Glaubwürdige Parallelwelten mit erfundenen Zuversichten

Warum kaufen Menschen eine Mixtur aus Tapetenkleister, Magermilch, Fetten, Ölen, Stärke und Emulgatoren und sind überzeugt, damit Speisen verfeinern zu können? Warum schmeckt Testpersonen ein und derselbe Wein aus einer Flasche, auf der ein höherer Preis ausgewiesen ist, besser als der vermeintlich billigere? Die ernüchternde Antwort: Es sind in der Regel Illusionen, die uns zum Kauf beflügeln. Die Werbemaschinerie weiß darum und bedient sich ihrer mitunter recht gnadenlos. Obwohl viele Menschen ahnen, dass sie an der Nase herumgeführt werden, sind sie im Moment des Eintauchens in die Wunderwelt des Konsums den Verführungen beinahe willenlos ausgeliefert. Die Ursache, so scheint es, liegt in unserer modernen Welt mit ihren zum Teil verlorengegangenen Werten und einem Ich, dass es nicht einfach hat. Es „steckt in einem hyperangestrengten Zustand fest. Ständig muss es entscheiden, für alles steht es ein. Die Individualisierung liegt tonnenschwer auf unseren fragilen, zarten, verletzten Ichs. Aber unsere Ichs sind alles, was wir haben. Sie sind unser letzter Glaube, unsere letzte Instanz.Aber bei einer Sache, da kann sich das Ich ausruhen: wenn es einkaufen geht. Und im Augenblick des Kaufens spürt es sich, dann ist es ganz da, dann hat es eine Entscheidung getroffen. Ich bin, wenn ich etwas kaufe. Es ist eine Gnade für unser überfordertes Ich, einkaufen zu gehen. Da bekomme ich alles. Und alle Gefühle dazu: das Glück, die Liebe, eine kurze Zufriedenheit, da gelingt was. Wir müssen beim Kaufen in den Genuss reicher Gefühle kommen.“, wird an einer Stelle im neuen Roman von Larissa Boehning in einem Seminar für Werbefachleute insistiert.
Um Illusionen und Werte geht es auch in „Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr. Der Titel des Buches ist bereits beredtes Zeugnis. Drei Menschen, mehr oder weniger desillusioniert und zerrissen, kreisen umeinander: Die junge Werbefachfrau Juliane Schmidt, ihr eloquenter NachbarMatthias Thies, ein entlassener Versicherungsvertreter, der dutzende Profile in Partnervermittlungsbörsen unterhält und es zum Meister beim Verstellen und Belügen gebracht hat sowie die wohlhabende, aber schwer kranke, ältere Dame Annemarie Funk. Juliane erhofft sich von der „zufälligen“ Begegnung mit Matthias endlich ein privates Ankommen. Doch für ihn ist sie nicht mehr als ein Affäre. Sein Hauptaugenmerk richtet er auf seine Hingabe zu Annemarie. Als potentieller Sohn-Ersatz, vor allem in Hinblick auf das millionenschwere Erbe, erscheint dies ihm wesentlich lukrativer.
Annemarie, die in der ungewöhnlichen zweiten Person erzählt, wird im Buch der größte Raum gegeben. Vor allem ihre Kindheitserinnerungen im Nachkriegsbayern sind zentraler Angelpunkt und beruhen größtenteils auf wahren Begebenheiten. In die Figur der Juliane, deren Abschnitte in der Ich-Form verfasst sind, fließen hingegen eigene Erfahrungen der Autorin ein, die ihre „Brötchen“ gleichfalls in der Werbebranche verdient. Matthias wiederum erhält die wohl unpersönlichste Form – einen auktorialen Erzähler. In stetig wechselnden Kapiteln und einem zunächstdiffusen Bühnenstück zieht Larissa Boehning Vorhang um Vorhang auf, aber auch wieder zu. Trotzdem schwingt der Grundton des Romans „als nähmen wir gemeinsam einen Atemzug in unserer atemlosen Welt, eine Pause in allem rasanten Vorwärtsdrängen.“ Diese Entschleunigung generiert sich vor allem aus der besonders liebevoll und emotional gezeichnete Figur der schwerkranken Annemarie, die emotionale Nähe zu ihrer Mutter nie erfahren durfte und nur mit ihrem Großvater, dem alten Stenz, einen Menschen hat, der mit ihr in seinen erfundenen Geschichten und Fantasien fremde Länder bereist und ihr Zuwendung gewährt.„Ihre Erinnerung war wie frische Ölfarbe, die sie in großen Gesten über die Leinwand strich, sie schöpfte ab, verstrich, und trug immer neue Farbe auf. Sie malte mir den Engelwirt und ihre Kindheit darin, und sie wirkte nicht im Geringsten geschwächt von einer Krankheit, während sie dieses Tableau entwarf.“
Entstanden ist ein wunderbar sensibles, aber auch schonungsloses Zeitbild. Boehning verwebt mit viel Verve und Einfühlungsvermögen drei Schicksale zu einem interessanten, tiefblickenden und hochwertigen Lesevergnügen, in einer zudem wunderschönen Sprache. „In jedem Erzählen verändert sich das, was ursprünglich passiert ist. Und so erzähle ich die Geschichte, wie ich sie gehört habe, und kann nicht mehr genau sagen, was Wahrheit und was Erfindung ist, nur dachte ich zwischendurch, wenn die Wirklichkeit schon aus Täuschung besteht, und der Glaube der Motor ist, der alles am Laufen hält, dann drehe ich doch auch einfach nur eine weitere Runde in diesem Rad, eine weitere Runde durch einen silbrig-hellen Himmel einer Illusion. Wozu braucht es dort einen zuverlässigen Erzähler?“, stellt Juliane fest. Nach dem Zuschlagen der letzten Seite stellt sich nicht nur die Frage, was eigentlich vom Leben eines Menschen bleibt, da doch alles Lebendige stirbt und vergeht“, sondern die Autorin zeigt eindringlich,dass unser Kreisen, die große Illusion, nie ein Ende haben wird. Wo vielleicht nichts stimmt, aber dennoch alles wahr ist: der Zufall, die Liebe, das Glück einer geteilten Zeit.“
Fazit: „Wenn ich versuchte, es von oben zu betrachten, war es so etwas wie eine dreifache Expedition, eine, die drei verschiedene Wege ging, aber in der Mitte, in diesem verworrenen Dickicht, liefen wir alle aufeinander zu.Annemarie lief oft voran, sie zeigte uns, was für eine Kraft in ihr steckte, die Kraft, an etwas zu glauben, was gar nicht ist, und dann ist es da und sie konnte weiterlaufen.Matthias nahm seinen Weg durchs Dickicht, watete durchs Unterholz, den Kompass immer zur Hand. Er wusste genau, wo sein Ziel lag, er hatte alles vor Augen.Und ich? Ich lief hinterher, auf meinem schmalen Pfad. Und dies ist die Geschichte dieser drei Wege. Sie erzählt, wo sie sich kreuzten, auseinanderliefen, verloren und fanden, all das, was uns verband, für eine kurze Zeit, vor Annemaries Tod. Sie ist das, was ich erzählen kann, und was ich nicht erzählen kann, das muss dazuerfunden werden.“, lässt Larissa Boehning ihre Ich-Erzählerin Juliane resümieren. Ein einfühlsamer, anregender und ungemein lesenswerter Roman.

Larissa Boehning
Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr
Galiani Verlag (März 2014)
320 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 386971087X
ISBN-13: 978-3869710877
Preis: 19,99 EUR

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Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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