Arktis: Die letzte Front – Dramatische Fotoschau im Museum TRE OCI in Venedig

Sermilik Fjord, Greenland, 2016 / Caption © Paolo Solari Bozzi
Sermilik Fjord, Greenland, 2016 / Caption © Paolo Solari Bozzi

Die Fotoschau “ARKTIS : Die LETZTE FRONT” findet in Venedig einen der am besten geeigneten Standorte, um auf die Themen des menschlichen Umgangs mit der Natur und der Umweltrisiken einzugehen, die die Menschheit zunehmend bedrohen. In einer Stadt, die einen jahrhundertelangen Kampf führt, um die Kräfte der Natur unter Kontrolle zu halten und nun durch den Meeresspiegelanstieg mehr denn je in Bedrängnis zu geraten scheint. Es ist nicht abwegig vorauszusehen, dass selbst die zu realisierenden Maßnahmen zur Regelung der Gezeiten an der Mündung der Lagune von Venedig neue Probleme aufwerfen können. Dies wird nämlich unweigerlich – selbst bei einer Anhebung des durchschnittlichen Meeresspiegels um wenige Dezimetern –zur Aufrichtung mobiler Schutzvorrichtungen mit einer solchen Frequenz hinführen, die letztendlich einen Wasseraustausch verhindern wird, was das Absterben des gesamten Ökosystems der Lagune zur Folge haben kann.

Thule, Qaanaq, Greenland, 1987 / Caption © Ragnar Axelsson

Ins Blickfeld der Ausstellung mit ihren herrlichen Bildern und sehr überzeugenden Dokufilmen rückt erneut das Thema vom komplexen Verhältnisses zwischen Mensch zur Natur. Die eindrucksvollen S/W-Foto Bilder des Italieners Paolo Solari Bozzi verfolgen das Leben in der eisigen Kälte der Inuit -Bevölkerung– die „Eskimos“, wie man sie früher nannte – an der Ost-Küste Grönlands kurz vor Frühlingsanfang. Die Inuit-Bevölkerung lebte noch vor nicht langer Zeit in einer Art Symbiose mit der Natur, von der sie sogar minimale Aspekte und Veränderungen wahrnehmen konnte. In ihrem Bemühen, sich der westlichen Lebensweise anzupassen, steht sie nun vor neuen Herausforderungen wie beispielsweise dem Phänomen des bisher beinah unbekannten Alkoholismus, der eine ganz besondere Bedrohung für sie darstellt, zumal die Inuit-Bevölkerung aus genetischen Gründen nicht imstande ist, Spirituosen zu metabolisieren. Gezeigt werden Bilder, die von einem Leben unter immer härteren Bedingungen erzählen, welche eine harmonische Kohabitation mit der Natur als unmöglich erscheinen lassen. Auch die Fotos des Isländers Ragnar Axelsson stellen die schwierige Existenz der arktischen Bevölkerung von Sibyrien nach Alaska, von Kanada bis hin nach Grönland und Island zur Schau, wo die Gletscher dazu verurteilt sind, innerhalb der kommenden hundert Jahre zu verschwinden. Faszinierende Aufnahmen, die ihre ganz besondere Wirkung aus dem Kontrast zwischen Weiß und Schwarz auf Gebiete entfalten, die wie vom Widerschein der Schneemassen und der Gletscher geblendet sind.

East Greenland, Scoresbysind, 2012 / Caption © Carsten Egevang

Eine verwilderte Natur kommt zum Vorschein in Alexxons Arbeiten, die verständlich machen, welchen extremen Bedingungen menschliche Anpassungsfähigkeit in feindseliger Umgebung unterworfen ist. Ebenso faszinierend sind die Schnappschüsse des Dänen Carstens Egevang, die den harten Überlebenskampf der Menschen in Grönland fokussieren. Bei allen drei Autoren verbindet sich das anthropologische Element mit dem naturalistischen und zwingt dazu, über die Grenzen hinweg zu schauen, die den Menschen vor der Übermacht der Natur gesetzt sind. Dabei handelt es sich um eine Natur, die selbst bedroht ist, wie die drei hochinteressanten Dokus im Rahmen der Ausstellung in aller Deutlichkeit beweisen. Zwei hintereinander als Schleife auf der gleichen Leinwand vorgeführte Filme stammen jeweils von der Schweizer Filmemacherin Covina Gamma und von den Tschechen Jure Breceljnik & Rotze Bregar und laufen respective unter dem Titel „SILA and the Gratekeepers of the Artic“ und „The Last Ice Hunters“.   Thematisiert werden darin jene Klimaveränderungen, die niemand mehr in Frage stellen sollte, das Abschmelzen der Gletscher und die verfrühte und andauernde Auflösung vom Packeis im Eismeer. Die fehlende Eisschicht auf dem Arktischen Meer macht die mit traditionellen Methoden durchgeführte Jagd zunehmend schwierig, wenn nicht gar unmöglich, wobei auch die lokalen Essgewohnheiten in Frage gestellt werden. Die Erwärmung hat die Zubereitung mancher aus Seehund- bzw. Vogelfleisch gewonnenen Speisen unmöglich gemacht, die früher durch Gärung unter Steinen zu Temperaturen eines stets vereisten Bodens hergestellt wurden. Richtig erschütternd ist der lange Dokufilm „Chasing Ice“ von Jeff Orlowski. In den Bildern lässt sich nachweislich das Abschmelzen der Gletscher der arktischen Landfläche   im Laufe der Zeit nachgehen, was der Anbringung von Kameras zu verdanken ist, die ununterbrochen fotografieren. Gezeigt wird, wie die Gletscher, die ans Meer grenzen und von denen sich die Iceberge loslösen, sich nicht nur zurückziehen, sondern auch ihre Dichte schneller reduzieren als es durch das Schmelzen der Oberflächenschicht zu erwarten wäre. Schnee und Eis schmelzen nämlich an der Oberfläche und das Tauwasser drängt in die Tiefe und verwandelt sich in eine Art Schmiermittel, an deren oberen Schicht die darüber liegenden Gletscher wegrutschen. Das Eis ist teils fest, teils brüchig, was zur Bildung von Spalten und Eisformationen führt, als die Bewegung in einer Art Kollaps beschleunigt wird, der die Dichte der Gletscher reduziert, und diese noch rascher ins Meer drängt, wo sie zerbrechen. Vorgeführt wird die Abspaltung ins Meer eines Gletscheranteils, das so groß wie die ganze Insel Manhattan in New York ist und dies innerhalb einer einzigen Stunde. Bilder, die besser als viele Worte die Dynamik der Umweltumwälzungen begreiflich machen, die ein exponentielles Wachstum ihrer gefährlichsten Auswirkungen erlebt. Die drei Fotografen liefern uns Zeugnisse einer Welt, die im Begriff ist zu verschwinden. Gemeinsam mit den Dokus zwingt uns die Schau zu einer Reflexion über das, was wir tun, um das Überleben von Naturschutzgebieten und von seltenen Tierarten in Gefahr zu bringen, und dies mit dramatischen Folgen für die ganze Welt. Es ist an uns, unsere gewohnte Lebensweise zu überdenken, und wahrzunehmen, dass unser Versuch, diese auf andere Völker zu übertragen, nicht unbedingt mit einer Verbesserung ihres Lebensstandards verbunden sein wird. Nicht anders als die Arktis ist selbst   Venedig von einer solchen Entwicklung bedroht und die künftigen Generationen ebenso. Der Meeresspiegelanstieg und die extremen meteorologischen Ereignisse als Folge der veränderten Rolle der arktischen Regionen in dem Temperaturgleichgewicht der Erde sind schließlich auch als Ursache anderer sehr ernsthaften Probleme inklusive Migrationsflüsse von immer verzweifelter Menschen anzusehen, die von fortschreitenden Dürrekatastrophen oder umgekehrt von immer häufigeren Überschwemmungen betroffen sind.

Palazzo TRE OCI – VENEDIG – Insel Giudecca bis 2.04.2017

www.treoci. org

Weitere Informationen finden Sie in den Websiten der Fotografen und Filmemacher:

Paolo Solari Bozzi     www.solari-bozzi.com

Ragnar Axelsonn     www.rax.is

Carsten Egevang     www.carstenevegang.com

Jeff Orlowski             https://chasingice.com

Corina Gamma        gammasphere.net

Jure Breceljnik &

Rozle Bregar             www.thelasticehuntersmovie.com

 

 

 

 

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