Zwischen Traum und Tatsachen: „Le nozze di Figaro“ in München

Walter Angerer d. J.

Alles Putzige, Niedliche, Neckische – lasst es uns vermeiden. Konstatierte Christof Loy, 54-jähriger westdeutscher Opern-Regisseur der zwar besonnenen, aber auch der sinnesfreudigen Art, als man ihm an der Bayerischen Staatsoper Mozarts „Le nozze di Figaro“ anbot. Am Nationaltheater war Loy schon fünfmal zu Gast, stets mit großer Verbeugung belobigt, 2003 mit Händels „Saul“, zuletzt mit Donizettis „Lucrezia Borgia“. Er erwarb sich in München dreimal die Auszeichnung „Bester Regisseur des Jahres“ der Zeitschrift „Opernwelt“. Weil der schneidige und intelligente Loy eins tut: der eingefahrenen Tradition einen Fußtritt verpassen?

Wolfgang Amadeus Mozarts „Le nozze di Figaro“, von Lorenzo Da Ponte dem „Tollen Tag“ von Beaumarchais für die Oper abgeluchst, wurde jahrzehntelang als amüsantes, wirres Verwechslungs- und Intrigenspiel aufgefasst und sogar von den besten Regisseuren fürs Schenkel-Klopfen inszeniert: Seht hin, so verrückt ging es zu bei den Feudalherrn! Alles Klamauk! Alles aber nicht so schlimm. Denn was hat das alles mit der Wirklichkeit zu tun?

Loy entgegnet: Alles ist ebenso Wirklichkeit wie es Wahn ist. Was Loy bewegt hat, in München ganz neu an den „Figaro“ heranzugehen, den er schon, lang ist`s her, in Brüssel inszenierte, verriet er in einem „Merkur“-Interview: Weil Mozart im „Figaro“ ganz auf die Liebe abziele. Und auf den mit ihr unweigerlich verbundenen Schmerz. Insofern beherrsche die Liebe den Menschen. Sie raube ihm Sinn und Verstand. Und schlüge ihm Wunden.

Insofern passt die erste Nationaltheater-Premiere der Spielzeit 2017/18 in das von Intendant Nikolaus Bachler ausgerufene Saison-Motto „Zeig mir deine Wunde!“ Mozart war es weniger wichtig, mit seiner Oper auf soziale Missstände (unten: Diener, oben: Herr – sprich: hier: Figaro, dort: Graf) hinzuweisen und damit der deutschen Aufklärung zu dienen als vielmehr zu sagen: „Wenn die Liebe zuschlägt, nutzt euch der Verstand überhaupt nichts mehr“. Das Zentrale für Loy war „das Spannungsfeld zwischen Träumen und sich der Realität stellen“.

Johannes Leiacker (Bühne) und Klaus Bruns (Kostüme) machten da liebend gerne mit. Leiacker nasführt das Publikum teuflisch mit seiner von Akt zu Akt anwachsenden Größe der Interieurs, vor allem der Zimmertüren, und neckt es zu Beginn und zwischendurch mit einer Mini-Nationaltheater-Bühne mit Marionetten. Wie fraglos doch sein Konzept aufgeht, die handelnden Liebes-„Kranken“ an unsichtbaren Fäden zappeln und von Akt zu Akt immer winziger werden zu lassen! Richten sie doch am Ende gar nichts aus, verstricken sich nur noch immer kesser, komischer und aussichtsloser in ihre schuldvoll herbeigeführten Betonier-Konstellationen.

Ein grandioses 12-köpfiges Sänger-Ensemble steht dem fulminanten Dirigenten Constantinos Carydis zur Verfügung. Er stellt mit dem wieder top reagierenden Bayerischen Staatsorchester und ausgesuchten blutjungen Chorist(inn)en diesen vertrackten, mal tiefernsten, mal zur Farce abgleitenden Mozart in einen mit klanglichen Überraschungen gespickten Beschleunigungsprozess, der so noch nie erlebbar war: hochgradig von Feuer genährt, stets in Gefahr, zu explodieren, sich nicht mehr einbremsen zu können. Dennoch ließ der erstaunliche Carydis an Stellen, die die abgründigsten menschlichen Regungen ansprechen – etwa in Susannas keuscher „Rosen-Arie“ – viel Freiheit zum Atmen und Nachdenken. So einfach ist das Gewirr und Gewusel dieser „tollen“ Oper im Zuschauerhirn ja gar nicht zu entflechten. Ein Wunder das ganze Geschehen und seine musikalische Fassung durch den beispiellosen Genius Mozart! Unvergleichlich als Almaviva: der sich seine Missbrauch-Macht einzugestehen habende Wunder-Bariton Christian Gerhaher. Auf Mozarts Flügeln schwebend und von ihnen getragen: die glühend heiß singende Federica Lombardi als Gräfin und die berückend feinfühlige, Wohlklang verströmende Olga Kulchynska als Susanna. Alex Esposito machte seinem Namen alle Ehre: ein ebenso agiler, begehrenswerter wie draufgängerischer und leicht verletzbarer Figaro. Aus dem Protagonisten-Gefolge ragten heraus: die schrullige Marcellina der Anne Sofie von Otter (der man ein Deutsch gesungenes berührendes Abendlied unterschob) und der wunderbar wandlungsfähige burschikose Cherubino der zur weiteren Entfaltung drängenden Mezzosopranistin Solenn` Lavanant-Linke. Dass dieser „Engel“ Cherubino auch noch Opfer eines schwulen Musiklehrers (fabelhaft: Manuel Günter) werden durfte: eine der vielen Loy-Spezialitäten.

Foto (Hans Gärtner)

Walter Angerer d. J., Bad Reichenhaller des Jahrgangs 1940, schuf mehrere Mozart-Porträts – dies ist eins seiner lebhaftesten.

 

 

Stefan Groß
Über Stefan Groß 1966 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken und 2007 die Tabula Rasa, Die Kulturzeitung aus Mitteldeutschland, 2011 Zeitung für Gesellschaft und Kultur

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