Stellvertreterkrieger – Wie kommerzielle Unternehmen Geld mit dem Krieg verdienen

Die neue PMC-Industrie

marschieren soldaten heer parade militär krieger, Quelle: oleg_mit, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Ukrainische Quellen schätzen die Zahl der Freiwilligen, die aus verschiedenen westlichen Ländern in die Ukraine kommen, um gegen die russischen Invasoren zu kämpfen, als mindestens fünfstellig ein. In den letzten Tagen berichteten die Medien, dass sich viele wegen der unerwarteten Brutalität an der Front wieder auf dem Heimweg befänden. Davor hieß es, dass nicht wenige schon von der ukrainischen Armee zurückgeschickt worden seien, weil ihnen Ausbildung und Kampferfahrung fehlten.  Abgesehen von den „Idealisten“, auch aus Deutschland, die sich spontan entschlossen hatten, an der Seite der Ukrainer zu kämpfen, sind solche kriegerischen Auseinandersetzungen offenbar für eine Kategorie von Männern – und wenigen Frauen – anziehend, die ohne eine Armeezugehörigkeit aber gegen gute Bezahlung bereit sind, Gesundheit und Leben aufs Spiel zu setzen, wo auch immer sie eingesetzt werden. Wie viele Freiwillige oder Söldner jetzt auf der ukrainischen oder russischen Seite im Einsatz sind bleibt einstweilen im Dunkeln.

Vielleicht noch deutlich attraktiver als für Freiwillige ist eine Beteiligung an fremden Kriegen für die kommerziellen Unternehmen, die solche Einsätze organisieren und koordinieren. Sie firmieren als Private Military Companies (PMC), haben sich in den letzten Jahrzehnten zu einem höchst umsatzstarken Industriezweig entwickelt, stehen aber wenig bis kaum im Scheinwerferlicht der Medien.

Unter den Horrormeldungen der letzten Tage aus der Ukraine finden sich zunehmend Berichte über das verstärkte Eingreifen der russischen Gruppe Wagner, einer der bekannteren PMCs. Gegründet wurde die Organisation von Dmitry Utkin, einem ehemaligen Offizier des russischen Auslands-Geheimdienstes GRU, der für seine Vorliebe für die Musik Richard Wagners bekannt ist, daher der Name. International bekannt wurde die Söldnertruppe nach der Krim-Annexion 2014, als sie die pro-russischen Separatisten im Donbass unterstützte. Weitere Einsatzorte waren darüber hinaus Libyen, Syrien, Mali und die Zentralafrikanische Republik, natürlich immer im Interesse der russischen Außenpolitik. Deshalb wird die Gruppe Wagner gelegentlich auch als Putins Privatarmee bezeichnet, wobei der politische Vorteil aller Söldner-Organisationen gerade darin besteht, dass ein offizielles Eingreifen der jeweiligen staatlichen Armee bestritten oder verschleiert werden kann. Ob ihre Kämpfer signifikant brutaler arbeiten als die offiziellen Streitkräfte bleibt offen. Als erfahrene Soldaten, die ihr militärisches Handwerk über viele Jahre gelernt und praktiziert haben, dürften sie auf jeden Fall effizienter kämpfen als Wehrpflichtige, die ohne Fronterfahrung in den Konflikt geworfen werden. Das zeigt sich gerade an den unerwarteten Verlusten der russischen Armee an den Brennpunkten um Mariupol und Kiew.

In der deutschen Berichterstattung über den Ukraine-Krieg taucht auch der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow auf, ein Intimus von Putin, der im Internet verbreiten lässt, dass er die Invasion mit seinen kriegserprobten Kämpfern unterstützt. Und im internationalen Sicherheitsgeschäft arbeitet noch eine weitere russische Firmengruppe, die Moran Security Group, die vor allem auf den Schutz gegen Piraten für Schifffahrtslinien spezialisiert ist, aber auch alle anderen Arten von paramilitärischen Diensten anbietet, vom Personen- und Objektschutz bis zu gefährlichen Transporten und der Sicherung von Pipelines. Die militärische Professionalität ihrer Mitarbeiter ist eins der wichtigen Marketingargumente.

Die Private Military Companies sind kein neues Phänomen und im Westen noch erheblich stärker professionalisiert und am Markt etabliert als in Russland.  Nach den beiden Weltkriegen, die auf allen Seiten mit Wehrpflichtigen geführt worden waren, entwickelte der britische Veteran David Stirling 1965 ein Konzept für den Einsatz von Söldnern und machte seine Firma „Watch Guard International“ mit Einsätzen im Jemen, in Sambia, Sierra Leone oder Libyen zum Erfolgsmodell für die heutige PMC-Industrie. Da die Pensionierungsgrenze in den meisten offiziellen Armeen niedrig liegt, ist eine Beschäftigung bei den PMCs für erfahrene Soldaten attraktiv. Sie werden dort recht euphemistisch „contractors“ genannt, denn Söldnertum ist in den USA und vielen anderen Ländern illegal. Elitesoldaten wie die Navy Seals verdienen bei der führenden amerikanischen PMC Blackwater bis zu viermal so viel wie in der Armee.

Für die aktuellen Einsätze bietet die ukrainische Regierung die Aussicht auf eine Einbürgerung an, falls gewünscht, aber im Internet findet sich auch für Vertragskämpfer das vermutlich wichtigere Argument der Bezahlung. Die Verdienstmöglichkeiten reichen je nach PMC, Ausbildung und Erfahrung bis zu 2.000 US$ pro Tag plus Gefahrenzulagen, zudem weitgehend steuerfrei. Allerdings sind die persönlichen Risiken auch sehr groß. In Afghanistan sind deutlich mehr „Contractors“ gefallen als offizielle „boots on the ground“, nämlich 3.846 zu 2.448, abgesehen von Verwundeten und Traumatisierten.

Für die PMCs sind extreme Preisspannen möglich. Für spezielle „extraction operations“ wie die Befreiung und Evakuierung von wichtigen und zahlungskräftigen Personen sind Beträge über 10.000 US$ pro Kopf normal, die Einsatzkosten gehen dabei leicht in die Millionen. Zu den großen Gewinnern der Marktentwicklung zählt die Firma Blackwater, gegründet 1997 von dem ehemaligen Navy Seal Elitesoldaten Erik Prince in North Carolina, nach dessen eigenen Worten, um für die amerikanischen Streitkräfte das zu tun, was FedEx für die Post getan hat. Auf einem angekauften Gelände von 28 Quadratkilometern wurden Trainings-Anlagen gebaut und seit 2003 rollten öffentliche Aufträge von der CIA und verschiedenen Ministerien im Gesamtwert von mehr als zwei Milliarden Dollar herein, vor allem im Personenschutz, Ausrüstung und Sicherheitsberatung sowie speziellen Einsätzen im Irak, im Jemen und weiteren Brennpunkten. Nach mehreren Umbauten firmiert das Unternehmen heute als „Constellis Holdings Inc.“, denn Erik Prince, Jahrgang 1969, verkaufte die Firma 2009 an eine Investorengruppe und leitet seitdem ein weitverzweigtes Private Equity Imperium.

Nach einem nicht datierten Artikel im „Spec Ops Magazine“ (www.special-ops.org) beschäftigen die PMCs zusammen mehr als 625.000 Personen. Bei immer mehr Konflikten weltweit, schreibt der Autor, steigt auch die Nachfrage nach kampferprobten Soldaten zur Ergänzung der offiziellen Armeen, die aber auch gut bezahlt werden müssen. Unter den führenden neun PMCs steht hier die Wagner Gruppe an letzter Stelle, gefolgt von Blackwater, nun unter dem Namen Academy, als weltweit am besten aufgestellt, und Define International als knauserig, mit Kämpfern aus Entwicklungsländern. Auf Platz zwei steht die australische Sicherheitsfirma Unity Resources Group mit zwanzig Jahren Einsatzerfahrung im Mittleren Osten, Afrika, Lateinamerika, Asien und Europa. Spitzenreiter ist die britische G4S Security, führend für die Sicherheit von Banken, Gefängnissen und Flughäfen, aber auch in allen Krisengebieten. Die Firma ist weltweit der zweitgrößte zivile Arbeitgeber, gleich nach Walmart.

Nach einem Ende 2017 in der Berkeley Political Review erschienenen Artikel sind die Ausgaben der USA für ausgesourcte militärische Dienstleistungen von 10% im Zweiten Weltkrieg auf 50% im Afghanistankrieg angewachsen. Die Ausgaben für diesen Krieg beliefen sich auf astronomische 2,26 Billionen oder 2.260.000 Millionen Dollar, finanziert mit neuen Schulden. Weltweit dürften sich die Kosten aller PMCs zusammen auf Hunderte Milliarden summieren, wobei Wach- und Schutzdienste natürlich von unmittelbaren Kriegseinsätzen zu trennen sind. Dies ist allerdings kompliziert, denn auch die „Contractors“ in logistischen und Bewachungsaufgaben sind bewaffnet wie reguläre Soldaten oder sogar besser und dürften auch keine Hemmungen haben, davon Gebrauch zu machen.

In den letzten Jahrzehnten haben die zahllosen lokalen Konflikte und politischen Krisen weltweit zur Entwicklung eines modernen Söldnertums und der Ausweitung entsprechender rechtlicher Grauzonen geführt. Relativ moderate Gehälter in den nationalen Armeen und bis zu 2.000 US$ Tagesgagen bei den PMCs locken einerseits junge Veteranen an sowie „abenteuerlustige“ Männer, denen ein Büro- oder Fabrikjob zu langweilig wäre. Die Illustrationen auf den Webseiten der PMC-Firmen, die teilweise gleich Bewerbungsformulare zum Herunterladen anbieten, geben einen zwiespältigen Eindruck von dem speziellen Typ wieder, der hier gefragt und ansprechbar ist. Dass dieser Kämpfertyp allerdings auch sehr gefährlich ist, liegt auf der Hand. Seit dem Ersten Weltkrieg, in dem das Verhältnis von militärischen zu zivilen Opfern noch 8:1 betrug hat es sich inzwischen zu 1:20 mehr als umgekehrt. Die fortschreitende „Professionalisierung“ und die immer schnellere Waffenentwicklung machen die Kriege brutaler, unmenschlich waren sie wohl immer schon.

Finanzen