Im dritten Teil der Reihe richtet sich der Blick auf Frankreich und das British Empire. Der Beitrag zeigt, wie Staat, Kirche und Presse antirussische Feindbilder für Kriege und geostrategische Ziele nutzten, wie der Krimkrieg propagandistisch begleitet wurde und warum sich das britische Feindbild schließlich gegen das Deutsche Kaiserreich verlagerte.
III.
Die Instrumentalisierung des Russen-/Russlandhasses in Frankreich und im British Empire im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts
1. Der Russen-/Russlandhass in Frankreich
In Frankreich gab es im 19. Jahrhundert vier Höhepunkte einer feindseligen Stimmung gegen Russland:
- Der erste begann vor/mit dem gescheiterten Russlandfeldzug Napoleons 1812. Zur Rechtfertigung dieses Feldzuges ließ Napoleon ein gefälschtes Testament von Zar Peter dem Großen verbreiten, das angeblich Pläne zur Eroberung des westlichen Europas beinhalten sollte. Napoleon stellte sich somit als Verteidiger des Abendlandes dar. Als nun 1814 russische Truppen in Paris einmarschierten, sahen sich viele Franzosen bestätigt in ihren von Napoleon und der Presse geschürten Vorurteilen, was in Wirklichkeit eine Verdrehung von Ursache und Wirkung ist.
Zudem war Frankreich in Europa lange Zeit diplomatisch isoliert. Dadurch entstanden Frustration und ein tiefes Misstrauen.
- Die französischen Könige verstanden sich als Schutzmacht der Katholiken. Das färbte auch auf die französische Kirche ab. Als 1830/31 russische Truppen den polnischen Novemberaufstand niederschlugen, wurde eine antirussische Stimmung seitens des Staates und seitens der Kirche geschürt. Der französischen Öffentlichkeit wurde das Bild vermittelt, Russland sei eine unberechenbare, barbarische und despotische Macht. Zudem sei die orthodoxe Kirche „schismatisch“.
- Der Russen-/Russlandhass erlangte seinen absoluten Höhepunkt im Vorfeld und während des Krimkrieges (1853‒1856). Der französische Staat, die Kirche und die Presse schürten Angst vor einer russischen Expansion und zeichneten das Bild, als wenn es hier um den Kampf gegen einen Despoten ginge. Damit sollte die Teilnahme Frankreichs an dem Krieg moralisch gerechtfertigt werden.
In einer Ausgabe der Zeitung „Spectateur de Dijon“ von 1854 war zu lesen: „Russland stellt eine besondere Gefahr für alle Katholiken dar. […] Wir wissen, dass man in St. Petersburg davon träumt, dem Westen eine religiöse Autokratie aufzuerlegen. Dort hoffen sie, uns durch die grenzenlose Expansion ihrer Militärmacht zu ihrer Häresie bekehren zu können. Wenn sich Russland auf dem Bosporus festgesetzt hat, wird es Rom und Marseille gleichermaßen schnell erobern.“
- Nach dem Pariser Kongress (Friedensschluss) 1856 unternahm Napoleon III. Annäherungsversuche an Russland. Die Russophobie flaute in Frankreich ab. Als 1863/64 der polnische Januaraufstand von russischen Truppen niedergeschlagen wurde, flammte erneut eine antirussische Stimmung auf.
Mit dem Deutsch-Französischem Krieg (1870/71), den Frankreich verlor und infolgedessen Elsass und Lothringen an das Deutsche Kaiserreich abtreten musste, änderte sich das Feindbild. Fortan war das Deutsche Kaiserreich der Feind Nummer eins. Die antirussische Stimmung flaute Anfang der 1890erJahre ab, spätestens mit dem Abschluss der Franko-Russischen Allianz im Jahre 1894. Erinnert sei an den von der Politik und von der Bevölkerung frenetisch gefeierten Besuch eines russischen Flottengeschwaders in Toulon im Jahre 1893. Seitdem gab es mehrere russische Flottenbesuche, die allesamt auf eine Welle der Begeisterung stießen. An die Stelle der Russophobie trat nun die Russophilie. Der Stimmungsumschwung war für die französische Machtelite notwendig, um ungestört Russland durch Kredite industriell und militärisch so stark zu machen, dass an der Ostgrenze des Deutschen Kaiserreiches ein ernst zu nehmender Gegner heranwüchse. Russland wurde in kürzester Zeit der größte Schuldner Frankreichs …
2. Der Russen-/Russlandhass im British Empire
a. Phasen der Russophobie
Im British Empire gab es nicht wie in Frankreich zeitlich abgegrenzte Wellen von Russophobien. Es existierte ein latenter Russen-/Russlandhass seit den 1820erJahren bis mindestens 1895, der noch durch bestimmte außenpolitische Ereignisse verstärkt wurde. Diese latente Russophobie im englischsprachigen Raum ist dem „Great Game“ geschuldet. Der Hintergrund dieses Konflikts: Seit dem Wiener Kongress (1814‒15) avancierte Russland zu einer führenden Kontinentalmacht. Das britische Establishment befürchtete seit den 1820erJahren, dass Russland den Iran, Afghanistan sowie die zentralasiatischen Khanate unterwerfen und somit eine Gefahr für ihre Kronkolonie Indien werden könnte. Ob diese Gefahr überhaupt realistisch war, steht auf einem anderen Blatt. Der britische Historiker Orlando Figes stellt in seinem Buch „Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug“ sogar fest, dass ein Großteil der „offiziellen britischen Kreise“ nicht an eine Bedrohung durch die Russen geglaubt habe, diese Ängste aber dennoch jahrzehntelang durch die Presse habe schüren lassen. Mit der Festlegung der Grenze im Pamir-Gebirge im Jahre 1895 wurde zumindest dieser Konflikt entschärft.
Kleinere Höhepunkte der Russophobie waren die Niederschlagung des polnischen Aufstandes 1830/31, die Aufstände der Ungarn 1849 und nochmals der Polen 1863/64. Russland machte sich bei vielen Briten als Gendarm Europas verhasst, der die Freiheitsbewegungen niederkartätschte. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Darauf wird noch eingegangen.
Der absolute Höhepunkt der antirussischen Stimmung wurde zwischen 1850 und 1880 erreicht. In diesem Zeitraum fanden der Krimkrieg (1853‒56) und der Russisch-Osmanische Krieg (1877‒78) statt. Während Königin Victoria und Prinz Albert gegen eine Teilnahme am Krieg waren und auf Diplomatie setzten, gab es starken Druck seitens konservativer Abgeordneter, seitens der Presse und seitens der Kirche. Von ihnen wurde der Krieg regelrecht herbeigeschrieben und herbeigeschrien. Prinz Albert wurde wegen seiner pazifistischen Haltung bezichtigt, „daß er ein preußischer Spion sei und sich von den Russen hinters Licht führen lasse“. Es wurden Gerüchte verbreitet, er stehe „unter Anklage wegen Verrats“ und sei in den Tower überführt worden.
b. Die Rolle der anglikanischen Kirche beim Russen-/Russlandhass
Die anglikanische Kirche (Anglican Communion) betrachtete sich als die Speerspitze der Menschheit. Der Hass auf die Orthodoxen muss so groß gewesen sein, dass sie sich darin verstiegen, zu behaupten, der Islam sei eine segensreiche Macht über das orthodoxe Christentum. Der Islam sei wesentlich toleranter als die despotische Orthodoxie. Tatsache ist aber, dass im Osmanischen Reich allein die orthodoxe Bevölkerung, die Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen 34 % und 40 % der Gesamtbevölkerung ausmachte, die Steuerlast zu tragen hatte und vor Gericht das Wort des Orthodoxen nicht zählte. Und so gab es die kuriose Situation, dass die Begeisterung der Briten für die Aufstände der Bosnier, Serben, Montenegriner, Griechen, Bulgaren und Rumänen gegen die Osmanen eher gedämpft oder gar nicht vorhanden war. Seit Napoleons Ägyptenfeldzug herrschten besonders bei den wohlhabenden Schichten im westlichen Europa eine Faszination für den und eine Romantisierung des Orients. So haben beispielsweise reiche Europäer Herrenhäuser in orientalischem Stil errichten lassen. (In Genzrode, in der Nähe von Neuruppin, steht zum Beispiel ein 1861 von einem reichen Kaufmann in maurischem Stil gebautes Haus, das leider eine Ruine ist und dessen Schönheit man trotzdem noch erahnen kann.) Hat der Orientalismus dazu beigetragen, dass die Pfarrer der anglikanischen Kirche die Zustände im Osmanischen Reich verklärten?
Im 19. Jahrhundert griff die Anglikanische Kirche, allen voran die Church of England, bezüglich der Russophobie folgende Themen besonders gern auf:
- Sie, als Vertreter des Protestantismus, zog eine scharfe religiöse Abgrenzung zur Orthodoxie. Die Pfarrer vermittelten den Gläubigen das Bild, die (Russisch-)Orthodoxen seien in Wirklichkeit keine Christen. Russland sei daher ein gottloses Reich, das zudem auch noch autokratisch und rückständig sei.
- Sie unterstützte moralisch jeden Konflikt mit Russland. Im Vorfeld und während des Krimkrieges riefen Pfarrer von den Kanzeln herab zum „heiligen Kampf“ auf, um das Osmanische Reich (in Wirklichkeit die Interessen des British Empires) zu verteidigen.
- Sie sekundierte jede Maßnahme des Staates, um imperiale Interessen durchzusetzen. Russische Absichten wurden hingegen in schlechtes Licht gerückt.
- Russland wurde immer wieder vorgeworfen, eine Autokratie und ein „barbarischer Tyrannenstaat“ zu sein.
- Im viktorianischen Zeitalter vermischte sich immer mehr der religiöse Missionsdrang mit dem Sozialdarwinismus und Rassismus („Civilizing Mission“). So seien die Russen eigentlich keine Europäer, sondern Asiaten, also „savages“ (Wilde). „Asiatisch“ zu sein, war das Synonym für mangelnde individuelle Freiheit, Despotismus und Tyrannei. Die Briten seien daher den Russen in allen Belangen überlegen.
Neben der Kirche vertraten auch die britische Presse sowie die Politiker David Urquhart und Lord Palmerston lautstark die Ansicht, Russland sei eine fremde asiatische Macht, die nicht zum auserwählten Kreis der zivilisierten europäischen Nationen gehöre. Urquhart, der in den 1830erJahren in Konstantinopel (Istanbul) als Diplomat arbeitete, fälschte russische Diplomatendepeschen und ließ sie von der britischen Presse veröffentlichen mit dem Ziel, Russland in einem ungünstigen Licht stehen zu lassen und die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen zu unterstreichen.
c. Der Krimkrieg: Wie der hohe moralische Anspruch pervertiert wurde
Lord Palmerston (Henry John Temple), der sowohl als Premier- als auch als Außenminister fungierte, hob 1848 in einer Rede hervor, dass das British Empire die moralische Spitze für „Freiheit, Zivilisation und Freihandel“ sei. Das British Empire führte weltweit viele Kriege. Wie sehr Anspruch und Wirklichkeit auseinanderlagen, zeigte besonders der Krimkrieg:
Im Krimkrieg (1853‒1856) standen sich die Russen auf der einen Seite und Briten, Franzosen und Türken auf der anderen Seite gegenüber. Die Gründe für die Teilnahme der Franzosen und Briten am Krieg waren keineswegs uneigennützig und ehrenvoll. Frankreich wollte nach vielen Jahren der Isolation wieder gleichberechtigt am Tisch der fünf europäischen Großmächte sitzen. Zudem hatte sich Kaiser Napoleon III. 1851 an die Macht geputscht und wollte, dass sich durch einen Krieg die inneren Unruhen in Luft auflösten. Das Osmanische Reich befand sich in einer semikolonialen Abhängigkeit vom British Empire. Der britische Botschafter im Osmanischen Reich galt als Souffleur des Sultans, zumindest für die Bereiche in der Politik, die britische Interessen tangierten. Zudem war das Osmanische Reich in einem hohen Maße ökonomisch abhängig von der britischen Wirtschaft. Dieser Zustand sollte erhalten bleiben und nicht durch Russland destabilisiert werden.
Der Krimkrieg gilt einerseits als ein „moderner“ Krieg. Er war aber auch der grausamste und der am schlechtesten organisierte im 19. Jahrhundert. In diesem starben zwischen 650.000 und 800.000 Soldaten. Die meisten wurden durch Krankheiten wie Typhus, Cholera und Ruhr dahingerafft oder erfroren. Einschließlich der Zivilbevölkerung dürften bis zu einer Million Tote zu beklagen sein. Die hohe Anzahl von Toten in der Zivilbevölkerung kam dadurch zustande, dass Franzosen, Briten und Türken Kriegsverbrechen begingen. Sie beschossen das russische Militär und die Zivilbevölkerung gleichermaßen und begingen Massaker. Sewastopol wurde 349 Tage lang ununterbrochen mit Kanonen beschossen, bis kein Stein mehr auf dem anderen war. Selbst zivile Gebäude wurden zerstört. Dabei starben viele Zivilisten. Im Mai 1855 eroberten 15.000 französische, britische und türkische Soldaten die Hafenstadt Kertsch. Sie plünderten, vergewaltigten Frauen, begingen Kunstdiebstähle, zerstörten alles und massakrierten die Bevölkerung. Die aus dem Museum von Kertsch gestohlenen antiken Kunstschätze, insbesondere die Goldschmiedearbeiten aus den Skythen-Gräbern, werden noch heute im Pariser Louvre ausgestellt …
Als die Russen die Belagerung von Sewastopol aufbrechen wollten, kam es am 5. November 1854 zur Schlacht bei Inkerman, die mit dem Sieg der Alliierten endete. Es war insofern die blutigste Schlacht des 19. Jahrhunderts, als innerhalb von nur zwölf Stunden 17.500 Tote und Verletzte zu beklagen waren.
Es gibt Berichte, wonach französische und britische Soldaten/Offiziere tatenlos zuschauten, wie türkische Soldaten russische Kriegsgefangene zerstümmelten und erschossen.
Wo war in all den genannten Fällen die von der britischen Machtelite in der Öffentlichkeit gepriesene „höherstehende europäische Zivilisation“ geblieben?
Ein Teil der britischen Presse berichtete auch über die von den alliierten Truppen begangenen Gräueltaten, was bei der Bevölkerung für Entsetzen sorgte und der Machtelite sehr missfiel. Dennoch überwog allenthalben, berauscht von den militärischen Erfolgen, die Kriegslust, als „Patriotismus“ getarnt. Als Höhepunkt verlieh Königin Victoria Armeeangehörigen das Victoria-Kreuz, die höchste Auszeichnung für „Tapferkeit“, die sie gestiftet hatte. Sie besuchte Kriegsinvaliden in Lazaretten. Die blutrünstige britische Presse forderte nach dem Erfolg auf der Krim auch eine Militärinvasion im Ostseeraum. Der Premierminister Lord Palmerston war Feuer und Flamme und hatte noch weitreichendere Pläne: Er wollte die Völker im Russischen Reich zu einem „Krieg der Nationen“ aufrufen – mit dem Ergebnis, dass eine Pufferzone, ein „Cordon sanitaire“, zwischen Russland und dem westlichen Europa gebildet werden würde. Die unterdrückten Völker im Osmanischen Reich zu Aufständen aufzurufen, kam ihm seltsamerweise nicht in den Sinn. So viel zum Thema „Doppelmoral“ … Die Idee einer Pufferzone übernahmen später der französische Außenminister Stéphen Pichon, der polnische Marschall Józef Piłsudski sowie der US-amerikanische Sicherheitsberater und Geostratege Zbigniew Brzezinski … Allerdings kam es nicht zu einer Militärinvasion im Ostseeraum, weil Frankreich im Krimkrieg ungefähr 100.000 Gefallene zu beklagen hatte und eine Weiterführung des Krieges dort höchst unpopulär war. Das British Empire hatte nur ein sehr begrenztes Kontingent an Landstreitkräften. Daher wurde am 30. März 1856 mit Russland der Pariser Frieden geschlossen.
Trotz anfänglichen patriotischen Überschwangs in der britischen Bevölkerung verschwand der Krimkrieg schnell aus dem kollektiven Gedächtnis, weil sich im Nachhinein immer mehr abzeichnete, dass zu viele Soldaten aufgrund von Inkompetenz der Militärführung sinnlos gestorben waren und der enorme Kriegsaufwand nicht die erwarteten Ziele erbracht hatte. Abgesehen von Florence Nightingale, die aufopferungsvoll die verwundeten Soldaten gepflegt hatte und an die man sich gern erinnerte, wollte man diesen Krieg so schnell wie möglich vergessen. Eine wirkliche Aufarbeitung dieses Krieges hatte es jahrzehntelang nicht gegeben.
Und wer glaubt, der grausam geführte Krimkrieg wäre eine Ausnahme in der Geschichte des liberalen British Empire, der täuscht sich. Erinnert sei an den Zweiten Burenkrieg (1899–1902), in dem die Briten eine Politik der „verbrannten Erde“ anwendeten und als weiteres Kriegsinstrument Konzentrationslager errichten ließen. Von den 120.000 Menschen, die in diesen Lagern gefangen gehalten wurden, starben aufgrund katastrophaler Lebensbedingungen zwischen 27.000 und 28.000 burische Frauen und Kinder sowie 20.000 Schwarzafrikaner …
d. Wie kam es zum Stimmungswechsel im British Empire? Geostrategische Überlegungen
Da sich das British Empire als Weltmacht sah, gab es auch viele Pläne, sich die Welt untertan zu machen. Es war zwar eine Seemacht, aber keine Kontinentalmacht. Letztere konnte sich militärischen Angriffen entziehen und Embargos überleben, wenn sie ihre Handelswege möglichst weit ins Innere des Landes verlegte und genügend Ressourcen hatte. Das russische Zarenreich war die größte Kontinentalmacht. Nur wer das Landesinnere des eurasischen Kontinents (das Herzland) beherrschen würde, beherrschte die Welt. 1904 stellte der Geograf Halford Mackinder seinen wissenschaftlichen Aufsatz „The Geographical Pivot of History“ der Royal Geographical Society vor. Die grundlegende Aussage seiner Herzland-Theorie fasste er später, im Jahre 1919, in einem dreistufigen Satz zusammen:
- „Who rules East Europe commands the Heartland;“
Wer Osteuropa unter seiner Kontrolle hat, beherrscht das Herzland.
- „who rules the Heartland commands the World-Island;“
Wer das Herzland kontrolliert, beherrscht die Weltinsel (bestehend aus Eurasien und Afrika);
- „who rules the World-Island controls the world.“
Wer die Weltinsel beherrscht, kontrolliert die Welt.
Seine Theorie enthielt auch zwei Warnungen an das British Empire:
-Mit dem verstärkten Ausbau eines Schienennetzes für Eisenbahnen gehe das Zeitalter von Seemächten vorüber und beginne die Ära der Kontinentalmächte.
-Es müsse verhindern, dass Russland allein oder in einer Allianz mit dem Deutschen Kaiserreich (die Russen liefern billig die Rohstoffe und die Deutschen das Knowhow) das Herzland kontrollieren würde.
Da das eigentliche Russland zum größten Teil das Herzland ist (Mackinder nennt es „Pivot Area“), muss das British Empire es als engen Verbündeten gewinnen, es wirtschaftlich abhängig machen, Zwietracht säen und zerstückeln oder es erobern und zerstückeln. Letzteres wäre die unwahrscheinlichste Variante, da es hierzu enormer Ressourcen jedweder Art bedürfte …
e. Der Wechsel von der Russophobie zum Hass auf alles Deutsche
Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 änderte sich in Europa das Machtgefüge. Es entstand für das British Empire ein ernst zu nehmender Konkurrent: Im Zeitraum von 1871 bis 1914 versechsfachte sich die Industrieproduktion. Zwischen Mitte der 1890erJahre und 1914 wurden die Briten in den verschiedensten Industriezweigen von den Deutschen überholt. 1914 betrug der deutsche Anteil an der Weltindustrieproduktion 15 % und der britische Anteil ca. 14 %. Die durch den „Merchandise Act“ am 23. August 1887 verfügte Kennzeichnungspflicht „made in Germany“ für minderwertige Produkte wurde zum Markenzeichen für hohe Qualität. In den Naturwissenschaften war das Deutsche Kaiserreich führend, was sich auch in der größeren Ausbeute an Nobelpreisträgern ausdrückte. Insbesondere der durch Kaiser Wilhelm II. ab 1898 forcierte Flottenbau forderte die britische See- und Handelsmacht heraus und sorgte für eine drastische Abkühlung der Beziehungen zwischen beiden Ländern. Das Deutsche Kaiserreich machte zunehmend dem British Empire die Rolle als Hegemon streitig, zumindest aus britischer Sicht. Kaiser Wilhelm II. mit seinem mangelnden Taktgefühl, beispielsweise mit seinem Krüger-Telegramm im Jahre 1896, trug viel dazu bei, dass die anti-deutsche Stimmung im British Empire zunahm.
Die Situation spitzte sich zu, als Königin Victoria am 22. Januar 1901 starb und von ihren neun Kindern das problematischste („das ungeliebteste“) mit sechzig Jahren als Eduard VII. ihr Nachfolger wurde. Antideutsch gesinnte Journalisten, Politiker und Adlige gab es zu dieser Zeit genug. Er hielt sich gern in dieser Gesellschaft auf. Sie befanden, dass ein Krieg gegen das Deutsche Reich wie ein reinigendes Gewitter wäre und dass die Machtverhältnisse klargestellt werden müssten. Als im Mai 1910 Eduard VII. starb, wurde sein zweitältester Sohn zum König Georg V. gekrönt. Das Verhältnis zu seinem Cousin, Kaiser Wilhelm II., war ebenfalls äußerst schwierig. (Zwei Tage nach Beginn des Ersten Weltkrieges, als Kaiser Wilhelm II. und Kaiser Franz Josef I. noch glaubten, einen begrenzten Krieg führen zu können, rief Georg V. den Außenminister Edward Grey zu sich und sagte: „Sie müssen einen Grund [für einen Kriegseintritt] finden, Grey.“ Genau genommen, war es eine Kriegserklärung an seinen Cousin, mit fatalen Folgen …)
In dieser Gemengelage erschien es der Machtelite im British Empire für opportun, die Feindseligkeiten mit Russland zu beenden, um einen Zweifrontenkrieg gegen die Mittelmächte führen zu können. Nachdem die jahrzehntelangen Rivalitäten zwischen diesen beiden Staaten in Zentralasien beendet worden waren („Great Game“), wurde am 31. August 1907 die Anglo-Russische Konvention unterzeichnet. Von nun an ließ im British Empire der Russen-/Russlandhass merklich nach, blieb aber latent. Er schlug nicht wie in Frankreich in Russophilie um, sondern die britische Perspektive auf Russland war eher geprägt von einem strategischen Realismus. Im Ersten Weltkrieg zeichnete die britische Presse ein positives Bild von Russland. Da sie über Jahrzehnte extrem russland-feindlich gesinnte Beiträge veröffentlicht hatte, konnte sie nun nicht schreiben, dass die russische Armee „für Freiheit, Demokratie und gegen den preußischen Militarismus“ kämpfe. Sie hob die „lebendige Kultur“ hervor, die schließlich nicht aus einer rückständigen Nation hervorgehen könne.
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Zusammenfassend kann man sagen, dass der Russen-/Russlandhass von der Machtelite in Frankreich und im British Empire dann aus der Propagandakiste geholt wurde, als es ihnen politisch opportun war, und man ihn dann wieder einpackte, als dieser bei ihrer Außenpolitik störte. Die Völker selbst empfanden gewiss keinen Hass aufeinander, zumal sie Tausende Kilometer von den Russen entfernt lebten. Im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts war es eher Reichen vorbehalten, Russland zu besuchen und sich ein Bild zu machen. Die einfachen Leute waren den ganzen Tag damit beschäftigt, irgendwie über die Runden zu kommen. Und wenn sie Zeit und Interesse hatten, dann waren ihre Informationsquellen oftmals der Pfarrer, die Bücher und die Presse. Das Große Schisma von 1054 hatte bei den gläubigen Christen schon für eine gewisse Entfremdung gesorgt. Zumindest seit der Aufklärung (ca. 1720–1800), als Bildung, Vernunft und Verstand in den Mittelpunkt gestellt wurden (Immanuel Kant: „Sapere aude“), dürfte bei Anerkennung der Unterschiedlichkeit des jeweils Anderen ein Krieg aus Glaubensgründen obsolet sein. Dennoch ist das Volk immer wieder von der Machtelite instrumentalisiert und missbraucht worden. Das liegt daran, dass ihnen Kirchenvertreter, Medien und Politiker niemals die wahren Hintergründe offenbart haben. Denn zu keinem Zeitpunkt hatten Frankreich und das British Empire Kriege geführt, wohinter nicht handfeste kommerzielle, militärstrategische und/oder politische Interessen gestanden hätten. Es hatte nie etwas mit dem Schutz von Entrechteten, mit Freiheit und Gerechtigkeit zu tun.
Fortsetzung folgt
