Der Streit um Gianni Infantinos Investorenmodell hat die nächste Eskalationsstufe erreicht. Die 55 UEFA-Verbände beschlossen am Donnerstag einstimmig: Wird der geplante Anteilsverkauf umgesetzt, wollen sie künftigen FIFA-Turnieren fernbleiben. Auch aus Asien und Nordamerika wächst der Widerstand.
Die 55 Mitgliedsverbände der UEFA haben am Donnerstag in einer digitalen Dringlichkeitssitzung einstimmig beschlossen, FIFA-Turniere zu boykottieren, falls Präsident Gianni Infantino seinen Plan zum Verkauf von Anteilen an einer neuen kommerziellen FIFA-Gesellschaft umsetzt. Über den Beschluss berichteten Reuters, Sky Sports und The Times. Damit ist aus dem Streit über das neue Geschäftsmodell eine offene Auseinandersetzung zwischen der FIFA-Spitze und dem europäischen Fußball geworden.
Die gerade beendete Männer-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko ist davon nicht betroffen. Der erste große FIFA-Termin, den ein solcher Boykott treffen könnte, ist die Frauen-Weltmeisterschaft 2027 in Brasilien. Sie soll nach Angaben der FIFA vom 24. Juni bis 25. Juli 2027 stattfinden. Danach folgt die Männer-WM 2030. Ohne die europäischen Nationalteams wären beide Turniere sportlich und wirtschaftlich erheblich geschwächt.
4,2 Milliarden Dollar für einen Anteil
Im Mittelpunkt des Streits steht FIFA Forward Enterprise, kurz FFE. In der neuen Tochtergesellschaft will die FIFA ihre kommerziellen Aktivitäten und Veranstaltungen bündeln. Laut der offiziellen Mitteilung des Weltverbandes soll die Kontrolle bei der FIFA bleiben; zugleich ist vorgesehen, Minderheitsanteile an externe Investoren abzugeben. Nach Medienberichten und ausgewerteten Unterlagen wird die Gesellschaft mit rund 20 Milliarden US-Dollar bewertet. Ein Verkauf von etwa 20 Prozent könnte rund 4,2 Milliarden Dollar einbringen.
Infantino wirbt für das Modell mit deutlich höheren Fördermitteln für die 211 FIFA-Mitgliedsverbände. Ab 2027 soll jeder Verband zusätzlich eine einmalige Finanzierung von bis zu 20 Millionen Dollar erhalten können, neben höheren Zahlungen aus dem regulären Forward-Programm. Reuters berichtet, für Verbände, die dem Modell bis zum 19. September zustimmen, könnten insgesamt bis zu 40 Millionen Dollar vorgesehen sein.
UEFA wirft FIFA mangelnde Transparenz vor
Die UEFA kritisiert vor allem das Verfahren. Nach ihrer Darstellung treibt die FIFA eine weitreichende wirtschaftliche Entscheidung voran, ohne Konföderationen, Verbände, Klubs, Spieler und Fans ausreichend einzubeziehen. Die Associated Press zitierte den europäischen Verband mit scharfer Kritik: Fußball und seine Führung dürften nicht wie gewöhnliche Vermögenswerte behandelt werden, über deren Zukunft ohne Transparenz entschieden werde.
Dass die europäischen Verbände so geschlossen reagieren, hat eine Vorgeschichte. Schon 2018 versuchte Infantino, private Milliardenfinanzierung für neue FIFA-Wettbewerbe zu organisieren. Das Vorhaben scheiterte damals am Widerstand aus Europa. Beim jetzigen Projekt geht es um deutlich mehr: Die kommerzielle Struktur rund um Weltmeisterschaften und weitere FIFA-Veranstaltungen soll in einer eigenen Gesellschaft gebündelt werden, an der private Investoren beteiligt wären.
Auch AFC und Concacaf fühlen sich übergangen
Der Ärger beschränkt sich nicht auf Europa. Die Asiatische Fußball-Konföderation AFC erklärte, sie sei vor der öffentlichen Bekanntgabe nicht konsultiert worden. AFC-Präsident Scheich Salman bin Ebrahim Al-Khalifa nannte dieses Vorgehen laut Reuters nicht hinnehmbar und forderte mehr Zeit, um die rechtlichen, finanziellen und organisatorischen Folgen zu prüfen.
Ähnlich reagierte Concacaf. Der Guardian berichtete, der Verband für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik habe die Einzelheiten erst aus Medienberichten erfahren. Damit gibt es inzwischen aus UEFA, AFC und Concacaf offenen Widerstand gegen das Vorgehen der FIFA. Diese drei Konföderationen vertreten zusammen einen großen Teil der 211 Mitgliedsverbände.
Europas Hebel sind die großen Nationalteams
Für die FIFA ist die Drohung vor allem deshalb ernst, weil die europäischen Verbände einen großen Teil der sportlich und kommerziell wichtigsten Nationalmannschaften stellen. Eine Weltmeisterschaft ohne Deutschland, Spanien, Frankreich, England, Italien, die Niederlande oder Portugal wäre kaum noch mit einem regulären FIFA-Turnier vergleichbar. Sky Sports verweist deshalb auf das Risiko für den Investorenplan: Wer Milliarden investieren soll, muss damit rechnen, dass Europas Teams den betroffenen Wettbewerben fernbleiben.
Hinzu kommt, dass die FIFA selbst auf Rekordeinnahmen und eine starke Finanzlage verweist. Kritiker fragen deshalb, weshalb überhaupt Anteile an der wirtschaftlichen Struktur rund um die Weltmeisterschaften an private Investoren verkauft werden sollen. Die FIFA hält dagegen, zusätzliches Kapital könne die Förderung des Fußballs weltweit deutlich ausweiten; die sportlichen Entscheidungen sollten weiterhin allein beim Verband bleiben.
Infantino muss reagieren
Die europäischen Verbände haben bislang keinen konkreten Wettbewerb abgesagt. Ihr Beschluss knüpft den Boykott an eine klare Bedingung: Er soll greifen, wenn die FIFA den Anteilsverkauf tatsächlich umsetzt. Der Druck entsteht also vor dem Abschluss des Geschäfts. Investoren, FIFA-Mitglieder und die übrigen Konföderationen wissen nun, mit welcher Konsequenz die UEFA auf dem eingeschlagenen Kurs droht.
Wie Infantino darauf reagiert, ist offen. Die FIFA kann das Modell ändern, mehr Zeit für Beratungen einräumen oder versuchen, unter den 211 Mitgliedsverbänden genügend Zustimmung zu sichern. Fest steht lediglich, dass es inzwischen nicht mehr allein um Fördergelder und Unternehmensanteile geht. Der Streit berührt die Machtverteilung im Weltfußball und die Frage, wie viel Einfluss private Investoren auf seine wirtschaftlichen Strukturen erhalten sollen.
