Friedrich Nietzsche – „Werde, der du bist“. „Ecce homo“ als Inspiration zur Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung

Nietzsche-Werke, Foto: Stefan Groß

Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) hat sich zwischen den Jahren 1876 und 1888 an mehreren Stellen seines Werkes auf den berühmten Satz des griechischen Dichters Pindar bezogen: „Werde, der du bist“. Dieser stammt aus dessen Pythischen Oden.

Entstehungsgeschichte von „Ecce homo“

Nur zwanzig Tage hat Friedrich Nietzsche für dieses bedeutende Spätwerk gebraucht. Für viele Nietzsche-Experten ist es das letzte große Werk, das er vor seiner geistigen Umnachtung geschrieben hat. Es steht in einer Reihe mit dem „Antichristen“, dem „Fall Wagner“ und der „Götzendämmerung“. Äußerer Auslöser für Ecce homo war der 44. Geburtstag von Friedrich Nietzsche am 15. Oktober 1888. Bereits am 4. November desselben Jahres war das Werk fertig. Gedruckt wurde dieser Text jedoch erst im Jahre 1908. Welche Tragik. In 20 Tagen geschrieben und dann 20 Jahre auf den Druck des Buches warten müssen!

Autobiographischer Impetus

Mehrmals zuvor hatte Friedrich Nietzsche schon Idee, eine Autobiographie zu schreiben. Er wollte seinen Lesern mitteilen, wer er ist und wollte die Entstehung seiner Werke erläutern. Während seines Aufenthaltes in Turin im Jahre 1888 reifte dieses Vorhaben. Genau an seinem 44. Geburtstag am 15. Oktober setzte er seinen Plan um und schrieb mit großer Besessenheit und Energie wie in einem Guss das Werk herunter. Die Persönlichkeitsveränderung Nietzsches war zu dieser Zeit bereits deutlich verändert. Sein Antrieb war fast manisch gesteigert. Dies belegen zahlreiche Briefe und andere Dokumente. Zwei Monate später war schon sein nervlicher Zusammenbruch – der Wahnsinn und die geistige Umnachtung waren durchgebrochen bis zum Lebensende. In mehreren Phasen seiner psychischen Erkrankung hatte Friedrich Nietzsche Anfälle von Größenwahn. Diese sind in seiner autobiographischen Schrift durchaus zu ahnen.

Erste Entwürfe in „Die fröhliche Wissenschaft“

Der Begriff „Ecce homo“ tauchte schon früher in Nietzsches Werken auf. In seinem Werk „Die fröhliche Wissenschaft“ findet sich ein Gedicht mit dem Titel „Ecce homo“. Es lautet wie folgt:

„Ja, ich weiß, woher ich stamme,

Ungesättigt gleich der Flamme

Glühe und verzehr‘ ich mich.

Licht wird alles was ich fasse,

Kohle alles, was ich lasse,

Flamme bin ich sicherlich.“

Der Satz Pindars tauchte wiederholt in Nietzsches Werk auf. Wiederholt verwendete er die Formulierung von Pindar: „Werde, der du bist“. Jetzt, in „Ecce homo“ lautet der Untertitel „Wie man wird, was man ist.“

Aufbau und Inhalt von „Ecce homo“

Nach einem ausführlichen Vorwort hat das Werk vier Kapitel, die jeweils mit den Worten „Warum ich so … bin“ überschrieben sind. Bereits in den Überschriften lässt sich der beginnende Größenwahn ahnen: Die vier Kapitel lauten:

  • Warum ich so weise bin.
  • Warum ich so klug bin.
  • Warum ich so gute Bücher schreibe.
  • Warum ich ein Schicksal bin.

In dem ersten Kapitel „Warum ich so weise bin“ offenbart sich das Spannungsfeld von „Genie und Wahnsinn“. Nietzsche formuliert hier explizit sein Kranksein und seine Krankheit und sieht diese in Bezug darauf, zu welch großen Leistungen er in seiner Gesundheit fähig ist. Bereits in seiner „Genealogie der Moral“ beschrieb er ja, wie aus einer Schwäche eine große Kraft entstehen kann. Das längste Kapitel ist jenes „Warum ich so gute Bücher schreibe“. Dieses Kapitel ist nicht durch Bescheidenheit oder Ausgewogenheit geprägt, sondern trägt die Züge von Größenwahn. In diesem Kapitel beschreibt er in chronologischer Reihenfolge alle seine wichtigen Werke, wobei sogar die ganz neu erschienenen Werke „Götzendämmerung“ und „Der Fall Wagner“ bereits dargestellt werden. In dieser eigenen Werkanalyse hebt er besonders seine psychologischen Erkenntnisse hervor und beschreibt sich mehrmals als „Psychologen“. Im letzten Kapitel „Warum ich ein Schicksal bin“ stehen die berühmt gewordenen Sätze, in denen sich Nietzsche als „Dynamit“ bezeichnet und eine Synthese seines Lebens formuliert:

„Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinem Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen – an eine Krise, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissen-Kollision, an eine Entscheidung, heraufgeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“ (Friedrich Nietzsche, Ecce homo)

Psychologische Einsichten

Der kritische Leser wird feststellen, dass das umfangreiche Werk in zwanzig Tagen geschrieben wurde und Struktur und Stringenz vermissen lässt. Es ist mehr assoziative Prosa mit autobiographischen Anreicherungen. Zwischendurch finden sich jedoch psychologische Einsichten, die aufhorchen lassen. Luzide formuliert fallen positive Botschaften auf, die für den Kritiker, Vernichter und Nihilisten Friedrich Nietzsche ungewöhnlich erscheinen. Hierzu einige Kostproben:

„Die höchste Kunst, dem Ja-Sagen zum Leben, die Tragödie, wird wiedergeboren werden.“

„Ich bin ein froher Botschafter wie es keinen gab. Erst von mir an gibt es wieder Hoffnungen.“

„Woran erkennt man im Grunde die Wohlgeratenheit! Dass ein wohlgeratener Mensch unseren Sinnen wohltut: dass er aus einem Holz geschnitzt ist, das hart, zart und wohlriechend zugleich ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine Lust hört auf, wo das Maß des Zuträglichen überschritten wird.“

Zwischendurch bezeichnet sich Nietzsche als „der erste anständige Mensch“ oder als „der erste große Psychologe“.

Hedwig Dohm: „Werde, die du bist“

Hedwig Dohm (1831 bis 1919) war im 19. Jahrhundert eine der berühmtesten deutschen Frauenrechtlerinnen und feministischen Theoretikerinnen. Sie wurde bereits vor Nietzsche in Berlin geboren und hat Nietzsche um 19 Jahre überlebt. Vermutlich kannte sie seine Werke gut und hat deshalb im Jahr 1894 eine Novelle veröffentlicht mit dem Titel „Werde, die du bist“. Sie wollte damit das Prinzip der Selbsterkenntnis und der Selbstverwirklichung – das bei Friedrich Nietzsche sehr männlich geprägt war – auch für die weibliche Seite der Menschheit fruchtbar machen. Dieses Buch ist im 21. Jahrhundert in mehreren Neuauflagen wieder den Lesern zugänglich gemacht worden.

Wiederentdeckung von „Werde, der du bist“ durch Psychologen im 21. Jahrhundert

Es ist doch bemerkenswert, dass die Parole von Friedrich Nietzsche „Wie man wird, was man ist“ auch im 21. Jahrhundert immer wieder aufgegriffen wird. Der rote Faden dabei ist immer wieder die Frage der Identität und Selbsterkenntnis, sowie handlungstheoretisch die Forderung nach Selbstverwirklichung. Der Tiefenpsychologe Gerhard Wehr hat im Jahr 2013 ein schönes Buch herausgegeben, in dem er die psychologischen Erkenntnisse von Friedrich Nietzsche zusammengetragen hat. Er gab seinem Buch den Titel „Du sollst der werden, der du bist!“

Im Jahr 2017 erschien die Autobiographie des amerikanischen Psychoanalytikers und Schriftstellers Irvin Yalom. Sie trägt den Titel „Wie man wird, was man ist“. Von ihm stammt auch der Roman-Bestseller „Und Nietzsche weinte“ (deutsch 1994), der erfolgreich verfilmt wurde und als Theater-Inszenierungen Verbreitung fand. In seiner Autobiographie begründet Irvin Yalom, warum gerade Friedrich Nietzsche ihn zu diesem Roman angeregt hat. Er hält ihn für einen genuinen Wegbereiter von Sigmund Freud und sieht in seinem Werk zahlreiche Erkenntnisse, die später Sigmund Freud klarer und deutlicher ausformuliert hat. Yalom nennt einige Aussagen von Friedrich Nietzsche, die er für Psychologen und Psychotherapeuten besonders relevant hält:

  • „Arzt hilft dir selber so hilfst du auch deinem Kranken noch. Das sei deine beste Hilfe, dass er den mit Augen sehe, der sich selbst heil macht.“
  • „Werde, der du bist!“
  • „Hat man sein Warum des Lebens, so verträgt man sich mit fast jedem Wie.“
  • „Man liebt zuletzt seine Begierde und nicht das Begehrte.“
  • „Mancher kann seine eigenen Ketten nicht lösen, und jedoch ist er dem Freunde ein Erlöser.“ (Irvin Yalom 2017, S. 306).

Diese kleine Auswahl verdeutlicht, dass Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung in den psychologischen Einsichten von Friedrich Nietzsche eine zentrale Rolle spielen.

m Jahr 2019 erschien von dem Psychoanalytiker und Neurowissenschaftler Joachim Bauer das Buch „Wie werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz.“ Der Autor nimmt neben zahlreichen neueren Ergebnissen der Hirnforschung und Neurowissenschaften auch das neue Konzept der Resonanz des Sozialphilosophen Hartmut Rosa auf. Resonanz und Empathie sind wichtige Schritte zum eigenen Selbst. Sie fördern zudem die

Resilienz, die psychische Widerstandskraft. Dieses neue Werk verdeutlicht, dass im Kontext höchst innovativer Wissenschaften wie Hirnforschung, Neurowissenschaften, Selbstpsychologie, Bindungs- und Beziehungstheorie das klassige Paradigma „Werde, der du bist“ auch heute noch große Aktualität hat.

Literatur:

Bauer, Joachim (2019) Wie wir werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz. Blessing

Dohm, Hedwig (1894) Werde, die Du bist! Schottlaender Breslau

Nietzsche, Friedrich (1888) Ecce homo.  Wie man wird, was man ist. Kritische Studienausgabe (KSA), Band 6

Nietzsche Friedrich (1887) Die fröhliche Wissenschaft. Kritische Studienausgabe (KSA). Band 3

Wehr, Gerhard (Hrsg.) 2013, Friedrich Nietzsche. Du sollst der werden, der du bist! Opus Magnum Verlag

Yalom, Irvin (1994) „Und Nietzsche weinte“. Kabel Verlag Hamburg

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. H. Csef 

Schwerpunktleiter Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Zentrum für Innere Medizin

Medizinische Klinik und Poliklinik II

Oberdürrbacher Straße 6

97080 Würzburg

E-Mail-Adresse: Csef_H@ukw.de

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Über Herbert Csef 38 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.