Abschied aus Deutschland: Huffington Post

Arianna Huffington (Mitte) bei der Eröffnung der Redaktion in Deutschland im Oktober 2013. Foto: Huffington Post


Stimmen aus Deutschland sollen auf Huffington künftig nicht mehr erscheinen. Das entschied der neue Eigentümer Verizon. Der Betrieb der deutschen Redaktion wird mit Ende März eingestellt.

Der deutsche Liedermacher Konstantin Wecker wollte Autor auf Huffington sein. Der prominente Musiker startete im November 2016 mit dem Beitrag „Liebe Junge – wehrt euch endlich“.

Dieser Auftritt von Wecker musste als Sensation für das deutsche Huffington bewertet werden. Konstantin Wecker ist für Deutschland, was Jacques Brel für Frankreich war. Es gibt in Deutschland keinen Liedermacher von vergleichbarem Format. Konstantin Wecker steht für politisches Engagement und gesellschaftlich bedeutsame Aussagen. Auch auf Huffington schrieb er Texte, die für demokratische Werte sich einsetzten. 

Wie Wecker schätzten zahlreiche Experten das Schreiben für das deutsche Huffington. Texte veröffentlichte beispielsweise Boris Reitschuster, der Russland-Kenner. Zuletzt veröffentlichte im März noch Nebojša Medojević als Gastautor einen Beitrag über die Verletzung von Grundrechten in Montenegro, wo er im vergangenen Jahr als prominenter Oppositionspolitiker für zwei Wochen in Haft kam.


Huffington Deutschland von Bedeutung

Arianna Huffington war die Namensgeberin und eine Gründerin des international bedeutenden Onlinejournals. Die Herausgabe einer Ausgabe für Deutschland war Arianna Huffington persönlich wichtig. Zur Eröffnung der deutschen Redaktion in München schrieb sie im Oktober 2013:
Lange Zeit war ich entschlossen, Deutsch zu lernen. Eine Sprache, die meine Mutter fließend gesprochen hat. Außerdem wollte ich einige meiner Lieblingsautoren im Original lesen können“.

Die Gründung einer Huffington-Redaktion in Deutschland, das war auch ein Bekenntnis zur globalen Bedeutung der deutschen Sprache. Und Arianna Huffington gab die Leitlinien klar und mutig vor:
„Die HuffPost Deutschland wird schonungslos aus der Politik und dem deutschen Nachrichtengeschehen berichten. Und das in dieser hochinteressanten Zeit in der Deutschlands Rolle in Europa stetig wächst“
 
(Arianna Huffington: Liebe Grüße aus München: Die HuffPost kommt nach Deutschland, 10. 10. 2013).

Damit wurde deutlich gemacht, dass bei der Veröffentlichung von investigativen und gesellschaftlich relevanten Beiträgen auch in Deutschland auf Huffington nicht verzichtet werden kann. Arianna erklärte in ihrem Leitbild, dass Huffington eine Plattform für Autoren in Deutschland, Österreich und der Schweiz sein will. Mit ihren eigenen Texten bewies sie, dass dabei auf Huffington durchaus auch längere Essays gefragt sind.

Noch zum ersten Geburtstag von Huffington Deutschland gratulierte die Gründerin Arianna der Redaktion begeistert:
Was ich bei meinen Besuchen in Deutschland immer wieder beobachte: Die Deutschen sind auch diejenigen, die vorangehen, wenn es um die Frage geht, was neben Geld und Macht noch wichtig ist. Bitte machen Sie die HuffPost Deutschland daher weiter zu ihrem Ziel für News, Meinungen und Gemeinschaft zu allen Bereichen in Deutschland“
(Arianna Huffington: Herzlichen Glückwunsch, HuffPost Deutschland, 10. 10. 2014).

Kosmopolitin mit liberaler Gesinnung

Arianna Huffington wurde als Tochter eines Journalisten und Zeitungsgründers in Griechenland geboren. Als Studentin kam die leidenschaftliche Kosmopolitin Huffington nach Großbritannien, wo sie in Cambridge ein Wirtschaftsstudium absolvierte. Danach studierte Arianna  in Indien vergleichende Religionswissenschaft an der Visva-Bharati-Universität Kalkutta, die vom Dichter und Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore gegründet wurde und prominente Absolventen vorweist, wie Filmemacher Satyajit Ray oder Amartya Kumar Sen, den indischen Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft.

Mit 30 Jahren übersiedelte Arianna Huffington nach New York. Sie befand sich in den USA, auch durch ihren Ehemann, im Nahbereich der republikanischen Partei. Doch die Autorin Arianna Huffington steht für liberale Positionen. Mit einer solchen Politik der Vernunft trat Huffington 2003 in Kalifornien bei der Wahl zum Gouverneur als unabhängige Gegenkandidatin von Arnold Schwarzenegger an. Arianna Huffington galt dabei als die Fahrerin eines feinen Alternativwagens, die eine Gegenposition zur schweren Hummer-Limousine von Schwarzenegger bieten wollte („The Hybrid versus the Hummer“). 

In der Folge gründete Arianna 2005 die Huffington Post. Einer der Begleiter beim Start des Mediums war Andrew Breitbart, der später Breitbart News gründete. Mit dem Onlinejournal Huffington sollten die Leitlinien für eine globale Politik in die öffentliche Debatte gebracht und bestimmt werden. Mit einer klaren Ausrichtung für demokratische Werte, gesellschaftspolitisches Engagement und für die Verteidigung der Amendments zur Constitution der USA. 2012 gewann die Huffington Post den Pulitzer Prize für die Serie „Beyond the Battlefield“.

Internationale Redaktionen

Zur Vision von Arianna Huffington zählte die globale Ausrichtung des Onlinejournals. Sie gründete nationale Redaktionen in wichtigen Ländern. Noch gibt es, neben dem Stammsitz in den USA, Redaktionen in 15 weiteren Ländern. Nach dem Start in den USA folgte 2011 die Eröffnung in Kanada. Im selben Jahr folgten Redaktionen in Frankreich und Großbritannien. 2012 in Spanien und Italien.

Arianna Huffington kooperierte dafür in jedem Land mit einem wichtigen Medienhaus. In Frankreich mit Le Monde, in Italien mit L`Espresso, in Spanien mit El Pais. In Deutschland war es Burda.

Die Redaktion in Deutschland wurde noch vor dem Start in Griechenland eröffnet, dem Geburtsland von Arianna Huffington, wo die Redaktion erst im November 2013 folgte, kurz vor ihrem Studienland Indien im Dezember. Weitere Redaktionen wurden in Australien, Brasilien, Quebec (die französische Ausgabe für Kanada), Japan, Korea und Maghreb eröffnet. Zuletzt konnte Arianna Huffington im September 2016 noch in Mexiko eine Redaktion einrichten, für die sie ein Leitbild der Toleranz und des interkulturellen Verständnisses deutlich formulierte:

„Nun ist der beste Zeitpunkt, um HuffPost nach Mexiko zu bringen. In einer Zeit, in der Leute wie Donald Trump eine Mauer zwischen den USA und Mexiko errichten wollen, (…) ist es wichtiger als je zuvor, den Austausch zwischen den beiden Ländern zu fördern und Brücken zu bauen, um dieses falsche und gefährliche Narrativ zu durchbrechen“.
(Arianna Huffington: Huffpost Mexiko: Diese Herausforderungen muss die neue Ausgabe der Huffpost meistern. 1. 9. 2016)

Medienkonzern übernahm Huffington

Ab 1. April wird eine Redaktion in dem internationalen Ensemble von Huffington fehlen. Die deutsche Redaktion.

Neue Eigentümer übernahmen die Huffington Post. 2011 wurde die Huffington Post für 315 Millionen Dollar an den Medienkonzern AOL verkauft. Noch blieb Arianna weiterhin als Herausgeberin und Kolumnistin für das Onlinejournal tätig. Erst als AOL 2016 von Verizon Communications zur Gänze für 4 Milliarden Dollar übernommen wurde, damit auch die Huffington Post, schied Arianna Huffington aus. Ihr letzter Beitrag auf Huffington Post erschien auf der US-Edition im Juli 2017.

Bei Burda herrschte zuvor offenbar noch Zufriedenheit mit der Entwicklung der Huffington Post. Sogar bei der Ankündigung, dass die Huffington Post Deutschland den Betrieb einstellen wird, teilte Tanja zu Waldeck, die Geschäftsführerin der Huff Post Deutschland, im Januar 2019 mit:

Die deutsche Huff Post hat gezeigt, dass man innerhalb kürzester Zeit ein neues Nachrichtenangebot in die Top 10 führen kann. Wir sind sehr stolz auf die Entwicklung in den vergangenen fünf Jahren“.

Es war Verizon, der neue Eigentümer in den USA, mit dem der Lizenzvertrag von Burda aufgelöst wurde. Es solle demnach zu unterschiedlichen Auffassungen bei der künftigen Konzeption von Huffington gekommen sein, die sich nicht mehr verbinden ließen. Laut Presseaussendung des Konzerns Burda Media ist   „eine Lizenzvergabe der Huff Post an ein anderes Medienunternehmen in Deutschland nicht geplant“.
(BurdaForward Presseaussendung:, Huff Post Deutschland wird eingestellt, 11. 1. 2019)

Deutsche Stimme eliminiert

Demnach würde Verizon künftig auf die deutsche Stimme im internationalen Konzert von Huffington verzichten. Autoren, Inhalte und Kompetenz aus Deutschland finden ab April 2019 keinen Platz mehr im globalen Orchester der Huffington Post.

Arianna Huffington war sich bewusst, wie Ihre Aussagen beweisen, dass die Teilnahme Deutschlands von Bedeutung ist. Wenn Verizon die Huffington Post als international vernetztes Medium weiterführen will, wie es von Arianna Huffington konzipiert wurde, dann dürfte auf Deutschland nicht verzichtet werden.

Doch gibt es Anzeichen, dass der Medienkonzern Verizon die Huffington Post insgesamt reduzieren und möglichst beschneiden möchte. Schon im Januar 2018 beschloss Verizon, dass freie Autoren nicht mehr auf der US Edition der Huffington Post publizieren können. Das Contributor-System wird geschlossen, teilte damals die Herausgeberin Lydia Polgreen mit.

Huffington Post Deutschland hatte ein klares Redaktionsprinzip. Es wurde jeder Beitrag von verantwortlichen Redakteuren überprüft und veröffentlicht. Das Contributor-System ermöglichte es dem Autor allerdings, den Beitrag nach den eigenen Vorstellungen exakt für die Online-Publikation mit Fotos, Tabellen und Links redaktionell vorzubereiten. 

Für die Liquidation der Huffington Post Deutschland können wirtschaftliche Argumente nicht vorgebracht werden. Huffington Deutschland war als ein Qualitätsmedium konzipiert, das lesenswerte Texte und umfassende Information bietet, dabei auch Mediendesiderata einen Platz gibt. Die Zielgruppe wurde zunehmend erreicht. Es müssen deshalb  politische Gründe sein, die ausschlaggebend für die Schließung waren. Offenbar war dem Medienkonzern Verizon der Journalismus aus Deutschland zu kritisch angelegt.


Oligopol bestimmt Inhalte


Verizon entstand im Juni 2000 aus der Fusion von Bell Atlantic Corporation und GTE Corporation (General Telephone & Electronics Corporation).  Nach dem Erwerb von AOL kam es 2017 zu einer weiteren spektakulären Übernahme, da für 4,48 Milliarden USD auch Yahoo in den Konzern Verizon eingegliedert wurde. 2017 wies der Konzern einen Umsatz von 126 Milliarden USD und ein Gewinn von 30,1 Milliarden USD aus. Damit zählt Verizon zu den profitabelsten Unternehmen der globalen Fortune Top 500.

Verizon Communications ist eine Weiterentwicklung der typischen Oligopole der Telekommunikations-  und Elektronikindustrie,  die Theodor W. Adorno und Max Horkheimer bereits 1944 in ihrer Studie „Dialektik der Aufklärung“ beschrieben, als bestimmend  für die Inhalte der Kulturindustrie.

Tatsächlich wird Verizon auch in eine enge Verbindung mit der Regierung der USA und Geheimdiensten der USA gebracht. 2014 beendeten der Deutsche Bundestag und die deutsche Bundesregierung den Vertrag mit Verizon, der als Internetprovider nicht mehr zugelassen werden sollte, aufgrund der Beziehung zu den Nachrichtendiensten der USA. Eine Verbindung mit Verizon gilt in Deutschland als politisch nicht korrekt. Man will mit dem Konzern Verizon nicht in Verbindung gebracht werden.


Nachfolgeprojekt nicht geplant

Dorothee Stommel, die Pressesprecherin von Burda Media, erklärte auf Anfrage, dass es im Burda Konzern „derzeit keine konkreten Pläne“ für ein neues Projekt gibt, mit dem Huffington Post Deutschland fortgesetzt werden könnte.

Schon 2009 sperrte der Burda Konzern, aus wirtschaftlichen Gründen, die Zeitschrift Tomorrow zu, die 1998 von der Verlagsgruppe Milchstrasse gegründet wurde und 2004 übernommen wurde. Jetzt könnte der Burda Konzern das Magazin Tomorrow brauchen, denn es könnte konzeptionell für ein Nachfolgeprojekt von Huffington Germany umgerüstet und adaptiert werden. Als Tomorrow Post Germany.

Es ist möglich, dass die Website von Huffington Post Deutschland ganz aus dem Netz genommen wird. Die Inhalte werden dann, laut Pressesprecherin Stommel, nur noch von der Deutschen Nationalbibliothek gesichert.

Die Löschung der Inhalte aus dem Netz ist unter einem wirtschaftlichen Gesichtspunkt nicht nachvollziehbar. Es wird mit den Beiträgen auch Werbung geschaltet. Diese kann weiterhin für Einnahmen sorgen, auch wenn das Projekt nicht mehr fortgesetzt wird. Je mehr  Content im Netz bleibt, desto besser für den Medienkonzern, der das Projekt betrieb. Auch die Verlinkungen bleiben dann im Netz aktiv.

Dennoch musste Huffington-Redakteur Veit Lindner in einem Brief an die Autoren schon Mitte Januar bedauern:

Wir sind traurig, Ihnen heute mitteilen zu müssen, dass die HuffPost zum 31. März eingestellt wird. Schweren Herzens bitten wir Sie daher, von der Einsendung weiterer Blog-Beiträge abzusehen (…) Derzeit versuchen wir, die auf der Seite veröffentlichten Beiträge auf eine andere Plattform zu übertragen; möglicherweise sind wir jedoch auch gezwungen, sämtliche Inhalte zu löschen“.

Öffentlichkeit für Grundrechte

Es ist für einen Autor möglich, Huffington Post zu ersetzen. Es gibt weitere Medienprojekte, die die kritische Darstellung von gesellschaftspolitischen Themen ermöglichen, um demokratische Werte zu verteidigen.

Dennoch bedauert man die Einstellung von Huffington. Insbesondere für das Thema Grundrechte möchte man auf die Huff Post Germany nicht verzichten. Die globale Vernetzung hätte bedeutet, dass Information über verletzte Grundrechte auch rasch bis in die USA gelangen kann. Mit dem Medienkonzern Verizon war dies offenbar nicht mehr möglich, obwohl das ursprüngliche Konzept von Arianna Huffington an einem solchen Austausch von Content orientiert war.

Die Huffington Post  war ein Medienprojekt, das Erfahrungswerte von Individuen organisierte, indem die dafür dringend notwendige Öffentlichkeit gegeben wurde. Die Kommunikations- und Medienforschung in Deutschland ist seit Jahrzehnten sich bewusst, dass eine solche Organisation von Erfahrung wesentlich ist für das Funktionieren der demokratischen Gesellschaft und das rechtzeitige Erkennen erforderlicher Innovationen, Korrekturen und Verbesserungen. Oskar Negt und Alexander Kluge boten dazu eine ausführliche Analyse mit ihrem wichtigen Werk „Öffentlichkeit und Erfahrung“, das erstmals 1972 im Suhrkamp-Verlag erschien. 

Die aktuelle Entwicklung beweist die enorme Bedeutung eines solchen Medienmodells. Der Austausch über die Erfahrungen mit Verletzungen von Grundrechten ist nur schwer öffentlich organisierbar. Es sind Mängel in der Dokumentation solcher Erfahrungen deutlich erkennbar. Die dafür erforderlichen Strukturen fehlen oder sind zusammengebrochen. Führende Medienkonzerne lehnen es ab, solche Erfahrungswerte in die öffentliche Debatte zu bringen.

Die Verteidigung der Grundrechte wird eine der wesentlichen Aufgaben in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts sein. Das ist bereits erkennbar. Dafür werden Medien wie die Huffington Post weiterhin gebraucht. In der Symphonie, die die kritischen Stimmen mehrerer Medieninstrumente vereinen muss, um im gesellschaftlich notwendigen Konzert die erforderliche Wirkung zu erzielen.

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