Darum sollten wir auf den Türkei-Urlaub im Sommer verzichten

Menschenleerer Strand, Foto: Stefan Groß

Ich habe angesichts der anhaltenden Menschenrechtsverletzungen in der Türkei angeregt, auf einen möglichen Türkeiurlaub in diesem Sommer zu verzichten.

Wenn Akademiker*innen, Künstler*innen und Journalist*innen scharenweise dieses schöne Land verlassen, wenn abertausende Menschen in Haft sind – darunter allein neben Deniz Yücel gut 150 weitere Journalist*innen und fast alle demokratisch gewählten Bürgermeister*innen der HDP-Partei – dann können wir uns schon einmal fragen, ob wir uns weiter in den Badebuchten der türkischen Ägäis oder im malerischen Kappadokien unbeschwert erholen wollen. Natürlich ist ein solcher Urlaubsverzicht vor allem ein symbolischer Akt.

Denn der Tourismus hat jetzt schon einen dramatischen Einbruch erlitten. Die deutschen Urlauber*innen waren mit etwa 5,5 Millionen noch im Jahr 2015 die größte Touristengruppe in der Türkei. Bereits 2016 kamen 30 Prozent weniger – und das aus guten und sehr nachvollziehbaren Gründen. Fand doch die Gewalt in der Türkei in den letzten Jahren nicht mehr allein in den kurdischen Städten statt, sondern es gab schreckliche Attentate in Istanbul und Ankara, denen u.a. auch Tourist*innen zum Opfer fielen. Die ganze Türkei ist also längst nicht mehr wirklich sicher. Natürlich leiden unter den ausbleibenden Tourist*innen in erster Linie auch all diejenigen, die in den Hotels arbeiten, die ein Restaurant betreiben, Souvenirs verkaufen, als Tourismusführer*in oder auch als Taxifahrer*in arbeiten – niemand sollte sie finanziell schädigen wollen.

Dennoch sollten wir alle überlegen, wie wir angesichts der fortwährenden Eskalation durch Erdoğan ein Zeichen setzen können. Meine Anregung dieses Jahr keinen Urlaub in einem Land des Ausnahmezustands zu verbringen, verstehe ich vor allem als eine sehr dringliche Aufforderung an Angela Merkel jetzt mit Nachdruck auf die Menschenrechtslage in der Türkei hinzuweisen. Es geht natürlich um die Freiheit von Deniz Yücel, es geht aber auch überhaupt um die Freiheit des Wortes und die Freiheit der demokratischen Opposition in der Türkei. Die Türkei ist ein NATO-Mitglied und ein Land in einem noch bestehenden EU-Assoziierungsprozess. Wenn Deutschland hier keinen wahrnehmbaren Druck ausübt, ist das auf mittelfristige Sicht auch ein Freibrief für alle anderen Diktatoren und autoritären Herrscher in der Welt.

Warum verknüpft das Auswärtige Amt eine längst überfällige Reisewarnung nicht mit einem Hinweis auf die eklatanten Menschenrechtsverletzungen im Land? Die Gouverneure von Istanbul, Izmir und Diyarbakır haben heute alle öffentlichen Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag am 8. März verboten. Ich finde, es ist an der Zeit NEIN zu sagen zu Erdogan – und damit ein JA für die Demokratie, für die Freiheit und die Gleichheit aller Menschen in der Türkei an seine Stelle zu setzen.

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