Dem Leben auf der Spur

Jürgen Große, Lebensphilosophie, Grundwissen Philosophie, Reclam, Stuttgart 2010, ISBN: 978-3-15-020331-6, Preis: 9,90 Euro

What is Life? – Was ist Leben? Das berühmte Dubliner Vorlesungsbuch des Quantenphysikers Erwin Schrödinger von 1943 ist heute aktueller denn je. Daß die Biologie mittlerweile zur Wissenschaft Nummer eins aufgestiegen ist, gehört zum aufgeklärten Wissen dazu; nirgendwo anders werden derzeit mehr spektakuläre Entdeckungen gemacht. Längst hat sie die Physik als Leitwissenschaft abgelöst, diktiert mittlerweile die Politik, die Medizin und die Naturwissenschaft und teilweise auch die Industrie und die Wirtschaft.
Doch wie steht es mit der Philosophie vom Leben, der sogenannten Lebensphilosophie? Von der „etablierten“ Philosophie – im Sinne einer strengen Wissenschaft à la Husserl – wurde das Leben als „Zoe“ lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt. Immer ging es ihr nur um das Sein und nicht um das Seiende; das Lebendige in seinen vielfältigsten Äußerungen wurde entweder auf eine platte unbelebte Form, also auf eine rein tote Materie reduziert, oder als bloßer Schein des Seienden verstanden und interpretiert. Einzig und allein zählte das geistige Substrat, und wer nicht am kosmologischen Nous partizipierte, der genoß eben nur ein sehr eingeschränktes Leben.
Erst mit den französischen Materialisten und den englischen Empiristen wurde der Begriff des Lebendigen in seiner ganzen Differenziertheit betrachtet und analysiert. Und bereits schon Goethe und Schelling haben vor der das Leben verarmenden und einebnenden, letztlich totmachenden Tendenz der rein quantitativ-mathematischen abendländischen Wissenschaft gewarnt. Diesen „Geist“ der abendländischen Wissenschaft hat später Ludwig Klages als „Widersacher der Seele“ des wahren Lebens stigmatisiert. Und auch bedeutende Lebensphilosophen wie Nietzsche, Kierkegaard, Bergson, Husserl und Whitehead hatten die Identität von Leben und Erkennen zu ihrem großen Thema gemacht. Für sie gab es nicht mehr die einschneidende Differenz zwischen Innen und Außen, Geist und Materie, Energie und Stoff, Denken und Handeln, sondern vielmehr ein situatives Hin- und Her.
Trotz alledem konnte sich die sogenannte Lebensphilosophie – auch mit ihrer wirkmächtig entfalteten Kraft im Gefolge von Wilhelm Dilthey – nie auf eine exzellente Wissenschaftsgeschichte wie beispielsweise die Phänomenologie oder die Erkenntnistheorie berufen. Sie zählte lange zu den exotischen Disziplinen, die zwar – gerade im Gefolge von Schopenhauer und Nietzsche – viele Anhänger hatte, deren Faszinationskraft sich aber selten auf die universitären Lehrstuhlinhaber übertrug; sie wurde, wie eine Neuerscheinung belehrt, zumeist von Außenseitern betrieben.
Dem Thema des Lebens und seiner Philosophie wendet sich nunmehr eine Einführung von Jürgen Große, geboren 1963, zu, der bei Reclam ein kleines Buch dazu veröffentlichte. In seiner „Lebensphilosophie“ rückt Große insbesondere die nachkantische Philosophie in den Mittelpunkt.
Gerade weil, so die These, das Verhältnis zwischen Denken und Dasein im ausgehenden 18. Jahrhundert problematisch geworden war, begaben sich die Denker in der Kantnachfolge auf andere Spuren, setzten anstelle des transzendentalen Ich insbesondere auf das Gefühl, die Liebe und die Emotion. Das Leben war für sie eben mehr als das ins Absolute verlagerte Ich (Fichte) und kulminierte einerseits in einer Gefühls- und Glaubensphilosophie (Jacobi) und andererseits in einer philosophischen Poetik, Transzendental-Poesie, worauf Novalis und Schlegel gemeinsam aufmerksam machten. Es ist nicht die Verfügbarkeit des Wissens, seine Macht, die darüber entscheidet, wie das Leben letztendlich zu bewerten und zu beurteilen sei, sondern die Einsicht in das bewußte Nichtwissen, die aber keineswegs in den Nihilismus führen sollte, den später ein anderer großer Lebensphilosoph, Friedrich Nietzsche, beklagen wird, sondern in die Fülle des Seins, in eine Alleinheitslehre à la Spinoza, in die Vielzahl des Lebens samt seinen Gestalten. So mußte für Jacobi im Denken noch eine Art Frömmigkeit walten, die dem Wissen, der Nicht-Philosophie, vorzuziehen ist, da die vermeintlich autonome Philosophie letztendlich nichts anderes sei, als nur ein Wissen des Nichts. Die Unverfügbarkeit der Wahrheit zu akzeptieren, dies bedeutete für Jacobi also noch wahrhaftig zu philosophieren.
Große vollzieht auf knapp 150 Seiten seine Geschichte der Lebensphilosophie, analysiert dazu die Metaphysik Fichtes, den Begriff des Gefühls bei Jacobi, für den Gott kein Vernunftpostulat, sondern der Inbegriff und Gewißheit reiner Herzenslogik ist. Darüber hinaus werden Novalis’ „Blüthenstaub-Fragmente“ und Schlegels antispinozistische Sehnsucht nach dem Unendlichen, das sich keineswegs dem idealistischen Systemehrgeiz beugt, eingehender betrachtet. Für Schlegel beispielsweise bleibt es eine ausgemachte Sache, daß alles Wissen relativ sei und bloß symbolisch bleibt. Im Gegenzug zur bloßen und auf ein Ich sich reduzierenden Transzendentalphilosophie steigern sich transzendentales und empirisches Ich vielmehr progressiv zu einer Philosophie der Freiheit und damit letztendlich des Lebens, wie seine Schrift „Philosophie des Lebens“ von 1828 ausdrücklich bekundete.
Darüber hinaus wirft Große prägnante Einblicke in den Denkweg Schopenhauers, in Eduard von Hartmanns Werk „Philosophie des Unbewußten“ und in Philipp Mainländers „Philosophie der Erlösung“. Nietzsches Willen zur Macht, das hermeneutische Denken und die Geschichtsphilosophie von Wilhelm Dilthey und Yorck von Wartenburg erhalten ebenfalls einen Rahmen. Ebenfalls kommen die Schriften von Georg Simmel, von Henri Bergson samt seinem elan vital und der L’évolution créatrice in den Blick. Ludwig Klages’ kritische Geistphilosophie als Widersacher der Seele und Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ werden in den Fokus kurzer Einführungen und Analysen gerückt, von denen aus immer wieder Verbindungslinien zu Ernst Jünger, zu José Ortega y Gasset, zu Georg Lukács und seiner „Die Zerstörung der Vernunft“ und zu Jean-Paul Sartre beispielsweise gezogen werden. Auch die Opposition von Friedrich Georg Jünger gegen die Sachzwänge der Technik, seine Verlustbilanz der industriellen Lebensform sowie seine Kritik am bloß Mechanischen und Zerteilten und seine Hinwendung zur vitalen Ganzheit, seine Kritik am Substanzverlust der Moderne, die sich im lebensvernichtenden Konsum einer kapitalistischen „Verwertungslogik“ abarbeitet, der Antagonismus der Maschinenwelt einerseits und der „kompensatorische Erlebniskult“ andererseits, werden von Große eingehend geschildert.
Jürgen Großes Skizzen zu den jeweiligen Lebensphilosophen samt ihren Theorieansätzen lesen sich einprägsam und entsprechen vollkommen einer eingängigen und willkommenen Einführung in dieses großartige Thema. Dennoch verwundert sich der Leser, daß so prominente Vertreter der Lebensphilosophie wie Kierkegaard, Whitehead, Husserl, Bataille, Heidegger und Camus fehlen – auch ein Ausblick auf aktuelle Debatten wird vermißt, so auf die Ökologiebewegung, die nur kurz angerissen wird, die Bionik und die Genforschung. Und auch ein Blick zurück, ein Blick auf die Anfänge des Lebens bei Anaximandros beispielsweise, wäre durchaus erwünscht gewesen. Dennoch Großes „Lebensphilosophie“ bietet einen ersten guten Einblick in die Thematik des Lebens aus philosophischer Sicht und sei daher empfohlen.

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Stefan Groß-Lobkowicz
Über Stefan Groß-Lobkowicz 2059 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken und 2007 die Tabula Rasa, Die Kulturzeitung aus Mitteldeutschland, 2011 Zeitung für Gesellschaft und Kultur

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