Berlin tanzt gegen die Unruhe in der Welt: „Tanz im August“ macht den Körper politisch

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Am 13. August begann die 38. Ausgabe des Festivals. 19 Produktionen, 54 Veranstaltungen und elf Orte bilden eine „Wetterkarte“ instabiler Gegenwart.

In politischen Debatten sprechen Menschen häufig über Gruppen, Statistiken und Identitäten. Tanz kehrt die Perspektive um. Er zeigt einzelne Körper, die sich nicht vollständig in Kategorien auflösen. Das macht die Kunstform für Fragen von Migration, Geschlecht, Behinderung, Alter oder Arbeit besonders geeignet, birgt aber auch die Gefahr, Körper vorschnell symbolisch zu beladen. Gute Choreografie hält diese Spannung aus: Ein Körper bedeutet etwas und bleibt zugleich ein konkreter Mensch im Raum. Damit verändert sich auch der Blick auf den Termin selbst; aus der Meldung wird eine Frage nach Form, Erinnerung und Gegenwart.

Eine Festivalstadt in der Stadt

Vom 13. bis 29. August 2026 zeigt Tanz im August unter der künstlerischen Leitung von Ricardo Carmona 19 Produktionen in 54 Veranstaltungen an elf Orten. Drei Premieren und sechs Deutschlandpremieren sind angekündigt. Gespielt wird unter anderem im HAU Hebbel am Ufer, in der Berlinischen Galerie, im Radialsystem, in den Sophiensælen, im Haus der Berliner Festspiele und auf dem Tempelhofer Feld. Schon diese Verteilung verändert die Wahrnehmung: Tanz wird nicht an ein einziges Haus gebunden, sondern legt sich wie ein Netz über die Stadt.

Berlin passt zu dieser Form. Die Stadt besitzt keine zentrale Tanzoper, die das Feld monopolisiert. Freie Szene, Produktionshäuser, Museen und Festivalorte überlagern sich. „Tanz im August“ nutzt diese Struktur und macht den Wechsel der Räume zu einem Teil des Programms. Eine Arbeit in der Berlinischen Galerie wird anders gelesen als dieselbe Bewegung in einer Blackbox. Architektur ist im Tanz nie neutral; sie bestimmt Abstand, Blickrichtung und Körpergefühl.

Tanz bewahrt Geschichte anders als ein Archiv

Eine besondere Schwierigkeit des Tanzes liegt in seiner Vergänglichkeit. Ein Gemälde kann Jahrhunderte im Museum bleiben; eine Choreografie existiert zunächst in Körpern, Erinnerungen, Notationen und Aufzeichnungen. Jede Wiederaufnahme ist deshalb auch Übersetzung. Tänzer lernen Bewegungen, die andere Körper erfunden haben, und verändern sie allein dadurch, dass Alter, Training und körperliche Voraussetzungen nicht identisch sind.

Diese Vergänglichkeit macht Festivals zu Archiven auf Zeit. Sie zeigen nicht nur neue Arbeiten, sondern tragen ästhetische Sprachen weiter, indem Künstler einander sehen und Bezug nehmen. „Tanz im August“ ist nach 38 Ausgaben selbst Teil dieser Geschichte. Ein Festivalprogramm ist deshalb mehr als Gegenwartskalender: Es dokumentiert, welche Körperbilder, Bewegungsformen und politischen Fragen zu einem bestimmten Zeitpunkt wichtig werden. Das erklärt, warum Tanzgeschichte nicht nur in Videos, sondern in lebendigen Weitergaben gespeichert ist.

Eine Wetterkarte ein gutes Bild für Tanz ist

Das Festival beschreibt die Welt wie das Wetter als in Bewegung und versteht Tanz als politische Kraft mit Wechselwirkung. Das kann schnell nach Programmsprache klingen. Tatsächlich steckt darin eine präzise Beobachtung: Tanz reagiert auf Bedingungen, die selbst nicht stabil sind. Körper tragen Alter, Herkunft, Training, Verletzung, Geschlecht, soziale Codes und politische Erfahrung. Sobald mehrere Körper einen Raum teilen, werden diese Unterschiede sichtbar, auch ohne gesprochenen Text.

Politisch wird Tanz deshalb nicht erst dann, wenn eine Choreografie eine Parole projiziert. Schon die Frage, wer wen trägt, wer Raum bekommt, wer beobachtet wird, wer sich entzieht oder wer erschöpft, kann politische Lesarten erzeugen. Der Körper ist das Medium, an dem abstrakte Begriffe wie Freiheit oder Kontrolle plötzlich materiell werden. Man sieht Gewicht, Widerstand, Grenze.

Die Eröffnung mit „TRAPICANA“ von Tischkau/Nedd/Yukiko und der Malpaso Dance Company deutete die Richtung an. Zeitgenössischer Tanz arbeitet längst selbstverständlich mit Musik, Clubkultur, Theater, Video und Popreferenzen. Die alte Grenzziehung zwischen „reinem“ Tanz und anderen Künsten ist für viele Künstler uninteressant geworden. Das Festival kann dadurch ein Publikum erreichen, das nicht aus der klassischen Tanzszene kommt.

Gleichzeitig bleibt die körperliche Expertise entscheidend. Hybridität bedeutet nicht Beliebigkeit. Eine starke Performance lebt von Präzision, Timing, Muskelgedächtnis und einer Fähigkeit zur Wiederholung, die im spontanen Eindruck leicht unsichtbar wird. Tanz kann frei aussehen und trotzdem auf jahrelangem Training beruhen. Diese Doppelheit – Freiheit auf Grundlage strenger Arbeit – gehört zu seinen produktivsten Widersprüchen.

Die Gegenwart sitzt im Körper

Das ist vielleicht der Grund, warum „Tanz im August“ in instabilen Zeiten relevanter wirkt als ein Spezialfestival für Eingeweihte. Bewegung ist keine Metapher, die von außen auf die Gegenwart gelegt wird. Sie ist die Bedingung, unter der Gegenwart körperlich erfahren wird. Niemand steht außerhalb der Zeit, niemand bleibt unverändert. Tanz macht diese banale Wahrheit sichtbar.

Der Vorlauf ist kurz, die Veranstaltungen sind zeitlich begrenzt, die Spielorte über Berlin verteilt. Dadurch hat ein Beitrag neben der ästhetischen Einordnung unmittelbaren Servicewert. Vor allem aber bietet das Festival einen Gegenstand, der nicht schon durch unzählige kulturpolitische Schlagworte verbraucht ist. Wer über den Körper schreibt, kann über Gesellschaft sprechen, ohne den Tanz auf Illustration zu reduzieren. Genau darin liegt die Stärke dieses Augustprogramms.  Vielleicht ist das die bessere Bilanz als jede Besucherzahl: Der Blick ist nachher ein anderer.