“Der Tod ist eine zweite Geburt“ Erinnerungen an den ungarischen Schriftsteller Péter Nádas

Budapest an der Donau – die ungarische Hauptstadt prägte Leben und Werk des Schriftstellers Péter Nádas., Quelle: MarcelloRabozzi, Pixabay. Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig

 Peter Nadas (1942 – 2026) ist einer der großen Meistererzähler mit monumentalen und epochemachenden Romanen, der von der Nachkriegszeit an bis ins 21. Jahrhundert in großer Vitalität und Kreativität schrieb. Sein letzter Roman „Schauergeschichten“ erschien im Jahr 2022 im Rowohlt-Verlag in seinem Alter von 80 Jahren. Peter Nadas wurde wegen seiner großen Romane wiederholt als Anwärter für den Literaturnobelpreis gehandelt. Er ist 83 Jahre alt geworden und ist am 26. August 2026 in seinem Heimatdorf in Ungarn gestorben. 33 Jahre zuvor hatte er einen Herzstillstand und wurde in einem Budapester Krankenhaus erfolgreich reanimiert. In Interviews und in seinem Buch „Der eigene Tod“ berichtete er sehr anschaulich über seine Nahtod-Erlebnisse. Der Tod war seit seiner Geburt sein ständiger Begleiter und seine Reflexionen über Tod und Sterben haben eine besondere existenzielle Tiefe und sprachliche Ausdruckskraft. Diese Einmaligkeit wurde in zahlreichen Nachrufen besonders betont.

Der Tod im Leben von Peter Nadas

Bereits die Geburt von Peter Nadas am 14. Oktober 1942 in Budapest war vom Tod überschattet. Sie ereignete sich mitten in der Zeit der großen Erschütterungen und Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs. Er war Sohn jüdischer Eltern und wegen der Lebensbedrohung durch die deutschen Besatzer mussten er und seine Eltern im Untergrund leben, unter falschem Namen und gefälschten Papieren und ständig mit der Angst, entdeckt und in einem Konzentrationslager umgebracht zu werden. Wiederholt erinnerte Nadas daran, dass am Tag seiner Geburt ganz in der Nähe 1.200 Juden ermordet wurden. Im Ghetto der polnischen Stadt Mizocz liquidierte das Hamburger Reserve-Polizei-Batallion 101 grausam die hilflosen jüdischen Opfer. Die „Summe der Morde“ an seinem Geburtstag ist ihm jahrzehntelang in Erinnerung geblieben.

Peter Nadas und seine Familie überlebten den Zweiten Weltkrieg und den Nazi-Terror. Seine Eltern hofften auf die „Segnungen“ des bald herrschenden kommunistischen Sowjetregimes. Sie passten sich den neuen „politischen Vorgaben“ an und erlebten kurze Zeit einen „Aufstieg“, der jäh endete. Seine Mutter erkrankte an Krebs und starb 1955 an dieser Erkrankung. Sein Vater wurde depressiv und wurde politisch attackiert. Er wurde mit falschen Beschuldigungen degradiert und beging im Jahr 1958 einen Suizid. Mit 16 Jahren war also Peter Nada Vollwaise. Durch einen Abschiedsbrief des Vaters erfuhr der, dass sein Vater in einem „erweiterten Suizid“ die gesamte Familie auslöschen wollte (sich selbst und die beiden Söhne). Irgendetwas hat ihn davon abgehalten und so überlebte Peter Nadas wieder einmal.

Die nächste vitale Lebensbedrohung war in seinem 50. Lebensjahr. Im Jahr 1993 erlitt er in Budapest einen Herzinfarkt mit Herzstillstand. Er wurde in einem Krankenhaus nach dreieinhalb Minuten Herzstillstand erfolgreich reanimiert. Über seine Nahtod-Erlebnisse schrieb er das Buch „Der eigene Tod“. Wieder einmal hatte er überlebt. Er lebte dann noch 33 Jahre, was nicht vielen Menschen nach einem Herzstillstand und Reanimation gelingt. Irgendwie war Peter Nadas immer wieder ein Überlebenskünstler.

„Der eigene Tod“ – Herzstillstand und Nahtod-Erlebnisse

Peter Nadas hatte über Jahrzehnte einen regen Austausch mit der deutschen Literaturwissenschaftlerin und Literatur-Chefin der Wochenzeitschrift „Die Zeit“, Iris Radisch. Über Gespräche, die sie 2002 und 2012 führten, schrieb Iris Radisch in ihrem Buch „Die letzten Dinge“ (Radisch 2015). Radisch beschreibt in diesem Buch „Lebensendgespräche“, die sie im Verlauf von 25 Jahren mit berühmten Schriftstellern über Tod und Sterben geführt hatte. Ihrem Bericht über die Gespräche mit Peter Nadas gab sie den Titel „Im Tod fängt etwas Großartiges an“. Diese Worte formulierte Nadas in den Interviews. Dabei kamen die persönlichen Nahtod-Erlebnisse zur Sprache und Vergleiche mit anderen bekannten Nahtod-Berichten. Im Jahr 2002 erschien im Göttinger Steidl-Verlag das Buch „Der eigene Tod“ von Peter Nadas.

Vor seiner Karriere als Schriftsteller war Peter Nadas jahrelang erfolgreicher Fotograf und Journalist. Für sein Buch „Der eigene Tod“ wählte er 150 eigene Fotografien aus und schrieb dazu kurze Textpassagen. Die Rezensionen in deutschsprachigen Zeitungen waren durchwegs sehr positiv.

Fünf monumentale Romane

In den zahlreichen Nachrufen in deutschen Zeitungen wurden meist die fünf „Monumentalromane“ von Peter Nadas gewürdigt. Diese Romane sind dadurch charakterisiert, dass Nadas meist mehr als 10 Jahre daran geschrieben hat und dass der Umfang des Werkes mehr als 1.000 Druckseiten umfasste. Für die meisten Literaturkritiker zählen entweder „Buch der Erinnerung“ oder „Parallelgeschichten“ als Opus magnum von Peter Nadas.

Das „Buch der Erinnerung“ erschien 1986 als ungarisches Original und 1991 in deutscher Übersetzung im Rowohlt-Verlag. Es umfasst mehr als 1.000 Druckseiten und Nadas hat etwa zwölf Jahre daran geschrieben. Das Werk ist ein sprachgewaltiges Triptychon, das drei Erzählstränge an drei verschiedenen Orten der Nachkriegszeit beschreibt. Die amerikanische Intellektuelle Susan Sontag würdigte dieses Buch als das beste unserer Zeit. Die internationale Resonanz war überwältigend positiv.

Der zweite monumentale Bestseller ist der Roman „Parallelgeschichten“, der 2005 im ungarischen Original und 2012 in deutscher Übersetzung erschien. An diesem Meisterwerk schrieb Nadas 17 Jahre lang und es umfasst mehr als 1.700 Seiten. Auch dieser Roman hat zahlreiche Erzählstränge zwischen den Wirren der Nachkriegszeit in Ungarn und Europa sowie die großen Veränderungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer.

Die drei anderen monumentalen Erzählungen von Peter Nadas sind „Ende des Familienromans“ (1977), „Aufleuchtende Details“ (2017) und „Schauergeschichten“ (2022). Die genannten fünf „Monumentalromane“ umfassen zusammen mehr als 5.000 Druckseiten.

Jahrzehntelanger fruchtbarer Austausch mit der deutschen Kulturszene

Peter Nadas hatte bereits vor dem Fall des Eisernen Vorhangs intensive Kontakte zur deutschen Literaturszene. In den Jahren 1981/1982 lebte er auf Einladung des DAAD in West-Berlin. Im Jahr 2006 wurde er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Seither veröffentlichte er regelmäßig Beiträge in der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“. Im Jahr 1995 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und 2003 den Franz-Kafka-Literaturpreis. Im Jahr 2026 wurde ihm in Berlin der Orden Pour le merite verliehen. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hielt bei der Preisverleihung die Laudatio. Ebenfalls kurz vor seinem Tod wurde ihm im Jahr 2026 das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier verliehen. Durch seine vielfältigen Kontakte mit der deutschen Kulturszene war es Peter Nadas möglich, auf öffentlichen Veranstaltungen in Deutschland in deutscher Sprache zu kommunizieren. Er war damit jahrzehntelang ein bedeutender Gesprächspartner bei deutsch-osteuropäischen Dialogen und Kulturveranstaltungen. Von den zahlreichen Büchern von Peter Nadas liegen mehr als 30 in deutscher Übersetzung vor. Die meisten erschienen im Rowohlt-Verlag. Durch diese frühe intensive Publikations- und Übersetzungsaktivität wurde die Rezeption des Werkes von Nadas in Deutschland wesentlich gefördert.

Literatur

Nadas, Peter, Ende eines Familienromans. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979

Nadas, Peter, Buch der Erinnerung. Rowohlt, Berlin 1991

Nadas, Peter, Der eigene Tod. Steidl, Göttingen 2002

Nadas, Peter, Parallelgeschichten. Rowohlt, Reinbek 2012

Nadas, Peter, Aufleuchtende Details. Erinnerungen. Rowohlt, Reinbek 2017

Nadas, Peter, Schauergeschichten. Rowohlt, Hamburg 2022

Radisch, Iris, Die letzten Dinge. Lebensendgespräche. Rowohlt, Reinbek 2015

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email:  herbert.csef@gmx.de

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.