Bernd Wagner: Die Sintflut in Sachsen

Meer, Foto: Stefan Groß

Bernd Wagner: Die Sintflut in Sachsen, Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2018, ISBN: 978-3-89561-142-1, 24 EURO (D)

Der Autor Bernd Wagner erzählt in diesem autobiografischen Roman, an dem er rund zehn Jahre lang gearbeitet hat, ein Panorama einer ostdeutschen Familie über fünf Jahrzehnte. Damit liefert er zugleich ein Lebensbild einer Kleinstadt in Sachsen.

Wagner wurde 1948 in Wurzen, erzählt dort von seiner Kindheit und Jugend in der sächsischen Kleinstadt. Die Familie des Schmiedemeisters Wagner mit ihren individuellen Vorzügen und Nachteilen steht im Zentrum. Der Sohn Max ist der Autor selbst, er erzählt von den Gesprächen am Küchentisch, die Zeit mit den Freunden seines Vaters, die zwiespältige Beziehung zu seiner Mutter und den Großvater. Öffentliche Festivitäten wie die Kartoffelernte oder die Gartenfeste oder die Seifenkistenrennen sind für ihn die Höhepunkte seiner Kindheit. Auch die negativen Ereignisse wie der Tod der kleinen Nichte oder der frühe Tod seines Vaters spielen eine Rolle.

Max hat denselben Lebenslauf wie Bernd Wagner, der Ausbruch aus der Provinz durch das Lehramtsstudium und seine Ausreise aus der DDR kurz vor der Wende. Die Euphorie nach der Wende, der Schock der Massenarbeitslosigkeit und die Stilllegung der meisten Betriebe im Kapitalismus und die seitdem herrsche Unzufriedenheit wird auch geschildert. Das diffuse Gefühl der Vergessenheit von der Politik und der Verlust früherer Bindungen des Sozialismus bestimmen die Stimmung.

Das Buch trägt zwar den Titel „Sintflut in Sachsen“, das Hochwasser und das (einmalige) Miteinander in Wurzen bei der Bekämpfung ist aber lediglich ein Randthema. Das Hochwasser von 2002 übertraf im Elbegebiet sowie in Österreich flächendeckend und in Bayern teilweise die Ereignisse des Jahres 1954, des stärksten Hochwassers des 20. Jahrhunderts, und kann daher als Jahrhundertereignis angesehen werden. Die über die Ufer getretene Mulde richtete auch schwere Schäden in Wurzen an.

Wagners Beziehung zu seiner Heimatstadt ist von Sentimentalität und Abschreckung durchzogen. Der inzwischen in Berlin lebende Schriftsteller arbeitet so seine Kindheit und Jugend auf und schildert das reale Leben einer ostdeutschen Kleinstadt in der DDR und nach der Wende.

Ein Thema wird aber fast gar nicht behandelt: Die Stadt Wurzen wurde in der unmittelbaren Nachwendezeit überregional vor allem durch die starke Neonaziszene und ihre Gewalttaten bekannt, die Domstadt galt einige Zeit als „national befreite Zone“.

Insgesamt gesehen ist die Erzählung und die Handlung recht zäh, Spannung entsteht sehr selten und der Stoff hat wenig Dramatisches zu bieten. Ein höchst durchschnittlicher Roman, dessen Titel mehr verspricht, als es hält.

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Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.