht auch um die Gewandung der Barbaren, die Berufskleidung antiker Handwerker und Hetären, Jäger und Krieger oder um die Frage, wer überhaupt Athenas Gewänder nähte. Zugegeben: Alles sehr speziell, und vor allem Schneiderinnen und Modeschöpfer ansprechend, vielleicht auch Weberinnen und Geschmeide-Künstler. Pate steht nicht von ungefähr die „Akademie Mode & Design“. Sie setzte ein ungewöhnliches Projekt in Gang, um vorrangig dem Designer/innen-Nachwuchs Gelegenheit zu geben, mit Phantasie und Knowhow in Aktion treten zu lassen.

Historisch Interessierte finden angesichts dieses ausgetüftelten Spiels zwischen Stil und Styling genügend Stoff, sich über Aussehen, Funktion und gesellschaftlichen Stellenwert von Kleidung im antiken Griechenland zu informieren und auszutauschen. Gestern schon wollte man – wie das noch heute gilt – den menschlichen Körper in Szene setzen und per Kleidung und entsprechende Accessoires demonstrieren, wer „man“ ist, was „frau“ sich leisten kann, wie „man“ am besten auffällt oder „frau“ auf jemanden wirkt, dem es zu gefallen gilt.

Die Modedesign-Studentin Eva Kühn nahm sich, um ein Beispiel aus vielen ähnlichen aufzuführen, eine Idealgestalt aus der Glyptothek vor, den so genannten Münchner Kuros aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. (s. Foto).Thema war der „Dialog zwischen Idealbild und Wirklichkeit“. Dem athletischen Körper eines großen altgriechischen Jünglings, stark ausgeprägt in Haltung und Proportionen, gesellte Kühn ein nachgebautes Teil zu, das die Übertreibung der Darstellung betonen soll. Ein „Kleid“ wäre diesem nackten Schönen völlig unangemessen; denn er „wirkte“ gerade durch seine Sixpack-Blöße von Kopf bis Fuß auf seine Umwelt.

„Antike Schönheitsträume“ heißt eine von zahlreichen Begleitveranstaltungen mit Kompositionen von Debussy bis Grigoréas, deren Teilnehmer dieser „verkleideten“ Figur besondere Aufmerksamkeit schenkten. Es gibt aber – für Kinder wie für Erwachsene – auch weniger anspruchsvolle Programme zur Ergänzung der Sonderschau: Familienaktionen, eine   Ferienwoche über „Berufe und Ämter in der Antike“ (30. Juli bis 4. August, 10 – 16 Uhr) oder eigene Sonntagsführungen, die erst Besuchern ab 18 Jahren Eintritt kostet. Infos: www.antike-am-koenigsplatz.mwn.de.

Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 229 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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