Was ist eigentlich aus den Grünen geworden?

Günen-Logo

Robert Habeck geht zu einer dänischen Investmentgesellschaft, Annalena Baerbock beendet im September ihr Amt bei den Vereinten Nationen. Anton Hofreiter, Britta Haßelmann und Katrin Göring-Eckardt sind im Bundestag geblieben. Andere frühere Spitzenkräfte der Partei vertreten inzwischen offen die Interessen von Unternehmen und Verbänden.

Die Zeit, in der die Grünen mit Robert Habeck und Annalena Baerbock das Bild der Bundesregierung prägten, liegt erst gut ein Jahr zurück. Trotzdem wirkt die Partei personell bereits weit auseinandergezogen. Habeck hat sich aus dem Bundestag verabschiedet und wechselt in die Investmentbranche. Baerbock arbeitet noch für die Vereinten Nationen. Hofreiter, Haßelmann und Göring-Eckardt sind geblieben, allerdings ohne Regierungsamt. Und bei Joschka Fischer, Matthias Berninger und Kerstin Andreae ist aus politischer Erfahrung längst ein Beruf in Beratung, Konzern oder Verband geworden.

Die Grünen liegen über ihrem Wahlergebnis

Von einer Rückkehr zu den früheren Höhen kann keine Rede sein, abgestürzt ist die Partei zuletzt aber ebenfalls nicht. Das ZDF-Politbarometer sah die Grünen im Juli bei 14 Prozent; denselben Wert meldete FOCUS. In der jüngsten Insa-Erhebung für die WELT waren es 13 Prozent. Damit stehen sie etwas besser da als bei der Bundestagswahl 2025, bei der sie nach dem endgültigen Ergebnis der Bundeswahlleiterin 11,6 Prozent erreichten.

Während das frühere Spitzenpersonal neue Wege sucht, baut die Partei ihre Organisation um. Anfang Juli stimmten die Mitglieder einem Reformpaket zu, das schnellere Entscheidungen, eine professionellere Parteiführung und weniger Anträge auf Parteitagen bringen soll. Das Handelsblatt bezeichnete den Beschluss als größte Strukturreform in der Geschichte der Grünen. Geführt wird die Partei weiterhin von Franziska Brantner und Felix Banaszak; an der Spitze der Bundestagsfraktion stehen Katharina Dröge und Britta Haßelmann.

Robert Habeck geht in die Investmentbranche

Bei Robert Habeck folgte auf den Abschied aus dem Parlament kein langer Zwischenraum. Er hatte 2025 angekündigt, sein Bundestagsmandat aufzugeben, und schied zum 31. August aus. n-tv berichtete damals über seinen Rückzug.

Vom 1. August 2026 an arbeitet Habeck als Senior Advisor für Urban Partners. Die dänische Investmentgesellschaft ist auf Stadtentwicklung ausgerichtet und verwaltet nach eigenen Angaben mehr als 25 Milliarden Euro. Habeck soll sich dort vor allem mit der Frage beschäftigen, wie privates Kapital für den Bau bezahlbarer Wohnungen mobilisiert werden kann. Über den Vertrag und die neue Aufgabe berichteten das Handelsblatt und n-tv.

Der Wechsel rief Lobbycontrol auf den Plan. Die Organisation warnte vor möglichen Interessenkonflikten und kritisierte den zeitlichen Abstand zwischen Regierungsamt und Privatwirtschaft. Ob Habeck für Urban Partners Kontakte zu Ministerien oder Behörden übernehmen wird, ließ das Unternehmen offen. Mehr als eine Beratertätigkeit für einen Investor ist deshalb bislang nicht belegt. Auch n-tv unterschied ausdrücklich zwischen dem bekannten Auftrag und einer nicht nachgewiesenen persönlichen Lobbyrolle.

Annalena Baerbock bleibt vorerst bei den Vereinten Nationen

Annalena Baerbocks Weg führte nicht in die Privatwirtschaft. Sie verließ den Bundestag Ende Juni 2025 und übernahm im September den Vorsitz der 80. Generalversammlung der Vereinten Nationen. Der SPIEGEL berichtete über ihre Vereidigung. Im Juni 2026 sprach sie mit dem Handelsblatt über die Kriege und diplomatischen Konflikte, mit denen sich die Weltorganisation beschäftigt.

Das Amt ist von vornherein auf eine Sitzungsperiode begrenzt. Anfang September übernimmt der bangladeschische Außenminister Khalilur Rahman. Seine Wahl meldeten das Handelsblatt und der SPIEGEL. Was Baerbock danach tun wird, ist öffentlich bislang nicht belastbar bekannt.

Die bekannten Gesichter im Bundestag

Anton Hofreiter

Anton Hofreiter ist der Bundespolitik treu geblieben. Dem Bundestag gehört er seit 2005 an; zwischen 2013 und 2021 führte er gemeinsam mit Katrin Göring-Eckardt die grüne Fraktion. In der laufenden Wahlperiode steht er erneut an der Spitze des Europaausschusses. Der Bundestag bestätigte ihn am 21. Mai 2025 als Vorsitzenden.

Sein politisches Profil hat sich deutlich von der früheren Verkehrs- und Umweltpolitik in Richtung Europa, Sicherheit und Außenpolitik verschoben. Hofreiter fordert seit Jahren eine dauerhafte Unterstützung der Ukraine und mehr europäische Handlungsfähigkeit. Seine Positionen erläuterte er unter anderem in einem ausführlichen Gespräch mit der WELT.

Britta Haßelmann

Britta Haßelmann sitzt ebenfalls seit 2005 im Bundestag. Seit Dezember 2021 führt sie die Fraktion gemeinsam mit Katharina Dröge; am 24. März 2025 bestätigten die Abgeordneten beide im Amt. Die Bundestagsfraktion führt die Wahl und die Mitglieder des Fraktionsvorstands auf. Haßelmann gehört damit zu jenen Grünen, die nach dem Ende der Regierungszeit nicht auf Abstand zur Tagespolitik gingen, sondern nun die Opposition organisieren.

In einem Interview mit dem Bundestag nannte sie bezahlbares Leben, Klimaneutralität und den Schutz demokratischer Institutionen als Schwerpunkte. Ihre Rolle ist weniger die einer Spezialistin für ein einzelnes Ressort als die der parlamentarischen Taktgeberin der Fraktion.

Katrin Göring-Eckardt

Katrin Göring-Eckardt gehört dem Bundestag seit 1998 an. Zweimal war sie Vizepräsidentin des Parlaments, von 2005 bis 2013 und erneut von 2021 bis 2025. In der laufenden Wahlperiode hat sie kein Amt im Präsidium mehr. Innerhalb der grünen Fraktion ist sie Sprecherin für Kultur und Medien sowie Beauftragte für Ostdeutschland; außerdem arbeitet sie im Kultur- und im Europaausschuss.

Anfang Juli 2026 rief sie rund um den AfD-Bundesparteitag in Erfurt zu friedlichem Protest und zu einem „Fest der Demokratie“ auf. Darüber berichtete die WELT. Ihre Ämter und ihre parlamentarische Laufbahn sind in der Biografie des Bundestages dokumentiert.

Vom Regierungsamt zur Interessenvertretung

Bei Joschka Fischer, Matthias Berninger und Kerstin Andreae ist die Lage eindeutiger als bei Habeck. Sie arbeiten in Bereichen, in denen die Vertretung wirtschaftlicher oder verbandlicher Interessen ausdrücklich Teil der Aufgabe ist. Die Angaben stammen nicht aus Mutmaßungen über persönliche Netzwerke, sondern aus Unternehmensprofilen, Verbandsseiten und dem Lobbyregister des Bundestages.

Joschka Fischer

Der frühere Außenminister gründete 2009 Joschka Fischer & Company. Das Unternehmen berät Firmen in Public Affairs, Kommunikation und Nachhaltigkeit. Im Lobbyregister des Bundestages ist die Gesellschaft als Beratungsunternehmen eingetragen. Für 2025 nennt der Registereintrag Ausgaben zwischen 120.001 und 130.000 Euro für Interessenvertretung.

Fischer verkaufte 2024 sämtliche Anteile an eine Beteiligungsgesellschaft von Christ & Company. Das Handelsblatt meldete den Verkauf. Ganz verschwunden ist er aus der Firma nicht: Nach Angaben des Käufers bleibt er als Beiratsvorsitzender verbunden.

Matthias Berninger

Matthias Berninger war Bundestagsabgeordneter und Parlamentarischer Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium. 2007 wechselte er zum Lebensmittelkonzern Mars, 2019 zu Bayer. Dort verantwortet er Public Affairs, Nachhaltigkeit und Sicherheit; Bayer beschreibt seine Laufbahn im eigenen Unternehmensprofil. Die WELT nannte ihn bei seinem Wechsel den politischen Cheflobbyisten des Konzerns. Im Lobbyregister-Eintrag von Bayer wird Berninger unter den Personen aufgeführt, die Interessenvertretung unmittelbar ausüben.

Kerstin Andreae

Kerstin Andreae gehörte 17 Jahre dem Bundestag an, war wirtschaftspolitische Sprecherin und stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Seit dem 1. November 2019 führt sie den Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Der BDEW nennt sie Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung und Mitglied des Präsidiums.

Der BDEW vertritt mehr als 2.000 Unternehmen. n-tv sprach bei Andreaes Wechsel ausdrücklich von einer Energie-Lobbyistin; aktuelle BDEW-Stellungnahmen zeigen ihre öffentliche Interessenvertretung.

Die Partei ist geblieben, ihr früheres Personal hat sich verteilt

Aus den Grünen ist also nicht einfach eine Partei ehemaliger Regierungsmitglieder geworden, die geschlossen in die Wirtschaft weitergezogen wären. Dafür sind die Wege zu verschieden. Hofreiter, Haßelmann und Göring-Eckardt sitzen weiterhin im Bundestag. Baerbock arbeitet noch einige Wochen bei den Vereinten Nationen. Habeck tritt eine Beratungsstelle bei einem Investor an, ohne dass bislang eine persönliche Lobbytätigkeit belegt wäre. Fischer, Berninger und Andreae hingegen stehen seit Jahren in Funktionen, bei denen politische Interessenvertretung offen zum Berufsbild gehört.

In den Umfragen liegen die Grünen derzeit etwas über ihrem Ergebnis von 2025. Ob die organisatorische Reform und das verbliebene Personal für einen dauerhaften Aufschwung reichen, lässt sich daraus nicht ableiten. Sicher ist nur: Die frühere Führung der Partei arbeitet heute an sehr unterschiedlichen Orten – und längst nicht mehr überall für die Grünen.