Der Kampf um die Vergangenheit – Jason Stanley warnt vor gefälschter Geschichte

Uhr, SGL

Der amerikanische Philosoph untersucht, wie autoritäre Bewegungen Schulbücher, Erinnerung und nationale Mythen verändern. Sein neues Buch ist eine politische Intervention – und muss auch als solche gelesen werden.

Geschichte wird nicht nur im Archiv entschieden

Jason Stanleys Buch „Gefälschte Geschichte“ ist im Juli auf Deutsch erschienen. Bei der Berliner Buchpremiere an der Humboldt-Universität diskutierte er mit Daniel Kehlmann und weiteren Gästen über Erinnerungskultur und Demokratie. Die Humboldt-Universität kündigte die Veranstaltung als Gespräch über die politische Macht historischer Erzählungen an.

Stanleys These lautet: Autoritäre Bewegungen verändern nicht erst Gesetze und Institutionen. Sie greifen in die Vergangenheit ein. Sie verdrängen Verbrechen, überhöhen nationale Größe und bestimmen, welche Gruppen in der offiziellen Geschichte vorkommen.

Die Schule wird zur Frontlinie

Besonders wichtig ist Stanley die Bildung. Lehrpläne und Schulbücher entscheiden, welche Konflikte eine Gesellschaft der nächsten Generation zumutet. Eine demokratische Geschichtsschreibung muss Widersprüche aushalten: Fortschritt und Gewalt, Freiheit und Ausschluss, nationale Leistungen und nationale Verbrechen.

Wer diese Ambivalenz durch eine reine Heldenerzählung ersetzt, erleichtert politische Identifikation, schwächt aber die Urteilskraft. Das ist der Kern des Buches, dessen Untertitel ausdrücklich davon spricht, wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Zukunft zu kontrollieren. Der Westend Verlag stellte die deutsche Ausgabe in Berlin vor.

Stanleys Begriffe sind umstritten

Die Stärke der Diagnose liegt in konkreten Mechanismen: Streichung unbequemer Inhalte, politische Kontrolle von Lehrplänen, Diffamierung kritischer Wissenschaft, Erfindung einer homogenen nationalen Vergangenheit. Umstritten ist, wie weit der Begriff des Faschismus auf unterschiedliche gegenwärtige Bewegungen übertragen werden kann.

Wer Stanleys Buch bespricht, darf seine Wertung deshalb nicht als neutrale Tatsachenbeschreibung ausgeben. Er schreibt nicht als distanzierter Chronist, sondern als warnender politischer Philosoph. Das mindert den Wert des Buches nicht. Es verlangt lediglich, Belege und Deutung auseinanderzuhalten.

Eine Demokratie braucht keine makellose Vergangenheit

Patriotismus wird häufig mit Stolz verwechselt. Eine demokratische Bindung an das eigene Land kann jedoch gerade darin bestehen, seine Geschichte nicht zu reinigen. Wer Verbrechen anerkennt, macht sich nicht heimatlos. Er verhindert, dass Zugehörigkeit auf Verdrängung beruht.

Stanleys Intervention trifft deshalb einen empfindlichen Punkt. Politische Lager streiten nicht nur über die Zukunft, sondern darüber, welche Vergangenheit sie voraussetzen. Das Buch liefert dafür keinen neutralen Schiedsrichter. Es bietet einen scharfen Warnruf. Seine Leser müssen entscheiden, wo die historischen Vergleiche tragen – und wo die Zuspitzung selbst zum Teil des politischen Kampfes wird.