Radikale Zukunft bedeutet, dass von dem, was heute noch die Gegenwart bestimmt, fast nichts Bestand haben wird. In der Gegenwart stellt sich dann eine umfassende Orientierungslosigkeit ein: Wohin wird es gehen, warum kann es sich lohnen und wie kann es gelingen? Die Wege sind nicht mehr vorgezeichnet, sie müssen gegangen werden.
Radikale Zukunft eröffnet völlig neue Möglichkeiten, erfordert aber zugleich völlig neue Voraussetzungen. In den etablierten Strukturen ist Fortschritt kaum noch möglich. Politik agiert in den Grenzen der Gegenwart statt in den Möglichkeiten der Zukunft und verliert sich irgendwo zwischen regulatorischer Kleinteiligkeit und strategischer Kurzsichtigkeit. Reformen am Bestehenden reichen nicht mehr aus. Es geht um einen tiefen infrastrukturellen und institutionellen Umbau. Radikale Zukunft bedeutet, dass sich alles ändern muss, damit alles bleiben kann, wie es ist. Denn wenn sich nichts ändert, wird nichts bleiben können, wie es ist.
Der Wandel ist umfassend und tiefgreifend. Meinungsbildungs- und Verhandlungsprozesse in der Gesellschaft verändern sich ebenso wie die Arbeits- und Wertschöpfungsprozesse in der Wirtschaft. Das „Betriebssystem“, auf dem diese Prozesse laufen, braucht ein Update. Jeder Versuch, das zu negieren, führt unweigerlich in neue Krisen. Es ist daher wichtig, die tieferen Ursachen der derzeitigen Umbrüche zu verstehen, um die richtigen Antworten auf die Fragen einer radikal anderen Zukunft geben zu können. Doch wir tun uns schwer mit der Analyse der Ursachen und der Konzeption der Maßnahmen.
Die Ungebundenheit von Wissen und die neue Institutionalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft
Die tiefere Ursache für fast alle heute zu beobachtenden Veränderungen liegt in einem fundamentalen Vorgang: Wissen ist heute, anders als früher, weitgehend ungebunden und wird dadurch als autonome Intelligenz verfügbar. Damit verändern sich maßgebliche Institutionen der Industrie- und Informationsgesellschaft: Soziale Medien führen zu einem „Strukturbruch der Öffentlichkeit“ (Habermas) mit gravierenden Folgen für eine polarisierte Demokratie, Künstliche Intelligenz ermöglicht autonome Entscheidungs- und Produktionssysteme mit gravierenden Folgen für einen digitalen Kapitalismus. Der Übergang von der Wissens- in die Intelligenzökonomie ist die eigentliche Revolution unserer Zeit. Daraus entsteht ein Ungleichgewicht zwischen alter Zentralität und neuer Dezentralität und die große Aufgabe einer Reinstitutionalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft.
Zentralität wird vor allem durch Institutionen hergestellt. Sie ermöglichen die räumliche und zeitliche Koordination dezentraler Entscheidungen und heben so das Potenzial der Dezentralität von Wissen und Versuch. Wenn durch technologische Entwicklungen die dezentralen Möglichkeiten plötzlich stark anwachsen, kommt es zu systemischer Unordnung („Entropie“), weil das Maß an Koordination zu gering ist. Das Neue lässt sich nicht mehr in das Alte integrieren: der Aufstieg Chinas nicht in die multilaterale Ordnung, die Sozialen Medien nicht in die demokratische Öffentlichkeit, die Digitalisierung nicht in die industriellen Strukturen. Alle diese Entwicklungen sind selbst systembildend. Es ist kein Zufall, dass in einem Moment des Zerfalls von Ordnungen territorialer Imperialismus, technologische Expansion und politische Ideologien wieder Einzug halten. Totalitäre („Ordnung ohne Freiheit“) wie libertäre („Freiheit ohne Ordnung“) Ideen breiten sich wieder aus und drohen, sich der radikalen Zukunft zu bemächtigen, da in einem Moment der Unordnung die etablierten Institutionen wirkungs- und orientierungslos werden, unfähig, aus der unverstandenen Gegenwart in eine radikale Zukunft zu führen.
Das Paradox der Unsicherheit
Der Faktor Zeit spielt in Entscheidungen eine wesentliche Rolle. Zunehmende Unsicherheit führt dazu, dass individuelle Entscheidungen immer defensiver und kurzfristiger getroffen werden, um der Unsicherheit auszuweichen. Dadurch aber nimmt die Unsicherheit nicht etwa ab, sondern kollektiv sogar zu. Dahinter steht ein epistemischer Fehlschluss: Unsicherheit ist keine Eigenschaft der Zukunft – sie ist schlicht unbekannt –, sondern Ausdruck unseres Unverständnisses der Gegenwart. In Zeiten der Unsicherheit gilt es daher, die Entscheidungs- und Gestaltungsfähigkeit bewusst zu stärken. Gerade jene, die trotz Unsicherheit zu handeln bereit sind, gewinnen einen strategischen Zeitvorteil. Der Umgang mit komplexen Umgebungen und nicht-linearen Dynamiken erfordert jedoch spezielle Fähigkeiten, etwa Agilität und Resilienz. Sie sind zu einer Voraussetzung für die Zukunftsgestaltung selbst geworden.
Dass in den heutigen Entscheidungen zu wenig Zukunft abgebildet ist, hat verschiedene Ursachen. Erstens gibt es bei umfassender Orientierungslosigkeit kein gemeinsames Verständnis mehr von Zukunft; sie existiert nicht (mehr) als Erwartungsgleichgewicht. Zweitens erzeugt Mehrdeutigkeit viel Lärm, aber wenig echte Signale; die signal-to-noise ratio ist sehr niedrig, was es schwierig macht, Zukunft überhaupt zu „erkennen“. Drittens werden Zukunftsentscheidungen durch die Gegenwartsstrukturen verzerrt; das betrifft sowohl mentale Modelle (overconfidence, availability bias) als auch Routinen und Institutionen, die Entscheidungen systematisch zugunsten des Status quo verzerren. Der Rahmen, in dem Entscheidungen getroffen werden, weist nach Anthony Giddens eine Dualität auf: Er ist zugleich Medium und Ergebnis sozialen Handelns und wird durch soziales Handeln reproduziert und bestätigt.
Die Bedeutung von Infrastrukturen, Institutionen und Innovationen
Zukunftsfähigkeit entscheidet sich wesentlich durch zukunftsfähige Infrastrukturen, Institutionen und Innovationen. Mit ihnen und durch sie entsteht erst Zukunft.
Infrastrukturen ermöglichen Skalierung, erhöhen die Kosteneffizienz und schaffen auf diese Weise überhaupt erst neue Märkte und Geschäftsmodelle. Neue Infrastrukturen ermöglichen darüber hinaus die Erschließung neuer Pfade und überwinden bestehende Pfadabhängigkeiten. Kritische Infrastrukturen sind darüber hinaus von strategischer Bedeutung für Sicherheit, Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit.
Institutionen setzen Anreize, die auf langfristige Ziele und Werte ausgerichtet sind. Sie stellen Koordination her und ermöglichen Kooperation. Auch Risiken werden entlang von Institutionen effizient verteilt. Ohne institutionellen Wandel ist es unmöglich, den tiefen strukturellen Umbruch effizient zu koordinieren und Investitionen zukunftsorientiert umzulenken.
Innovationen machen zukunftsfähige Lösungen nicht nur marktfähig, sondern schaffen sich ihre eigenen Märkte und Ökosysteme. Sie sind nicht mehr inkrementell, sondern radikal und disruptiv. Sie überwinden die institutionellen Restriktionen der Gegenwart und entwickeln die technologischen Möglichkeiten der Zukunft. Solche Innovationen werden oft erst möglich durch neue Infrastrukturen und Institutionen.
Neue Infrastrukturen, Institutionen und Innovationsysteme bilden den transformativen Rahmen für die strukturelle Erneuerung. Ohne diesen Rahmen ist es so gut wie unmöglich, den Weg in eine radikale Zukunft zu gehen.
Die Entstehung der Zukunft
Interessanterweise gibt es kaum Theorien darüber, wie Zukunft entsteht, wo sie ihren Anfang nimmt und wie sich durchsetzt. Im Nachhinein lässt sich vieles rationalisieren, manches sogar kausal erklären. Tatsächlich aber ist kaum etwas prädeterminiert. Die Zukunft ist weder eine unerreichbare Utopie noch ein unausweichliches Schicksal. Die Entstehung der Zukunft aus einem Zustand der Unordnung heraus ist gleichermaßen ein Abbau- wie ein Aufbauprozess, der ein politischer, aber auch ein genuin unternehmerischer ist. Neues entsteht, indem es durch Anpassung die Restriktionen der Gegenwart überwindet und durch Gestaltung die Chancen der Zukunft ergreift. Das Neue beinhaltet eine Doppelnatur von Flexibilität und Wachstum. Was aus der unendlichen Menge der Möglichkeiten sich tatsächlich realisiert, wird wesentlich dadurch bestimmt, worauf im Zustand der Mehrdeutigkeit die Aufmerksamkeit gelenkt wird, welche Deutungen sich durchsetzen und wo Mut und Schnelligkeit die Initiative ergreifen. Es entsteht so ein Gradient, der die Richtung und die Stärke der Bewegung in die Zukunft vorgibt.
Im Zustand der Unordnung müssen andere als die etablierten „Institutionen“ die Entstehung neuer Institutionen vorantreiben, die selbst noch keine Institutionen sind, aber Elemente zukünftiger Institutionen enthalten. Diese „Kerne“ tragen Fortschritt in sich, stiften Sinn und leisten Koordination, also alles „Fähigkeiten“, die die etablierten Institutionen verloren haben. Sie sind explorative Vehikel des Fortschritts und Katalysatoren des strukturellen Wandels, indem sie sich von Pfadabhängigkeiten, von etablierten Routinen, Netzwerken und mentalen Mustern lösen und sich agil organisieren, um durch Anpassung und Wandel neues Wachstum zu erzeugen.
Ordnungspolitik als eine Idee der Zukunft
Prof. Dr. Henning Vöpel
Vorstand Stiftung Ordnungspolitik
Direktor Centrum für Europäische Politik
