50 Jahre Jazzwochen Burghausen im Buch

Roland Spiegel Foto: Hans Gärtner

Roland Spiegel / Ulrich Habersetzer: „IT HAS LINES IN IST FACE“, Internationale Jazzwochen Burghausen seit 1970, 298 Seiten, zahlreiche Fotos, 24,95 Euro, ISBN 978-3-9820505-1-5  

Von der Lesung:

Ihm sei die Stimme weggeblieben, entschuldigte Roland Spiegel, Jazz-Spezialist von BR Klassik, seinen Redaktions-Kollegen Ulrich Habersetzer. Beide haben auf dem Podium des Veranstaltungssaals im „Haus der Fotografie“ der Stadt Burghausen – am Eingang zur Burg – Platz genommen, um aus dem taufrisch aus der Druckerei gehobenen gemeinsamen Buch zu lesen. Lesen kann nur Spiegel, wie sich Habersetzer wortlos zu artikulieren versucht. Roland Spiegel: „Wir machen es so, dass ich für meine Artikel meine, für Ulrichs Artikel dessen Brille aufsetze.“ Cool, stimmt animiert das Publikum zu. So etwas hat es noch nie erlebt. Es wird eine knapp einstündige, keine Minute eintönige – und erst recht keine eingleisige – Autorenlesung durch zwei Brillen, die abwechselnd auf des Autors Roland Spiegels  Nase landen.

Ines Auerbach hat sich dazugesetzt, die Chefin des Hauses. Sie ist durchaus „mitschuldig“ an dem Werk, das sie bereits zur Eröffnung ihrer sich ganz und gar am Buch orientierenden Ausstellung „50 Jahre Internationale Jazzwoche Burghausen“ (zu sehen bis 19. Mai) präsentierte. Beide tragen den in Großbuchstaben geschriebenen Titel „IT HAS LINES IN ITS FACE“. Mit LINES sind die Lebens-Falten gemeint, die das weltberühmte Burghausener Jazzfestival seit 1970 in seinem „Gesicht“ trägt. Das ungewöhnliche, jedoch die Internationalität betonende Motto wählte man nach einem Ausspruch des Entertainers Jamie Cullum von 2014. Man zeigte es blau auf weiß an der Podiums-Rückwand im voll besetzten „Lesesaal“ in voller Länge: „YOU FEEL WHEN IT´S AN OLD FESTIVAL. IT HAS EXPERIENCE, IT HAS LINES IN ITS FACE“.

Ines Auerbachs „Mitschuld“ an dem 300 Seiten dicken, pfundig getexteten und amüsant bebilderten Band, den die Stadt Burghausen in Kooperation mit BR Klassik edierte, erklärt sich zum einen aus ihrer Bildredaktions-Mitarbeit, zum anderen aus ihrer Fürsprecher-Rolle bei Burghausens Bürgermeister Hans Steindl in Sachen Buch-Herausgeberschaft, nachdem die Autoren von zwei Verlagen eine Absage erhalten hatten. So kann sich die oberbayerische Stadt an der Grenze zu Oberösterreich mit der längsten Burg der Welt und dem ältesten Jazzfestival Bayerns noch einen dritten Superlativ anheften, nämlich den, die einzige Festspielstadt weit und breit zu sein, die ihr Musikfestival-Jubiläum ohne Fremdmittel zwischen Buchdeckeln dokumentiert.

Wochen und Wochen Schreibarbeit, Stunden um Stunden Recherchen liegen hinter Habersetzer und Spiegel für ihr gelungenes Gemeinschaftswerk. Kein Archiv, kein Sammlerfundus, keine Memorabilien-Kollektion, die das halbe Jahrhundert „Jazzwoche Burghausen“ thematisieren, war vor den unermüdlichen BR-Redakteuren sicher. Ihre Mühe hat sich gelohnt. Sie interviewten, forschten, kramten, sahen zurück und nach vorne, vergaßen nicht auf die vor 20 Jahren installierte „Street of Fame“ in den Grüben, einer einzigartigen Hommage Burghausens an welthaltige Jazz-Legenden hinzuweisen und sichteten wonnig ihr eigenes Textmaterial. Roland Spiegel war erstmals 1983 (für die „Nürnberger Nachrichten“) und die Folgejahre als Berichterstatter beim Jazz-Ereignis an der Salzach. Aus all den Herrlichkeiten, die sie beide zusammenkratzten, schufen sie ein mit Superstars von Ella Fitzgerald bis zum Elliot Galvin Trio und deren Storys – lustigen wie tragischen, alltäglichen wie überraschenden – brillantes „Kaleidoskop von unterschiedlichen Sichtweisen auf das Burghausener Jazz-Festival“. So die uneitel gemeinte Selbstbe-SPIEGEL-ung, die eigene Brille auf der Nase.                                                                                                                                                   

Zum Foto von Hans Gärtner:

Roland Spiegel liest durch die Brille seines Kollegen Ulrich Habersetzer im Haus für Fotografie, Burghausen

Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 302 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.