Zwischen 40 bis 60 Prozent aller Gymnasiasten fehlt die fachliche und persönliche Eignung für diese Schulform. Das ist die lange totgeschwiegene Erkenntnis aus dem jüngsten Abiturdebakel in der mecklenburg-vorpommerschen Provinz. Derweil die Lösung nur im Zurück zum dreigliedrigen Schulsystem mit neunjährigem Gymnasium liegen kann.
Irgendwie erinnern die jüngsten Vorgänge mit 35 Prozent Durchfallquote im Abitur am Robert Stock Gymnasium in Hagenow, Mecklenburg-Vorpommern an „Des Kaisers neue Kleider“ des dänischen Märchenautors Hans Christian Andersen von 1837: Alle wissen, dass der Kaiser nackt ist. Doch keiner traut sich, das zu sagen. „Da wir alle betrogen werden wollen“, so die unmissverständliche Botschaft Andersens an seine Leserschaft
Bezogen auf die Situation in Hagenow und an vielen anderen deutschen Gymnasien: Viele wissen, dass ein Großteil der Schüler dort mangels Eignung nicht hingehört. Doch kaum wer hat den Mut, das offen auszusprechen. Die Lehrer nicht, weil sie froh sind, dort zu unterrichten. Und klammheimlich das Privileg genießen, ihr Brot nicht an einer Gesamt- oder Gemeinschaftsschule verdienen zu müssen. Die Schulleiter nicht, weil sie Ärger mit dem vielerorts rot oder grün geführten Schulministerium meiden. Und die Eltern nicht, weil sie ihre Kinder grundsätzlich für die Besten, Schlauesten und Klügsten unter der Sonne halten, was man ihnen nicht mal verübeln kann.
Auf der Strecke bleibt oft die allen anvertraute Schülerschaft. Von der inzwischen knapp 50 Prozent eines Jahrgangs das Gymnasium als Schulform wählt – und damit in vielen Fällen überfordert ist. Worüber man ungern spricht, sich als Lehrer schnell angreifbar macht und noch schneller in einer vermeintlich „rechten“ Ecke verortet wird. Letzteres nicht ganz zu Unrecht: Denn in der Tat fordert etwa die Alternative für Deutschland (AfD) schon seit Langem, den Zugang zum Gymnasium auf maximal 25 Prozent eines Jahrgangs zu begrenzen. Da die Missstände an dieser Schulform immer deutlicher zutage treten, jüngst in Hagenow ebenso wie andernorts.
Dreigliedriges Schulsystem hat sich bewährt
Derweil eine Lösung auf sich warten lässt. Und wohl nur in einem konsequenten Zurück zum dreigliedrigen Schulsystem mit strenger Begrenzung des Zugangs zum Gymnasium bestehen kann – da unterschiedliche Begabungsprofile naturgemäß auch unterschiedliche Schulformen erfordern. Was andere Länder dadurch geregelt haben, dass sie den Zugang zur Hochschule durch strenge Zugangsprüfungen begrenzen, etwa in Spanien mit dem Curso de Orientacion Universitario (COU), der alljährlich Tausende Studierwillige ins Schwitzen bringt.
Das Problem in Deutschland: In den meisten Bundesländern, etwa seit 2011 in Sachsen-Anhalt, entscheiden allein die Eltern, ob der Sprössling aufs Gymnasium geht oder nicht; egal wie belichtet oder unterbelichtet der ist. Auf eine Schulform, von der sich der Volksglaube bis heute Aufstieg und Wohlergehen erhofft, gleichwohl sozialer und technologischer Wandel auch dort nicht Halt gemacht haben. Und KI der vermeintlichen „Wissensgesellschaft“ allerorts ihre Grenzen zeigt.
Mit der Folge, dass sich auch an den Gymnasien längst eine Zweiklassengesellschaft aufgetan hat: Bestehend aus jenen, die wirklich lernen wollen und alles Neue begierig in sich aufsaugen.
Und jenen, die sich dort gemütlich eingerichtet haben, indem sie sich dank des Handykontrollierens überdrüssiger Lehrer von Schuljahr zu Schuljahr hangeln und sogar – wie jüngst in Hagenow – den Zugang zur Abiturprüfung schaffen; alberner Verbote und kaum zu kontrollierender Restriktionen im Schulalltag hin oder her. Betrogen wird, was das Zeug hält.
Wobei auch Hausaufgaben mehr und mehr zum Relikt verkommen, zum KI generierbaren Schmarrn von gestern, den kaum noch wer ernst nimmt. Und sich Lehrer der Lächerlichkeit preisgeben, sobald sie diese auch noch kontrollieren.
Doch dann vielleicht Referate oder Facharbeiten? Sorry, besser wäre es, von papiernen Fleißarbeiten zu sprechen; seitenlangen Druckerzeugnissen, die bevor sie gehalten oder verteidigt werden, den schulinternen Lügendetektortest bestanden haben müssen, da KI bekanntlich fast alles ermöglicht.
Dass angesichts solcher Zustände, die sich in Hagenow wie unter einem Brennglas zeigen, das Gymnasium mehr und mehr ins Hintertreffen gerät, ist offensichtlich. Derweil das Handwerk nie geahnte Perspektiven bietet und schon in der Ausbildung höhere Löhne zahlt als der Bafög-Höchstsatz. Eben weil sich ein neues Bad oder der Einbau einer modernen Küche oder Heizung nur bedingt am PC bewerkstelligen lässt, es dafür versierter Praktiker bedarf, die sich das inzwischen gut bis sehr gut bezahlen lassen; und sich damit der Gang zur Haupt–, Real- oder Sekundarschule als echte Zukunftsinvestition entpuppen kann. Womit wir erneut beim historisch gewachsenen und historisch bewährten, dreigliedrigen Schulsystem wären.
Wohin nach dem Abi?
Leider sind es die Massen an Gymnasiasten, die bei dieser Entwicklung ins Hintertreffen geraten; jene mehr oder minder ehrgeizigen jungen Menschen, die sich Jahrzehnte auf der intellektuellen Überholspur gewähnt hatten und für körperlich hart arbeitende Mitbürger oft nur ein müdes Lächeln übriggehabt haben. Um sich immer öfters die Frage zu stellen: Quo vadis? Wohin gehe ich nach meinem Abitur? Wenn das, was am Gymnasium gelernt, gelehrt oder per Handy in Prüfungen erschummelt wurde, am Ende kaum noch wen interessiert.
Erstaunlicherweise haben inzwischen auch die Klassenkampf erprobten Gesamt- und Gemeinschaftsschulapologeten bei Grünen, SPD und Linken die Zeichen der Zeit erkannt. Und als Reaktion auf die Geschehnisse in Hagenow kurzerhand in ihrem Bundesland eine Versetzung in Klasse 7 mit einer „5“ in Mathematik, Deutsch oder erster Fremdsprache per Erlass zur Unmöglichkeit erklärt. Was in der Praxis dazu führen dürfte, dass künftig wieder mehr Schülerinnen und Schüler das Gymnasium frühzeitig verlassen. Und wir vielleicht tatsächlich bald bei jenen 25 Prozent eines Jahrgangs sind, die auch Experten für grundsätzlich gymnasial erachten.
