Fällt sogar „God’s own country“ vom Glauben ab? Präsident Trumps Religious Liberty Commission sieht die Schuld auch in Europa

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In seinem Werk Die fröhliche Wissenschaft von 1882 lässt Friedrich Nietzsche einen „tollen Menschen“ verkünden: „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ Ein öffentlicher Skandal wurde daraus nicht, denn der christliche Glaube war damals noch fest in der Gesellschaft verankert. Nietzsche ging es um den drohenden Nihilismus und die fehlenden moralischen Werte, wenn die traditionellen religiösen Bindungen und Glaubenssicherheiten schwinden. Das klingt im Original kurz und knapp so: „Unsere ganze europäische Moral hat ihren Untergrund verloren.“ Im zunehmend säkularisierten Europa bleibt Nietzsches provokante Formulierung von 1882 eine fast vergessene geistesgeschichtliche Episode, jetzt taucht sie, eherüberraschend, in den USA wieder auf. Die von Präsident Trump 2025 eingesetzte „Religious Liberty Commission“ hat inzwischen einen umfangreichen Bericht mit dem Titel „Americans‘ First Freedom“ vorgelegt. Darin werden die europäischen Philosophen Friedrich Nietzsche, Michel Foucault und Jean-Paul Sartre als Vorläufer und Wegbereiter der Säkularisierung zitiert. Im Gegensatz zu Europa galten die Vereinigten Staaten lange als Ausnahme unter den westlichen Industrieländern, hoch entwickelt, aber zugleich außergewöhnlich religiös. Doch auch hier hat in den letzten Jahrzehnten die Erosion eingesetzt. In den 1950er Jahren bezeichneten sich noch 90 Prozent der Amerikaner als Christen und auch 50 Jahre später noch über 80 Prozent. Danach ging es steiler bergab und stabilisiert sich heute bei 60 Prozent Christen und 30 Prozent Religionslosen. 60 Prozent besuchen nur noch selten oder nie einen Gottesdienst. Gallup fragt seit Jahrzehnten, für wen Religion noch ein wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens ist. Zwischen 2015 und 2025 ist der Anteil um 17 Punkte auf 49 Prozent gefallen, besonders bei jungen Erwachsenen, den sogenannten „religious nones“, Atheisten, Agnostiker und Religionslose. Deutschland, Großbritannien und Frankreich lagen 1950 mit ihrem Christenanteil noch wie die USA bei über 90 Prozent, inzwischen sind sie auf rund 45 Prozent gefallen. Nietzsche hat als Ursachen die Naturwissenschaften, die historisch-kritische Bibelforschung, Aufklärung und Rationalismus, die Industrialisierung und den wachsenden Individualismusbenannt. Insoweit sind die Auslöser auf beiden Seiten fast gleich, der Unterschied zwischen Europa und den USA liegtmehr in der politischen Bewertung der Säkularisierung. Die aktuelle amerikanische Religionsdebatte ist durch die Säkularisierungstendenz der letzten Jahre neu entflammt, während sie schon seit der politischen Konsolidierung der jungen Republik Ende des 18. Jahrhunderts immer wieder zwischen den Polen Religionsfreiheit und Staatsreligion geführt wurde.

God Bless America

Schon zu Beginn der Besiedlung des neuen Kontinents Anfang des 17. Jahrhunderts durch europäische Einwanderer, vor allem Anglikaner, Puritaner, Quäker, Lutheraner und Katholiken, spielte die Idee einer göttlichen Mission eine wichtige Rolle. Biblische Motive und das Beispiel Israels als von Gott auserwähltes Volk wurden auf die Neugründung christlicher Gemeinschaften übertragen, die in Europa wegen der dominanten Amtskirchen nicht möglich waren. Die spirituelle Begründung der neuen Welt entwickelte sich über die Begriffe auserwähltes Volk, gelobtes Land, göttliche Vorsehung, Gottesland oder „manifest destiny“ zur politischen Aufgabe einer göttlich legitimierten kontinentalen Expansion. Die USA waren von Anfang an eine dezidiert christliche, aber konfessionell ungewöhnlich pluralistische Gesellschaft. Während die Verfassung von 1787 lediglich eine religiöse Qualifikation für Staatsämter ausschloss, legte die erste Verfassungsänderung (First Amendment) von 1791 die Rolle der Religion schärfer fest: “Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof”, also keine Staatsreligion, aber freie Religionsausübung für alle. Die verfassungsrechtliche Debatte dreht sich immer wieder um die Frage, wie die beiden Gebote miteinander in Einklang zu bringen sind. Der Supreme Court hat im Laufe seiner Geschichte manchmal stärker diestaatliche Neutralität betont, mal den Schutz der freien Religionsausübung. Darum geht es auch in den aktuellenDebatten der Religious Liberty Commission, die im Juni einen vorläufigen Bericht zur Diskussion gestellt hat. Dieser weist die Idee einer strikten Trennung zwischen Staat und Kirche entschieden zurück. Diese Idee (wall of separation) stehe nicht im First Amendment, sondern gehe auf einen Brief Thomas Jeffersons von 1802 zurück. Vorgeschlagen wird stattdessen eine neue historische Interpretation der „establishment clause“ durch das Justizministerium und statt der Trennung eine „Brücke“ zwischen Staat und Kirchen. Religion könne Familien, Gemeinden und die Nation stärken. Religionsfreiheit sei deshalb nicht bloß ein individuelles Sonderrecht, sondern geradezu ein Fundament der amerikanischen Gesellschaft. In allen Bereichen, von Schulen bis zur Armee, sollten religiöse Symbole gefördert statt behindert werden. Bei „faith-based institutions“ wie Kirchen, religiösen Schulen, Krankenhäusern oder Wohlfahrtsorganisationen sollten ihre religiösen Überzeugungen bei Personal, Organisation und Tätigkeit stärker durchgesetzt werden. Allgemein sollte sich der säkulare Staat möglichst wenig in die inneren Angelegenheiten religiöser Organisationen einmischen.Verlangt wird daneben die Aufhebung des „Johnson Amendment“ von 1954, nach dem steuerbegünstigte Organisationen, von Kirchen bis Universitäten, in Wahlkämpfen nicht für oder gegen einzelne Kandidaten eingreifen dürfen.

Den 13 vom Präsidenten ernannten Mitgliedern der Religious Liberty Commission, fast alle prominente konservative Kirchenvertreter und ein Rabbiner, stehen drei Advisory Boards zur Seite mit Juristen, Influencern und Vertretern religiöser Laien-Organisationen. Sie mögen alle von der Sorge um den jeweils wahren Glauben und die fortschreitende Säkularisierung inspiriert sein. Dem Präsidenten selbst aber, der nicht gerade als bibelfester wiedergeborener Christ bekannt ist, geht es offenbar mehr um seine multi-konfessionelle christliche Wählerschaft, mit der er sich oft und gerne öffentlichkeitswirksam inszeniert. Schließlich waren weiße Evangelikale die für ihn verlässlichste Wählergruppe seit 2016, die mit einem 20-Prozentanteil an der Gesamtwählerschaft erstaunlich einflussreich waren und konstant für Trump gestimmt haben. Am 3. November werden die Midterms zeigen, ob die christlich-konservative Wählerkoalition nach zwei Jahren Trump noch tragfähig ist. Immerhin stehen alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus, 35 der 100 Sitze im Senat und zahlreiche Gouverneure und Parlamente der Bundesstaaten zur Wahl.
Wer sich über die immer noch starken christlich-konservativen Strömungen in den USA wundert, sollte sich an die politische Landschaft in Deutschland noch vor wenigen Jahren erinnern. Wahlempfehlungen von der Kirchenkanzel waren lange völlig normal und das C im Namen der Regierungspartei wurde kaum so in Frage gestellt wie heute. Die beiden großen Konfessionen haben genug interne Probleme, die einen mit Personalskandalen, die anderen mit der Themenwahl außerhalb der Religion.