Im Geschichtsloch verschwunden – Wie der Ostdeutsche Kulturrat 2019 unterging

DDR, Foto: Stefan Groß

Von der deutschen Öffentlichkeit kaum bemerkt, hat die „Stiftung Ostdeutscher Kulturrat“, zuletzt ansässig in Königswinter/ Rheinland, ihre Arbeit am 30. April 2019 eingestellt. Die letzte „Kulturpolitische Korrespondenz“, deren Chefredakteur in Bonn ich in den Jahren 1983/2000 war, erschien im März 2019. Danach räumten die beiden noch verbliebenen Mitarbeiter, die inzwischen das Rentenalter erreicht hatten, die Räume leer und übergaben sie dem Vermieter.

Die bildungspolitische Einrichtung „Ostdeutscher Kulturrat“  war 1950 zunächst als Verein gegründet worden, der den Bundesregierungen unter Konrad Adenauer (1876-1967) und Ludwig Erhard (1897-1977) beratend zur Seite stand, wurde seit 1968 vom Bundesvertriebenenministerium gefördert und seit 1969, nachdem dieses Ministerium von der SPD-FDP-Koalition aufgelöst worden war, vom Bundesinnenministerium. Der Verein wurde 1975 in eine Stiftung umgewandelt und vom Bundesinnenministerium mit Geldern nach der Westvermögenszuführungsverordnung ausgestattet. Ein Vierteljahrhundert später, am 30. Juni 2000, wurden der Stiftung von Kulturstaatsminister Michael Naumann sämtliche Fördermittel entzogen. Da aber die Stiftung über eigenes Vermögen verfügte, konnte sie mit verkleinerter Mannschaft ihre Arbeit noch bis ins Jahr 2019 fortführen.

Die kulturpolitische Aufgabe, der sich die Stiftung in Bonn verschrieben hatte, war in Paragraf 96 des Bundesvertriebenengesetzes von 1953 festgelegt, wonach „das Kulturgut der Vertreibungsgebiete in dem Bewusstsein der Vertriebenen und Flüchtlinge, des gesamten deutschen Volkes und des Auslandes zu erhalten“ sei. Dabei war die für Jahrzehnte in der Bonner Kaiserstraße 113 ansässige Stiftung, die in zehn Minuten vom Bonner Hauptbahnhof aus erreichbar war, für Hunderte von Flüchtlingen und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten, wenn sie in kulturellen Fragen Rat und Hilfe suchten, eine wichtige Anlaufstelle, von der sie nicht abgewiesen wurden. Zeitweise hatte der Ostdeutsche Kulturrat damals zehn Mitarbeiter, die auf zwei Stockwerken untergebracht waren.

Als ich am Montag, 3. Januar 1983 mein Amt als Chefredakteur der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ antrat, geriet ich in eine mitreißende Aufbruchsstimmung. Seit dem Kriegsende waren noch keine 40 Jahre vergangen, es lebten noch Hunderttausende von Flüchtlingen und Vertriebenen, deren ursprüngliche Heimat in Schlesien und Hinterpommern, in Ostpreußen und Ost-Brandenburg oder in Böhmen, im Baltikum, in Rumänien und Russland lag.

Präsident des „Ostdeutschen Kulturrats“ war seit Herbst 1982 der Oberschlesier Dr. Herbert Hupka, der in Halle und Leipzig nach 1933 Germanistik studiert hatte und dessen Liebe zu Schlesien grenzenlos war. Er entfaltete, anders als seine beiden Vorgänger im Präsidentenamt, der Pommer Hans-Joachim von Meerkatz (1905-1982) und der Sudetendeutsche Götz Fehr (1918-1982), weit in die Landsmannschaften ausstrahlende Aktivitäten, was von den ostdeutschen Kulturträgern dankbar aufgenommen wurde. Erinnert sei an die Jahrestagungen bei den Sendern Südwestfunk 1984 in Baden-Baden und Zweites Deutsches Fernsehen 1998 in Mainz, als die beiden Säle die Besucher kaum fassen konnten.

Herbert Hupka, dessen Ansehen nach dem Mauerfall in Berlin 1989 auch in Polen zusehends wuchs, so dass er schließlich zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Ratibor/Oberschlesien ernannt wurde und am 15. August 2005 dort seinen 90. Geburtstag feiern konnte, hatte sich 1983 ehrgeizige Ziele gesetzt. Er wusste mit mehreren Projekten zugleich die reichhaltige Geschichte und die überragenden Kulturleistungen des 1945 untergegangenen Ostdeutschlands den nachgeborenen Deutschen wieder in Erinnerung zu rufen. So erschien die „Kulturpolitische Korrespondenz“, die ich fast 18 Jahre zu verantworten hatte, nicht nur alle zehn Tage wie bisher, sondern es wurden auch jedes Jahr umfangreiche Sonderhefte erarbeitet wie „Widerstand in Ostdeutschland“ (1984), „Gerhart Hauptmann“ (1986) zum 40. Todestag des schlesischen Dichters und „Verlorenes Leben, verdrängte Geschichte. Ostdeutsche Autoren in Mitteldeutschland 1945-1995“ (1995), das mit 112 Seiten das umfangreichste Sonderheft war. Die herausragende Leistung aber, die bleiben wird, waren die zwölf Bände „Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche“, die von 1992 bis 2005 im Münchner Verlag Langen-Müller erschienen.

Das alles ist nun, seit 30. April 2019, Vergangenheit, nachdem der politisierende Schöngeist Dr. Michael Naumann (SPD) im Oktober 1998 unter Bundeskanzler Gerhard Schröder Kulturstaatsminister geworden war und in den zwei Jahren seiner Amtsführung anderthalb Dutzend ostdeutsche Kulturinstitute ausgelöscht hatte, darunter die „Stiftung Kulturwerk Schlesien“ in Würzburg, die „Künstlergilde“ in Esslingen/Neckar und die „Stiftung Ostdeutscher Kulturrat“ in Bonn.

Wenn Vermögen vorhanden war konnte sich das betroffene Institut noch einige Jahre halten, auch wenn zahlreiche Mitarbeiter mit exzellentem Fachwissen vorzeitig in den Ruhestand geschickt oder einfach nur entlassen wurden. So arbeitet heute in der „Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen“ in Bonn, wo immer noch jedes Jahr die „Ostdeutschen Gedenktage“ erscheinen (so kürzlich die beiden Bände 2017/18) nur noch eine Fachkraft; beim „Kulturwerk Schlesien“ in Würzburg sind es vorläufig noch zwei. Die Pommern haben, wegen steigender und deshalb nicht mehr bezahlbarer Betriebskosten, das „Pommern-Zentrum“ in Lübeck-Travemünde amt dessen Herzstück, der „Ostsee-Akademie“, 2017 geschlossen; auch die „Pommersche Zeitung“ gibt es nicht mehr.

Die Jahrestagung 2016 der „Stiftung Ostdeutscher Kulturrat“ fand am 7./8. November in Warendorf bei Münster statt. Dort waren 38 Historiker und Kulturwissenschaftler versammelt, die auf Geschichte und Kultur Ostdeutschlands spezialisiert sind und deren Fachwissen mit ihnen ausstirbt. Auch der Generationswechsel macht sich immer schmerzlicher bemerkbar. Wer als Kind aus Ostpreußen oder Schlesien geflohen ist und noch den heimischen Dialekt beherrschte, ist heute längst im Rentenalter und an der alten Heimat kaum noch interessiert. Die Verantwortlichen in den Ministerien von Bund und Ländern für die Pflege ostdeutschen Kulturgutes sind heute alle nach 1945 geboren und verstehen unter „Ostdeutschland“ zunehmend Thüringen, Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg.

Argumentationshilfe finden sie neuerdings auch in Veröffentlichungen höchst angesehener Verlage wie des 1901 in Leipzig gegründeten Insel-Verlags, der heute seinen Sitz in Berlin hat. Dort wurde 2008 ein umfangreiches Lexikon (1470 Seiten) mit dem Titel „Literarischer Führer Deutschland“ veröffentlicht. Die beiden  Verfasser Fred Oberhauser/Sankt Ingbert in der Saarpfalz und Axel Kahrs/Lüchow im Wendland sind Heimatforscher, die auch journalistisch arbeiten. Sie beschränken beckmesserisch die deutsche Literatur auf das, was innerhalb der Grenzen der heutigen Bundesrepublik Deutschland von deutschen Schriftstellern geschrieben wurde. Das hat zur Folge, dass Leben und Werke ostdeutscher Autoren einem Schrumpfungsprozess unterworfen werden. Nach diesem Verfahren sind die Werke des im ostpreußischen Mohrungen geborenen Johann Gottfried Herder (1744-1803) nur noch dann erwähnenswert, wenn sie diesseits der Oder-Neiße-Grenze entstanden sind, als er 1771/76 Kirchenbeamter in Bückeburg war, bevor er von Goethe nach Weimar geholt wurde, wo er weitere 27 Jahre lang wirkte. Dass er 1762/64 in Königsberg Theologie studiert und Vorlesungen bei Immanuel Kant gehört hat, dass sein erstes Buch 1766/67 in der lettischen Hauptstadt Riga, damals eine russische Provinzstadt, erschienen ist, kann man getrost vergessen.

 Auch Joseph von Eichendorffs (1788-1857) Werke werden rigoros beschnitten. Immerhin wird er als „bedeutendster Dichter (Lyriker) der Hochromantik“ bezeichnet, Geburtsort Schloss Lubowitz in Oberschlesien und Bestattungsort Neiße werden genannt, aber aus falscher  Rücksicht auf das heutige Polen und das heutige Russland wird verschwiegen, dass er 1816 Beamter des Königreichs Preußen wurde, von 1821 an drei Jahre als Regierungsrat in Danzig wirkte und von 1824 an als Präsidialrat in Königsberg/Preußen , ehe er 1844 vorzeitig wegen Krankheit in den Ruhestand ging. Der verwirrte Benutzer des Lexikons kann sich freilich glücklich schätzen, dass das berühmte Gedicht „Mondnacht“ (1837) in Berlin entstanden ist, sonst hätte er nie davon erfahren dürfen.

 Aber dieser kruden Logik sind noch weitere Opfer anheimgefallen: Gerhart Hauptmann (1862-1946) beispielsweise. Die frühen Dramen, die er schrieb, als er, ein  noch unbekannter Autor, in Erkner bei  Berlin lebte, die Diebskomödie „Der Biberpelz“ (1893) etwa, dürfen ungeniert genannt werden, das umfangreiche dramatische und epische Schaffen in den viereinhalb Jahrzehnten 1901/46 im schlesischen Agnetendorf/Riesengebirge jedoch nicht, weil die einst preußische Provinz heute zur Republik Polen gehört.

Die schlesische Barocklyrik des 17./18.Jahhunderts weist eine Fülle von Begabungen auf, ihr bedeutendster Vertreter ist zweifellos Andreas Gryphius (1616-1664), über den auch der polnische Germanist Marian Shyrocki (1928-1992) forschte („Der junge Gryphius“, 1959). Auch im „Literarischen Führer Deutschland“ wird er zweimal genannt, aber nicht wegen seiner dichterischen Leistung, sondern nur, weil er 1631 das Görlitzer Gymnasium besucht hat, das bekanntlich auf der Westseite des heutigen Grenzflusses Neiße liegt, und dann, weil sein Vater, Pfarrer Paul Greif, aus Uthleben/Thüringen nach Glogau/Schlesien eingewandert ist. 

Trotz dieses Armutszeugnisses aus dem Insel-Verlag ist die literarische Verarbeitung von Flucht und Vertreibung, 74 Jahre nach Kriegsende 1945, noch immer im Fluss. Auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt/Main sind jedes Jahr, auch heute noch, Dutzende von Büchern zu bestaunen, die sich in irgendeiner Weise mit den verlorenen Gebieten Ostdeutschlands beschäftigen. Dazu gehört auch Hans Pleschinskis Gerhart-Hauptmann-Roman „Wiesenstein“ (2018), worin die beiden letzten Lebensjahre 1945/46 des in Schlesien hochverehrten Dichters bis zur Beisetzung auf der pommerschen Insel Hiddensee beschrieben werden. Hans Pleschinski ist 1956 im niedersächsischen Celle geboren und im Zonenrandgebiet aufgewachsen. Er kennt den Zweiten Weltkrieg und Flucht und Vertreibung der Schlesier nur vom Hörensagen und aus Geschichtsbüchern. Was treibt ihn an, ein solches Buch zu schreiben, das ihm bei Lesungen volle Säle verschafft, wo es doch kaum noch Schlesier gibt?

Und da ist schließlich noch Immanuel Kant (1724-1804), der bedeutendste Denker der europäischen Philosophiegeschichte, der in seinem langen Leben seine Heimatprovinz Ostpreußen nicht einmal verlassen hat. Sein 300. Geburtstag wird am 22. April 2024 in aller Welt begangen werden mit Festveranstaltungen, unzähligen Vorträgen und beachtlichen Büchern. Im „Literarischen Führer Deutschland“ wird sein Name nur einmal genannt, weil er in Berlin zufällig in einem Figurenensemble zu sehen ist. Die beiden DDR-Schriftstellerbrüder Hermann (1926-2016) und Uwe Kant (1936) werden in diesem Lexikon zehnmal erwähnt. Darf man jetzt schrill auflachen?

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Jörg Bernhard Bilke
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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.