Helmut K. Seitz / Ingrid Thoms-Hoffmann. Die berauschte Gesellschaft. Alkohol – geliebt, verharmlost, tödlich.

Boote am Chiemsee, Foto: Stefan Groß

Helmut K. Seitz / Ingrid Thoms-Hoffmann. Die berauschte Gesellschaft. Alkohol – geliebt, verharmlost, tödlich. München (Kösel Verlag) 2018, 170 S., 19.- EURO, ISBN 978-3-466-37222-5.

Der erste Blick auf das Inhaltsverzeichnis signalisiert den grundlegenden Aufklärungsanspruch der Studie. Stichworte wie riskanter Genuß, teuflische Wirkung von Bier und Wein, Alkohol als Ersatz für gesunde Lebensmittel, wider den totalen Rausch, Alkohol als Wirtschaftsfaktor, Laster der Trunkenheit wie auch die Frage nach der Heilbarkeit des Alkoholismus verweisen auf die Zielrichtung der Publikation. Bereits ein Alkoholverbrauch von 100 Gramm pro Woche, also ein Achtel Liter pro Tag, ist mit dem Risiko für die Auslösung verschiedener Krankheiten verbunden. Das bedeutet, so Professor Seitz in seinem Vorwort, dass z.B. Krebserkrankungen oder Bluthochdruck schon bei geringen Mengen an täglichem Alkoholgenuß auftreten. Auf diese in zahlreichen Studien nachgewiesenen Wirkungen des beliebtesten Freizeitvergnügens nicht nur der deutschen Verbraucher müsse die staatliche Aufklärung vor allem in folgenden Bereichen reagieren. Rauschtrinken bei Jugendlichen, krebsfördernde Wirkung von Alkohol und die Krankheiten auslösende doppelte Einnahme von Medikamenten und alkoholischen Getränken. Ein besonderes Augenmerk legt Seitz auf die wachsende Zahl an Lebererkrankungen als Folge des überbordenden Alkoholkonsums. Selbst das Deutsche Ärzteblatt habe in seiner Veröffentlichung vom Juni 2018 nicht erwähnt, dass jährlich bis zu 30.000 Patienten an dieser Krankheit sterben.

„Zwischen Leber und Milz paßt immer noch ein Pils“. Der lustige Spruch aus der Feder des bekannten Dichters der Aufklärung, Christoph Wieland, verweise, so die beiden Autoren, auf den unbedenklichen, überbordenden Alkoholgenuß, wie er seit Jahrhunderten in allen Schichten vor allem der europäischen Gesellschaften gepflegt werde, ohne Rücksicht auf Magen, Leber, Milz, Bauchspeichedrüse und den Herzbereich. Selbst Dünndarm, Zwölffingerdarm und Mastdarm leiden unter den Auswirkungen von exorbitantem Alkoholkonsum, dessen risikoarme Schwellendosis für Männer bei 24 Gramm Alkohol und bei Frauen nur bei der Hälfte liege. Dass das weibliche Geschlecht anatomiebedingt viel weniger verträgt, sei auf zwei „Mechanismen“ zurückzuführen; auf die geringere Menge an Körperwasser und die damit verbundene höhere Blutalkoholkonzentration sowie die – im Vergleich zu Männern – geringere Aktivität des Enzyms Alkoholdehydrogenase. Diese Faktoren würden besonders im Falle von oft heimlichem Alkoholkonsum während der Schwangerschaft zu fatalen Auswirkungen auf den Fötus führen.

Das besondere Merkmal der Publikation besteht darin, dass ihre Verfasser auch Alkohol-Soziogramme für bestimmte Alters- und Berufsgruppen entwickeln. Sie warnen vor den Folgen exzessiven Alkoholverbrauchs im Alter, setzen sich mit den Auswirkungen von „Suff-Exzessen“ in bestimmten Berufsgruppen auseinander, sie berichten über die seelsorgerische Betreuung von Alkoholikern und sie scheuen sich nicht, beispielhaft auch berühmte politische und künstlerische Persönlichkeiten zu nennen, die sich exzessiv dem Alkohol hingaben.

Dass der gigantische Alkoholkonsum ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor ist und durch eine exzessive Werbung gefördert wird, zeigen Seitz und Thoms-Hoffmann auf ebenso überzeugende Weise, indem sie Forderungen nach der Verteuerung und der strengeren Zugangsregelung für alkoholhaltige Getränken, besonders für Jugendliche, erheben. An diesen Kapiteln der Studie wird deutlich, dass zwei ausgewiesene Kenner der Thematik nicht nur bekannte Phrasen über die Folgen von exzessivem Alkoholkonsum verkünden, sondern sich fachlich ausgewiesen und erzieherisch einfühlsam mit dem Alkoholismus auseinandersetzen. Nicht zufällig lauten deshalb ihre Schlusskapitel ‚Trinke ich zuviel oder bin ich schon abhängig?’, ‚Ist Alkoholismus heilbar?’ und ‚Erste Schritte aus der Sucht’. Selbst eine Liste von Adressen von Selbsthilfegruppen und Suchthilfegruppen, leider nur auf die ehemalige Bundesrepublik bezogen, ist angefügt. Fazit: in der breiten Angebotspalette von oft oberflächlichen Alkoholismus-Ratgebern erweist sich „Die berauschte Gesellschaft“ als eine überzeugende Publikation, die dem Laster Alkohol fachlich anschaulich und behutsam-erzieherisch zu Leibe rückt.

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