Hitlers Geist – gestern in Alexandria, heute in Ankara

Islamischer Antisemitismus – Rezension

Küntzel, Matthias, „Nazis und der Nahe Osten – wie der islamische Antisemitismus entstand“, Quelle: Hentrich & Hentrich Verlag

Man möchte sich an den Kopf fassen – haben wir etwa 88 Jahre nach Beginn des Dritten Reiches immer noch nicht alles aufgearbeitet? Nein, mitnichten. Der Blick des Hamburger Politologen Matthias Küntzel, der über den europäischen Tellerrand hinausgeht, macht das mehr als deutlich.

Nicht irgendwohin geht der Blick, sondern nach Ägypten, in den Irak, den Iran und in die heutige Türkei. Und natürlich in das alte Palästina, vor allem dorthin, wo seit 1948 der Staat Israel ist. Was uns heute so selbstverständlich scheint – dass Araber und zunehmend auch Türken Judenhasser sein müssen, das war vor 100 Jahren im Nahen Osten überhaupt nicht klar, das war keine Mehrheitsmeinung. Und wer hat den fatalen Umschwung angezettelt oder doch zumindest maßgeblich gefördert? Nationalsozialisten! Nachzulesen ist es in „Nazis und der Nahe Osten“ von Matthias Küntzel, einer gerade mal 269 Seiten starken, broschierten Buch, erschienen bei Hentrich & Hentrich.

In einem knappen, aber sehr konzentrierten Kapitel I zeigt Küntzel, ein in Hamburg lehrender Politologe, die Grundlagen des Problems, wobei er vor allem eine wichtige Änderung im Bild von den Juden, das die Mehrheit der Moslems pflegte, herausarbeitet: Galten Juden bis ins 20 Jahrhundert bei quasi allen Moslems als „schwach“ und „feige“, wurde ihnen nun geheime Weltverschwörung und kollektive gedankliche Aggression zur Last gelegt. Aber warum diese Änderung?

In seinem größer angelegten Kapitel II tritt Küntzel mit historischen Fakten den Beweis für seine These, seine Beobachtung an. In Ägypten wurde 1926 NS-Auslandsorganisation durch Bruder von Rudolf Heß in Alexandria gegründet. 1928 gründete ebendort ein gewisser Al-Banna die Muslim-Bruderschaft. Kein Zufall – Küntzel zeigt ab Seite 59 auf, wieso. Und er nennt Zahlen: 1936 hatte die „Muslimbruderschaft“ 800 Mitglieder, dann machte sie mit Hilfe von Nazi-Agenten große Boykottaufrufe gegen Juden. In Ägypten verbreiteten NS-Funktionäre ab 1936 mit der Schrift „Islam und Judentum“ die Lüge, dass es „die Juden“ darauf abgesehen hätten, die heiligen Stätten des Islam in Jerusalem zu zerstören. Diese angebliche Geheiminformation entfaltete starke Wirkung, denn für die scheinbaren Beweise wurden moslemische Hadithen herangezogen, so etwa der mörderische, uralte Text „Baum und Stein“. 1938, nach zwei Jahren Gehirnwäsche, lag die Zahl der Mitglieder der „Muslimbruderschaft“ bei 200.000. Harte Fakten belegen ein hierzulande kaum bekanntes Phänomen: wesentliche Grundlagen für den heutigen Nahost-Konflikt wurden in Berlin konzipiert! Und auch wenn sie natürlich nach 1945 nicht mehr von einer deutschen Regierung gefördert wurden – die teuflische Saat war spätestens seit 1937 in der Welt. Zu einem Zeitpunkt, Küntzel spricht es klar aus, als es noch keine möglichen Provokationen eines Staates Israel gab, auch kein Flüchtlingsdrama in Palästina, ausgelöst von wem auch immer. Noch kein arabisches Trauma eines Sechstagekrieges.

Nicht nur, dass der Judenhaß im Nahen Osten von Ägypten aus binnen Monaten weiter exponentiell in die Höhe schnellte – nein, 15 Jahre später, Israel war gerade erst gegründet und hatte sich militärisch verteidigt, schrieb ein gewisser „Sayyib Qutb“ dieselben Lügen in eine Schrift „Unser Kampf mit den Juden“. Unser Kampf – diejenigen, die dem radikalen Moslem Qutb das einredeten, kannten wahrscheinlci hauch ein Buch mit dem Titel „Mein Kampf“. Ganz sachlich legt Küntzel auf Seite 64 ff. Dokument neben Dokument und erklärt. Der Rezensent bekennt: selten ist er starr vor Entsetzen bei der Lektüre eines Buches. Hier war es so.

Kapitel III, genauso umfangreich, ist übertitelt: „Goebbels auf arabisch“ – es behandelt schwerpunktmäßig den Irak und den Iran, und jeder Leser dieser Rezension wird Befürchtungen über das haben, was er dort lesen muss. Diese Befürchtungen sind mehr als berechtigt. Küntzel hat keinerlei Angst, die ganze Wahrheit aufzurollen. Bemerkenswert st dabei vor allem auch die Wirkung der deutschen Propaganda, denn bisher war mehr beachtet worden, dass diese eine anti-britische Stoßrichtung hatte. Anhand ihrer Wirkung, die Küntzel zum Maßstab nimmt, werden die fatale Stärken des antisemitischen Aspekts der deutschen Propaganda deutlich.

Im Kapitel IV, das den arabisch-israelischen Krieg behandelt, stellt Küntzel klar, dass die Grundlage für den Krieg, den die umliegenden arabischen Staaten sofort nach dessen Gründung gegen den Staat Israel entfesselten, einen antisemitischen Ursprung hatte – dessen Ursprung dem Leser des Buches im übrigen an dieser Stelle der Lektüre bereits sehr präsent ist. Nachdem der Staat Israel ja noch gar nicht zeigen konnte, welchen Charakter er haben würde, welche Politik er zu machen gedachte, muß – und hier ist Küntzel zuzustimmen – eine teuflische Portion an antisemitischer Aggression im Spiel gewesen sein.

In Kapitel V wendet sich Küntzel den aktuellen Auswirkungen der nationalsozialistischen Einmischung in die Belange des Nahen Ostens – und der maßgeblichen Beeinflussung eines aufkeimenden Nahostkonfliktes – zu. Ausführlich legt er die Bewunderung arabischer Menschen für Adolf Hitler dar, um dann zu fragen: „Islamischen Antisemitismus bekämpfen – aber wie?“ Und dies ist tatsächlich die entscheidende Frage! Küntzel zeigt, wohin sich der militante islamische Antisemitismus, der im Iran ja seit 1979 allgegegnwärtig ist, ausgebreitet hat: in die Mitte der islamischen Gesellschaften, weit über radikale oder „islamistisch“ zu nennende Kreise hinaus, kurz: in eine breite Mehrheit der heute weltweit lebenden Moslems.

Der aktuellste Brennpunkt bei der Ausbreitung dieses Antisemitismus in eine Mehrheitsgesellschaft hinein befindet sich in Kleinasien. Küntzel dokumentiert eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage aus der Partei „Die Linke“ bezeichnete die Bundesregierung, nach der sich „die Türkei (…) zur zentralen Aktionsplattform für islamistische Gruppierungen der Region des Nahen und mittleren Ostens entwickelt“ habe. Zwischen dem türkischen Machthaber Erdogan und der Muslimbruderschaft bestehe eine „ideologische Affinität“. Küntzel bestätigt hier auf wissenschaftlich haltbare Weise, was jeder Mensch täglich im Fernsehen betrachten kann: Erdogan entbietet regelmäßig den „Rabia-Gruß“, womit er seine extremistische, islamistische, antisemitische Haltung klar offenbart. Bei Küntzel sind die Hintergründe dazu nachzulesen, und auch eine knappe, gutsortierte Bibliographie wird mitgeliefert. Ein Hinweis auf den Iran, in dem seit 1979 die Geister, die Hitler rief, in neuem Gewande und stärker denn je ihr Unwesen treiben, rundet den thematischen Rahmen ab.

Küntzel lässt beunruhigte Leser zurück, doch seine Warnungen sind fundiert. Denn er hat zugehört – nicht irgendwo, sondern bei seinen Schülern, von denen sehr viele aus den moslemisch geprägten Teilen Hamburgs kommen. Hier hat er offensichtlich den Antisemitismus, über den er schreibt, aus erster Hand gehört und erlebt. Solch klare Worte können gefährlich sein, denn im Islam – beileibe nicht nur im Islamismus – gehört Kritikfähigkeit nicht zu den Kardinaltugenden. Auch der Verlag Hentrich & Hentrich in Leipzig, bekannt für ausgezeichnete Bücher, hat mit dieser Veröffentlichung einmal mehr großen Mut bewiesen. Zu hoffen ist, dass die Leipziger eine Reichweite erzielen, die eigentlich eher nur den großen Verlagsgruppen möglich ist. Denn das wäre wichtig. Die Erkenntnisse aus diesem Buch müssen dem hinzugefügt werden, was die Bundeskanzlerin beim Blick auf Israel völlig korrekt als „Staatsräson“ bezeichnet.

Küntzel, Matthias, „Nazis und der Nahe Osten – wie der islamische Antisemitismus entstand“, Leipzig 2020, 269 Seiten, Klappenbroschur, 19,90 Euro, ISBN 978-3-95565-347-7.

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Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.