Die Blauen Reiterinnen korrigieren keinen Kanon – sie machen ihn vollständiger

Wassily Kandinsky, Quelle: Conmongt, Pixabay. Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig.

Eine Ausstellung gegen die Abkürzung

Der Blaue Reiter gehört längst zum festen Bestand der deutschen Kunstgeschichte. Wassily Kandinsky, Franz Marc und August Macke sind Namen, denen Schüler bereits im Kunstunterricht begegnen. Das Museum Wiesbaden nimmt sich nun eines Kapitels dieser Geschichte an, das bei der Herausbildung des kunsthistorischen Kanons erheblich an Bedeutung verloren hat. Vom 23. Oktober 2026 bis zum 21. Februar 2027 widmet sich die Ausstellung „Die Blauen Reiterinnen“ jenen Künstlerinnen, die an der Entwicklung dieser Bewegung beteiligt waren und deren Leistungen vielfach hinter denen ihrer männlichen Zeitgenossen zurücktraten.

Die kunsthistorische Bedeutung der Ausstellung erschließt sich aus einem bemerkenswerten Umstand. Marianne von Werefkin, Gabriele Münter und zahlreiche andere Künstlerinnen waren an den ästhetischen Auseinandersetzungen der frühen Moderne beteiligt. Sie unterhielten eigene künstlerische Beziehungen, beeinflussten ihre Zeitgenossen und entwickelten Ausdrucksformen, die für das Verständnis dieser Epoche wesentlich sind. Dennoch verengte sich die spätere Wahrnehmung des Blauen Reiters auf einen überschaubaren Kreis herausragender Persönlichkeiten, unter denen die Männer überwogen.

Jede Kunstgeschichte muss auswählen. Museen verfügen nur über begrenzte Ausstellungsflächen, und selbst eine umfassende Darstellung kann niemals sämtliche künstlerischen Entwicklungen gleichermaßen berücksichtigen. Allerdings prägt jede Auswahl das historische Urteil nachfolgender Generationen. Was über Jahrzehnte ausgestellt, wissenschaftlich behandelt und in Schulbüchern vermittelt wird, gewinnt eine Autorität, die schließlich den Eindruck historischer Vollständigkeit erwecken kann. Gerade deshalb vermögen Ausstellungen überlieferte Wertungen zu überprüfen und bislang vernachlässigte Zusammenhänge wieder zugänglich zu machen.

Dabei verdient eine Schwierigkeit besondere Aufmerksamkeit. Die gegenwärtige Neigung, Kunstwerke vornehmlich unter Gesichtspunkten der Herkunft oder des Geschlechts ihrer Urheber zu beurteilen, kann selbst zu neuen Verengungen führen. Die Bedeutung Kandinskys oder Marcs wird durch die Anerkennung ihrer Zeitgenossinnen keineswegs geringer. Eine kunsthistorisch überzeugende Neubewertung muss sich an der Qualität der Werke und an den überlieferten Quellen bewähren.

Für die Wiesbadener Ausstellung wird deshalb entscheidend sein, wie überzeugend sie die künstlerische Eigenständigkeit der beteiligten Frauen herausarbeitet. Ihre bisherige Vernachlässigung mag Anlass zur wissenschaftlichen Beschäftigung geben, begründet jedoch noch kein ästhetisches Urteil. Erst die Auseinandersetzung mit ihren Arbeiten, ihren künstlerischen Entscheidungen und ihrer zeitgenössischen Rezeption vermag jene Bedeutung zu erschließen, die ihnen innerhalb der Entwicklung der Moderne zukam.

Schon die Entstehungsgeschichte des Blauen Reiters widerspricht einer allzu engen Einordnung. Der 1911 in München entstandene Kreis vereinte unterschiedliche künstlerische Auffassungen und beschäftigte sich ebenso mit Malerei und Grafik wie mit Literatur, Musik und ästhetischer Theorie. Seine beiden Ausstellungen von 1911 und 1912 sowie der 1912 veröffentlichte Almanach beeinflussten die Vorstellung von moderner Kunst weit über den unmittelbaren Kreis der Beteiligten hinaus.

Wie der kunsthistorische Kanon entstand

Die Wiesbadener Ausstellung greift auf einen historischen Zusammenhang zurück, dessen Zeugnisse eine differenzierte Betrachtung erlauben. Bereits ein Brief Else Lasker-Schülers an Marianne von Werefkin aus dem Jahr 1913, den das Museum seiner Präsentation voranstellt, verweist auf die persönlichen Beziehungen und das künstlerische Selbstverständnis dieser Frauen. Solche Dokumente besitzen einen besonderen Erkenntniswert, weil sie Auskunft über die Wahrnehmung der Beteiligten zu einer Zeit geben, als die spätere kunsthistorische Einordnung noch keineswegs feststand.

Bei der Neubetrachtung dieser Beziehungen verändert sich zwangsläufig auch das Bild der bekannteren Künstler. Werefkin und Münter erscheinen dann in ihrer eigenen künstlerischen Bedeutung und zugleich als Persönlichkeiten, deren Austausch mit anderen Malern die Entwicklung gemeinsamer Vorstellungen beeinflusste. Die Geschichte des Blauen Reiters gewinnt dadurch jene Vielschichtigkeit zurück, die bei der Konzentration auf einzelne Hauptwerke und ihre Schöpfer häufig verloren ging.

Hinzu kommt, dass der Blaue Reiter keine Künstlervereinigung mit einer dauerhaft festgelegten Mitgliedschaft war. Die Grenzen des Kreises lassen sich deshalb nur aus seiner Entstehung, den persönlichen Verbindungen und den gemeinsamen Unternehmungen erschließen. Ausstellungsbeteiligungen, Korrespondenzen und zeitgenössische Veröffentlichungen besitzen für seine Rekonstruktion eine größere Aussagekraft als nachträglich vorgenommene Zuordnungen. Gerade diese Offenheit erklärt, weshalb eine angemessene Darstellung über die wenigen berühmten Namen hinausgehen muss.

Darin liegt zugleich eine grundsätzliche Schwierigkeit kunsthistorischer Neubewertungen. Auch die Korrektur einer überlieferten Darstellung kann neue Vereinfachungen hervorbringen, sobald sie einem vorher festgelegten Deutungsanspruch folgt. Wissenschaftlich überzeugend wird sie dort, wo sich ihre Ergebnisse aus den erhaltenen Zeugnissen und aus einer sorgfältigen Betrachtung der Kunstwerke entwickeln.

Die Ausstellung verweist darüber hinaus auf die Bedeutung jener persönlichen Verbindungen, aus denen sich die künstlerischen Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts entwickelten. Private Salons, Freundschaften und Briefwechsel eröffneten Möglichkeiten des Austauschs, die von den offiziellen Institutionen des Kunstbetriebs allein nicht geboten wurden. Häufig entstanden neue ästhetische Vorstellungen in solchen Gesprächszusammenhängen, lange bevor sie durch Ausstellungen eine größere Öffentlichkeit erreichten.

Zahlreiche Künstlerinnen gehörten diesen Kreisen selbstverständlich an, ohne später in vergleichbarem Umfang Eingang in die museale Erinnerung zu finden. Gerade der Vergleich zeitgenössischer Dokumente mit der späteren Ausstellungsgeschichte macht sichtbar, wie unterschiedlich künstlerische Beteiligung und nachträgliche Anerkennung ausfallen konnten. Wer die Geschichte des Blauen Reiters verstehen will, muss deshalb auch untersuchen, auf welchen Wegen sich seine heutige Überlieferung herausbildete.

Kunsthistorische Korrektur ohne Quotenästhetik

Eine Ausstellung, die diesen Anspruch verfolgt, darf sich allerdings nicht auf die Wiederentdeckung von Lebensläufen beschränken. Ihre Überzeugungskraft entscheidet sich wesentlich an der Auswahl und Zusammenstellung der Werke. Im unmittelbaren Vergleich werden künstlerische Gemeinsamkeiten ebenso erkennbar wie individuelle Unterschiede. Aus der historischen Neubewertung erwächst erst dann ein tragfähiges ästhetisches Urteil, wenn die Bilder selbst zu einer solchen Betrachtung Anlass geben.

Das Museum Wiesbaden verfügt über eine bedeutende Sammlung der Moderne und beschäftigt sich auch in anderen Ausstellungen mit den politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen künstlerischer Entwicklungen. Die Beschäftigung mit den Blauen Reiterinnen fügt sich damit in ein Ausstellungsprogramm ein, das die historische Wahrnehmung der Moderne aus unterschiedlichen Perspektiven untersucht.

Für die angekündigte Schau bietet die Verbindung von Kunstwerken mit Briefen und historischen Ausstellungsdokumenten eine besondere Möglichkeit. Sie erlaubt es, die tatsächliche Beteiligung einzelner Künstlerinnen genauer zu bestimmen und ihren Einfluss auf die Entwicklung gemeinsamer künstlerischer Vorstellungen nachzuzeichnen. Zugleich lassen sich spätere Zuschreibungen mit den erhaltenen Zeugnissen vergleichen. Gerade eine solche Überprüfung bewahrt die kunsthistorische Darstellung davor, an die Stelle älterer Gewissheiten lediglich neue Behauptungen zu setzen.

Auch für die Besucher verändert sich damit die Betrachtung der Werke. Wer erfährt, unter welchen persönlichen und künstlerischen Bedingungen ein Gemälde entstanden ist, vermag seinen Platz innerhalb einer Epoche genauer einzuschätzen. Die bekannten Persönlichkeiten verlieren dadurch nichts von ihrer Bedeutung. Ihre Arbeiten erscheinen vielmehr in einem historischen Beziehungsgefüge, in dem wechselseitige Anregungen und konkurrierende Auffassungen zur Entstehung neuer Ausdrucksformen beitrugen.

Die Wiesbadener Ausstellung hat somit die Möglichkeit, eine lange vernachlässigte Seite der deutschen Moderne genauer zu erschließen. Ihre kunsthistorische Bedeutung wird daran zu messen sein, in welchem Umfang sie das bisherige Verständnis des Blauen Reiters durch neue Erkenntnisse erweitert. Die Geschichte dieser Bewegung bedarf keiner nachträglichen moralischen Neuordnung. Sie verdient jene Genauigkeit, die ihren unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten und der Eigenständigkeit ihrer Werke gerecht wird.