Paul Tillich – Grenzgänger und Brückenbauer zwischen Theologie und Philosophie

Paul Tillich, ChatGPT

Paul Tillich (1886 – 1965) zählt mit Karl Barth und Rudolf Bultmann zu den drei bedeutendsten evangelisch-protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts. In der Gegenwart geben zwei biografisch vorgegebene Gedenktage Anlass zur Erinnerung an den berühmten deutschen Denker. Im Jahr 2025 war sein 60. Todestag und jetzt im Jahr 2026 ist sein 140. Geburtstag. Paul Tillich hat nicht nur ein umfangreiches theologisches Werk hinterlassen, sondern seine außergewöhnliche Persönlichkeit schuf besondere Konstellationen. Der östlich von Berlin geborene Pfarrersohn hatte nach seinem Theologiestudium eine steile akademische Karriere mit vier Professuren an deutschen Universitäten. Seine intensive Kritik am Nazi-Regime führte dazu, dass er der erste nicht-jüdische Professor war, der aus politischen Gründen entlassen wurde. Mit 47 Jahren flüchtete er noch rechtzeitig ins amerikanische Exil. Dort gelang ihm eine zweite beachtenswerte Universitätskarriere. Er war Professor an drei sehr renommierten Universitäten, davon sieben Jahre an der Harvard-University. Paul Tillich war ein sehr kommunikativer und weltoffener Grenzgänger. Er war sehr gut vernetzt und im internationalen Austausch mit anderen Wissenschaftlern. Er konnte gut Brückenschlagen zu prominenten Vertretern anderen Religionen und förderte sehr den interreligiösen Dialog. Dies vergrößerte seine weltweite Reputation.

Kurzes biografisches Porträt

Paul Tillich wurde am 20. August 1886 in dem kleinen Ort Starzeddel im Landkreis Guben in der Mark Brandenburg geboren. Sein Vater war Pfarrer und der Sohn folgte dem väterlichen Vorbild. Das Gymnasium besuchte er in Berlin und nach dem Abitur studierte Tillich Theologie und Philosophie an den Universitäten Berlin, Tübingen und Halle. 1910 promovierte er an der Universität Breslau mit einer Dissertation über Schelling. Im Jahre 1912 absolvierte er das zweite Theologische Examen und es erfolgte in Berlin die Ordination. Er war kurze Zeit Hilfsprediger in Berlin, dann brach der Erste Weltkrieg aus. Tillich meldete sich freiwillig als Militärpfarrer an die Front. Für seinen mutigen Einsatz wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs lehrte er als Privatdozent in Berlin Theologie. Im Jahr 1924 erhielt er einer Professur an der Universität Marburg, anschließend weitere Professuren an den Universitäten Dresden, Leipzig und Frankfurt am Main. Tillich gehörte zum Kreis der „Religiösen Sozialisten“ und schrieb einen Artikel „Die sozialistische Entscheidung“, der eine fundamentale Kritik am Nazi-Regime enthielt. Daraufhin wurde er im Jahr 1933 aus dem Staatsdienst entlassen und war damit der erste nicht-jüdische Professor, der aus politischen Gründen sein Amt verlor. Tillich ging ins amerikanische Exil. Fast zwanzig Jahre lehrte er als Theologieprofessor am Union Theological Seminary in New York. Von 1955 bis 1962 hatte er eine Professur an der Harvard University. Anschließend erhielt er einen Ruf an die Divinity School der University of Chicago. Dort ist er am 22. Oktober 1965 im Alter von 79 Jahren gestorben.

Wissenschaftliches Oeuvre

Paul Tillich hat ein umfangreiches theologisches und philosophisches Werk hinterlassen. Seine „Gesammelten Werke“ sind in deutscher Sprache in den Jahren 1958 bis 1983 im Evangelischen Verlagswerk Stuttgart erschienen. Sie umfassen 14 Hauptbände und zahlreiche Ergänzungs- und Nachlassbände. Bereits die Hauptbände haben eine Gesamtzahl von fast 5.000 Seiten. Das gedruckte Gesamtwerk umfasst mehr als 11.000 Seiten. Die wichtigsten Hauptwerke sind die dreibändige „Systematische Theologie“, die „Religiösen Reden“ (3 Bände) und „Der Mut zum Sein“. Alle bedeutsamen Werke sind nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschienen, als Tillich mittlerweile als amerikanischer Staatsbürger in den USA lebte. Die „Gesammelten Werke“ wurden im Berliner Verlag Walter de Gruyter neu aufgelegt.

Paul Tillich als Grenzgänger

Für Paul Tillich war „die Grenze“ eine wichtige Metapher, aber auch ein sinnreiches Symbol, das viele Bedeutungen zusammenfassen konnte. Kurz vor seinem Tod erschien im Jahr 1962 seine autobiografische Schrift „Auf der Grenze“. Im selben Jahr wurde ihm in Frankfurt am Main der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Paul Tillich gab seiner Dankesrede den Titel „Grenzen“. Der Berliner Bischof Otto Dibelius hielt die Laudatio. Die Jury ehrte Tillich „für ein Leben geduldigen Strebens zur Wahrheit, der er erkennend, lehrend und bezeugend diente. In einem Jahrhundert, das mit der menschlichen Existenz oft frevelhaft spielt, hat er unbeirrt auf Sinn, Ursprung und Grenze des Seins hingewiesen und damit den Menschen Mut gemacht zum Frieden mit sich selbst, zum Frieden mit der Welt und zum Frieden mit Gott.“

Fähigkeit zum Brückenschlagen

Paul Tillich hatte viele Gemeinsamkeiten mit dem Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn. Beide wurden im Jahr 1886 geboren, die Väter von beiden waren Pfarrer und sie wuchsen in einem Pfarrhaus in einem kleinen Ort auf. Beide studierten in Berlin. Beide waren im Ersten Weltkrieg beim Militär und an der Front – Benn als Stabsarzt, Tillich als Militärpfarrer. Beide waren in ihrer weiteren Entwicklung geprägt durch die Schrecken und die Grausamkeit des Krieges. Beide kamen wegen ihres Schrifttums in Konflikt mit dem Nazi-Regime. Tillich emigrierte ins Exil in die USA, Benn wählte die „innere Emigration“ und suchte sich einen erträglichen Platz in der Wehrmacht. Sowohl der Dichter Benn als auch der Theologe Tillich wertschätzten die Metapher des Brückenschlagens oder des Brückenbauens. Die „Lebensmaxime“ von Benn lautete „Leben ist Brückenschlagen“. Für Tillich und seine Vorliebe für „die Grenze“ ist die Brücke die Verbindung der beiden Ufer des Flusses. Ohne die Brücke ist das Ufer je nach Breite des Flusses die unüberwindbare Grenze. Die Brücke ermöglicht das Überschreiten der Grenze und damit Austausch und Kommunikation.

In der umfangreichen Sekundärliteratur über Paul Tillich wird dieser oft als Brückenbauer charakterisiert (Moxter 2022). Der Grenzgänger Tillich überschritt immer wieder die Grenze zwischen Theologie und Philosophie. Er fühlte sich in beiden Wissenschaften vertraut und wohl und liebte das Hin- und Herpendeln. Er fühlte sich dabei oft wie ein Pilger im frühen Christentum, der ohne Angst Grenzen überschreitet und das „Andere“ oder die Fremde erkundet. Tillich versuchte auch immer wieder den Brückenschlag zu anderen Wissenschaftsdisziplinen. Er suchte den interdisziplinären Dialog. Er hatte regen Austausch mit anderen berühmten Exilanten aus Deutschland, die ebenfalls in den USA ihr Überleben fanden, z.B. mit Thomas Mann, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und anderen jüdischen Mitgliedern der Frankfurter Schule. Ein weiteres sehr bedeutsames Brückenschlagen bestand im interreligiösen Dialog, den Paul Tillich maximal förderte wie wenige seiner Profession. Er hatte freundschaftlichen Kontakt mit vielen Juden, bereits im Frankfurt der Vorkriegszeit, aber auch in den USA. Er pflegte einen engen Austausch mit Buddhisten. Seine Haltung zu ökumenischen Bewegungen war sehr bejahend und er betonte oft die Vorzüge des Sakralen in der katholischen Kirche. Das gesamte Spektrum des gelebten Brückenschlagens von Paul Tillich machte ihn zu einer geistigen und intellektuellen Kultfigur seiner Zeit, die schließlich durch die großen Würdigungen der Harvard-University ihre Krönung fand.

Literatur

Albrecht, Renate, Schüßler, Werner (Hrsg.), Paul Tillich. Sein Leben. Peter Lang, Frankfurt 1993

Benn, Gottfried, Leben ist Brückenschlagen. Lyrik und Prosa, Briefe und Dokumente. Droemer Knaur, München/Zürich 1965

Moxter, Michael, Auf der Grenze zwischen Theologie und Philosophie. Grenzgänger Paul Tillich. Loccumer Pelikan 1/2022, S. 15 – 19

Schüßler, Werner, Paul Tillich. C.H.Beck, München 1997

Schüßler, Werner, Sturm, Erdmann, Paul Tillich. Leben, Werk, Wirkung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007

Tillich, Paul, Gesammelte Werke. 14 Bände und 6 Ergänzungs- und Nachlassbände. Hrsg. Von Renate Albrecht. Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart 1958 – 1983

Tillich, Paul, Auf der Grenze. Aus dem Lebenswerk Paul Tillichs. Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart 1962

Tillich, Paul, Der Mut zum Sein. Neuauflage: de Gruyter, Berlin 1991

Wehr, Gerhard, Paul Tillich. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlts Monographie, Band 274. Rowohlt, Reinbek 1979

Wehr, Gerhard, Paul Tillich zur Einführung. Junius, Hamburg 1998

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email:  herbert.csef@gmx.de

Über Herbert Csef 179 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.