Berlinale 2020 – Closing Gala and SEX Series

Berlinale Palast; Bildquelle: Richard Hübner, Internationale Filmfestspiele Berlin, Berlinale

Ein goldener Bär als politisches Statement und ein Silberner Bär für eine deutsche Schauspielerin.

Schon bei meiner Preview zur 70. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele von Berlin wies ich darauf hin, dass unter der neuen Leitung von Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian kein großartiger Wechsel in der Gesamtausrichtung zu erwarten ist. Und genauso kam es:

Die Preisverleihung im Berlinale Palast © Berlinale

Der Preis für den besten Film der Berlinale 2020, der Goldene Bär, ging dieses Jahr an den Film „There is no Evil“ von Mohammad Rasoulof aus dem Iran.

Baran Rasoulof nimmt den Goldenen Bären für ihren Vater Mohammad Rasoulof entgegen © Berlinale

Sowohl Filmisches, wie Politisches haben hier wohl den Ausschlag gegeben, denn der Regisseur darf das Land zurzeit nicht verlassen und steht unter ständiger Beobachtung des autoritären Mullah-Staates. Das heutige iranische Regime gleicht mehr einer Diktatur, in der eine freie Meinungsäußerung kaum möglich ist.
Der Film geht genau auf dieses Thema ein, indem er vier Episoden zeigt, in denen Menschen aus politischen Gründen verfolgt und ermordet werden.
Solche Themen sind auf der Berlinale immer schon bevorzugt gewesen, egal, welche Jury die Filme beurteilt hat.
Für politische Statements ist Berlin berühmt und bekannt.
Das Festival in Cannes zielt mehr auf die kinematographische Kunst und Venedig auf die großen Publikumsfilme mit internationalen Stars.
Insofern ist Berlin ganz seiner Linie treu geblieben, auch mit der neuen Führung.

Besonders gefreut hat es natürlich das einheimische Publikum, dass eine Deutsche wieder einmal den Preis als beste Schauspielerin bekam: Paula Beer! in dem Film „UNDINE“ von Christian Petzold spielt sie eine moderne Meerjungfrau. Ich hatte den Film gesehen und auch in meiner letzten Rezension bewertet. Insgesamt war ich von dem Film nicht ganz so begeistert wie viele, dennoch eine gute Leistung von Paula Beer und insgesamt eine verdiente Anerkennung.

Paula Beer in „Undine“ © Christian Schulz

Interessant dabei, dass Regisseur Christian Petzold nun auch mit seiner neuen Muse Paula Beer einen Silbernen Bären holen konnte, ebenso wie schon 2007 mit Nina Hoss in seinem Film „Yella“.
Interessant auch, dass gleichzeitig Nina Hoss mit einem Film im Wettbewerb vertreten war („SCHWESTERLEIN“), dieses Mal aber bei der Preisverleihung gegenüber ihrer jüngeren Konkurrentin den Kürzeren ziehen musste.

Nina Hoss und Lars Eidinger in „Schwesterlein“ © Vega Film

Der Große Preis der Jury ging an die US-amerikanische Produktion „NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS“ von Eliza Hittman über das immer noch schwierige Thema Abtreibung.

„Never Rarely Sometimes Always“ mit Talia Ryder © Focus Features

Der Preis für die beste Regie ging an den südkoreanischen Regisseur Hong Sangsoo für seinen Film  „THE WOMAN WHO RAN“ über drei Frauen in Seoul.

„The Woman Who Ran“ von Hong Sangsoo © Joenwonsa Film

Der Preis für den besten Darsteller ging an Elio Germano in dem italienischen Film „HIDDEN AWAY“.

„Hidden Away“ mit Elio Germano © Chico de Luigi

Das Thema SEX als Serie

Besondere Aufmerksamkeit bekam auf der Berlinale 2020 die Sektion BERLINALE SERIES.
Serien werden immer beliebter und werden heute mit denselben Stars und demselben Budget gedreht, wie große Hollywood Produktionen.
Z.B. kostete eine Folge von „Games of Thrones“ ca. 15 Millionen Dollar bei einer Länge von ca. 50 Minuten.

Drei der insgesamt neun Serien stachen hervor: die 4-teilige Serie „HILLARY“ mit der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, die für die Berlinale extra aus den USA angereist kam (siehe mein Video von der Pressekonferenz), die australische Serie „STATELESS“ mit Cate Blanchett über Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen von der Gesellschaft ausgeschlossen und weggesperrt werden und die Serie „SEX“ aus Dänemark.

Cate Blanchett und Yvonne Strahovski bei der Premiere von „Stateless“ © Holger Jacobs

Alle Vorstellungen von „SEX“ waren, wie sollte es anders sein, schnell ausverkauft und selbst als akkreditierter Journalist musste ich früh kommen, um noch einen Platz zu ergattern.
Aber anders als es zu erwarten gewesen wäre, gab es weder knallharte Sexszenen noch sonstige explizite Darstellungen des Themas.
Da waren sogar die frühen skandinavischen Aufklärungsfilme der 70er Jahre deutlich heißer.
Den beiden Regisseurinnen Clara Mendes und Amalie Naesby Fick war es mehr um das Gefühlschaos ihrer Protagonistinnen gegangen als um das Zeigen von Stellungen aus dem Kamasutra.
Konkret geht es in der 4-teilgen Serie um die junge Cathrine (Asta Kamma August), die mit Simon liiert ist, der aber keine Lust auf Sex verspürt. Sie dagegen möchte ihre Lustgefühle ausleben. Eines Tages lernt sie ihre lesbische Kollegin Selma (Nina Terese Risk) kennen. Beide arbeiten in einem Call Center als Sexberaterinnen. Als sich die beiden auch privat treffen kommt es zu einer Annährung, bei der sich Cathrine endlich sexuell befriedigt sieht.
Aber sie ist nicht lesbisch, steht also nach wie vor auf Männer.
Trotz ihres spannenden Erlebnisses mit Selma möchte sie weiter mit ihrem Freund Simon zusammen sein, der aber selbst nach einer Paarberatung keine lustvolle Erregung bei Cathrine zeigt. Meinem Gefühl nach steht Simon wohl mehr auf Männer, nur er weiß es selbst noch nicht.
Letztlich fasst Cathrine den Entschluss sich sowohl von Simon wie von Selma zu trennen und aus Kopenhagen wegzugehen. Das Ziel: Berlin

„SEX“ mit Asta Karma August und Nina Terese Rask © Profile Pictures

Drei Filme im Wettbewerb spielten in New York („My Salinger Year“„The Roads not Taken“ und „Never Really Sometimes Always“).
Drei Filme in Berlin („Berlin Alexanderplatz“, Schwesterlein“, Undine“).
Beide Metropolen gelten zurzeit als die angesagtesten Städte weltweit.

Elle Fanning in New York in „The Roads not Taken“ © Jeong Park

Fazit der Berlinale 2020:
Einige hervorragende Filme, die sicher auch im Kino ihr Publikum finden werden, wie z.B.  „My Salinger Year“ mit Sigourney Weaver, „The Roads Not Taken“ mit Elle Fanning und Javier Bardem und auch „Undine“ mit der Preisträgerin Paula Beer.

Mein persönliches Highlight: Johnny Depp auf der Pressekonferenz im Hotel Grand Hyatt. Das erlebt man nicht alle Tage!

English text

Berlinale 2020 – Closing Gala and SEX Series
By Holger Jacobs
01/03/2020

A golden bear as a political statement and a silver bear for a German actress.
When I previewed the 70th edition of the Berlin International Film Festival, I pointed out that under the new direction of Mariette Rissenbeek and Carlo Chatrian, no major change in the overall direction is to be expected. And that’s exactly what happened:
The award for the best film at the Berlinale 2020, the Golden Bear, went to the film „There is no Evil“ by Mohammad Rasoulof from Iran.
Both the cinematic and the political were the deciding factors here, because the director is currently not allowed to leave the country and is under constant observation by the authoritarian Mullah state. Today’s Iranian regime is more like a dictatorship in which freedom of expression is hardly possible.
The film addresses this very issue by showing four episodes in which people are persecuted and murdered for political reasons. Such topics have always been preferred at the Berlinale, regardless of which jury judged the movies. Berlin is famous for its political statements. The festival in Cannes focuses more on cinematographic art and Venice on the big films with international stars.
In this respect, Berlin has remained true to its line, also with the new leadership.

Of course, the local audience was particularly pleased that a German woman once again received the award for best actress: Paula Beer!
In the movie „UNDINE“ by Christian Petzold she plays a modern mermaid. I had seen the film and rated it in my last review.
Overall, I wasn’t as enthusiastic about the film as many, but still a good performance by Paula Beer and well deserved recognition.
It was particularly interesting that director Christian Petzold was able to get a Silver Bear for his new muse Paula Beer, just like in 2007 with Nina Hoss in his film „Yella“.
It is also interesting that Nina Hoss was also represented in the competition with a Movie („SCHWESTERLEIN“), but this time, at the award ceremony 2020, she had to lose out to her younger competitor Paula Beer.

The jury’s grand prize went to Eliza Hittman’s „NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS“ production on the still difficult subject of abortion.
The Best Director Award went to South Korean director Hong Sangsoo for his film „THE WOMAN WHO RAN“ about three women in Seoul.
The award for best actor went to Elio Germano in the Italian film „HIDDEN AWAY“.

The SEX theme as a series
The BERLINALE SERIES section received special attention at the Berlinale 2020. Series are becoming increasingly popular and are now being shot with the same stars and the same budget as large Hollywood productions.
For example, a sequence of „Games of Thrones“ cost about $ 15 million and was about 50 minutes long.
Three of the nine series stood out: the 4-part series „HILLARY“ with the former presidential candidate Hillary Clinton, who came from the USA especially for the Berlinale (see my video from the press conference), the Australian series „STATELESS“ with Cate Blanchett about people who are excluded and locked away by society for various reasons and the series „SEX“ from Denmark.
All the performances of „SEX“ were, how could it be otherwise, quickly sold out and even as an accredited journalist I had to come early to get another place. But contrary to what would have been expected, there were neither hard-hitting sex scenes nor any other explicit depictions of the topic. Even the early Scandinavian educational films of the 1970s were much hotter.
The two directors Clara Mendes and Amalie Naesby Fick were more concerned with the emotional chaos of their protagonists than with showing positions from the Kamasutra. Specifically, the 4-part series is about the young Cathrine (Asta Kamma August), who is in a relationship with Simon, but who does not feel like sex. On the other hand, she wants to live out her feelings of pleasure. One day she meets her lesbian colleague Selma. Both work as sex counselors in a call center. When the two meet privately, Cathrine finally finds herself sexually satisfied. But she’s not a lesbian, so she still likes men.
Despite her exciting experience with Selma, she would like to continue to be with her boyfriend Simon, who, even after a couple’s counseling, shows no lustful excitement at Cathrine. I feel like Simon is more into men, but he doesn’t know it yet. Ultimately, Cathrine makes the decision to separate from Simon and Selma and leave Copenhagen: The goal: Berlin!
Three films in competition took place in New York („My Salinger Year“„The Roads not Taken“ and „Never Really Sometimes Always“) and three in Berlin (“ Berlin Alexanderplatz „, sister“, Undine „). Both cities are currently considered the hippest cities in the world.

Conclusion of the Berlinale 2020:
Some excellent films that are sure to find their audience in the cinema, such as „My Salinger Year“ with Sigourney Weaver, „The Roads Not Taken“ with the wonderful Javier Bardem and „Undine“ with the award winner Paula Beer.
My personal highlight: Johnny Depp at the press conference in the Hotel Grand Hyatt.
You don’t experience that every day!

https://kultur24-berlin.de

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Holger Jacobs ist Journalist und Fotograf und lebt in Berlin. Er ist Herausgeber des online Kulturmagazins www.kultur24.berlin http://kultur24-berlin.de