Die Bundesregierung hat ihre Konjunkturprognose für 2026 angehoben. Zugleich meldet die Industrie hohe Investitionszusagen. Doch die Inflation zieht wieder an, und der Umbau energieintensiver Branchen erfordert erhebliche öffentliche Fördermittel.
Wachstumsprognose nach oben korrigiert
Berlin, 8. Oktober 2026. Die Bundesregierung rechnet für dieses Jahr mit einem preisbereinigten Wachstum der deutschen Wirtschaft um 1,3 Prozent. Noch im Frühjahr hatte sie lediglich 0,5 Prozent erwartet. Für 2027 lautet die neue Prognose auf 1,1 Prozent. Die Korrektur beruht unter anderem auf der Entwicklung im ersten Halbjahr, gestiegenen Exporterwartungen und staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung. Das geht aus der aktuellen Konjunkturberichterstattung von Reuters hervor.
Ein kräftiger Aufschwung des privaten Konsums wird damit noch nicht erwartet. Die wirtschaftliche Erholung bleibt nach der Regierungsprojektion ungleichmäßig. Höhere Energiekosten belasten Haushalte und Unternehmen; zugleich fließen zusätzliche öffentliche Mittel in größere Bau- und Beschaffungsprogramme. Ob sich daraus langfristig höhere private Investitionen ergeben, ist eine offene Frage der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung.
Für September meldete das Statistische Bundesamt eine vorläufige Inflationsrate von 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Im August hatte sie 2,9 Prozent betragen. Besonders stark verteuerte sich Energie mit 14,9 Prozent im Jahresvergleich; die Preise für Nahrungsmittel stiegen nach der vorläufigen Berechnung dagegen um 0,4 Prozent. Die Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel wurde mit 2,4 Prozent angegeben. Die endgültigen Septemberzahlen sollen am 13. Oktober vorliegen.
Unternehmen kündigen Milliardeninvestitionen an
Parallel zur neuen Wachstumsprognose verweist die Bundesregierung auf die Initiative „Made for Germany“. Nach Angaben der Initiative wollen 147 beteiligte Unternehmen und Investoren bis 2028 zusammen mehr als 850 Milliarden Euro am Standort Deutschland investieren. Darüber berichtete die Deutsche Presse-Agentur Anfang Oktober. Die Initiative war 2025 unter Beteiligung großer Unternehmen und Finanzinstitute gegründet worden; Bundeskanzler Friedrich Merz nahm am 30. September an ihrem Jahrestreffen teil.
Bei den genannten Beträgen handelt es sich um eine Gesamtsumme unterschiedlicher Vorhaben. Ein Teil umfasst Investitionen, die ohnehin geplant waren, sowie Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Die Summe darf deshalb nicht als ausschließlich neues, durch die Initiative zusätzlich ausgelöstes Investitionsvolumen verstanden werden. Schon in ihrer früheren Mitteilung über die Investitionsplanung hatte die Initiative den wirtschaftspolitischen Dialog mit der Bundesregierung hervorgehoben. Die Regierung selbst ist nach einer Antwort an den Bundestag kein Mitglied des Unternehmensbündnisses.
Unternehmen verbinden ihre Ankündigungen mit Forderungen nach einfacheren Genehmigungsverfahren, weniger Bürokratie und günstigeren Bedingungen für Investitionen. Diese Forderungen sind politische Positionen der beteiligten Unternehmen. Wie viel des angekündigten Volumens tatsächlich umgesetzt wird, lässt sich erst anhand der späteren Ausgaben und fertigen Projekte beurteilen.
Stahlindustrie erhält hohe öffentliche Fördermittel
Am Umbau der Stahlindustrie zeigt sich, dass private Investitionen und staatliche Beihilfen in wichtigen Industriezweigen eng miteinander verbunden sind. Das Projekt SALCOS der Salzgitter AG soll die herkömmliche Hochofenproduktion schrittweise durch Direktreduktion und elektrische Schmelztechnik ersetzen. Das Bundeswirtschaftsministerium teilte am 23. Februar mit, die bewilligte Förderung um rund 322 Millionen Euro aufzustocken. Die ursprünglich genehmigte staatliche Förderung lag bei rund einer Milliarde Euro. Nach Angaben des Ministeriums tragen Bund und Land Niedersachsen die Mittel im Verhältnis 70 zu 30.
Auch in Duisburg wird eine Direktreduktionsanlage geplant. Nach einem Bericht der nordrhein-westfälischen Landesregierung an den Landtag vom April 2026 sieht das Projekt von Thyssenkrupp Steel eine Kapazität von 2,5 Millionen Tonnen direkt reduziertem Eisen jährlich vor. Die öffentliche Förderung soll die Umstellung der Produktion unterstützen. Die Bewilligung und die tatsächliche Auszahlung von Hilfen sind an Bedingungen und die Umsetzung des Vorhabens geknüpft.
Die Projekte sind Teil einer industriellen Umstellung, bei der sich hohe Strom- und Wasserstoffbedarfe, Produktionskosten und internationale Konkurrenz auf die Wirtschaftlichkeit auswirken. Für Unternehmen und öffentliche Haushalte entstehen dadurch längerfristige finanzielle Verpflichtungen. Mit den bislang angekündigten Summen ist weder die tatsächliche Rentabilität der Anlagen noch ihr späterer Beitrag zum Wirtschaftswachstum bereits belegt.
Die Konjunkturprognose, die privaten Investitionsankündigungen und die Stahlförderung beschreiben damit verschiedene Größen: eine Schätzung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, geplante Ausgaben von Unternehmen und staatlich bewilligte Hilfen. Sie sind nicht miteinander zu addieren. Für die wirtschaftliche Bilanz der kommenden Jahre bleiben die tatsächliche Umsetzung der Investitionen, die Energiepreisentwicklung und die Nachfrage entscheidend.
