Europa in der Technologie-Falle

Wachstum, Souveränität und Macht - Über das Missverhältnis von Ordnungspolitik und Geopolitik

Europa, Mittelmeer, Flüchtlinge. Pixabay License, Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig

„Deutschland und Europa leiden an einer doppelten Schwäche: an Wachstum und an Souveränität. Die Ursachen werden meist schnell benannt: zu viel Bürokratie, zu hohe Kosten, übermäßige Regulierung. Das ist nicht falsch, greift aber zu kurz. Die eigentliche Diagnose ist unbequemer: Das weltwirtschaftliche Umfeld hat sich grundlegend verändert, geopolitisch wie technologisch.

Der regelbasierte Welthandel, auf dem Europas Wohlstand lange beruhte, wird zunehmend durch eine machtbasierte Geopolitik ersetzt. Gleichzeitig verändern disruptive Technologien die industrielle Logik von Wettbewerb und Innovation. In dieser neuen Welt geraten die institutionellen und politischen Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft unter Druck, nicht weil sie falsch wären, sondern weil ihre Voraussetzungen erodieren.

Empirisch zeigt sich das Problem deutlich: Die privaten Investitionen in Deutschland und Europa stagnieren oder gehen zurück. Der Kapitalstock altert, Innovationsdynamik und Produktivitätswachstum schwächen sich ab. Gleichzeitig fehlen europäische Unternehmen in den neuen technologischen Schlüsselindustrien, ihre relative Marktkapitalisierung sinkt.

Diese beiden Entwicklungen sind kein Zufall. Sie verweisen auf ein tieferliegendes Problem: die mangelnde Fähigkeit, große Risiken über lange Zeithorizonte und Technologiepfade hinweg zu tragen. Große technologische Umbrüche bergen hohe Risiken und sind systemisch. Allein die Resilienz zu stärken, also die Fähigkeit, sich an Neues anzupassen, reicht nicht aus. Es geht darum, Neues selbst entwickeln zu können. Die perspektivische Bedeutung der Quantentechnologien macht dies deutlich. Schon heute geht es darum, eine eigene Quantensouveränität aufzubauen, denn der Moment der breiten Nutzung von Quantentechnologien wird die Frage der Souveränität schlagartig neu stellen. Eine bloße Anpassungsstrategie wäre viel zu wenig.

In der neuen Geoökonomie sind Risiko und Zeit zu strategischen Faktoren geworden. Große technologische Sprünge, etwa in der Künstlichen Intelligenz, in der Halbleiterproduktion oder in Energieinfrastrukturen, erfordern Investitionen unter hoher Unsicherheit und mit langen Amortisationszeiträumen. Sie sind nicht mehr nur private Investitionen in einzelwirtschaftliche Projekte, sondern infrastrukturelle Fundamente von Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität.

Doch genau hier liegt die Schwäche Europas: Viele dieser Risiken können privatwirtschaftlich nicht getragen werden, insbesondere nicht unter den Bedingungen geopolitischer Konkurrenz, staatlicher Subventionen und asymmetrischer Industriepolitik. Unternehmen weichen daher auf kleinere, kurzfristige und inkrementelle Projekte aus. Das Ergebnis ist eine strukturelle Verschiebung: weniger disruptive Innovationen, geringere Skalierung und steigende Abhängigkeiten.

Parallel dazu entsteht eine neue Form von Marktkonzentration. In Bereichen wie Künstlicher Intelligenz, Verteidigung, Energie und Rohstoffen beobachten wir eine zunehmend industriepolitisch bedingte Monopolisierung. Diese ist nicht allein das Ergebnis wettbewerblicher Marktprozesse, sondern auch Folge exponentieller Technologiepfade und geopolitischer Ziele.

Marktkapitalisierung wird hier zum Ausdruck von mehr als nur wirtschaftlichem Erfolg. Sie steht für technologische Dominanz, geopolitische Macht und ökonomische Potenz. Europa fällt in allen drei Dimensionen zurück.

Diese Entwicklung wird durch institutionelle Faktoren verstärkt. Regulierung begrenzt zunehmend unternehmerische Risikospielräume, während politische Entscheidungsprozesse in demokratischen Systemen, die sich durch einen inzwischen strukturell gewordenen Populismus blockieren, zu kurzfristigem Handeln tendieren.

Ökonomisch gesprochen: Die gesellschaftliche Zeitpräferenz ist zu hoch, die Opportunitätskosten von Gegenwartsentscheidungen erscheinen zu gering. Es wirkt rationaler, bestehende Strukturen zu stabilisieren, als neue aufzubauen. Doch genau darin liegt die Falle. Eine Ökonomie, die Risiken vermeidet, verliert ihre Zukunftsfähigkeit. Verteilungskonflikte treten an die Stelle von Erneuerungsprozessen.

Die neoklassische Theorie basiert auf einem Kapital- und Wettbewerbsmodell, in dem Entscheidungen in logischer Zeit als reversibel und Erwartungen als rational angenommen werden. Reale Investitionsentscheidungen finden jedoch, gerade in großen systemischen Umbrüchen, in historischer Zeit statt. Sie sind irreversibel, strategisch und pfadabhängig.

Hierin liegt ein epistemisches Missverständnis der Unsicherheit. Bereits John Maynard Keynes und John Richard Hicks betonten, dass Unsicherheit nicht einfach als kalkulierbares und damit zu managendes Risiko verstanden werden kann. Sie stellt vielmehr ein fundamentales konzeptionelles Problem für Koordination und Optimierung auf Märkten dar. Der Hinweis auf wettbewerbliche Technologieoffenheit und rationale Marktakteure unterschätzt diesen Zusammenhang.

Damit wird politische Souveränität zu einem zentralen ökonomischen Problem. Sie ist ein öffentliches Gut, das vom Markt allein nicht in ausreichendem Maß bereitgestellt wird. Strategische Investitionen einzelner Unternehmen in Märkten wie China zeigen das Dilemma. Strategische Fähigkeiten von Volkswirtschaften, etwa in Technologie, Energie oder Verteidigung, entstehen nicht automatisch durch individuelle Investitionsentscheidungen.

Die internationalen Vergleichsmodelle zeigen das deutlich: In China steuert der Staat Risiko und Zeithorizont strategischer Investitionen mehr oder weniger direkt. In den USA übernimmt Risikokapital diese Funktion in Verbindung mit öffentlichen Investitionen in strategischen Technologiesektoren. In Europa dagegen bleibt diese Lücke weitgehend unbesetzt. Mehr noch: Sie wird institutionell sogar mit erzeugt. Das Ergebnis ist eine strukturelle Unterinvestition in strategische Zukunftstechnologien.

Europa droht damit in einer „Middle Technology Trap“ zu verharren. Industrien verbleiben auf etablierten Pfaden mit inkrementeller Innovation, während neue technologische Paradigmen von anderen dominiert werden. Wachstum und Souveränität aber entscheiden sich in den neuen Technologien. Mit ihnen sind Potenziale und Fähigkeiten verbunden, die auf den alten Pfaden nicht erreichbar sind.

Institutionelle Pfadabhängigkeiten verstärken diese Dynamik. Je länger man wartet, desto schwieriger wird der Übergang auf neue technologische Trajektorien. Momentan ist es auch und vor allem die Politik, die diesen Übergang eher bremst als beschleunigt.

Die Konsequenz ist klar: Mit rein marktwirtschaftlichen Mitteln im engeren Sinne wird Europa weder seine Wettbewerbsfähigkeit noch seine Souveränität sichern können. Es braucht einen neuen ordnungspolitischen Ansatz, einen europäischen Weg, der weder der amerikanische noch der chinesische sein kann. Es ist ein Ansatz, der die Potenziale von Wettbewerb stärker nutzt und sie zugleich in einen übergeordneten geoökonomischen Rahmen einbindet, der klare strategische Ziele und Prioritäten setzt.

Dieser Ansatz müsste drei Elemente verbinden: die strukturelle Risikofähigkeit durch Investitions- und Kapitalmarktinstrumente stärken, die institutionellen Zeithorizonte von Entscheidungen erweitern und strategische Kompetenzen in Schlüsseltechnologien aufbauen. Insbesondere in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz, Halbleitern und Energie wird es ohne koordinierte europäische Strategien nicht gehen.

Das Problem Europas ist nicht primär ein Zuviel an Staat oder ein Zuwenig an Markt. Es ist ein Missverhältnis zwischen Ordnungspolitik und Geopolitik. In einer Welt, in der politische und wirtschaftliche Macht so eng verflochten sind, reicht die klassische Logik von Wettbewerb und Effizienz nicht mehr aus. Die große Kunst wird darin bestehen, wirtschaftliche Macht nicht politisch wie in China und politische Macht nicht wirtschaftlich wie in den USA zu korrumpieren. Europa muss lernen, Risiko strategisch zu organisieren. Sonst verliert es nicht nur an Wachstum, sondern auch an Souveränität. Die Fähigkeiten des 21. Jahrhunderts hängen an neuen Technologien, Infrastrukturen und Kompetenzen.“

Prof. Dr. Henning Vöpel
Vorstand Stiftung Ordnungspolitik
Direktor Centrum für Europäische Politik

Quelle: cep