Gasspeicher nur zu 58 Prozent gefüllt – Wirtschaftsministerin Reiche greift ein

Reichstag, Winter, Platz der Republik, Quelle: kdg2020, Pixabay. Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig

Deutschland geht mit vergleichsweise geringen Gasreserven in die Heizperiode. Ende September waren die Speicher zu knapp 58 Prozent gefüllt. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat inzwischen die zusätzliche Beschaffung von acht Terawattstunden Erdgas angeordnet. Das Ministerium rechnet weiterhin nicht mit einer Gasmangellage. Die niedrigen Vorräte werfen dennoch Fragen nach der Versorgungssicherheit im kommenden Winter auf.

Bundesregierung ordnet zusätzliche Gasbeschaffung an

Berlin. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat das bundeseigene Energieunternehmen Sefe angewiesen, bis zum 15. Dezember acht Terawattstunden Erdgas zusätzlich zu beschaffen und in deutsche Speicher einzulagern. Die Anordnung erfolgte Ende September in Abstimmung mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), nachdem die Speicherstände deutlich unter dem Niveau früherer Jahre geblieben waren. Einzelheiten der Entscheidung und der vorgesehenen Beschaffung wurden im Handelsblatt veröffentlicht.

Mit der zusätzlichen Einlagerung soll die Versorgung während der kommenden Wintermonate abgesichert werden. Die Maßnahme betrifft eine erhebliche Gasmenge, die allerdings nur einen begrenzten Teil der gesamten deutschen Speicherkapazität ausmacht. Diese liegt bei rund 247 Terawattstunden. Die angeordneten acht Terawattstunden entsprechen rechnerisch gut drei Prozent dieser Kapazität, wobei sich der tatsächliche Füllstand während der Heizperiode fortlaufend verändert, weil den Speichern gleichzeitig Gas entnommen wird.

Bereits Mitte September hatte das Wirtschaftsministerium zusätzliche Beschaffungen durch Sefe vorbereitet. Die Vereinbarungen zwischen Ministerium und Unternehmen sahen vor, die benötigten Mengen über einen längeren Zeitraum einzukaufen, um größere Preisausschläge möglichst zu vermeiden. Mit der späteren Anweisung wurde die staatliche Einflussnahme auf die Speicherbefüllung ausgeweitet.

Die Ministerin hatte zunächst auf die Möglichkeiten des Gasmarktes gesetzt. Die vergleichsweise niedrigen Reserven und die anhaltenden Unsicherheiten bei internationalen Energielieferungen führten nun zu einer zusätzlichen staatlichen Maßnahme. Wie hoch deren Kosten ausfallen werden, hängt wesentlich von den Einkaufspreisen und der weiteren Entwicklung des europäischen Gasmarktes ab.

Niedrige Reserven erhöhen die Abhängigkeit von laufenden Lieferungen

Die deutschen Erdgasspeicher dienen vor allem dazu, den erheblich höheren Verbrauch während der Wintermonate auszugleichen. Im Sommer wird gewöhnlich Gas eingelagert, das während der Heizperiode schrittweise entnommen werden kann. Diese Reserven werden insbesondere dann benötigt, wenn der Verbrauch infolge niedriger Temperaturen stark zunimmt oder Lieferungen kurzfristig eingeschränkt werden.

Seit dem weitgehenden Wegfall russischer Pipelineimporte hat Deutschland seine Gasversorgung umgestellt. Erdgas gelangt inzwischen verstärkt über Leitungen aus europäischen Nachbarstaaten sowie über LNG-Terminals ins Land. Die neuen Importmöglichkeiten haben die Abhängigkeit von einzelnen Lieferwegen vermindert. Allerdings müssen die erforderlichen Mengen weiterhin auf internationalen Märkten beschafft werden, auf denen Deutschland mit anderen Verbraucherländern konkurriert.

Bei niedrigen Speicherständen gewinnt die Verfügbarkeit laufender Lieferungen an Bedeutung. Sollte der Winter ungewöhnlich kalt ausfallen, könnte der Verbrauch deutlich steigen. Zusätzliche Schwierigkeiten wären denkbar, falls gleichzeitig Lieferungen ausfallen oder sich Flüssigerdgas auf dem Weltmarkt erheblich verteuert. Die Entwicklung der europäischen Gaspreise hängt deshalb auch von der Nachfrage in Asien, den Transportmöglichkeiten und der geopolitischen Lage ab.

Der Speicherverband INES hatte bereits auf die Risiken vergleichsweise niedriger Reserven hingewiesen. Die Entwicklung der Speicherfüllstände lässt sich anhand der regelmäßig veröffentlichten Daten der Bundesnetzagentur verfolgen. Der durchschnittliche Füllstand allein reicht allerdings für eine abschließende Beurteilung der Versorgungssicherheit nicht aus. Entscheidend sind ebenso die laufenden Importmengen, die Entnahmeleistung der Speicheranlagen und die Höhe des tatsächlichen Verbrauchs.

Wirtschaftsministerium erwartet keine Gasmangellage

Trotz der niedrigen Reserven hält das Bundeswirtschaftsministerium eine Gasmangellage im kommenden Winter nach seiner bisherigen Einschätzung nicht für wahrscheinlich. Die Bundesregierung verweist auf die inzwischen breiter aufgestellten Importmöglichkeiten und auf die Instrumente, die zur Sicherung der Energieversorgung zur Verfügung stehen. Die zusätzliche Beschaffung durch Sefe soll die vorhandenen Reserven ergänzen und mögliche Risiken während der Heizperiode verringern.

Die Entwicklung der Gasversorgung bleibt für private Haushalte ebenso von Bedeutung wie für die deutsche Industrie. Besonders energieintensive Unternehmen sind auf eine verlässliche Belieferung und kalkulierbare Preise angewiesen. Hohe Gaspreise wirken sich unter anderem auf die Produktionskosten in der Chemieindustrie, der Glasherstellung und weiteren industriellen Bereichen aus. Auch die Preise für Raumwärme und Fernwärme können von Veränderungen am Gasmarkt beeinflusst werden, wobei bestehende Lieferverträge Preisbewegungen teilweise verzögert weitergeben.

Die zusätzliche staatliche Beschaffung verändert zunächst die verfügbaren Reserven. Ob sie auch Folgen für die Marktpreise hat, hängt davon ab, zu welchen Konditionen Sefe das Erdgas einkauft und wie sich Angebot und Nachfrage in Europa entwickeln. Eine unmittelbare Belastung der Verbraucher lässt sich aus der Anweisung allein nicht ableiten.

Bis Mitte Dezember soll das Unternehmen die angeordneten acht Terawattstunden beschafft und eingespeichert haben. Zu diesem Zeitpunkt wird die Heizperiode bereits mehrere Wochen andauern. Wie sich die deutschen Gasreserven bis dahin entwickeln, hängt vor allem vom Wetter, den laufenden Importen und dem Verbrauch der Haushalte und Unternehmen ab.

Die Bundesregierung hält an ihrer Einschätzung fest, dass die Versorgung im Winter gesichert werden kann. Die angeordnete Beschaffung zusätzlicher Mengen zeigt zugleich, dass die vorhandenen Reserven erhöht werden sollen. Ob die Maßnahme ausreicht, wird sich anhand der tatsächlichen Speicherentwicklung und der Versorgungslage in den Wintermonaten beurteilen lassen.