Die Angst überleben. Die Lyrikerin Rose Ausländer zwischen Angst und Hoffnung

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Literaturwissenschaftler sind sich darin einig, dass Rose Ausländer (1901 – 1988) zweifellos zu den bedeutsamsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts gehört. Nachdem in den Jahren 1970 und 1974 die renommierten Lyriker Paul Celan, Nelly Sachs und Marie Luise Kaschnitz gestorben waren, blieben Rose Ausländer und Hilde Domin als die Lichtgestalten der deutschsprachigen Lyrik der Nachkriegszeit erhalten. Rose Ausländer gilt als Lyrikerin der Hoffnung. Das Wort Hoffnung taucht in ihren Gedichten häufig auf. In Interviews und Gesprächen betonte sie wiederholt, wie wichtig Hoffnung für sie im Leben gewesen sei. Rose Ausländer hatte ein schwieriges und leidgeprüftes Leben, so dass sie die meiste Zeit im Grunde zwischen Angst und Hoffnung hin und her pendelte.

Sie wurde am 11. Mai 1901 als Rosalie Beatrice Ruth Scherzer in Czernowitz in der Bukowina geboren. Dies war damals das östlichste Kulturzentrum des Habsburger Reiches. Sie wuchs in einer weltoffenen und liberalen jüdischen Familie auf. Mit 19 Jahren studierte sie Literatur und Philosophie und beschäftigte sich intensiv mit den Philosophen Spinoza, Nietzsche, Schopenhauer, Kant, Marx und Freud. Ihr Lieblingsphilosoph war Spinoza. Ihm widmete sie das Gedicht mit dem Anfang: „Mein Heiliger heißt Benedikt.“ In ihrem Elternhaus wurde Deutsch gesprochen. Hinsichtlich Literatur waren Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Heinrich Heine bei ihr hoch im Kurs. Die Kindheit von Rosalie Scherzer war von Geborgenheit, Vertrauen und Zuversicht geprägt. In ihrem 13. Lebensjahr gab es jedoch den ersten Einbruch in ihrem Leben, den Beginn des Ersten Weltkrieges. Aus Angst vor den russischen Truppen sind ihre Eltern mit ihr und ihrem Bruder Max zuerst nach Budapest und dann nach Wien geflüchtet. Dort verbrachte die Familie Scherzer etwa vier Jahre und kehrte nach Kriegsende wieder in ihre Heimatstadt Czernowitz zurück. Der nächste Schicksalsschlag war der Tod ihres Vaters im 19. Lebensjahr. Sie hatte mittlerweile Philosophie und Literatur studiert und musste dies deshalb abbrechen. Die Mutter, die oft krank war, war mit dem Unterhalt der zwei Kinder überfordert und hat deshalb ihrer Tochter Rosalie empfohlen, in die USA auszuwandern, um dort Geld zu verdienen. Sie ist dieser mütterlichen Empfehlung gefolgt und reiste in ihrem 20. Lebensjahr mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer in die USA. Im Jahr 1923 hat das Paar geheiratet. Die Ehe hielt jedoch nicht lange und sie haben sich nach drei Jahren wieder getrennt. Im Jahr 1931 kehrte die mittlerweile Rose Ausländer genannte Dichterin zurück nach Czernowitz, um die kranke Mutter zu pflegen. In den Folgejahren pendelte sie mehrmals zwischen den USA und Czernowitz hin und her. Es folgte der Zweite Weltkrieg und bald besetzten sowjetische Truppen Czernowitz. Rose Ausländer wurde – weil sie die amerikanische Staatsbürgerschaft hatte – vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und als angebliche US-Spionin angeklagt. Nach vier Monaten Haft wurde sie wieder aus dem Gefängnis entlassen. Die Lebensbedrohung durch russische Truppen und die Verfolgung durch das Nazi-Terrorregime wechselten einander ab. Lange Zeit versteckte sich Rose Ausländer mit anderen Bekannten in Kellern, um der Deportation zu entgehen. Dabei lernte sie den Lyriker Paul Celan kennen, der ebenfalls in Czernowitz geboren wurde. Im Jahr 1946 floh Rose Ausländer über Bukarest und Budapest wieder in die USA, um in New York eine neue Heimat zu suchen. Dort lebte sie etwa zwanzig Jahre lang. Sie war eine Jüdin im Exil, immer wieder verfolgt und hatte lange Zeit keine Bleibe und keine Wohnung. Sie lebte quasi von der Hand in den Mund und aus dem Koffer. In den USA schlug sie sich als Bankangestellte, Rechtsanwaltsgehilfin oder Fremdsprachenkorrespondentin durch. In den Jahren 1948 bis 1956 schrieb sie ihre Gedichte ausschließlich in englischer Sprache. Diese sind in Deutschland erst posthum nach ihrem Tod publiziert worden. Im Jahr 1954 kehrte sie nach Europa zurück und lebte von 1965 bis 1988 in Düsseldorf. In den letzten beiden Jahrzehnten ihres Lebens hat sie mehr als 25 Gedichtbände veröffentlicht. Insgesamt hat sie etwa 3000 Gedichte geschrieben, von denen mittlerweile etwa 2500 veröffentlicht sind.

Bereits mit 14 Jahren hat Rose Ausländer erfahren, was es bedeutet, die Heimat zu verlieren, verfolgt zu sein, eine Fremde zu sein und unbeliebt zu sein. Psychisch traumatisiert war sie durch den russischen Gefängnisaufenthalt und durch die Bedrohung im Nazi-Regime. Doch trotz aller Belastungen ist Rose Ausländer ein hoffnungsfroher Mensch geblieben. Wiederholt hat sie lyrische Hymnen auf die Hoffnung geschrieben.

Rose Ausländer hat mehrere schöne Gedichte geschrieben, die sich zwischen Angst und Hoffnung bewegen. In Zeiten der Corona-Pandemie bewegen sich viele Menschen ebenfalls zwischen Angst und Hoffnung. Die Bedrohung durch das nicht selten tödliche Virus ist eine andere Form von Bedrohung. Doch die polare psychische Spannung zwischen Angst und Hoffnung ist vergleichbar.

„Wer hofft ist jung“ – Überleben der Angst durch Liebe

Unter ihren frühen Gedichten findet sich das Gedicht „Hoffnung II“. Es wurde im Gedichtband „Im Atemhaus wohnen“ im Jahr 1981 veröffentlicht. Das Gedicht lautet wie folgt:

Hoffnung II

Wer hofft

ist jung.

Wer könnte atmen

ohne Hoffnung

dass auch in Zukunft

Rosen sich öffnen

ein Liebeswort

die Angst überlebt.“

Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen, 1981

Die Hoffnung ist ein Gefühl – manchmal auch eine Sehnsucht – die in die Zukunft verweist. Während Gefühle wie Trauer oder Rache auf die Vergangenheit bezogen sind, eröffnet Hoffnung den Horizont der Zukunft. Hoffnung hilft, Angst zu überwinden. Eine weitere große Kraft als Gegenspieler der Angst ist die Liebe. Sie ermöglicht ein Überleben trotz Angst und eine Angstbewältigung.

„Ich habe Angst vor mir“ – das eigene Ich als Quelle der Angst.

Rose Ausländer hat sich bereits mit 19 Jahren mit Sigmund Freud und der Psychoanalyse beschäftigt. Durch ihren Lieblingsphilosophen Spinoza, der als Wegbereiter der Psychologie gilt, hatte sie psychologische Erkenntnisse gewonnen. Sie hat selbst Essays über Sigmund Freud und Spinoza geschrieben, die leider in den Kriegswirren verloren gingen. Rose Ausländer hat luzide erkannt, dass das Subjekt an der Entstehung der Angst beteiligt ist. Das „Ich“ ist der Schöpfer der Angstphantasie. Ängste können berechtigt und real oder pathologisch gesteigert sein. Wer sich selbst Angst macht, führt quasi einen „Krieg gegen sich selbst“. Rose Ausländer hat dies in den folgenden Versen wie folgt ausgedrückt:

„Ich habe Angst

vor mir

Wo sind Worte

die mir helfen

den Krieg gegen mich

zu gewinnen.“

Rose Ausländer

Worte können helfen, dem Teufelskreis der Angst zu entrinnen. Dialog und Kommunikation mit einem Du können aus einem destruktiven Selbstbezug herausführen. Dann findet der „Krieg gegen sich selbst“ ein erlösendes Ende.

„Wirf deine Angst in die Luft.“

Das späte Gedicht „Noch bist du da“ beginnt furios mit der Aufforderung, die eigene Angst in die Luft zu werfen. Mit der Aufforderung im Schlussvers „Sei was du bist – gib was du hast.“ nimmt das Gedicht eine dramatische Wende. Das Gedicht als Ganzes liest sich wie folgt:

„Noch bist du da

Wirf deine Angst

in die Luft

Bald ist deine Zeit um

bald

wächst der Himmel

unter dem Gras

fallen deine Träume

ins Nirgends

Noch

duftet die Nelke

singt die Drossel

noch darfst du lieben

Worte verschenken

noch bist du da

Sei was du bist

Gib was du hast.“

Rose Ausländer

Das Gedicht appelliert an die Vergänglichkeit und die begrenzte Lebenszeit: „Bald ist deine Zeit um.“ Das existentielle Todesbewusstsein verweist auf die Chance des „Noch bist du da!“ Dieses kostbare Geschenk des Noch-Daseins ermuntert: „Noch darfst du lieben und Worte verschenken.“ Also nutze deine Chance: Carpe diem.

Immer wieder Hoffnung finden

Rose Ausländer ist trotz aller Widerfahrnisse mit ihren 87 Lebensjahren ein hohes Alter beschert worden. Sie hat dies immer als große Chance begriffen und bis ins hohe Alter Gedichte geschrieben. Ihr Verleger, Freund und späterer Nachlassverwalter Helmut Braun, hat sie elf Jahre lang jede Woche besucht. Sie war bettlägerig und hat ihm oft Gedichte diktiert, die teilweise posthum erschienen sind. Rose Ausländer ist von Literaturwissenschaftlern mit Franz Kafka verglichen worden, der wie sie jüdischer Herkunft war und in Osteuropa gelebt hat. Von Franz Kafka stammt der Satz:

„So ist denn unendlich viel Hoffnung vorhanden, nur nicht für uns.“

Franz Kafka

Rose Ausländer hat diesen Satz gerne zitiert. Er passt gut zu ihr und zu ihrer Lyrik. Bei ihr hat meistens die Hoffnung über die Angst gesiegt. So ist sie zur Lyrikerin der Hoffnung geworden und bis heute geblieben.

Literatur:

Ausländer, Rose (1976) Gesammelte Gedichte. Literarischer Verlag Helmut Braun KG, Köln

Ausländer, Rose (1984-1990) Gesammelte Werke in sieben Bänden und einem Nachtragsband. Fischer Verlag, Frankfurt am Main

Ausländer Rose (1993-1995) Werke in 17 Bänden. Fischer Verlag, Frankfurt am Main

Ausländer Rose (1994) Späte Gedichte aus dem Nachlass. Fischer Taschenburg Verlag, Frankfurt am Main.

Ausländer, Rose (2001) Gedichte. Sonderausgabe zum 100. Geburtstag.  Rimbaud Verlag

Braun, Helmut (1999) Ich bin fünftausend Jahre jung. Rose Ausländer. Zu ihrer Biographie. Radius, Stuttgart

Csef Herbert (2020b) „Die Todesfuge“ von Paul Celan. Rezeption und öffentliche Resonanz in Deutschland. Tabularasa Magazin vom 13. Juni 2020

Csef, Herbert (2020) Rose Ausländer – die schwarze Sappho aus Osteuropa. Tabularasa Magazin vom 20.11.2020

Rychlo Peter (2002) Rose Ausländers Leben und Dichtung. „Ein denkendes Herz, das singt“. Österreichische Literatur im Exil. Universität Salzburg

Wallmann, Jürgen P. (1976) „Ein denkendes Herz, das singt.“ Materialien zu Leben und Werk Rose Ausländers. In: Rose Ausländer, Gesammelte Gedichte. Hrsg. von Hugo Ernst Käufer und Berndt Mosebach. Literarischer Verlag Helmut Braun KG, Köln, S. 519-547

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. H. Csef, Schwerpunktleiter Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Zentrum für Innere Medizin, Medizinische Klinik und Poliklinik II, Oberdürrbacherstr. 6, 97080 Würzburg

E-Mail-Adresse: Csef_H@ukw.de

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.