Wenige Wochen vor meinem Flug in die Vereinigten Staaten, wo mir an der Indiana University in Bloomington/Indiana eine Dozentenstelle (DDR-Literatur) angeboten worden war, hielt der Schriftsteller Günter Wallraff an der Mainzer Universität im Oktober 1972 einen Vortrag zum Thema „Die Wahrheit hinter den Fabriktoren“. Ich war seit 1969 freier Mitarbeiter der ALLGEMEINEN ZEITUNG in Mainz und fragte Martin Ruppert, den zuständigen Redakteur, ob ich über diesen Vortrag berichten dürfte. Ich bekam eine Zusage, schrieb meinen Artikel und bekam von Martin Ruppert, mit dem ich mich sonst gut verstand, einen wütenden Brief, dass er meinen Artikel nicht bringen werde, aber ich bekäme selbstverständlich ein Ausfallhonorar.
Diesen Brief schickte ich Günter Wallraff in der Annahme, dass sein neues Buch „Neue Reportagen, Untersuchungen und Lehrbeispiele“ (1972) mit seinem Mainzer Vortrag erst nach meinem Abflug in die Vereinigten Staaten erscheinen werde. Dem war aber nicht so! Eine Woche, bevor ich abreiste, lag das Buch auf meinem Schreibtisch, Martin Rupperts Brief an mich war dem Vortragstext angehängt. Überraschenderweise aber war Martin Ruppert überhaupt nicht verärgert, ich hatte den Eindruck, dass er sich freute, in diesem Buch erwähnt zu werden. Dieses Buch erschien dann auch im Ostberliner Aufbau-Verlag in einer Taschenbuchreihe, offensichtlich sollten die DDR-Leser darauf aufmerksam gemacht werden, wie schrecklich der in der DDR längst abgeschaffte „Kapitalismus“ wäre. Und ich tauchte sozusagen im letzten Absatz durch Martin Rupperts Brief an mich als „progressiver Autor“ auf.
Als ich noch in Bonn lebte, lernte ich den amerikanischen Germanisten David Pike kennen, der in Moskauer Archiven die Exiljahre deutscher Schriftsteller, die dorthin geflüchtet waren, erforscht hatte. Er hat ein Buch „Deutsche Schriftsteller im sowjetischen Exil 1033-1945“ (1981) geschrieben, das im Suhrkamp-Verlag in Frankfurt/Main erschienen war, was für Qualität bürgte. Gewidmet ist es „Katharina und Momme Mommsen in Freundschaft und Dankbarkeit“. In diesem Buch gibt es ein Kapitel über den deutschen Revolutionär Max Hoelz (1889-1933), der 1921 wegen revolutionärer Umtriebe in Sachsen zu lebenslanger Haft verurteilt und am 18. Juli 1928 begnadigt wurde. Im Jahr 1929 emigrierte er nach Moskau, wurde aber aus der Hauptstadt verbannt, da er wegen seiner kritischen Bemerkungen lästig wurde. Am 15. September 1933 wurde er von zwei GPU-Agenten in der Oka ertränkt. Sie hatten ihn zu einer Bootsfahrt eingeladen, dann schlugen sie ihn mit den Rudern nieder und hielten ihn unter Wasser fest, bis er tot war. Der amerikanische Germanist, der einige Tage bei einer guten Bekannten von mir in der Nähe Bonns wohnte, erzählte mir, dass ihm mehrmals von den Leitungen der Archive der Zugang zu bestimmten Akten verweigert wurde. Er rief dann bei amerikanischen Archiven an, wo russische Forscher Akteneinsicht bekamen, denen dann auch der Zugang verweigert wurde. In kürzester Zeit durfte er dann in Moskau wieder die gewünschten Akten einsehen.
In Waldheim, als ich im Prüffeld für Elektromotoren arbeitete, hatte ich einen Kollegen vom Jahrgang 1908, so alt wie mein Vater, den ich in der Wickelei kennen gelernt hatte. Wenn wir unsere Arbeit beendet und uns an den Waschkauen gesäubert hatten (manche taten das nie!), saßen wir an Tischen und Bänken und warteten, dass uns die „Volkspolizei“ zum Hofgang hinausschloss. Während der Wartezeit erzählte mir Kurt Köppen, der im Zivilberuf als Dozent an der Ingenieurschule in Roßwein (nur 13 Kilometer von Waldheim entfernt) tätig war und fünf Jahre abzusitzen hatte, dass er der Anstaltsleitung in Waldheim vorgeschlagen hätte, dass er den „Volkspolizisten“ Unterricht in Rechtschreibung gäbe. Ich sagte nur: „Kurt, bist du wahnsinnig? Die werden sich doch an dir rächen wollen für diese Frechheit! Das sind doch alles proletarische Jungens aus der Arbeiter- und Bauernklasse. Die kämpfen doch für die klassenlose Gesellschaft, die da am Horizont schon heraufdämmert! Und du wirfst ihnen Rechtschreibefehler vor?“ Und dann erzählte ich ihm den Witz von den beiden Grenzpolizisten, die mit einem Schäferhund unterwegs sind. Die Frage lautet: „Wer kann lesen und schreiben?“ Die Antwort lautet: „Der Schäferhund“. Kurt Köppen habe ich noch einmal getroffen, als er entlassen war. Unser Mithäftling Manfred Gärtner war dabei. Im Jahr 1966, wenige Wochen, bevor ich als Deutschlehrer nach Schweden ging, habe ich im Hamburger SONNTAGSBLATT, einer evangelischen Wochenzeitung, eine ganze Seite über seine Geschichte geschrieben. Er war 1945, nach Kriegsende, mit einer Gruppe deutscher Naturwissenschaftler nach Podberesje verschleppt worden und sprach nur Gutes über die Russen. Jahre später ist er in Giengen an der Brenz gestorben.
Neulich, an einem Sonntagmorgen, besuchte ich mit meiner Frau den Coburger Friedhof, weil sie nach dem Grab ihrer Eltern sehen wollte. Danach gingen wir durch die Grabreihen, wo meine Lehrer am Casimirianum begraben sind, und stießen auf eine Rasenfläche, wo Urnen anonym vergraben sind. Die Namen der eingeäscherten Toten standen auf Schildern am Rand der Rasenfläche. Da stand auch der Namen meines Klassenkameraden Ulrich Hoffmeister, geboren 1938, gestorben vor zwei Jahren. Er und sein älterer Bruder Peter Hoffmeister,1936 geboren, waren abwechselnd in meiner Klasse. Sie waren die Söhne des Besitzers der Dampfziegelei in Dörfles-Esbach bei Coburg. Beide Hoffmeister-Söhne waren arrogante Schnösel, die meinten, mit dem Geld ihres Vaters alles erreichen zu können. Peter H. war 1954/55 in meiner Klasse, er war gerade sitzen geblieben und blieb noch einmal sitzen. Eigentlich hätte er dann das Casimirianum verlassen müssen, aber er argumentierte, er hätte gerade eine Brille bekommen, er hätte Schwierigkeiten beim Lesen. Die Klage ging bis zum Kultusministerium in München, und sein Vater spendete der Schule einen größeren Geldbetrag. Da durfte er dann die siebte Klasse zum dritten Mal durchlaufen. Seinen Bruder Ulrich traf ich vor Jahrzehnten einmal um 1980 im Coburger Steinweg in der Kneipe „Spundloch“. Ich bestellte ein Bier und wurde von ihm bedient. Er erkannte mich nicht, ich gab ihm dann meine Visitenkarte. Er hatte also kein Abitur gemacht und schlug sich als Kneipenwirt durch. Sic transit gloria mundi!
Am 22. Februar, einem Sonntag, sprach ich im Friedensmuseum in Meeder, zwischen Coburg und Rodach gelegen, über Anna Seghers. Ich hatte das dort angeboten, als ihrer zum 125. Geburtstag am 19. November 2025 gedacht wurde. Es waren 35 Zuhörer gekommen, die interessiert eine Stunde zuhörten, danach war Diskussion. Ich hatte davon gesprochen, dass Anna Seghers mit ihren beiden Kindern (ihr Mann war seit Beginn des Frankreichfeldzugs interniert) von Paris ins unbesetzte Gebiet nach Pamiers geflohen ist. Da meldete sich ein Franzose im Publikum, der aus Avignon stammte und seit 35 Jahren in Coburg lebt. Aber sein französischer Akzent war unverkennbar. Vor ihm in der Reihe saß ein Mann mit sächsischem Akzent, der aus Zwickau stammte. Es war eine schöne Diskussion mit interessierten Zuhörern.
Im Sommer 2025 machten wir eine Woche Urlaub im Spreewald. Am Mittwoch, 13. August, fuhren wir zurück nach Coburg. Plötzlich entdeckten wir in Sachsen auf der Autobahn das Schild „Waldheim“. Da wir noch nicht gefrühstückt hatten, bogen wir ab und parkten am Niedermarkt in der Stadt, in der ich einmal als verurteilter Student aus Mainz „gewohnt“ hatte: Vom 2. September 1962 bis 21. August 1964 im Zuchthaus Waldheim, das 1716 von Kurfürst August dem Starken als „Zucht-, Waisen- und Armenhaus“ gegründet worden war. Wir gingen dann zum Obermarkt und frühstückten in der Bäckerei Möbius. Danach trennten wir uns, meine Frau Gabriele besuchte ein Modegeschäft, und ich ging zur Stadtinformation Waldheim, um mir die „Waldheimer Hefte“ zu kaufen. Dort traf ich Frau Katrin Pötzsch, der ich von meinen Zuchthausjahren erzählte. Da meinte sie, darüber müsste ich einmal in Waldheim einen Vortrag halten. Der Januar und der Februar 2026 verstrichen, ohne dass mich jemand aus Waldheim anrief wegen des Vortrags. Es schien, als hätte man das Angebot an mich vergessen. Daraufhin schrieb ich an Katrin Pötzsch einen Brief, um sie an ihr Angebot zu erinnern. Wenige Tage später kam die Antwort, ich müsste noch einmal nach Waldheim kommen, um Einzelheiten zu besprechen. Ich schrieb zurück: Welche Einzelheiten? Dann erfuhr ich, dass der zuständige Herr jetzt verreist sei und sich nach seiner Rückkehr bei mir melden werden. Da fiel mir ein, dass ich 2016, als ich zum 300. Geburtstag des Zuchthauses in der Strafanstalt gesprochen hatte, den damaligen Bürgermeister Steffen Blech kennen gelernt hatte. Dem schrieb ich einen Brief, schilderte die Einzelheiten und fragte ihn, ob ich den Vortrag nicht absagen sollte. Gestern rief er an, war munter und guter Laune und versprach mir, die Sache zu regeln. Am Dienstag, 17. März, rief mich die Stadtverwaltung an: Es gab keine Befragung am Telefon, wir legten nur den Termin fest: 7. Oktober! Das war in der DDR der Feiertag „Tag der Republik“. Michael Fuhse meinte am Telefon, damit hätten wir einen Aufhänger!
Heute steht in der Coburger Zeitung NEUE PRESSE ein Interview von einer ganzen Seite mit Prinz Hubertus von Sachsen-Coburg-Gotha (50). Er ist jetzt Chef des Adelshauses, dem zuletzt die offensichtlich unvermeidbare Frage gestellt wurde: „Würden Sie sich selbst als Residenzler bezeichnen?“ Man fragt sich, ob die Coburger keine anderen Sorgen hätten! Alle deutschen Herzogs- und Fürstentümer sind 1918 untergegangen. Selbst Kaiser Wilhelm dankte ab und ging in die Niederlande ins Exil, wo er 1941 starb. Sollte man den heutigen Chef des Hauses Hohenzollern, Prinz Georg Friedrich von Preußen, fragen, ob er sich 118 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg als „Residenzler“ fühlt? In Thüringen gab es 1918 acht Herzogtümer, vier ernestinische und vier nichternestinische. Ginge es nach der NEUEN PRESSE, dann wimmelt es im heutigen Deutschland von „Resisdenzlern“.
In der NEUEN PRESSE vom 1. April stand ein Interview mit Dr. Hans-Heinrich Eidt (82), Jurist, Hochschullehrer und Kommunalpolitiker in Coburg, den ich bisher für einen waschechten Coburger gehalten habe. Im Interview sagt er: „Ich bin am 1. Mai 1943 in Elbing geboren, das lag in Ostpreußen und gehört heute zu Polen. Meine Mutter ist mit mir über Berlin nach Coburg geflohen.“ Seine Mutter hätte, die Ostfront kam immer näher, nicht gewusst, wohin sie fliehen sollte, da sie außerhalb Ostpreußens offensichtlich niemanden kannte. Da gab ihr der junge Soldat aus Coburg die Adresse seiner Eltern in der Ketschengasse 6. Da fuhr sie dann, was sicher mehrere Tage gedauert hat in damaliger Zeit, als sich Flüchtlinsströme durch Deutschland wälzten und die Züge überfüllt waren, nach Coburg und meldete sich bei den Eltern des Soldaten, der inzwischen gefallen war. Eine unglaubliche Geschichte!
Nach der Wahl in Ungarn gestern, am 12. April, scheint dort eine Aufbruchsstimmung zu herrschen wie während des Ungarnaufstands vom 23. Oktober bis 4. November 1956. Meine Klasse an der Oberschule in Kirchheim/Teck bei Stuttgart war im November 1956 auf Klassenfahrt in Straßburg im Elsass. Auf der Rückfahrt hörten wir im Bus eine Reportage im Radio über die Niederschlagung des Aufstands. Damals wohnte ich noch im „Haus Aichele“ in Beuren und fuhr täglich mit dem Moped elf Kilometer nach Kirchheim in die Schule. Ein Jahr später wohnte ich schon in einem Zimmer in Kirchheim bei einem Schlesier und hörte in meinem Radio eine Reportage über den Aufstand von 1956. Die Ungarn sangen ein Lied, vermutlich ihre Nationalhymne, die immer leiser wurde, bis sie ganz verklang. Es war sehr berührend! Jetzt schickte mir ein Freund aus Berlin, der auch drei Jahre in DDR-Zuchthäusern gesessen hat, einen Vierzeiler des ungarischen Nationaldichters Sandór Petöfi (1823-1849), den ich hier zitieren möchte: „Ungar ward der Ungar wieder, was er lange nicht mehr war. Sklave war er, und ein Sklav` ist kein Magyar.“ (1849).
Vorgestern, am 14. April, waren wir im Coburger Naturkunde-Museum und hörten einen Vortrag über die Nomenklatur der Tiere. Der Referent war Professor an der Universität Zürich, im Saal saßen nur acht Zuhörer. Da fiel mir ein, dass ich irgendwo drei Taschenbücher aus meinen Coburger Schulzeit stehen habe, die längst überholt sind, die ich aber immer noch lesen wollte: Alexis Carell (1873-1944) „Der Mensch, das unbekannte Wesen“ (Taschenbuch 1957), Adolf Portmann (1897-1982) „Zoologie und das neue Bild vom Menschen“ (Taschenbuch 1956) und Peter Bamm (1897-1975) „Die unsichtbare Flagge“ (Taschenbuch 1963). Diese drei Bücher wurden uns Schülern am Casimirianum in Coburg empfohlen, vom Religionslehrer Theodor Lippert, vom Biologielehrer Hans Rauh und vom Deutschlehrer Max Fisch, der im Zweiten Weltkrieg ein Auge verloren hatte. Diese drei Bücher schleppe ich seit Jahrzehnten bei allen meinen Umzügen mit durch Deutschland, ohne sie bis jetzt gelesen zu haben.
Vor einigen Wochen bekam ich eine Mail von einem Naturwissenschaftler aus Jena, der irgendwo gehört hatte, dass ich Dr. Horst Hiller kannte. Ja, ich kannte ihn, aber er ist längst gestorben und liegt in Bad Salzungen/Thüringen begraben. Er hatte ein unglaublich trauriges Schicksal! Im Sommer 1986 erfuhr ich von seinem Buch „Sturz in die Freiheit“, worin er über seine Haft im Zuchthaus Brandenburg berichtete. Er ist 1931 in Parchwitz/Landkreis Liegnitz in Schlesien geboren und floh 1945 mit seinen Eltern und seiner Schwester nach Thüringen. In Schmalkalden legte er 1951 das Abitur ab und studierte dann Physik an der Universität Jena. Er arbeitete später auch am „Institut für Datenverarbeitung“ in Dresden und erhielt 1971 als Mitglied des Kollektivs „Dynamotheorie des Magnetfeldes“ den Nationalpreis I. Klasse für Wissenschaft und Technik. Sein 1977 mit seiner Frau unternommener Fluchtversuch scheiterte. In einem nichtöffentlichen Prozess wurde ihm „Geheimnisverrat“ vorgeworfen, weil die „Staatssicherheit“ vermutete, er wolle seine wissenschaftlichen Erkenntnisse und Erfahrungen in seinem Kopf nach Westdeutschland transportieren. Zugleich wurde ihm das Angebot gemacht, er könnte sofort freigelassen werden, wenn er als „inoffizieller Mitarbeiter“ der „Staatssicherheit“ in Rostock arbeite, wo er sofort eine Wohnung zugewiesen bekäme. Als er dieses Angebot ablehnte, wurde er zu achteinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, erst 1983 wurde er von der Bundesaregierung freigekauft. Sein Versuch, den Nationalpreis an Erich Honecker zurückzugeben, scheiterte, weil die „Staatssicherheit“ das Schreiben abfing.
Nach der Entlassung war er Mitarbeiter bei Siemens in Karlsruhe, wohnte später in Mainz und in Bonn. In dieser Zeit lernte ich ihn kennen und führte ihn in den Freundeskreis um Dr. Werner Barm ein, den früheren SED-Kreisvorsitzenden von Osterburg/Altmark, der nach einer abenteuerlichen Flucht am 12. August 1969 Grundstücksmakler geworden war. In Bad Neuenahr-Ahrweiler hatte er sich auf einem riesigen Grundstück eine Villa gebaut, wo wir, eine Gruppe politischer Häftlinge, mehrere Jahre hindurch Sommerfeste veranstalteten. Aber Dr. Horst Hiller, ein hochbegabter Naturwissenschaftler, war irgendwie aus der Welt gefallen. Er hatte, wegen seines schroffen Wesens, kein Glück bei Frauen. Dafür schrieb er wunderbare Bücher, über Schlesien, Sachsen und Thüringen, sein letztes Buch erschien 2003. Danach muss er gestorben sein. Wie ich erfahren konnte, ist er irgendwann nach dem Mauerfall zu seiner Schwester nach Schmalkalden gezogen und liegt in Bad Salzungen begraben.
Heute, 5. Mai, kam vom Hamburger Antiquariat Reinhold Pabel endlich die zehnbändige Heinrich-Heine-Ausgabe von Hans Kaufmann, deren erste Auflage 1961 erschienen war, ich kaufte mir jetzt die dritte für 85.00 Euro. Mein Leipziger Rechtsanwalt Heinz Kroke, der angeblich für mein Motorrad, das er 1962 verkauft hat, nur 200.00 DDR-Mark bekommen hat, sollte dieses Geld an meine Leipziger Tante Inge Arnold überweisen. Das tat er aber nicht. Für diese 200.00 DDR-Mark sollte sie mir Hans Kaufmanns Heinrich-Heine-Ausgabe kaufen und an meine Eltern schicken. Sie hat das Geld aber nie bekommen!
Als ich im Sommer 1992 das zweite Mal nach Ekuador flog, wo meine Freundin Angelika Deutschlehrerin war, hatte ich im Gepäck Sigrid Damms Roman „Ich bin nicht Ottilie“ (1992). Hans Kaufmann ist 1962 an die Friedrich-Schiller-Universität in Jena berufen worden, um einen marxistischen Gegenpol zur „bürgerlichen“ Literaturwissenschaft Joachim Müllers zu bilden. Sigrid Damm (1940 in Gotha geboren) war seine Schülerin und seine Geliebte. Als wir im Herbst 1992 wieder in Bonn eine Tagung des „Arbeitskreises DDR-Literatur und DDR-Germanistik“ hatten, der von mir 1977 in der Karl-Arnold-Stiftung gegründet worden war, war Sigrid Damm eingeladen, um aus einem ihrer Bücher zu lesen. In der Diskussion danach fragte ich, ob dieser Roman ihre Geschichte wäre, was sie bestritt. Einige Jahre später hatten wir eine Tagung der „Anna-Seghers-Gesellschaft“ in Potsdam, wo auch Vera Kaufmann (1930-2019) anwesend war, die geschiedene Frau Hans Kaufmanns, die von 1962 bis 1968 auch in Jena lebte. Ich erzählte ihr von der Begegnung mit Sigrid Damm und sie erwiderte lachend, dass der Roman „Ich bin nicht Ottilie“ tatsächlich die Liebesgeschichte ihres geschiedenen Mannes mit Sigrid Damm wäre.
Letzte Woche las ich eine Zeitungsmeldung von einer sechzehnjährigen Kurdin aus der Türkei, die in einem Jugendzentrum in Berlin-Neukölln von neun arabischen Jugendlichen vergewaltigt worden war. Was an sich schon ein Skandal war, erweiterte sich zur Horrorszene, weil die Heimleitung die Vergewaltigung nicht der Polizei gemeldet hatte. Angeklagt ist nun neben der Heimleitung auch die Stadträtin Sarah Nagel (Die Linke), die für die Jugendarbeit zuständig ist. Der „Jugendclub Neukölln“ sollte eigentlich Jugendlichen Schutz bieten, dann aber geschieht das genaue Gegenteil, ohne dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Der Vorfall kann nur an die Öffentlichkeit, weil sich das Opfer privat einer Polizistin anvertraute.
