Ein gemeinsamer Tod – der Doppelsuizid von André und Dorine Gorz

engel steinengel skulptur grab grabstein friedhof, Quelle: cocoparisienne, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Der einsame Tod ist eine der größten Herausforderungen für moderne Menschen am Lebensende. Viele fürchten den einsamen Tod und die „Einsamkeit der Sterbenden“ (Norbert Elias). Ein Gegenentwurf ist der gemeinsame Tod. Es gibt Paare, die Jahrzehnte zusammengelebt haben und gemeinsam sterben wollen. Sie wollen gemeinsam aus dem Leben scheiden und verhindern, dass einer geht und der andere einsam, leer und trauernd zurückbleibt.

Im Jahr 2007 haben sich der bekannte französischeSozialphilosoph André Gorz und seine EhefrauDorine gemeinsam das Leben genommen. Elisabeth von Thadden hat in der „Zeit“ diesen Doppelsuizid wie folgt gewürdigt:

„Ein altes, kluges Paar hat sich umgebracht und nicht demütig gewartet, bis der Tod einen nach dem andern holt und sie also scheidet.“ (von Thadden 2007)

André und Dorine Gorz – eine außergewöhnliche Liebe

André Gorz war Sohn eines jüdischen Wiener Holzhändlers und verbrachte durch die Weitsicht seiner Mutter die Zeit des Naziregimes in der Schweiz. Dort lernte er nach dem Zweiten Weltkrieg die aus Schottland stammende Doreen Keir kennen und heiratete sie. 1954 wurde er französischerStaatsbürger und enger Mitarbeiter von Jean-Paul Sartre. Er wurde zu einem der einflussreichsten Gesellschaftstheoretiker, Sozialphilosophen und Wirtschaftswissenschaftler der französischenNachkriegszeit. Sein Hauptwerk „Kritik der ökonomischen Vernunft“ stellt „Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft“. Auch sein Werk „Auswege aus dem Kapitalismus“ (2009) hat nichts an Aktualität verloren. Seine Ehefrau Doreen war lange Zeit unheilbar krank. Sie litt unter einer Rückenmarkserkrankung (Arachnoiditis), die sich nach Operationen zunehmend verschlechterte. Im höheren Lebensalter kam dann noch eine Krebserkrankung hinzu, was die Gesamtlage des Paares deutlich verschlimmerte. Dorine und André Gorz waren beim Doppelsuizid 84 und 83 Jahre alt und hatten 60 Jahre als Ehepaar miteinander verbracht. Kurze Zeit vorher schrieb André Gorznoch sein letztes Buch mit dem Titel „Brief an D. Geschichte einer Liebe“ (2007). Es enthält sehr tiefsinnige und emotional anrührendeLiebesbekenntnisse des damals 83-jährigen an seine jahrzehntelange Lebensgefährtin.

„Brief an D. Geschichte einer Liebe“ von André Gorz

Im Alter von 83 Jahren hat André Gorz einen langen Liebesbrief an seine Ehefrau Dorine geschrieben. Dieser Brief war ihm ein persönliches und privates Herzensanliegen. Freunde, die diesen Brief gelesen haben, ermunterten oder bedrängten ihn, diesen Liebesbrief in Buchform zu veröffentlichen. Nach langem Hin und Her und mehreren Gesprächen mit der Empfängerin dieses Briefes, seiner geliebten Ehefrau Dorine, stimmte er zu. André Gorz hat diesen Brief in der Zeit vom 21. März bis 6. Juni 2006 geschrieben. Er ist im selben Jahr im französischen Original erschienen. Die deutschsprachige Übersetzung folgte ein Jahr später im Schweizer Rotpunktverlag und umfasst 84 Druckseiten.

Das Buch beginnt mit den Sätzen:

„Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden. Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllenvermag.“

Den prosahaften Schilderungen des Kennenlernens folgen fast philosophisch anmutende Reflexionen über den Sinn und den Bund der Ehe. Der Heiratswunsch von Dorine war wohl klarer und ausgeprägter als jener von André. Bald waren ihr seine Zweifel und seine Ambivalenz zu viel, so dass sie ihn vor die Wahl stellte: Trennung oder Eheschließung. Ihr schlagendes Argument: „Frauen ziehen einen endgültigen Bruch vor.“ Sie gab ihm Bedenkzeit und reiste für einige Wochen nach England und er blieb zurück in Lausanne. Er bangte um ihre Rückkehr und schrieb ihr zärtliche Liebesbriefe nach England. Sie kehrte zu ihm zurück und sie heirateten bald. Es folgen dann Jahrzehnte, die zeigen, wie André und Dorine ihre große Liebe in der Realität des Lebens gestalten. Die letzten fünfzehn Seiten handeln von den leidvollen Jahrzehnten. In den siebziger Jahren hatte Dorin eine Bandscheibenoperation. Dabei wurde – vermutlich ein Kunstfehler – ein Kontrastmittel verwendet, das schwere Erkrankungen im Rückenmark (Arachnoiditis) auslösen kann. Dorine hatte viele Jahre unerträgliche Schmerzen. Schließlich wurde bei ihr noch Gebärmutterkrebs diagnostiziert und sie wurde erfolgreich operiert. Die Schmerzzustände persistierten und wurden schlimmer. Dann entschieden sich das Ehepaar, nach fast 60 Jahren Ehe gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Auf der letzten Seite des Buches wird dieser Schritt angekündigt.

Im letzten Absatz des Buches heißt es:

Nachts sehe ich manchmal die Gestalt eines Mannes, der auf einer leeren Straße in einer öden Landschaft hinter einen Leichenwagen hergeht. Dieser Mann bin ich. Und du bist es, die der Leichenwagen wegbringt. Ich will nicht bei Deiner Einäscherung dabei sein; ich will kein Gefäß mit Deiner Asche bekommen… Jeder von uns möchteden anderen nicht überleben müssen. Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweiseein zweites Leben haben, es zusammen verbringen möchten.“

Der Doppelsuizid am 22. September 2007

Etwa fünfzehn Monate nach dem Verfassen des Briefes war es dann soweit. André und Dorine Gorzentschieden sich, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Der Sterbeort war für sie eh klar. Ihr kleines schlichtes Haus in dem kleinen Ort Vosnon in der Champagne. Beide injizierten sich eine Giftspritze – eine Selbsttötungsart, die viele andere prominente Doppelselbstmörder schon angewendet haben. Der berühmte französische Marxist Paul Lafargue und seine Ehefrau  Laura   , übrigens die Tochter von Karl Marx, wählten diese Methode für ihr gemeinsames Sterben im Jahr 1911. Der Psychiater und Suizidforscher Nico Speijer seine Ehefrau schieden im Jahr 1981 ebenfalls mit dieser Suizidhandlung gemeinsam aus dem Leben. André und Dorinesetzten sich intensiv mit anderen Doppelsuiziden auseinander, auch jenem des erfolgreichen britischen Schriftsstellers Arthur Koestler und seiner Ehefrau Cynthia. Von diesem Paar übernahmen sie Handlung, an die Haustür einen Zettel zu hängen mit der Aufforderung, die Polizei zu rufen. Zwei Tage nach ihrem Tod fand eine Freundin den Zettel an der Tür und rief die Polizei.

Gemeinsam aus dem Leben scheiden

Das gemeinsame Sterben durch einen Doppelsuizid ist eine Möglichkeit für Paare, die sehr lange miteinander gelebt haben. Die bekannten oder prominenten Fälle waren fast alle Ehepaare, die etwa fünfzig bis sechzig Jahre miteinander verheiratet waren (Vgl. Csef 2016, Haenel 2001). Diese Doppelsuizide sind ein gemeinsamer Freitod der Liebe und Ausdruck einer tiefen Verbundenheit bis in den Tod. Diese Form des gemeinsamen Todes ist ein Gegenmodell zum einsamen Tod, den heutzutage viele Menschen sterben (Csef 2018, 2021, 2022). Für den gemeinsamen Tod haben Paare die Möglichkeit, selbst Hand anzulegen und in Eigenregie aus dem Leben zu scheiden. Wie eben André und DorineGorz. Eine andere Möglichkeit ist der assistierte Suizid durch eine Sterbehilfeorganisationen, der von diesen „Paarbegleitung“ genannt wird. Der Manager und Politiker Eberhard von Brauchitsch und der berühmte britische Dirigent Edward Downes wählten für ihr gemeinsames Sterben diesen Weg. Bisher wurde dies innerhalb Europas nur in der Schweiz angeboten (Csef 2019). Mittlerweile ist dies auch in Deutschland „erlaubt“ und wird praktiziert, seit das Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 das Sterbehilfegesetz aus dem Jahr 2015 aufgehoben hat. Wie eine gesetzliche Neuregelung durch den Deutschen Bundestag aussehen wird, ist derzeit Gegenstand heftiger und kontroverser Diskussionen. Es ist also noch offen, wie dieser Kampf um das Lebensende ausgehen wird.

Literatur

Csef, Herbert (2016), Doppelsuizide von Paaren nach langer Ehe. Verzweiflungstaten oder Selbstbestimmung bei unheilbaren Krankheiten?  Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik. Jahrgang 2016, Ausgabe 1, S. 1 – 10

Csef, Herbert (2018), Die Einsamkeit der Sterbenden. Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik. Jahrgang 2018, Ausgabe 2: 1-10

Csef, Herbert (2019), Neuere Entwicklungen der Sterbehilfe in den Niederlanden, Belgien und in der Schweiz. Suizidprophylaxe, Jahrg. 46, Heft 1, S. 28 – 32

Csef, Herbert (2021), Chronik eines angekündigten Suizids. Tod und Sterben von Fritz J. Raddatz. Tabularasa Magazin vom 24. Juni 2021

Csef, Herbert (2022), Der einsame Tod. TabularasaMagazin vom 16. Mai 2022

Elias, Norbert (1982), Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen. Humana conditio. Berlin: Suhrkamp

Gorz, André (2008) Brief an D. Geschichte einer Liebe. Rotpunktverlag Zürich, 7. Aufl.

Gorz, André (2009) Kritik der ökonomischenVernunft. Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft. Zürich Rotpunktverlag.

Gorz, André (2009) Auswege aus dem Kapitalismus.2. Auflage. Zürich Rotpunktverlag.

Haenel, Thomas (2001) Suizid und Zweierbeziehung. Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen

Von Thadden, Elisabeth (2007) André Gorz: Überden Tod hinaus. Ein Nachruf, nach einem letzten Besuch. Die Zeit vom 28. September 2007.

Von Thadden, Elisabeth (2007) Von Luft und Liebe. Eine letzte Begegnung mit dem alten Ehepaar vor ihrem Tod. Die Zeit vom 20. September 2007

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef, An den Röthen 100, 97080 Würzburg

Csef_h@ukw.de

Finanzen

Über Herbert Csef 142 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.