Zum 90. Geburtstag dirigierte er selbst
„Die können’s aa ohne ihn.“ Ein Stammgast des Münchner Nationaltheaters in Reihe 14 wollte damit gewiss nicht am Können jenes Mannes zweifeln, der, vor einem Monat 90 geworden, am Pult des Bayerischen Staatsorchesters im Rollstuhl und mit Hilfe zweier kräftiger Herren in Schwarz angekommen war. Aber irgendwie hatte er nicht unrecht, auch wenn dieser Klangkörper eher mit Oper als mit Brahms’ Vierter und Schuberts „Großer“ verbunden ist. Die beiden romantischen Symphonien, nur von einer kurzen Pause getrennt, führte Zubin Mehta, 1936 in Mumbai geboren und von 1998 bis 2006 Generalmusikdirektor des Hauses, dessen Bühne er wohl mit diesem Konzert letztmals betreten hat, wunderbar diszipliniert, in guter Stimmung und bewundernswerter Verfassung durch den Abend.
Okka von der Damerau, die als von Mehta hochgeschätzter Mezzosopran nach ihrer 2016 unter seiner Stabführung blendend gesungenen Ulrica in Verdis „Ballo in Maschera“ ursprünglich in Mahlers Dritter hätte mitwirken dürfen, saß im Publikum. Wer entschieden fehlte, war Mehtas Nachfolger Vladimir Jurowski, der jedoch wenigstens an der Generalprobe teilnahm. Für ihn sprach zu Beginn der zweieinhalbstündigen, anstrengenden musikalischen Geburtstagsfeier Intendant Serge Dorny, dessen Text im Programmheft nachzulesen ist, wo er von Mehtas „Selbstverständlichkeit des Musizierens“ statt jeglicher „demonstrativer Deutung“ sprach.
Mehta, gebrechlich und geschwächt, aber wachen Blickes, unter Mühen ans Pult hinauf- und später wieder heruntergehoben, erinnerte bei seinem Münchner Gastdirigat nach Berlin und Wien an die Milde seiner Arbeit mit den Musikern des Hauses. „Alles, was ich versuche zu geben, bekomme ich von euch zehnfach zurück“ – dieser Dank an „sein Orchester“ wird nicht nur dieses zutiefst berührt haben. Die beschenkten und mit der goldenen Anstecknadel der Musikalischen Akademie dankenden Ausführenden applaudierten herzlich ihrem „alten“, liebevoll zugewandten Freund, der sichtlich große Mühe hatte, die Kraft zu bündeln, die er sich für diesen Abend aufgeladen hatte. Zwei schwerwiegende Stücke standen auf dem Programm, deren Gehalt sowohl rückwärtsgewandt bei Brahms als auch in die Zukunft weisend bei Schubert durch Mehtas zentrale Anwesenheit noch einmal besonders hervorgetrieben wurde. Mit Standing Ovations und lautstark wiederholten Bravo-Rufen wurde Zubin Mehta von seinem Publikum, sichtlich dominiert von Silbergrau und Faltenreichtum, entlassen.
„Wenigstens oana von de zwoa noch lebenden drei Tenören von Rom hätt aa komma kinna“, kommentierte besagter Staatsopern-Stammgast. Wer weiß, ob Carreras oder Domingo dafür Zeit gehabt hätten. Dass beide Mehta nicht weniger liebten als mancher versteckt anwesende Promi, steht außer Zweifel.

