Sylke Wunderlich: Propaganda des Terrors. Plakate des NS-Staates zwischen 1933 und 1945

das nationalsozialistische Regime und seine Bild-Propaganda

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Sylke Wunderlich: Propaganda des Terrors. Plakate des NS-Staates zwischen 1933 und 1945, Berlin Story Verlag, Berlin 2021, ISBN: 978-3-95723-160-4, 49,95 EURO (D)

Das nationalsozialistische Regime hat mit seiner Bild-Propaganda durch ihre massenhafte Vertreibung und Wiederholung immer gleicher Bildtypen und Parolen das Bildgedächtnis des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt. Sylke Wunderlich, Expertin für Plakatgeschichte im 20. Jahrhundert, legt hier ein umfassendes Kompendium der Plakatpropaganda der NSDAP in der Weimarer Republik und im NS-Staat vor. Das großformatige Buch erscheint gleichzeitig in deutscher und englischer Sprache. 

In ihrer Propaganda waren die Nazis am Puls der Zeit: „Die Propagandastrategien der NSDAP verstanden es, ausgeklügelte Methoden der Markenwerbung auf die politische Agitation zu übertragen – das allgegenwärtige Hakenkreuz ist in diesem Sinne durchaus als Marke zu verstehen. (…) Mit einfachen Schlagworten, der Masse verständlichen, realistischen Bildern boten sie, vielfach unterschwellig, Identifikationsmuster.“ (S. 9)

Die verschiedenen Plakattypen und Merkmale werden in einzelnen Kapiteln präsentiert: Zuerst kommt ein einleitender Text mit beispielhaften Besprechungen, die danach in einem Bildteil großformatig abgedruckt sind. 

Zuerst geht es Symbole und Schrifttypen. Dabei wird dem Fakt Rechnung getragen, dass die NS-Propaganda nicht erst 1933 einsetzte, sondern wesentlich früher anzusetzen ist. Symbole wie das Hakenkreuz, die SS-Rune oder der Adler wurden als Stiftung von Identität benutzt. Da sich die Nazis auf das Deutsche beriefen, wurden fast alle Drucksachen der NSDAP in Frakturschrift abgedruckt. Danach werden Wahlplakate, auch Diptychons, ab der Reichstagswahl 1930 analysiert und abgedruckt. 

Danach geht es um Propaganda auf den seit 1933 in Nürnberg stattfindenden Reichsparteitagen. Dabei kommen Ausschnitte aus Propagandafilmen Leni Riefenstahls von den Parteitagen ebenso wie Zeitungen, Zeitschriften etc. vor. Außerdem geht es die Propaganda von Massenaufmärschen. Anschließend Plakate und Prospekte zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Sportereignisse waren Bestandteile einer organisatorisch und ideologisch durchgeplanten Maschinerie der Massenbeeinflussung, vor allem internationale. Werbung für den Eintritt in die HJ und BDM und für Sporttage, Freizeiten oder Fahrten in Jugendherbergen wird dann behandelt. Ausgehend von den Volks- und Gemeinschaftsschulen bis hin zu Eliteanstalten wie Nationalpolitische Erziehungsanstalten (NPEA) fand die Plakatierung sowohl zentral als auch regional statt. Der eigene Festkalender und die eigene Festtagskultur wie „Gaufeste“ oder der „Tag der nationalen Arbeit“ wird danach untersucht. 

Kunst, Film und Ausstellungen im Rahmen der NS-Kulturpolitik  wie die Ausstellungen „Entartete Kunst“ oder die „Reichsmusiktage“ kommen dann an die Reihe. Eigens für die Plakatwerbung wurden damals renommierte Künstler verpflichtet. Plakate der DAF und deren Unterorganisation KdF, die für die Propaganda auch in der Freizeit zuständig war, wird danach analysiert. Weiter geht es mit Reklame für Konsumprodukte im Nationalsozialismus, darunter heute noch bekannte Markenprodukte wie Persil oder Mercedes-Benz, und Urlaubsreisen in verschiedene deutsche oder damals zum Deutschen Reich gehörenden Regionen wie das ehemalige Stettin. Werbeplakate für den Eintritt in die Wehrmacht in den besetzten Ländern oder für die SS werden dann thematisiert. Plakate des Winterhilfswerks des deutschen Volkes (WHW) oder der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) zur Spendensammlung sind Gegenstand des folgenden Kapitels. Für die Rechtfertigung und Apotheose von Mobilisierung und Krieg wurde ein enormer Propagandafeldzug gestartet, der dann besprochen wird. Ebenso werden antisemitische, antibolschewistische Plakate und der anderer Länder der Alliierten sowie plakative Aufrufe an die Bevölkerung in den besetzten Ländern gezeigt. 

Im Anhang findet man noch benutzte Bücher, Kataloge, Zeitschriften, Links, ein Personenregister sowie ein Orts- und Sachregister. 

Der Einsatz des Plakates für die Durchdringung der NS-Propaganda und deren damals moderner Methoden wird hier eingehend analysiert. Sowohl Hitler als auch Goebbels setzten sich intensiv mit Reklame, ihrer Verbreitung und den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Zeit zu ihrer Wirkung auseinander, die Plakatpropaganda war also ein instrumentaler Aspekt der NS-Herrschaft. 

Die Plakate werden entweder großformatig auf einer Seite oder mehrere auf einer Seite gezeigt. Interessant sind vor allem die gezeigten Anleihen von einigen Plakaten an sozialistische Vorbilder, um dieselbe Zielgruppe der Arbeiter und sozial Marginalisierte zu erreichen oder die Anleihen am Bauhaus. Als gute Ergänzung zu diesem Band ist das Buch Christina Irrgang: Hitlers Fotograf. Heinrich Hoffmann und die nationalsozialistische Bildpolitik, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-5305-2, 40 EURO (D) zu empfehlen. 

Über Michael Lausberg 423 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.