Russische Behörden melden einen der größten Drohnenangriffe auf die Region Moskau. Flughäfen wurden zeitweise geschlossen, ein Wildberries-Lager soll getroffen worden sein. Gleichzeitig verschärft ein Bericht über britische Drohnen den Streit zwischen Moskau und London.
In der Nacht zum 18. August richtete sich der Blick erneut auf Moskau. Nach Angaben des Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin seien 620 Drohnen in Richtung der Hauptstadtregion geflogen. Tagesschau.de nennt die Zahl unter ausdrücklichem Hinweis darauf, dass Angaben der russischen und ukrainischen Konfliktparteien nicht unmittelbar unabhängig überprüft werden können.
Nach Sobjanins Darstellung wurde ein Großteil der Fluggeräte bereits auf dem Weg abgefangen; etwa 180 Drohnen seien im Raum Moskau zerstört worden. Wie viele ihre Ziele erreichten, teilte er nicht mit. Der Betrieb der Moskauer Flughäfen wurde zeitweise eingestellt. Schon diese Einschränkung zeigt, welche Wirkung ein massiver Drohnenalarm auch dann hat, wenn ein großer Teil der Waffen abgefangen wird.
Der Gouverneur der Region, Andrej Worobjow, meldete Schäden an Wohnhäusern, Geschäften und einem Kraftwerk. Einzelheiten dazu blieben zunächst offen. Er bestätigte außerdem einen Treffer auf ein Lagerhaus des Logistikkonzerns Wildberries. Das dadurch ausgelöste Feuer sei gelöscht worden.
Wildberries wird erneut zum Ziel
Der russische Online-Händler ist in den vergangenen Wochen mehrfach in die Kriegsberichterstattung geraten. Die Ukraine wirft Wildberries vor, russische Soldaten und die Armee mit Ausrüstung zu versorgen, darunter auch Komponenten für Drohnen. Mehrere Lagerhäuser wurden zuletzt von ukrainischen Drohnen getroffen; Brände beschädigten dabei nach Berichten auch Waren kleinerer Unternehmen, die über die Plattform verkaufen.
Die ukrainische Seite hat die von Moskau genannten Größenordnungen für den Angriff in der Nacht nicht unabhängig bestätigt. Ebenso ist aus den ersten Meldungen nicht ersichtlich, welche der Schäden direkt durch Drohnentreffer und welche möglicherweise durch herabfallende Trümmer der Luftabwehr entstanden. Die Tagesschau trennt deshalb zwischen den Angaben russischer Behörden und gesicherten Beobachtungen.
Drohnenangriffe weit hinter der Front sind längst ein regelmäßiger Bestandteil des Krieges. Ihre Ziele reichen von militärischen Anlagen über Energieinfrastruktur bis zu Logistikstandorten. Moskau und seine Umgebung besitzen dabei eine besondere politische und psychologische Bedeutung. Jeder größere Angriff führt zu temporären Einschränkungen des zivilen Luftverkehrs und zwingt die russische Luftverteidigung, auch fern der Front erhebliche Ressourcen einzusetzen.
London und Moskau streiten über britische Drohnen
Zusätzliche Brisanz erhielt die Lage durch einen Bericht der britischen „Sunday Times“. Danach sollen zwei von britischen Unternehmen hergestellte und an die Ukraine gelieferte Drohnen bei Angriffen auf militärische und industrielle Ziele in Russland eingesetzt worden sein. Reuters und die Tagesschau griffen die daraus entstandene Auseinandersetzung zwischen Russland und Großbritannien auf.
Die russische Botschaft in London drohte Großbritannien mit „Konsequenzen“ und erklärte, das Land werde für seine militärische Zusammenarbeit mit der Ukraine einen Preis zahlen. Die britische Regierung wies diese Drohungen zurück und bekräftigte ihre Unterstützung für Kiew. Eine Bestätigung der britischen Regierung, dass genau die in dem Zeitungsbericht genannten Drohnen für die beschriebenen Angriffe eingesetzt wurden, lag zunächst nicht vor.
Großbritannien gehört zu den wichtigsten militärischen Unterstützern der Ukraine. Reuters verweist darauf, dass London im Juni angekündigt hatte, bis Ende 2026 insgesamt 150.000 Drohnen an die Ukraine zu liefern. Das Paket im Umfang von 752 Millionen Pfund umfasst verschiedene Systeme. Welche Modelle wann und für welche konkreten Operationen eingesetzt werden, wird in der Regel nicht vollständig öffentlich gemacht.
Der Streit berührt damit eine seit Beginn des Krieges immer wiederkehrende Frage: Wie weit reicht die Unterstützung westlicher Staaten, wenn gelieferte Waffen gegen Ziele auf russischem Territorium eingesetzt werden? Russland versucht, solche Einsätze als direkte Einbindung westlicher Staaten darzustellen. Die Unterstützer der Ukraine verweisen darauf, dass Kiew sich gegen einen russischen Angriffskrieg verteidigt und selbst über den militärischen Einsatz überlassener Systeme entscheidet, soweit die jeweiligen Lieferbedingungen dies zulassen.
Ein Angriff mit vielen offenen Zahlen
Die Zahl von 620 Drohnen stammt von der russischen Seite. Ebenso stammen die Angaben zu 180 Abschüssen im Moskauer Raum und zu den Schäden an mehreren Gebäuden aus russischen Behördenmitteilungen. Für eine vollständige Bilanz fehlen unabhängige Daten. Das gilt auch für mögliche Opferzahlen und die genaue Zahl der tatsächlich eingeschlagenen Drohnen.
Dennoch ist der praktische Effekt des Angriffs sichtbar: Flughäfen stellten zeitweise den Betrieb ein, Sicherheitskräfte und Feuerwehren waren im Einsatz, ein großes Logistiklager wurde nach Behördenangaben getroffen. Gleichzeitig wuchs die internationale Dimension des Vorgangs durch die britisch-russische Auseinandersetzung.
Der Krieg verlagert sich damit nicht von der Front weg, aber er reicht immer tiefer in das Hinterland beider Staaten. Russland greift ukrainische Städte weiterhin mit Raketen und Drohnen an; die Ukraine versucht ihrerseits, militärische, industrielle und logistische Ziele in Russland zu treffen. Der Angriff auf die Hauptstadtregion in der Nacht zum Dienstag ist eines der sichtbarsten Beispiele dieser Entwicklung.
Reuters meldete am Dienstag zusätzlich, nach Angaben des Regionalgouverneurs seien mindestens drei Menschen verletzt worden, darunter ein zehnjähriges Mädchen. Wildberries erklärte der Agentur, Trümmer einer Drohne hätten eine Wand eines Lagers getroffen und vergleichsweise geringe Schäden verursacht. Diese Darstellung unterscheidet sich in der Gewichtung von den ersten Behördenmeldungen über einen direkten Treffer und zeigt, wie vorläufig die Schadensbilanz am Morgen noch war.
Der Angriff folgt nur zwei Tage auf eine weitere sehr große Drohnenwelle. Reuters berichtete am 16. August über den Tod eines 83-jährigen Mannes in Podolsk und über Schäden an mehreren Standorten, darunter erneut ein Wildberries-Lager. Das russische Verteidigungsministerium erklärte damals, landesweit 822 ukrainische Drohnen abgefangen zu haben. Auch diese Zahl stammte von russischen Stellen und war nicht unabhängig überprüfbar.
Die Häufung der Angriffe erklärt, weshalb Wildberries in der aktuellen Berichterstattung mehr ist als ein zufällig getroffenes Handelsunternehmen. Die ukrainische Seite bezeichnet Logistikzentren des Konzerns als Teil jener Infrastruktur, die auch Güter für den russischen Militärapparat bereitstelle. Wildberries ist zugleich eine der größten Handelsplattformen des Landes, sodass Schäden an Lagern regelmäßig auch private Händler und zivile Lieferketten treffen.
Die britische Unterstützung verstärkt diese Dynamik technologisch. Reuters verweist auf das im Juni angekündigte Paket über 752 Millionen Pfund, mit dem Großbritannien bis Jahresende 150.000 Drohnen liefern will. Der russische Protest richtet sich deshalb nicht nur gegen zwei angeblich eingesetzte Systeme, sondern gegen eine westliche Lieferpolitik, die Kiew dauerhaft größere Stückzahlen unbemannter Fluggeräte zur Verfügung stellt.
Was von den genannten 620 Drohnen tatsächlich Moskau erreichen sollte, wie viele ihre Ziele trafen und welcher materielle Schaden entstand, wird sich erst mit weiteren Angaben klären lassen. Am Morgen des 18. August bleibt deshalb eine ungewöhnlich große Zahl im Raum – aber zugleich der journalistisch notwendige Vorbehalt, dass sie aus einer Kriegspartei stammt.
