Sören Kierkegaard und seine Philosophie der Hoffnung

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 Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813 – 1855) gilt als Gründer der Existenzphilosophie. Spätere Existenzphilosophen wie Albert Camus oder Karl Jaspers haben sich intensiv auf sein Grundlagenwerk bezogen. Kierkegaard ist nur 42 Jahre alt geworden und hat für sein kurzes Leben ein umfangreiches Werk hinterlassen. Die bisherige deutschsprachige Gesamtausgabe im Eugen Diederichs Verlag in Jena umfasst 35 Bände. Die zurzeit neu aufgelegte „Deutsche Sören Kierkegaard Edition“ im Verlag Walter de Gruyter in Berlin ist auf insgesamt 55 Bände geplant. Der erste Band ist im Jahr 2005 erschienen. Seine Werke hat Kierkegaard fast alle in zwölf Jahren geschrieben, die meisten in einer Art „Schöpfungsrausch“ in den Jahren 1843 bis 1846. Kierkegaard schrieb seine philosophische Dissertation über Sokrates. Dieser war sein großes philosophisches Vorbild und wie er bevorzugte er den dialogischen und dialektischen Weg des philosophischen Erkennens, wie es im Sokratischen Dialog der Nachwelt vertraut ist. Kierkegaard ist deshalb als „Sokrates von Kopenhagen“ in die Philosophiegeschichte eingegangen (Csef 2026).

Die Philosophie Kierkegaards betont die pathische Existenz des Menschen, seine Leidenszustände und damit auch Emotionen und Affekte. Es ist keine primär rationale Philosophie wie jene von Immanuel Kant oder von Hegel. Der Weg zur Wahrheit führt für Kierkegaard durch subjektive Erfahrungen und Erlebnisse. Hoffnung ist dabei für ihn ein sehr bedeutsames Phänomen.

Philosophie der Hoffnung

In der Existenzphilosophie von Sören Kierkegaard stehen Angst, Verzweiflung, Liebe und Sorge als existenzielle Grundsituationen im Mittelpunkt. In Freiheit und Verantwortung soll sich der Mensch nach Kierkegaard selbst entwerfen, die Angst aushalten und sein eigenes Selbst und Seinkönnen konstituieren. Als zerrissener, zweifelnder und ambivalenter Mensch versuchte er immer wieder in einer dialektischen Gegenbewegung die andere Seite ins Leben zu bringen. Eines seiner Hautwerke „Entweder – Oder“ (1843) verweist auf die permanente Notwendigkeit existenzieller Entscheidungen. Der dialektische Gegenpol zur Verzweiflung ist bei Kierkegaard in besonderer Weise die Hoffnung.

Die Angst spielt in Kierkegaards Philosophie eine zentrale Rolle. Durch sie erschließt sich erst die Freiheit. Die Angst ist für ihn „der Schwindel der Freiheit“. Angst und Freiheit verweisen den Menschen auf seine Möglichkeiten und schärfen sein Bewusstsein für die ungewisse Zukunft. Die Möglichkeiten der Zukunft sind eng mit dem Gefühl der Hoffnung verbunden. Die Hoffnung ist der wirksamste Gegenspieler der Angst.

„Hoffnung ist eine Leidenschaft für das Mögliche“ (Kierkegaard)

Die Hoffnung ist für Kierkegaard eine Kraft, die dem Menschen seine Möglichkeiten in der Zukunft erschließt und ihn zum Handeln bringt und einen Sinn vermittelt (Möglichkeitssinn). Durch das sinnvolle Handeln werden aus Möglichkeiten schließlich Wirklichkeiten. Gerade dadurch verwirklicht sich die menschliche Existenz. Hoffnung bedeutet für Kierkegaard, das Gute für möglich zu halten, daran zu glauben und entsprechend zu handeln. Die Hoffnung richtet sich für ihn also nicht auf etwas Beliebiges, sondern auf das Gute. Dass sich auch böse Menschen, Verbrecher oder Kriminelle etwas erhoffen, taucht bei Kierkegaard nicht auch. Er bezieht sich mehrmals auf den Korinther-Brief des Apostels Paulus im Neuen Testament mit den Schlüsselbegriffen „Glaube – Hoffnung – Liebe“. Dabei entwirft er eine Synergie von Liebe und Hoffnung: Die Liebe wird „erbaut und genährt durch die Hoffnung“ und die Liebe „nimmt sich des Tuns der Hoffnung an.“

In den folgenden Zeilen, die wie ein Gedicht anmuten, lässt Sören Kierkegaard das Mögliche der Hoffnung anklingen:

„Wir sind verlorener,

als wir zugeben wollen,

und wir sind tiefer erlöst,

als wir es zu hoffen wagen.“

Die Kraft der Hoffnung bringt das Gute ins Leben und kann damit zur Existenzsteigerung beitragen. Friedrich Nietzsche hat das Werk von Sören Kierkegaard sehr geschätzt und er war wohl sein „Lieblingsphilosoph“. Philosophen wie Karl Jaspers haben in mehreren Publikationen die großen Gemeinsamkeiten der beiden Philosophen aufgewiesen. Bezüglich der Hoffnung unterscheiden sie sich. Nietzsche bezeichnete die Hoffnung als „das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert“. Für Sören Kierkegaard war die Hoffnung ein Lebenselixier. Der Philosoph Stefan Groß-Lobkowicz (2025) fasste einen Vergleich der beiden Philosoph in folgende Worte: „Wo Nietzsche kämpft, hofft Kierkegaard. Wo Nietzsche vernichtet, glaubt Kierkegaard – mit blutigem Herzen.“

Das Mögliche, für das sich Kierkegaard einsetzt, ist das Gute und hat einen christlich-religiösen Hintergrund. In modernen Philosophien der Hoffnung gibt es säkulare Konzepte, die mehr an der Psychologie als an Religion und Theologie orientiert sind. Diese betonen Hoffnung als aktives und zielgerichtetes Handeln. Der deutsche Philosoph Philipp Blom formulierte dies wie folgt:

„Hoffnung ist nur dann möglich, wenn sie Handlungsspielräume öffnet, die Fähigkeit, aus sich selbst heraus Veränderung zu bewirken.“ (Philipp Blom 2024, S. 154).

Diese aktive Hoffnung ist nach Blom ein Akt der „Selbstermächtigung“. Die Psychologie spricht in diesem Kontext von Selbstwirksamkeit. Hoffnung wird dabei immer mehr als ein wichtiger Resilienzfaktor aufgefasst, der die psychische Widerstandskraft des Menschen stärkt und damit die Bewältigung von Schicksalsschlägen, Traumata oder Krisen ermöglicht.

Trias von Angst, Verzweiflung und Hoffnung

Angst ist ein Schlüsselbegriff im Werk von Sören Kierkegaard. Drei seiner Hauptwerke („Der Begriff Angst“, „Furcht und Zittern“ und „Entweder – Oder“) widmen sich der Funktion, Dynamik und existenziellen Bedeutung der Angst. Die existenziellen Grundwidersprüche des Menschen (z.B. Zeit und Ewigkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit, Freiheit und Abhängigkeit) erzeugen im Menschen eine innere Zerrissenheit und stürzen viele in eine tiefe Verzweiflung. Die Hoffnung ist für Kierkegaard eine mögliche Antwort auf Verzweiflung oder Angst. Trotz aller Verzweiflung versucht der Mensch, „er selbst zu sein“ und seine Verzweiflung ist „eine Krankheit im Selbst“. Verzweiflung und Trotz sind eng miteinander verschränkt. Die Philosophin Julia Reiter (2025) spricht deshalb vom „trotzig verzweifelten Menschen“ und von einer „Trotzhoffnung“. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann (2023, 2024) sieht Hoffnung ebenfalls als eine mögliche „Trotzreaktion“, mit der sich Menschen unangenehmen Einsichten oder Wirklichkeiten verweigern können.

Claudia Pfrang, die Direktorin der Domberg-Akademie (Katholische Akademie der Erzdiözese München Freising) hat den Zusammenhang von Trotz und Hoffnung in dem folgenden Gedicht zum Ausdruck gebracht (Prang 2024):

Trotz

Sie trotzt der Angst

Sie trotzt dem Unwirtlichen

Sie trotzt der Verzweiflung

Trotz Risiko dem Leben trauen

Trotz Risiko weitergehen

Trotz Risiko in die Ferne blicken

Die Hoffnung trotzt allem

Belebt und beflügelt

Schenkt Zukunft

Claudia Pfrang (2024)

Enttäuschte Hoffnungen – Exkurs zum „Tagebuch des Verführers“

Zur Dialektik und Paradoxie der Hoffnung gehören auch die vielen Möglichkeiten falscher, unberechtigter oder enttäuschter Hoffnungen. Wie lange nehmen Menschen enttäuschte Hoffnungen hin und warten geduldig weiter, schöpfen immer wieder Hoffnung oder lassen sich von anderen Menschen Hoffnung machen? Dieses Phänomen spielt in Partnerbeziehungen oft eine große Rolle, in denen sich der unzufriedene Partner immer wieder „vertrösten“ lässt.

Wechselseitige Liebesenttäuschungen tauchten auch im Privatleben von Sören Kierkegaard auf. Er drängte seine noch minderjährige Partnerin Regine Olsen zur Verlobung. Als er sie im Jahr 1837 kennenlernte, war sie 15 Jahre und er 24 Jahre alt. Drei Jahre später haben sie sich verlobt, ein weiteres Jahr später hat er die Verlobung wieder gelöst. Die Beziehung mit Regine Olsen war die einzige Frauenbeziehung in seinem Leben (Garff 2004, Carlisle 2020).

Seine Konflikte und innere Zerrissenheit, seine Zweifel und seine Verzweiflung hat er in seinem Buch „Tagebuch des Verführers“ beschrieben. Dieses Tagebuch ist zuerst als Teil seines umfassenden Werkes „Entweder – Oder“ (1843) erschienen, das mehr als 800 Seiten hat. Das „Tagebuch des Verführers“ ist in den folgenden fast 200 Jahren immer wieder als eigenes Buch erschienen, hat in deutscher Sprache mit Abstand die häufigsten Neuauflagen und wurde zu einem späten Bestseller von Kierkegaard. Zuletzt erschienen Neuauflagen in den Verlagen Artemis & Winkler (2004) sowie im Manesse Verlag (2013). In diesem Buch um Verführung und Manipulation geht es auch um Erwecken von Hoffnungen und um enttäuschte Hoffnungen. Kierkegaard selbst inszeniert sich darin als der Verführer Johannes, der seine begehrte und junge Cordelia raffiniert für sich gewinnt und dann Macht und Kontrolle über sie ausübt.

Kritik der Hoffnung durch Sören Kierkegaard

Sören Kierkegaard hatte ein tiefes Gespür für die Dialektik und Paradoxie der Hoffnung. Er war sich der positiven und der negativen Seiten der Hoffnung bewusst und stellte sie auch in treffenden Bildern und Vergleichen dar.

„Die Hoffnung ist ein neues Stück Kleidung, steif und glatt und glänzend, man hat es jedoch noch nie angehabt und weiß daher nicht, wie es einen kleiden wird und wie es sitzt. Die Erinnerung ist ein abgelegtes Kleidungsstück, das, so schön es auch ist, doch nicht passt, da man herausgewachsen ist.“ (Kierkegaard)

So lebt der Mensch zwischen Erinnerung und Hoffnung, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das eine ist noch nicht da und ungewiss, das andere ist schon weg und nicht mehr da. Inwieweit ein Mensch durch Erinnerungen an wichtige Erfahrungen seiner Vergangenheit gewappnet ist gegen trügerische Hoffnungen in die Zukunft, ist ein wichtiges psychologisches Phänomen.

Eine bedeutsame Facette der Hoffnung spricht Kierkegaard an, wenn er beklagt, dass jede Hoffnung vage bleibt und in der Sphäre des Ungefähren und Ungewissen bleibt. Insofern warnt er:

„Die Hoffnung ist eine lockende Frucht, die nicht satt macht.“

In seinem Werk „Entweder – Oder“ schreibt er im Kapitel „Sich-erinnern und vergessen“:

„Die Hoffnung ist auf stürmischem Meere ein schlechter Kompaß. Sie war daher auch eine der bedenklichen Gaben des Prometheus. Den sterblichen Menschen schenkte er die Hoffnung, da sie nicht, wie die Götter, in die Zukunft sehen konnten.“ (Sören Kierkegaard in „Entweder – Oder“)

Literatur

Blom, Philipp, Hoffnung. Über ein kluges Verhältnis zur Welt. Hanser, München 2024

Carlisle, Clare, Der Philosoph des Herzens. Das rastlose Leben des Sören Kierkegaard. Klett-Cotta, Stuttgart 2020

Csef, Herbert, Sören Kierkegaard (1813 – 1855) – der „Sokrates von Kopenhagen“. Tabularasa Magazin vom 12. Mai 2026

Garff, Joakim, Kierkegaard. Hanser, München 2004

Groß-Lobkowicz, Stefan, Zwischen Ich und Abgrund: Kierkegaards Begriff der Angst und die Krankheit zum Tode. Tabularasa Magazin vom 9. Juni 2025

Kierkegaard, Sören, Entweder – Oder (1843)

Kierkegaard, Sören, Furcht und Zittern (1843)

Kierkegaard, Sören, Der Begriff Angst (1844)

Kierkegaard, Sören, Die Krankheit zum Tode (1849)

Kierkegaard, Sören, Gesammelte Werke, Eugen Diederichs Verlag, Jena 1950 – 1974

Kierkegaard, Sören, Deutsche Sören Kierkegaard Edition. In Zusammenarbeit mit dem Sören-Kierkegaard-Forschungszentrum Kopenhagen. Hrsg. Von Niels Jörgen Cappelörn, Hermann Deuser, Joachim Grage, Heiko Schulz. Walter de Gruyter, Berlin 2005ff.

Kierkegaard, Sören, Tagebuch des Verführers. Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf 2004

Kierkegaard, Sören, Tagebuch des Verführers. Manesse Verlag, Zürich, München 2013

Liessmann, Konrad Paul, Alles wird gut – Zur Dialektik der Hoffnung. Philosophie Magazin vom 28. September 2023

Liessmann, Konrad Paul, Sören Kierkegaard zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg

Pfrang, Claudia, Hoffnung – die zarte Kühnheit. Domberg Akademie (Katholische Akademie der Erzdiözese München Freising). Pfingsten 2024

Reiter, Julia, Trotzhoffnung – Auf Spurensuche mit Kierkegaard. Kontrapunkte vom 7. Juli 2025

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email:  herbert.csef@gmx.de

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.