Das NS-Unrecht revidieren – Manfred Messerschmidt zum 100. Geburtstag

Donat-Verlag

Damit hat keiner gerechnet – selbst Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt nicht. Im Jahre 1970, die sozial-liberale Koalition war kaum ein Jahr im Amt, hatte der neue Verteidigungsminister den Historiker und Juristen Manfred Messerschmidt in die Position des „Leitenden Historikers“ im Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) berufen und ihn zum „Direktor und Professor“ ernannte. Die Wahl, vor dem Hintergrund der reformorientierten Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt gegen die Willen der konservativen Militärs zustande gekommen, sollte sich als außerordentlicher Glücksfall erweisen – so ist es dem jüngst im Bremer Donat Verlag erschienenen Buch mit Texten von und über Manfred Messerschmidt zu entnehmen.

Der 100. Geburtstag Messerschmidts ist Anlaß für dieses Buch. Herausgegeben wurde es durch die „Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.“, deren Gründung der nunmehr posthum Geehrte 1990 mitinitiiert hat. Messerschmidt, seit 1962 im in Freiburg ansässigen MGFA tätig, war im Jahr vor seiner Beförderung durch Helmut Schmidt mit seinem Buch „Die Wehrmacht im NS-Staat – Zeit der Indoktrination“ aufgefallen. Er unterstand nun, um seine Unabhängigkeit gegenüber den Militärs zu garantieren, direkt dem Verteidigungsministerium. Und kaum im Amt, konzipierte er das zehnbändige Forschungsprojekt „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“. Mit ihm schlug er neue Wege ein, ging auf Distanz zu einer generalstabsorientierten Militärgeschichtsschreibung und stellte die damals übliche, zumeist unkritische Sichtweise deutlich in Frage.

Unterstützt von einer kleinen Gruppe zumeist jüngerer Historiker im MGFA widerlegte Messerschmidt die weit verbreitete Legende von der „sauberen Wehrmacht“, die unbefleckt durch den Zweiten Weltkrieg marschiert sein sollte. Tatsächlich hat sie im Osten einen Vernichtungskrieg geführt. Die „Stahlhelm-Fraktion“ im MGFA, bestehend aus ehemaligen Wehrmachtsoffizieren und Alt-Nazis, wehrte sich vehement dagegen und warf ihm mitsamt seinen Mitstreitern vor, die Soldaten zu diffamieren und die Geschichte zu verfälschen, so im „Deutschland-Magazin“ vom 1. Mai 1988, dem Organ der extrem rechtslastigen Partei „Die Deutschen Konservativen“. Zugleich kursierten diffamierende Gerüchte von einer „Roten Zelle Militärgeschichte“ im MGFA. Messerschmidt galt als „Agitator gegen die deutsche Wehrmacht und gegen das Soldatentum schlechthin“. Der „Verband deutscher Soldaten“ hielt in „Volk und Staat“ Messerschmidt und seinen Mitarbeitern Lügen vor und forderte, ihn des Amtes zu entheben, weil er „das deutsche Soldatentum“ verleumdet habe.

Anlaß für die häufig unsachlichen und zumeist unwahren Vorwürfe der 1980er Jahre war das von Messerschmidt und Fritz Wüllner publizierte Buch „Die Wehrmachtsjustiz im Dienst des Nationalsozialismus – Zerstörung einer Legende“. Ungeachtet aller Anfeindungen erwarb sich das MGFA unter Messerschmidt, der 1988 in Frühpensionierung ging, einen national wie international hochgeschätzten Ruf. Was seine Gegner in Harnisch brachte, war vor allem die heute zum Allgemeingut zählende Erkenntnis: Die Wehrmacht als „stählerner Garant des NS-Systems“ und der von ihr geführte Angriffskrieg, der den Holocaust erst ermöglichte, sind als „kriminelles Ereignis“ zu bewerten. Ebenso klar verurteilte er die NS-Militärjustiz und deren Urteilspraxis gegenüber Deserteuren, Kriegdienstverweigerern, „Wehrkraftzersetzern“, „Kriegssverrätern“, durch die Zehntausende zu von Opfern wurden und Tausende mit langen Zuchthausstrafen belegt wurden. So sehr Messerschmidts Publikationen auch Kontroversen und Widerstand auslösten: „Alles, was der Historiker und Jurist schrieb“, betont Wolfram Wette, einer seiner engsten Mitarbeiter im MGFA, „hatte Bestand, weil es auf Primärquellen beruhte und damit ‚wasserdicht‘ belegt war. Seine Kritiker mochten ihn verleumden, widerlegen konnten sie ihn damals bis heute nicht.“

Die Kindheit von Manfred Messerschmidt, am 1. Oktober 1926 in Dortmund geboren, war überschattet vom Tod seiner Mutter im Kindbett. Der Vater, in großen Nöten, gab seinen Sohn an eine befreundete, sozialdemokratische Bergarbeiterfamilie im Sauerland. Mit Schulbeginn nahm er ihn wieder zu sich. Im Freundeskreis herrschte den Nazis gegenüber eine ablehnende Haltung vor. Mit 16 Jahren schon musste Messerschmidt, so Wette in seinem umfassenden und einfühlsamen Porträt zu dem Buch, die Schule verlassen und Flakhelferdienste leisten. Seit Juni 1944 bei der Wehrmacht, befand er sich im Frühjahr 1945 als Pionier bei einer Kompanie nahe Minden, die Brücken an der Weser sprengen sollte. Jeder wusste, der Krieg war verloren. Am 10. April, so Messerschmidt in seinen „Erfahrungen als Soldat 1944/45“, sagte sein Vorgesetzter: „Der Krieg ist zu Ende, Jungs, geht nach Hause!“ Das ließen sie sich nicht zweimal sagen und machten sich auf den Weg. Messerschmidt: „So wurden wir mit leutnantlicher Genehmigung Deserteure.“ Nach amerikanischer und französischer Gefangenschaft und dem nachgeholten Abitur studierte er in Münster und Freiburg Geschichte, wo er 1954 bei Gerhard Ritter promoviert wurde. Danach war er beim Versicherungskonzern Gerling tätig. Doch stellte er bald fest, dass ihm rechtskundliche Kenntnisse fehlten. Er studierte erneut und legte 1962 seine zweite juristische Staatsprüfung ab.

Was Messerschmidts Bedeutung ausmachte – auch in der Erinnerung seiner Weggenossen und Mitstreiter –, war die Tatsache, dass er dem Leitspruch George Orwells folgte: „Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Dazu gehört – vor allem wenn man in einem Umfeld arbeitet, in dem heikle Fragen erst gar nicht gestellt, ignoriert oder beschönigend beantwortet werden – Mut, Überzeugungskraft, Wahrheitsliebe und Durchhaltevermögen, zugleich Quelle seines nie nachlassenden Bemühens, Unrecht beim Namen zu nennen und sich mit diesem nicht gemein zu machen. So lehnte er das Ansinnen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger, für ihn in seiner Affäre als Marinerichter ein entlastendes Gutachten zu schreiben, mit dem Bemerken ab, als Historiker der Wahrheit verpflichtet zu sein.

Als Gutachter, Redner, Berater und Autor wirkte Messerschmidt nach seiner Frühpensionierung mit noch mehr Elan weiter. Im Rahmen der „Wehrmachtsausstellung“ verteidigte er die Aussagen des Hamburger Instituts für Sozialforschung und von Hannes Heer zum „Vernichtungskrieg“. Sein weit gespanntes geschichtspolitisches Engagement für die Rehabilitierung der Opfer der Militärjustiz half den Parteien des linken politischen Spektrums, Erfolge gegen die bis dato vorherrschende und wesentlich aus den Umständen der Nachkriegszeit gespeiste Meinung zu erzielen. Nach langen Kontroversen hob der Bundestag zunächst 1998 die Urteile gegen Kriegsdienstverweigerer auf, 2002 die gegen Deserteure; im September 2009 schließlich rehabilitierte er einstimmig auch die wegen „Kriegsverrats“ verurteilten NS-Opfer. Messerschmidt, der hochbetagt im Dezember 2022 in Freiburg gestorben ist, hat sehr viel dazu beigetragen.

Viele in Politik, Wissenschaft und Geistesleben sind von ihm, seinem Wirken und seiner Geradlinigkeit beeinflusst worden. Einige von ihnen haben ihre Verbundenheit durch Beiträge in dem neuen Buch zum Ausdruck gebracht; sie sehen in ihm einen Historiker und Menschen, der Zeitgeschichte geschrieben hat. Die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin schreibt über ihn: „Er war uns ein Vorbild und hat Vielen geholfen, uns stets unterstützt und ermutigt, und er wird mit Recht als eine der Lichtgestalten in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen.“ Ob man das in der Nachfolgeinstitution des MGFA, dem Zentrum für Militärgeschichte in Potsdam, ebenso sieht? Jedenfalls fällt auf, dass man sich dort nicht berufen gefühlt hat, Manfred Messerschmidt anlässlich seines 100. Geburtstages ein Buch zu widmen.

Wolfram Wette / Günter Knebel / Detlef Garbe (Hrsg.): Manfred Messerschmidt – Historiker, Aufklärer, Vorbild. Mit Beiträgen von und über Manfred Messerschmidt, Schriftenreihe Geschichte & Frieden, Bd. 56, Donat Verlag, Bremen, 336 S., 73 Abb., ISBN 978-3-949116-35-3, 29,80 €.

Über Sebastian Sigler 130 Artikel
Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.