Boris Palmer hält Dieter Nuhrs Pointe über Gewalt gegen Frauen für einen schweren Fehlgriff. Zugleich warnt er davor, aus einer misslungenen Satire sofort den Ruf nach Ausschluss, Bühnenverbot und moralischer Vernichtung abzuleiten.
„Bevor man über Dieter Nuhr urteilt, sollte man sich eine einfache Frage stellen: Worauf hat er in seiner Sendung eigentlich reagiert?
Die Antwort überrascht. Denn vieles von dem, was ihm heute als bloße Behauptung ausgelegt wird, findet sich tatsächlich in aktuellen Feuilletondebatten.
In der Süddeutschen Zeitung wurde vor wenigen Wochen geschrieben, Frauen müssten sich in heterosexuellen Beziehungen „statistisch gesehen sogar vor Gewalt fürchten“. In einem weiteren Essay der Süddeutschen zum 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns heißt es über deren berühmte Antwort auf die Frage, warum Männer „unheilbar krank“ seien:
„Die Naivität der Frage, die schmerzliche Gelassenheit der Antwort, klingen heute wie amüsant wiederholtes, aber doch uraltes Wissen über etwas, das nach den Akten mit den Namen Pelicot und Epstein, dem Aufbäumen der Manosphere, den öffentlichen und privaten Diskussionen über den Care Gap wieder mal offen zu Tage liegt und überall beredet wird.“
Man muss diese Texte nicht so lesen. Aber man kann auch nicht ernsthaft behaupten, Nuhr habe gegen ein Phantom argumentiert. Er griff eine tatsächlich existierende Debatte auf – eine Debatte, in der heterosexuelle Beziehungen zunehmend als strukturelles Risiko beschrieben werden und in der Bachmanns Satz über „die Männer“ ausdrücklich als heute wieder bestätigtes „uraltes Wissen“ eingeordnet wird.
Gerade deshalb halte ich die Kritik an dieser Stelle für berechtigt. Hier hat Dieter Nuhr einen gravierenden Fehler gemacht. Er wollte sich gegen pauschale Aussagen über Männer wenden. Stattdessen formulierte er eine Pointe, die den Eindruck erwecken konnte, Frauen müssten ihre Partner eben besser auswählen oder früher erkennen, mit wem sie es zu tun haben. Das ist bei Femiziden offenkundig Unsinn. Gerade diese Gewalt trifft Frauen häufig durch Männer, die sie seit Jahren kennen und denen sie vertraut haben. Wer daraus eine Pointe macht, greift daneben. Dieter Nuhr sollte sich deshalb auch nicht wundern, wenn Frauen, die selbst Gewalt in Beziehungen erlebt haben oder Angehörige von Femizidopfern sind, sich durch diese Pointe verletzt oder sogar verhöhnt fühlen. Diese Reaktion ist nachvollziehbar.
Etwas anderes ist jedoch die öffentliche Debatte. Dort sollte es nicht darum gehen, Menschen Absichten zu unterstellen, sondern darum, das tatsächlich Gesagte fair einzuordnen. Zwischen einer misslungenen Pointe und dem Vorwurf, jemand habe bewusst Opfer von Femiziden verhöhnen oder Frauenmorde relativieren wollen, liegt ein erheblicher Unterschied. Wer Nuhrs gesamten Beitrag betrachtet, erkennt, dass er sich gegen pauschale Aussagen über Männer wenden wollte. Man kann diese Argumentation kritisieren. Man kann sie für falsch halten. Aber daraus abzuleiten, er habe Frauen verhöhnen oder Gewalt relativieren wollen, wird dem Gesagten nicht gerecht.
Genau darin sehe ich ein wachsendes Problem unserer Debattenkultur. Einzelne Sätze werden aus ihrem Zusammenhang gelöst, die denkbar schlechteste Interpretation wird zur einzig zulässigen erklärt, und am Ende steht eine moralische Verurteilung der Person statt einer Auseinandersetzung mit ihrem Argument. Häufig bleibt es dabei nicht bei der Kritik an einer Äußerung. Es wird vielmehr die Frage gestellt, ob jemand überhaupt noch eine öffentliche Bühne haben oder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auftreten sollte. Wenn aus einer misslungenen Pointe der Ruf nach dem Ausschluss eines Menschen aus der öffentlichen Debatte wird, verliert die offene Gesellschaft ihre Gelassenheit. Dann geht es nicht mehr darum, Argumente zu prüfen, sondern Menschen aus dem Diskurs zu drängen.
Eine offene Gesellschaft muss mehr aushalten. Gerade Satire lebt von Zuspitzung, Überzeichnung und manchmal auch vom Scheitern. Man darf darüber streiten, ob eine Pointe gelungen ist oder nicht. Man sollte Satirikern aber nicht ohne Weiteres Haltungen unterstellen, die sie weder vertreten noch ausdrücken.
Deshalb verdient Dieter Nuhr in dieser Debatte aus meiner Sicht beides: Kritik für einen gravierenden satirischen Fehlgriff – und Solidarität gegen eine Empörungskultur, die Differenzierungen immer häufiger durch moralische Zuschreibungen ersetzt. Denn wenn wir diese Unterscheidung verlieren, verlieren wir am Ende die Fähigkeit, kontrovers zu diskutieren, ohne einander sofort die schlechtesten Motive zu unterstellen.“
Quelle: Facebook
