Grab auf Lebenszeit – In Pascal Garniers Roman über eine Seniorenresidenz in Südfrankreich stirbt niemand vor Langeweile

Mond gefangen in einem toten Auge

In vielen Kulturen wird älteren Menschen besonderer Respekt entgegengebracht. In Deutschland ist dies nicht unbedingt der Fall, wenn man sich die Diskussionen über die vermeintlichen Versäumnisse und Fehler der „Babyboomer“ anschaut. Demnächst soll der deutsche Michel brav bis 70 arbeiten. Der „Ökonom“ Marcel Fratzscher forderte sogar einen Pflichtdienst für Rentner. Die ältere Generation müsse sich einfach stärker einbringen – ob im Sozialbereich oder bei der Verteidigung. In Frankreich sieht das etwas anders aus. Dort sind die Renten höher, und man geht deutlich früher in den Ruhestand. Für die Thesen eines Herrn Fratzscher hätten die widerborstigeren Gallier wahrscheinlich nur ein müdes Lächeln übrig.

Aber was machen die Menschen eigentlich, wenn sie älter werden? Martial, einer der Protagonisten in Pascal Garniers Kurzroman „Mond gefangen in einem toten Auge“, beantwortet diese Frage wie folgt: „Und dann werden die Leute älter und ziehen weg, um ihren Ruhestand im Département Indre-et-Loire zu verbringen, in der Bretagne oder in Cannes…oder auf dem Friedhof.“ Dieser Satz ist ein Beispiel für den trockenen, schwarzhumorigen Stil, den der 2010 verstorbene Autor in seinen Büchern anschlägt, die derzeit nach und nach vom Wiener Septime-Verlag herausgegeben werden.

Es fällt schwer, die oft nur 120 Seiten langen Bücher von Garnier auf einen Nenner zu bringen. Handelt es sich um Kriminalromane? Die schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy nennt sie eine „berauschende, schmuddelige, klasse Lektüre“.

„Mond gefangen in einem toten Auge“ spielt in einem brandneuen Seniorenwohnheim in Südfrankreich. Trotz der Kürze des Textes lässt sich die Handlung nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen – dafür ist sie zu wild und turbulent. Die Anzahl der Figuren ist überschaubar. Die ersten Bewohner der Residenz sind Odette und Martial, die dort zunächst „in tiefster Einsamkeit“ leben und zu dem Schluss kommen: „Wir haben uns ein Grab auf Lebenszeit gekauft“. Freundlicher wird die Seniorenanlage auch nicht nur die Anwesenheit des Hausmeisters „Mr. Flesh“, einem grimmigen Gesellen. Dass er zum Zeitvertreib Katzen totschlägt, macht ihn einem nicht sympathischer.

Nach einiger Zeit gesellt sich auch das Ehepaar Marlène und Maxime hinzu. Marlènes Jungmädchengestalt ist zwar durchaus noch rank und schlank, „doch ihre fleckige und etliche Male geliftete Haut verlieh ihr das Aussehen eines welken Renette-Apels“. Später zieht auch die lesbische Léa ein.

Was veranstaltet man mit älteren Menschen, die ihre innere Leere mit dem Kochen möglichst exotischer Gerichte und anderen mehr oder minder sinnvollen Tätigkeiten füllen möchten? Man betreut sie. Und jetzt tritt Nadine auf den Plan, die bisher nur mit Kindergruppen gearbeitet hat und in Klubs für gelangweilte Hausfrauen. Jetzt sind eben die Senioren dran. Mit den Alten hat sie zwar keinerlei Erfahrung, aber mit Makramee, Modellieren, Seidenmalerei und Halsketten aus Nudeln werden sie schon zu bespaßen sein.

Gar nicht nett ist das, was Nadine über ihre frühere Klientel sagt, während sie ihre Nerven mit diversen Joints zu beruhigen versucht: „Sie hatte es satt, Kinderhände in Tonerde und Farbtöpfen herumpantschen zu lassen. Sie konnte es immer weniger ertragen. Die Zeichnungen widerten sie an. Die Kinder waren alle völlig unbegabt und schlecht erzogen. Warum nicht zur Abwechslung mal die Alten?“

Diese Sätze mögen sich grausam anhören. Aber könnte dieser zynische Blick nicht auch einiges über die Realität in so mancher Kita oder so manchem Seniorenheim aussagen, wenn man einmal puderzuckrige Sonntagsreden beiseiteschiebt? Auf jeden Fall macht Nadine sogleich recht gute Erfahrungen. So kompliziert erscheinen die Alten in Les Convivales nämlich gar nicht – „solange man ihnen nicht widersprach“.

Der volle Wahnsinn bricht sich Bahn, als eine Gruppe von „Zigeunern“ (so die nicht mehr als korrekt geltende Bezeichnung im Buch, im Klappentext ist von Roma die Rede) ihr Lager vor den Toren der umzäunten Seniorenresidenz aufschlagen. Diese Menschen kampieren dort und tun niemandem etwas zuleide, werden aber von den isolierten Bewohnern als latente Bedrohung wahrgenommen. Und auf einmal eskaliert die Situation und es passiert sehr viel.

Vor Langeweile sterben die Bewohner nun nicht mehr. Der Hausmeister wird erschossen, eine Bewohnerin wird erstickt, ein Feuer bricht sich Bahn und nähert sich bedrohlich dem Sicherheitszaun. Der Leser vermag gar nicht mehr zwischen Realität und Nichtrealität zu unterscheiden. Was ist die Moral von der Geschichte? Die gibt es gar nicht. Neben dem ziemlich abgefahrenen Plot ist die fettfreie Sprache Garniers ein Genuss, die nur aus Muskelfleisch besteht. Ein Krimi auf 120 und nicht auf 700 Seiten: das geht offensichtlich. Und auch wenn keine der geschilderten Personen hundertprozentig sympathisch erscheint – wer ist das schon im „normalen“ Leben? – gibt es auch berührende Momente. Marlène etwa schwärmt immer wieder – zum Leidwesen ihres Mannes – von der Brillanz ihres Sohnes, der aber schon längst verstorben ist, was die Mutter nie verarbeitet hat.

Garnier zeichnet unsere Gesellschaft wie eine öde Landschaft – sinnlos und leer. Diese Sichtweise muss man nicht teilen. Aber die Lektüre seiner schmalen Bücher und die Auseinandersetzung mit dem Werk Garniers lohnt allemal.

Pascal Garnier: Mond gefangen in einem toten Auge. Septime Verlag: Wien 2026. 129 Seiten, 20 Euro.

Über Ansgar Lange 34 Artikel
Ansgar Lange wurde 1971 in Arnsberg / Westfalen geboren. Er studierte Politische Wissenschaft, Geschichte und Germanistik in Bonn und schrieb seine Magisterarbeit über "Christa Wolf und die DDR" bei Professor Hans-Peter Schwarz. Während seines Studiums war er freier Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Schloss Eichholz . Anschließend arbeitete er in einer Bonner Kommunkationsagentur und journalistisch (u. a. Deutschlandfunk, Die Furche, Die Tagespost, Die Politische Meinung, Die Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte). Seit 2009 ist er als Geschäftsführer einer Ratsfraktion in Remscheid tätig.