65 Jahre Mauerbau – Die Vergangenheit lässt sich nicht regionalisieren

Berliner Mauer Graffiti Wandkunst, Quelle: PeterDargatz, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Der 13. August ist kein ostdeutscher Gedenktag. Er ist ein deutscher. Vor 65 Jahren begann der Bau der Berliner Mauer, jenes Bauwerks, das aus Beton, Stacheldraht und Schießbefehl bestand, vor allem aber aus einer politischen Lüge. Die DDR nannte es Schutz, obwohl die Mauer nicht diejenigen draußen hielt, vor denen man sich angeblich schützen musste, sondern die eigenen Bürger drinnen. Wer heute über Ost und West redet, sollte deshalb mit einer einfachen Erinnerung beginnen. Die Teilung war kein Kulturunterschied, kein Mentalitätsseminar und kein Missverständnis zwischen Regionen. Sie war die Folge einer Diktatur, die ihre Bürger daran hinderte, das Land zu verlassen.

Gerade deshalb wirkt die aktuelle Debatte über eine besondere ostdeutsche Identität so widersprüchlich. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner sprach zum Jahrestag von einer Mauer, die in manchen Köpfen fortbestehe. Katrin Göring-Eckardt warnte davor, die DDR zu verharmlosen, und erinnerte daran, dass die Friedliche Revolution eine Selbstbefreiung gewesen sei. Linda Teuteberg wiederum provozierte mit der These, eine spezifische Ostidentität sei nachträglich konstruiert worden und werde heute politisch bewirtschaftet. Solche Sätze reizen zum Widerspruch, weil Erfahrungen aus vierzig Jahren Teilung sich nicht per Definition auflösen lassen. Aber sie berühren einen wunden Punkt. Erinnerung kann erklären, warum Menschen unterschiedlich denken. Sie darf nicht zur lebenslangen politischen Sondergenehmigung werden.

Ostdeutsche Identität ist keine politische Schablone

Es gibt reale Unterschiede. Vermögen, Eigentumsbiografien, familiäre Erfahrungen mit Staat und Partei, die Erinnerung an Mangel, Überwachung und Anpassung verschwinden nicht, weil auf einer Landkarte dieselben Farben verwendet werden. Auch die Enttäuschungen der Nachwendezeit gehören zur Geschichte. Betriebe schlossen, Lebensläufe wurden entwertet, Hierarchien neu geordnet, und manche Westdeutsche traten mit jener unerschütterlichen Selbstverständlichkeit auf, die Sieger gerne für Sachlichkeit halten. Wer das leugnet, versteht den Osten nicht. Wer daraus aber eine geschlossene politische Identität ableitet, versteht ihn ebenfalls nicht.

Denn der Osten ist keine Partei, kein Milieu und keine einheitliche Gemütslage. Zwischen Rostock und Suhl liegen nicht nur Hunderte Kilometer, sondern soziale Welten. Die Vorstellung, Ostdeutsche dächten notwendig anders über Russland, Migration, Corona oder Europa, wird schnell zur bequemsten Form politischer Faulheit. Man muss dann nicht mehr erklären, warum eine konkrete Entscheidung überzeugt oder scheitert. Es genügt, auf Biografie und Region zu zeigen. So wird aus Geschichte Schicksal und aus Politik Folklore.

Das Problem trifft auch den Westen. Dort hat man sich zu lange eingeredet, die deutsche Einheit sei im Wesentlichen eine Erweiterung des eigenen Modells gewesen. Die Bundesrepublik blieb institutionell dieselbe, also musste, so die unausgesprochene Annahme, nur noch der Osten ankommen. Das war administrativ verständlich, kulturell jedoch töricht. Eine Einheit, die von einer Hälfte verlangt, sich zu erklären, während die andere Hälfte sich für selbstverständlich hält, produziert zwangsläufig neue Kränkungen. Drei Jahrzehnte später bezahlen wir dafür mit Debatten, in denen jede Wahl in Sachsen-Anhalt oder Thüringen sofort zur Charakterstudie über „die Ostdeutschen“ wird.

Was der 13. August 1961 wirklich erinnert

Der Blick auf den 13. August 1961 verträgt deshalb keine bequeme Gegenwartsromantik. In Berlin wurden Straßen zerschnitten, Familien getrennt und Verkehrswege unterbrochen; die Grenze wurde in den folgenden Jahren technisch immer weiter perfektioniert. Dass man heute an der Bernauer Straße ohne Passkontrolle von einer Straßenseite auf die andere gehen kann, ist nicht das Ergebnis einer geschichtlichen Selbstverständlichkeit, sondern einer politischen Befreiung. Die Gedenkstätte erinnert am 65. Jahrestag ausdrücklich an die Opfer von Mauer und Teilung. Dieser Opferbezug schützt das Datum davor, in eine allgemeine Erzählung über „unterschiedliche Lebensgefühle“ aufzugehen.

Gleichzeitig sollte der Westen die Gelegenheit nutzen, die eigene Erinnerungspolitik kritisch zu prüfen. Viele Debatten beginnen mit der Frage, warum der Osten sich noch immer anders verhalte, und viel seltener mit der Frage, welche westdeutschen Selbstbilder nach 1990 unangetastet blieben. Die Einheit war juristisch rasch vollzogen, gesellschaftlich aber ein Prozess ohne Schlussstrich. Wer von Ostdeutschen verlangt, ihre Diktaturerfahrung zu erklären, muss umgekehrt bereit sein, westdeutsche Deutungsmacht, Vermögensvorsprünge und die Dominanz westlicher Eliten in den ersten Nachwendejahren zu thematisieren, ohne daraus eine neue Kollektivschuld zu machen.

Gerade diese doppelte Perspektive verhindert, dass Erinnerung zur politischen Waffe verkommt. Die DDR war eine Diktatur; dieser Satz braucht kein „aber“. Zugleich waren ihre Bürger keine biografischen Fußnoten des Systems. Beides zusammen auszuhalten ist anspruchsvoller, als entweder die DDR zu nostalgisieren oder vierzig Jahre ostdeutschen Lebens auf Stasi, Mangel und Mauer zu reduzieren. Eine demokratische Erinnerungskultur muss präzise genug sein, um das System zu verurteilen und den Menschen ihre Widersprüche zu lassen.

Die gefährliche Formel von der Mauer in den Köpfen

Vielleicht erklärt sich daraus auch, warum die Rede von der „Mauer in den Köpfen“ zugleich richtig und gefährlich sein kann. Richtig ist sie, wenn sie auf fortwirkende Vorurteile und Erfahrungsunterschiede verweist. Gefährlich wird sie, sobald sie wie eine Diagnose über ganze Landesteile klingt. Eine Mauer im Kopf ist kein Erbmerkmal. Sie entsteht auch dort, wo Medien, Parteien und Institutionen jede ostdeutsche Wahlentscheidung reflexhaft als Sonderfall behandeln. Deutsche Einheit wäre weiter, wenn nicht mehr jede Abweichung zuerst nach Himmelsrichtung sortiert würde.

Der Jahrestag des Mauerbaus könnte helfen, diese Routine zu beenden. Die Erinnerung an die DDR ist nicht dazu da, heutige politische Gegner moralisch zu disziplinieren. Sie erinnert an die Kostbarkeit von Bewegungsfreiheit, freier Rede, unabhängigen Gerichten und freien Wahlen. Gerade wer die Diktaturgeschichte ernst nimmt, sollte sparsam damit umgehen, demokratische Konflikte in historische Totalurteile zu verwandeln. Nicht jede falsche Politik ist Unrecht, nicht jede Zumutung Diktatur, nicht jede Niederlage Unterdrückung.

Erinnerung ohne politische Vereinnahmung

Es wäre zugleich falsch, die DDR nur als Museum des Bösen zu behandeln. Millionen Menschen haben dort geliebt, gearbeitet, Kinder großgezogen, Freundschaften geschlossen und versucht, ein anständiges Leben unter unanständigen politischen Bedingungen zu führen. Wer diese Biografien verächtlich macht, verwechselt das System mit seinen Bürgern. Aber auch das Umgekehrte gilt. Wer aus der Würde gelebten Lebens eine nachträgliche Würde des Systems ableitet, verfälscht Geschichte.

Vielleicht liegt die reifste Form deutscher Einheit darin, dass wir endlich aufhören, jede politische Abweichung geografisch zu erklären. Der Osten darf widersprechen, ohne exotisiert zu werden. Der Westen darf kritisiert werden, ohne als koloniale Macht karikiert zu werden. Und Deutschland sollte sich am 13. August daran erinnern, dass Freiheit nicht daran zu erkennen ist, dass alle dasselbe denken. Freiheit beginnt dort, wo niemand eine Mauer bauen darf, damit die Menschen bleiben.