Stockhausens Oper MITTWOCH in Berlin: Neue Musik zugänglich gemacht

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Karlheinz Stockhausens Oper MITTWOCH aus LICHT (1995-97) erlebte am 19. September ihre dt. Uraufführung an der Deutschen Oper in Berlin. Regie führte Susanne Kennedy, die musikalische Leitung hatte Maxime Pascal.

Die Kritiken des Folgetages sind, wie meist bei Stockhausen, stereotyp in der Wortwahl („gigantoman“) und arbeiten sich vorwiegend und dabei negativ an der Inszenierung („Ethnokitsch“) und dem Textbuch („esoterisch“) ab.

Der komplexen, aber abwechslungsreichen und deshalb unterhaltsamen Musik wird viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wo gibt es sonst eine Oper, deren Ouvertüre aus elektronischer Musik und deren Akte unter anderem aus einem Chorwerk und einem Streichquartett bestehen? Allein schon die Chorkomposition WELT-PARLAMENT zu Beginn ist wegen ihrer dynamischen und harmonischen Farbigkeit ein Festschmaus für die Ohren; das MICHAELION genannte Ensemblestück am Ende, in dem Chor, Gesangs- und Instrumental-Solisten sowie Tänzer in ständig wechselnden Formationen zusammen spielen und agieren, ist einer der virtuosesten Teile des sieben Opern umfassenden Zyklus namens LICHT überhaupt. Das im Vergleich kompositorisch eher „einfache“, aber aufführungstechnisch spektakuläre Streichquartett, in fliegenden Hubschraubern gespielt, erfuhr erwartungsgemäß den größten Zuspruch. Kaum beachtet wurden die zwei subtilen elektronischen Musikstücke, die sowohl allein als auch als Begleitung zweier Szenen projiziert wurden, dabei ist v. a. der teilweise „konkrete“, also durch bearbeitete Samples realer Klänge gekennzeichnete MITTWOCHs-ABSCHIED in seinen Stimmungen ergreifend.

Die Inszenierung hat fast alle in der Partitur vorgesehenen Skurrilitäten Stockhausens (wie stotternde Sänger) weggelassen oder geglättet, aber eine optische Vereinheitlichung der Szenen erreicht, die den MITTWOCH gewissermaßen popularisiert. Die Oper wurde als durchgehendes Ritual inszeniert, was das für manche Hörer redundante Libretto, in dem es immer um Liebe, Zusammenarbeit, Verbindung, Kommunikation geht, eigentlich goutierbar machen sollte – Rituale leben von Wiederholungen. Doch erwarten auch Kritiker anno 2026 immer noch eine fortlaufende „Geschichte“, die hier aber gerade nicht geboten wird. Kennedys Regie war insofern durchaus angemessen. Die Bühne wollte archaisch-zeitlos sein (Sandboden, Kultstein), was im Kontrast zur modernen Video-Technik, die Inhalte der Szenen kommentierte oder illustrierte, ganz gut funktionierte; die Kostüme mutierten aus den früheren „Stockhausen-Kutten“ zu etwas zu sehr islamisch anmutender Bekleidung.

Zur Musik sei noch gesagt, dass sie bei aller Atonalität und Serialität auch „schönen“ Melodien und Harmonien reichlich Raum gibt. Stockhausens Musik erweist sich damit als immer noch „neue“ und zugleich erstaunlich zugängliche Musik. Die Aufführung war auch ohne Kenntnisse der Formelkomposition genannten Technik Stockhausens genießbar, wie aus den Publikumsgesprächen in den Pausen hervorging.

Über die Motive der meist missgünstigen Kritik will ich nicht spekulieren. Das Publikum war begeistert und applaudierte besonders dem musikalischen Leiter. Zurecht.

Über Adorján F. Kovács 41 Artikel
Prof. Dr. mult. Adorján Ferenc Kovács, geboren 1958, hat Medizin, Zahnmedizin und Philosophie in Ulm und Frankfurt am Main studiert. Er hat sich zur regionalen Chemotherapie bei Kopf-Hals-Tumoren für das Fach Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie habilitiert. Seit 2008 ist er für eine Reihe von Zeitschriften publizistisch tätig. Zuletzt erschien das Buch „Deutsche Befindlichkeiten: Eine Umkreisung. Artikel und Essays“.