Ein reiches und seltenes Gut: Über Karsten Dümmels neue Novelle und Berliner Zeichnungen von Heiner Studt sowie ein Vorwort von Utz Rachowski

Grenzverletzung Cover

In seiner jüngsten Novelle „Grenzverletzung“ erzählt Karsten Dümmel die Geschichte von Roland S., einem jungen Schriftsteller in der DDR, der über Jahre hinweg in einem Operativen Vorgang des Ministeriums für Staatssicherheit überwacht, isoliert und zersetzt wird.

Die Handlung setzt an einem Morgen ein, an dem Roland S. einen merkwürdigen Zettel findet, auf dem ein anonymer Absender „HAUSSUCHUNG – HEUTE!“ geschrieben hat. Ob Scherz, Warnung oder bereits Zermürbung, die drohende Durchsuchung löst eine existentielle Krise in ihm aus. In einer Schutzaktion, einer fast üblichen Selbstvernichtung, beginnt Roland S., seine Tagebücher, Briefe und persönlichen Dokumente zu vernichten. Während dieser Aktion entfaltet Dümmel in Rückblenden und Stasi-Protokollen Rolands gar nicht unerfolgreiche Lebensgeschichte.

Doch auf die literarischen Erfolge als junger Autor folgten zunehmend die Repressionen des Staates. Diese ersten Maßnahmen gipfelten in Publikationsverboten, ständiger Überwachung, dem Verbot, die Stadt zu verlassen, und einer Arbeitsplatzbindung. Was sie zunächst nicht verhindern können, ist die Liebesbeziehung zur West-Berlinerin Therese, wobei die Stasi flugs ihrer gemeinsamen Zukunft Steine in den Weg stellt.

Da Therese aus Westberlin unantastbar ist, gehen sie ans Werk der schrittweisen Zerstörung von Rolands Vertrauen in Menschen. Am Ende dieser gewalttätigen Prozedur ist die eigentliche Hausdurchsuchung beinahe nebensächlich geworden. Die erwirkte innere Zersetzung führt Roland S. in eine psychiatrische Klinik, innerlich gebrochen und entfremdet. Geschickt lässt Dümmel den Stasi-Sound als bittere Pointe wirken.

Die dokumentierte Suizidgefährdung und die Ausweitung der Maßnahmen, um Rolands Suizid (selbstverständlich lediglich deshalb) zu verhindern, weil dadurch Ermittlungen erschwert würden.

Die Berliner Mauer erscheint dabei nicht nur als politisches Bauwerk. Ihre Wirkung ist allgegenwärtig. Sie zieht sich durch Städte und Beziehungen, Familien, Freundschaften und wie ein Stück Stacheldraht durch das Denken der Menschen.

So wenig wie die Grenzverletzung mit der Staatsgrenze zu tun hat, so sehr besteht sie im Eindringen des Staates in die Persönlichkeit von Roland S.

An diesem Punkt zeigt Dümmels Novelle sehr präzise die Stasi-Methoden der sogenannten „Zersetzung“: Gerüchte streuen, Isolation fördern, berufliche Blockaden schaffen, Gehirnnebel erzeugen, Freunde instrumentalisieren, Angst und Misstrauen säen. Es sind kleine Morde, die fast jeder begeht. Als Zerstörungsinstrument eines Staates finden sie keine Grenzen mehr.

Besonders eindrucksvoll an Dümmels Novelle ist vielleicht, dass körperliche Gewalt nicht vorkommt. Die eigentliche Waffe der Verunsicherung bleibt es, den Überwachten zum Schweigen zu bringen. Und Roland S. schweigt zunehmend. Bei allen finsteren Tricks und üblen Methoden fragt sich der Rezensent: Warum eigentlich? Ist dieses Schweigen Widerstand oder Schutz oder beides? Nun, schließlich wird es Gefängnis.

Als Fazit ist zu sagen, dass diese Novelle sehr feinfühlig den Weg eines jungen Menschen beschreibt, der seine Sprache am Ende nicht verliert, sondern aus nunmehr vielen Gründen aufhört, sie nach außen zu veräußern.

Dringliche Empfehlung für den Schulunterricht ab 16 Jahren, nicht nur als wichtiges Werk der DDR-Erinnerungsliteratur, sondern als eine universelle Erzählung über die Verletzbarkeit menschlicher Freiheit.

Im weiten Teil des großformatigen Taschenbuches, der „Das Beben von Berlin Beben“ heißt, sind hochaufgelöste bemalte Fotografien des diplomierten Künstlers und Musikers Heiner Studt zu sehen, die in verwandter feinfühliger Weise die vom Menschen verwundete Stadt zeigen. Nach den Aufräumarbeiten des Mauerschutts im Juli 1990 wehte über den Ereignisse des Zusammenbruch der DDR, wie über jedem abgeklungenen Erdbeben, schon frisches Sommergras. Und wo sich der märkische Sand im Todesstreifen um Ostberlin zog, war die Stadt wieder geschlossen. Damit waren auch die letzten Spuren der hundertvierzig Maueropfer „verwischt“. Dieses Verwischen ist vielleicht der markante Zug an Studts visueller Aufarbeitung, in der die Allerheiligsten Hoffnungskritzeleien allzu fröhlicher Kindheit stärker hervortreten als die sich auflösenden Häuser und Gemäuer.

Das Vorwort von Utz Rachowski ist selbst ein kleiner literarischer Text, der den Leser auf die Themenwelt der Novelle einstimmt und zugleich den biografischen Hintergrund ihrer Entstehung beleuchtet. Er eröffnet den Band mit einer poetischen Gegenüberstellung zweier Künstler, deren Lebenswege durch dieselbe deutsche Geschichte geprägt wurden.

Dabei setzt bereits der erste Satz den Ton:

„Die beiden GRENZVERLETZER … der EINE, der Maler, der ANDERE, der Schriftsteller …“

Die typografische Hervorhebung unterstreicht dazu, dass es im Buch um mehr als bloß zwei Künstlerbiografien geht. Denn beide haben die sozialistisch-deutsche Grenzempfindlichkeit nicht nur künstlerisch herausgefordert, sondern eben existenziell erfahren. Besonders eindrucksvoll ist die kurze Skizze des Malers Heiner Studt. Rachowski verdichtet dessen Lebensgeschichte auf wenige Zeilen und erreicht dennoch große Anschaulichkeit. Das Bild des jungen DDR-Abiturienten, der am Tag des Mauerbaus mit seinem Reifezeugnis in Paris steht, besitzt eben mehr als symbolischen, nämlich vergleichenden Charakter und zeigt, was für ein reiches und seltenes Gut die unwillkürliche Freiheit ist.

Karsten Dümmel, Heiner Studt, Grenzverletzung – Eine Novelle / Das Beben von Berlin – Bilder einer Ausstellung, Mit einem Vorwort von Utz Rachowski, Fischer R.G. Verlag, 70 Seiten, davon 28 farbig 29,80 Euro.

Über Axel Reitel 45 Artikel
Axel Reitel (*1961); 1982 Freikauf/Ausbürgerung; seit 1982 Hamburg, dann Westberlin; 1983 literarisches Debüt; 1985-1990 Studium (Kunstgeschichte/Philosophie); seit 1990 freischaffender Autor (u. a. Jugendstrafvollzug der DDR; Theorie vererbter Schuld); seit 2003 freier Mitarbeiter der ARD. Lebt in Berlin.