Die süßen Töne der Nachtigall „Die Vögel“ – Warum nur einmal bei den Münchner Opernfestspielen 2021?

So bunt, so faltenreich und geheimnisvoll wie „Die Vögel“ von Walter Braunfels am Münchner Nationaltheater: ein in der Nähe gesehenes Schaufenster-Kleid (Foto: Hans Gärtner)

War das nicht Eichendorff: „Die Nacht“? Nicht ganz, aber fast identisch mit dem Gedicht von 1832: „Wie schön hier zu verträumen / Die Nacht im stillen Wald, / Wenn in den dunklen Bäumen / das alte Märchen hallt. / / Die Berg` im Mondesschimmer / Wie in Gedanken stehn, / Und durch verworrne Trümmer / Die Quellen klagend gehn…“ Komponist und Librettist Walter Braunfels (1882 – 1954) dichtete Eichendorff nach. Legte seine Worte einer seiner beiden Protagonisten mit Namen Hoffegut in den Mund, der – endlich ohne Kumpel Ratefreund – mit der „holden Sängerin“ Nachtigall allein ist. „Aus dumpfen Traums Verlies, / Drin ich gefangen lag“, so singt er seine Geliebte aus der Welt der Vögel an, „hast du mich erweckt“.

Es ist wohl die berührendste Passage der vor 101 Jahren am Münchner Nationaltheater uraufgeführten Braunfels-Oper „Die Vögel“, die am 31. Oktober vergangenes Jahr ihre Wiederauferstehung feierte. Nicht ohne Betreiben des Komponisten-Enkels, des für München wichtigen Architekten Stephan Braunfels, Sohn des nicht weniger bedeutsamen Kunsthistorikers Wolfang Braunfels, der an der LMU lehrte. Dass „Die Vögel“ nur ein einziges Mal bei den diesjährigen Opernfestspielen zwitschern durften, kommt nicht von ungefähr. Das Werk ist aufgeladen, nein: überladen, hat viel zu viel Personal und ebenso viel zu viel Bild-Geheimnisse, die zu lüften sind, als dass die von Frank Castorf versuchte Neuinszenierung so ohne weiteres sich die Gunst des Publikums erwirken könnte.

Die von Aristophanes um 400 vor Christus erdachte Story vom menschlichen Versuch der Errichtung eines „Wolkenkuckucksheims“ hätte eine märchenhaft-verträumte, naturselige Szenerie vertragen, in der es sich mit den Gefiederten hätte einnisten lassen, um deren Qualen und Leiden, Freuden und Liebkosungen mit denen der Menschen, der Stadtmenschen vor allem, zu vergleichen. Castorf stellte drei Stunden lang einen überladenen, bunt-fröhlich durchmischten Jahrmarkt auf die Bühne seines bevorzugten Bildners Aleksandar Denics, in der sich kein Zuschauer so richtig zurecht finden konnte, mal von Video-Zuspielungen, mal von aufgeblasenen Luftschiffen, einer Radarstation, eines Satellitenschirms und natürlich Alfred Hitchcocks „Vögel“-Film abgelenkt oder zugemüllt. 

Die von Adriana Braga Peretzki hinreißend eingekleideten hochkarätigen Sänger/innen, ob Solo- oder Chorpartien, mussten Ingo Metzmachers phon- und tempo-starkem Orchestral-Apparat Paroli bieten, so dass – mit Ausnahme der romantischen Lyrismen des o. g. Beginns des 2. Aufzugs – Dauer-Hörstress angesagt war. Kein Zweifel: Für Caroline Wettergreen als Nachtigall hätte keine betörendere, süßere Nachtigall gefunden werden können, und Wolfgang Kochs hart an der Karl-Marx-Grenze angesiedelter schimpfender Prometheus verdient wie die beiden Vogel-Reich-Eindringlinge Charles Workman (Hoffegut) und Michael Nagy (Ratefreund) Hochachtung. Diese gebührt in Sonderheit den beiden musikalischen (Theodore Platt) und szenischen (Max Koch) Einspringern für den erkrankten Günter Papendell als weidlich geplagten Wiedhopf.

Man weiß, dass der Erstaufführung der Braunfels`schen „Vögel“ am 30.  November 1920 sage und schreibe  50 weitere Aufführungen folgten. Ob Castorfs Version das Zeug dazu hat, wenigstens ein Zehntel davon zu schaffen, muss bezweifelt werden. So sehr wie nach der Festspiel-Aufführung am 19. Juli 2021 der „Vögel“ schwirrte dem Unterzeichneten schon lange nicht der Schädel. Zudem musste er, wie zuletzt nach dem neuen Münchner „Freischütz“, erneut bedauern, dass es wohl heute keinen Regisseur mehr gibt, der themengerecht dem Zauber der Natur vertraut und diesen bühnen-adäquat vor Augen führt.

Über Hans Gärtner 358 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.