Leipzig ist unerschöpflich – Zu Erich Loests 100. Geburtstag am 24. Februar

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Von Erich Loest (1926-2013) und seinem Schicksal erfuhr ich im Sommersemester 1959, als ich an der Freien Universität in Westberlin Literaturwissenschaft studierte. Gerhard Zwerenz (1925-2015), der Leipziger Freund Erich Loests, war im Sommer 1957 vor drohender Verhaftung nach Westberlin geflohen und hatte, nach Verkündung des Urteils gegen seinen Freund am 22. Dezember 1957 im Bezirksgericht Halle, in mehreren Zeitungen darüber berichtet. Erich Loest war am 14. November 1957 verhaftet und wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden. In seinem autobiografischen Buch „Durch die Erde ein Riss“ (1981) hat er ausführlich von dieser Zeit, als ihm das Schreiben verboten war, erzählt.

Noch 1944, im Alter von 18 Jahren, wurde Erich Loest zur „Wehrmacht“ eingezogen und geriet als „Werwolf“ am 6. Mai 1945 in Böhmen in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach wenigen Tagen entlassen, kehrte er nach Sachsen zurück, holte sein Abitur nach und wurde 1947 SED-Mitglied. In den Jahren 1948/50, als er Mitarbeiter der „Leipziger Volkszeitung“ war, schrieb er seinen ersten Roman „Jungen, die übrigblieben“ (1950), in dem er seine aufwühlenden Kriegserlebnisse verarbeitete.

Bis zur Verhaftung 1957 veröffentlichte er zwei weitere Romane „Die Westmark fällt weiter“ (1952) und „Das Jahr der Prüfung“ (1954) sowie vier Bände mit Erzählungen. Dann klafft eine Lücke von acht Jahren in der Bibliografie, da saß der Autor im Zuchthaus Bautzen II. Schwierigkeiten mit der „Arbeiterpartei“, die ihn 1958 ins Zuchthaus gebracht hatte, hatte der Autor aber schon 1953, nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni gegen die „Einheitspartei“. Da veröffentlichte er am 4. Juli im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“ den Artikel „Elfenbeinturm und rote Fahne“, worin der aufrührerische Satz vorkam, dass die SED-Funktionäre den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hätten: „Sie sitzen im Elfenbeinturm und schwingen die rote Fahne.“ Diese „Frechheit“ ließ sich die Partei nicht bieten, er wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Nach der Verhaftung wurde das Manuskript des Romans „Der Abhang“ (1968), an dem er gerade arbeitete, von der Staatssicherheit beschlagnahmt und weggeschlossen. Es ging um eine SS-Einheit, die noch Jahre nach dem Krieg in der Slowakei weiterkämpft für „Großdeutschland“.

Das alles war mir bekannt, als ich im Oktober 1959, ich war damals 22 Jahre alt, nach Leipzig fuhr, um Verwandte zu besuchen. In der Deutschen Bücherei, wo meine Tante als Bibliothekarin arbeitete, bestellte ich mir die drei Romane, die Erich Loest vor seiner Verhaftung 1957 veröffentlicht hatte, bekam sie aber nicht. Schließlich war der Autor als „Konterrevolutionär“ verurteilt worden und saß in Bautzen II. Nichts sollte mehr an ihn erinnern! Wenn ich freilich, meinte der Bibliothekar, die Bescheinigung eines Professors beibrächte, dass ich diese Bücher für wissenschaftliche Zwecke benötigte, könnte er sie mir für den Lesesaal überlassen.

Verärgert erzählte ich das meiner Tante in der Leipziger Oststraße 9, die mir riet, Annelies Loest, Erichs Frau, in der Oststraße 5, zwei Häuser weiter, aufzusuchen, um mir dort die drei Romane auszuleihen. Das tat ich dann auch, nahm sie mit nach Westberlin, wo ich studierte, und schickte sie dann im Dezember 1959 von einem Ostberliner Postamt mit falschem Absender zurück nach Leipzig.

Im Herbst setzte ich mein Studium an der Universität Mainz fort. Dort gab es ein Fach, das es nur an Universitäten in der Französischen Besatzungszone gab, in Aachen, Mainz und Tübingen: Komparatistik (Vergleichende Literaturwissenschaft)! Prof. Horst Rüdiger, der dieses Fach in Mainz vertrat, ging 1962, als ich im Zuchthaus Waldheim saß, leider nach Bonn, und sein Lehrstuhl in Mainz blieb jahrelang unbesetzt. Ich fuhr täglich zwei Stunden vom Dorf Bruchköbel, wo meine Eltern wohnten, über Hanau und Frankfurt nach Mainz. Manchmal kaufte ich mir am Hauptbahnhof Frankfurt die Zeitung  WELT und las dort im Dezember 1960, dass der Bloch-Schüler Günter Zehm (1933-2019), der zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt war, nach drei Jahren aus Waldheim entlassen worden wäre und in einem Betrieb seiner Heimatstadt Crimmitschau arbeitete. Im Januar 1961 las ich wiederum in der WELT, Günter Zehm wäre nach Westberlin geflohen. Am 4. und 5. September versuchte ich, ihn in Langen bei Frankfurt zu erreichen, wo er inzwischen wohnte, aber er war noch zur Kur in Bad Hersfeld. Er hätte ganz sicher verhindert, dass ich am 6. September mit dem Motorrad nach Leipzig führe.

Im Sommersemester 1961 veröffentlichte ich unter meinem Namen und unter dem Pseudonym „Marius Flamberg“ fünf DDR-kritische Artikel in der Mainzer Studentenzeitung „nobis“ und besuchte am 8. Juli Gerhard Zwerenz in Köln. Er war begierig, Einzelheiten über meinen Besuch bei Annelies Loest im Oktober 1959 in Leipzig zu erfahren. Ich sollte sie grüßen, wenn ich im September zur Buchmesse in Leipzig führe. Nach der Rückkehr sollte ich dann einen Artikel schreiben „Auf den Spuren eines verschollenen Schriftstellers“, den er in der Wochenzeitung ZEIT unterbringen wolle. Dazu kam es aber nicht mehr! Am 9. September wurde ich dann auf dem Karl-Marx-Platz verhaftet und am 22. Januar 1962 zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

Die sieben Haftjahre in Bautzen II, worin er in seinem Buch „Durch die Erde ein Riss“ (1981) berichtete, müssen für einen intelligenten Kopf wie Erich Loest eine wahre Qual gewesen sein. Ihm war, anders als seinem „Mitverschwörer“ Wolfgang Harich (1923-1995), der zu zehn Jahren verurteilt war, die Schreiberlaubnis verwehrt worden. Vermutlich verhielt er sich so wie sein Held Karl May im Roman „Swallow, mein wackerer Mustang“ (1980), dass er seinen Mitgefangenen während der Arbeit Geschichten erzählte.

Nach der Entlassung am 25. September 1964 schrieb Erich Loest unter dem Pseudonym „Hans Walldorf“ Kriminalromane, von denen der erfolgreichste den Titel trug „Der Mörder saß im Wembley-Stadion“ (1967). Erst im Jahr darauf durfte sein richtiger Name als Autor von Romanen genannt werden. Das erste Buch, mit dem er sich der DDR-Wirklichkeit erneut zuwandte, hieß „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1978) und wurde in Halle und Stuttgart gedruckt. Obwohl dieser Roman bei den DDR-Lesern äußerst beliebt und ständiger Nachfrage ausgesetzt war, wurde die Auflage mit voller Absicht niedrig gehalten, obwohl die Vorbestellungen sich auf 95 000 Exemplare beliefen. In seinem Buch „Der vierte Zensor“ (1984) hat Erich Loest ausführlich über die Behandlung seines Romans durch die DDR-Zensur berichtet. So ausführlich und überzeugend hatte noch nie ein DDR-Autor über staatliche Eingriffe in seine Arbeit geschrieben! Der Held des Romans Wolfgang Wülff ist 1949 geboren und hat sich vom Werkzeugmacher zum Ingenieur hochgearbeitet. Er wohnt im Oktoberviertel nahe der Deutschen Bücherei, hat Frau und Kind, fährt einen „Trabant“, ein angepasster und zufriedener DDR-Bürger, der aber an „Staatsverdrossenheit“ leidet, weil er nach dem Berliner Mauerbau in Leipzig, während einer Demonstration gegen das Verbot einer Beatgruppe, in der „Schlacht auf dem Leuschnerplatz“, von einem Polizeihund gebissen wurde.

Wegen seines Eintretens für den Ostberliner Schriftsteller Stefan Heym (1913-2001), der verbotenerweise seinen Roman „Collin“ (1979) beim „Klassenfeind“ in München hatte erscheinen lassen und deshalb Strafe hatte zahlen müssen, und wegen ständiger Störungen seiner Lesungen in Leipzig und anderswo trat Erich Loest 1979 aus dem Schriftstellerverband aus und reichte einen Antrag auf Ausreise ein. Die Zumutungen in Leipzig waren für ihn schier unerträglich geworden. Wie man in seinen Büchern „Der Zorn des Schafes“ (1990) und „Die Stasi war mein Eckermann“ (1991) nachlesen kann, wurde er Tag und Nacht von der Staatssicherheit überwacht.

Ich lernte Erich Loest im November 1977 in Osnabrück kennen, wo er in der Universität aus dem Manuskript seines Romans „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ las. Seitdem standen wir in ununterbrochener Verbindung. Im Dezember 1978 durfte er noch einmal Westdeutschland besuchen, wir trafen uns in Bonn, er besuchte Dr. Günter Zehm in der Redaktion der WELT. Als wir uns verabschiedeten, gab ich ihm einen ganzen Stapel Kopien von Zeitungsartikeln mit, überwiegend Rezensionen, die er bis zum Grenzübertritt gelesen haben musste. Wir vereinbarten außerdem, dass ich ihn in Leipzig gelegentlich anriefe, weil es ihm schlecht ging und er Zuspruch brauchte. Bei diesen Gesprächen nannte ich nie meinen Namen, weil er meine Stimme kannte, aber die Staatssicherheit kannte meine Stimme auch und schnitt diese Gespräche mit. In seinem Buch „Die Stasi war mein Eckermann“ (1991) hat er zwei dieser Stasi-Aufzeichnungen veröffentlicht.

Am 20. März 1981 durfte er schließlich von Leipzig nach Osnabrück übersiedeln, von dort ging er 1987 nach Bonn. Der Umzug ins westdeutsche Exil dürfte dem Autor, der einen gewaltigen Stoffvorrat aus seiner Heimatstadt Leipzig mitbrachte, wie er in seinem Buch „Leipzig ist unerschöpflich“ (1985) mitteilte, wie eine Erlösung vorgekommen sein. Nun gab es keinen Verlagslektor mehr, der sein Schreiben überwachte, und keine Zensurinstanz, die ganze Kapitel eines Manuskripts wegstrich oder „positive Helden“ eingefügt wissen wollte. Stattdessen hatte er zwei Verlage, Hoffmann & Campe in Hamburg und später Steidl in Göttingen, sodass seine Manuskripte unverändert gedruckt wurden. Mit seinem Sohn Thomas gründete er außerdem 1987 im württembergischen Künzelsau den Linden-Verlag, der 1990 nach Leipzig übersiedelte.

Was Erich Loest, dessen Schöpferkraft trotz Zuchthaus und Zensur ungebrochen war. zu leisten vermochte, zeigen die fünf zwischen 1984 und 2005 veröffentlichten Romane. Für zwei von ihnen, „Völkerschlachtdenkmal“ (1984) und „Zwiebelmuster“ (1985) müssen noch in Leipzig Vorarbeiten erbracht worden sein, sonst hätten sie nicht so rasch erscheinen können. Das autobiografische Buch „Durch die Erde ein Riss“ (1981) wird er als druckreifes Manuskript mitgebracht haben. Mit dem Roman von 1984, der DDR-Lesern erst nach 1989/90 zugänglich wurde, eröffnete Erich Loest die Reihe seiner Bücher, die in Sachsen angesiedelt waren, aber nur in Westdeutschland erscheinen konnten. Im „Völkerschlachtdenkmal“ entfaltete er ein breites Panorama sächsischer Nationalgeschichte von der Völkerschlacht bei Leipzig bis zum DDR-Untergang 1989. Im Roman „Zwiebelmuster“ geht es um den Leipziger Schriftsteller Hans-Georg Haas (SED), der gerne „Reisekader“ werden möchte, weil er dann auch ins „kapitalistische Westdeutschland“ hätte fahren können. Auch dieses Buch bietet drastische Einblicke in den sozialistischen Alltag!

Die Krönung dieser im „westdeutschen Exil“ geschriebenen Romanreihe war „Nikolaikirche“ (1995), ein Buch über die einzige Revolution in Deutschland, die, mit dem Mauerfall in Berlin am 9. November 1989, nicht gescheitert war. In Leipzig, der heimlichen DDR-Hauptstadt, marschierten im Herbst 1989 die Demonstranten mit der Losung „Wir sind das Volk!“ jeden Montag über den Ring, und ihre Zahl wuchs von Woche zu Woche. Begonnen hatte das alles mit den Gottesdiensten in der Nikolaikirche, nicht weit vom Karl-Marx-Platz entfernt.

Erwähnt werden muss auch der letzte Roman, den er schrieb und der dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 gewidmet war, einem Thema also, das ihn mehr als ein halbes Jahrhundert beschäftigt hatte: „Sommergewitter“ (2005). Es ist, neben Stefan Heyms Roman „Fünf Tage im Juni“ (1974), der damals nur in München erscheinen konnte und in Ostberlin erst im Revolutionsjahr 1989, der einzige Roman, der sich ernsthaft und glaubwürdig mit dem Aufstand der Arbeiter gegen die „Arbeiterregierung“ auseinandersetzte. Er spielt im Industrierevier von Halle-Bitterfeld und bietet dem Leser in zwölf Kapiteln ein breites Panorama der Kämpfe zwischen den SED-Funktionären und den Streikführern.

Schließlich muss noch eines Buches gedacht werden, das kaum beachtet wurde, als es erschienen war, obwohl die dort geschilderten Staatsaktionen gegen ein knappes Dutzend DDR-Intellektueller für das weitere Leben des Autors von höchster Bedeutung waren. Dieses vom Steidl-Verlag in Göttingen veröffentlichte Buch „Prozesskosten. Bericht“ (2007) erschien zum 70. Jahrestag der beiden Schauprozesse 1957 in Ostberlin. Unter der Anklage „Konterrevolutionäre Gruppenbildung“ sollten die Diskussionen im Ostberliner Aufbau-Verlag und an den Universitäten Halle und Leipzig über eine Ablösung der DDR-Regierung kriminalisiert und zum „staatsfeindlichen Akt“ erklärt werden. Unter den Verurteilten waren der marxistische Philosoph Wolfgang Harich (zehn Jahre), der Leipziger Slawist Ralf Schröder (zehn Jahre), der Leiter des Aufbau-Verlags Walter Janka (fünf Jahre), der Redakteur des „Sonntag“ Gustav Just (vier Jahre). Als Einziger der Betroffenen hat Erich Loest in seinem Buch ausführlich über diese Vorfälle der Jahre 1956/57 berichtet. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung erfolgte 1964 an der Freien Universität in Berlin durch den DDR-Forscher Martin Jänicke „Der dritte Weg. Die antistalinistische Opposition gegen Ulbricht seit 1953“.

Über Jörg Bernhard Bilke 284 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.