Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die deutsche Öffentlichkeit so kalt erwischt wie die bisher unvorstellbaren Attacken Donald Trumps auf die NATO; also auf das Rückgrat der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik Deutschlands wie der meisten anderen europäischen Staaten. Die Entwicklung hin zu einer multipolaren Weltordnung hat sich beschleunigt. Die Gefahr, dass Deutschland in einen Krieg verwickelt werden könnte, ist realer als je seit der Kuba-Krise von 1962, wenn nicht gar seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Der Marburger Historiker Eckart Conze hat sich mit seiner Überblickdarstellung vom 30-Jährigen Krieg (1618-1648) bis 2022 vorgenommen, diese „Gegenwart in eine historische Perspektive zu rücken und damit zu ihrem Verständnis beizutragen“. Er stützt sich dabei auf Jahrzehnte eigener Forschung zur Sicherheitspolitik. Er richtet den Blick dem Titel und der Anlage des Buchs entsprechend vor allem auf Deutschland und Europa und bezieht koloniale und andere globale Gesichtspunkte insoweit ein, als sie für das Verständnis des Geschehens notwendig sind.
Conze gliedert sein Buch in sechs Zeitabschnitte: von 1648 bis zur Französischen Revolution 1789 unter der Überschrift das „Alte Reich im alten Europa“; von 1789 bis 1848/49, einer Epoche, in der die „Macht der Nationen“ sich durchsetzt; gefolgt von den Jahrzehnten bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in denen „Nationale Staaten“ und „Globale Imperien“ zu den maßgeblichen Akteuren werden. Die folgende, von einer kurzen Zwischenkriegszeit unterbrochene Weltkriegsepoche von 1914 bis 1945 stellt er unter den mit einem Fragezeichen versehenen Titel „Falscher Frieden?“. Die Frage bezieht sich vor allem auf die Debatte, in welchem Umfang der Versailler Vertrag von 1919 den Keim des Zweiten Weltkriegs bereits in sich trug. Es folgen „Der Kalte Krieg“ von 1945 bis 1990 und „Aufstieg und Fall der neuen Weltordnung“ seit 1990.
Man kann das Buch mit Gewinn als informativen Abriss zum Thema lesen und dabei manches über die zeitbedingten Faktoren lernen. Es ist eben etwas anderes, ob mit Söldnerheeren im Alten Reich dynastische Erbansprüche ausgefochten werden, der „nationale Machtstaat“ totale Volkskriege entfesselt oder atomar hochgerüstete Supermächte aus Angst vor der wechselseitigen Vernichtung vor allem Stellvertreterkriege auf anderen Kontinenten führen.
Die Überblicksdarstellung lädt zugleich dazu ein, das Augenmerk stärker auf erkennbare, wenigstens einige der Zeitabschnitte übergreifende Muster zu richten. Drei bei Conze wiederkehrende Fragen bieten sich an: Aus welchen Gründen und mit welchen Begründungen wurden Kriege geführt oder zumindest riskiert? Wie fanden die Konfliktparteien zum Frieden zurück und was erschwerte diesen Weg? Durch welche Regelwerke versuchte man Frieden zu bewahren, und warum waren dies immer nur Arrangements auf Zeit?
Durch die rund vier Jahrhunderte zieht sich eine lange Linie von Verträgen, die sich auf die immer wieder bekundete Überzeugung stützten, dass Friede die Norm und der Krieg die begründungspflichtige Ausnahme zu sein habe; angefangen vom Westfälischen Frieden 1648, über die Schlussakte des Wiener Kongresses von 1815 nach dem Ende der Napoleonischen Kriege, den Kriegsächtungspakt (Briand-Kellog-Pakt) von 1928 bis zur UN-Charta von 1945. Gegenläufige Denkfiguren dürfen dabei nicht übersehen werden. Etwa das Recht zum Krieg (ius ad bellum) als Ausdruck uneingeschränkter Souveränität.
Die Begründungen wechselten, doch sie ließen sich immer finden: von Erb- und Thronfolgefragen in der Monarchie, über konfessionelle Narrative im 30-Jährigen Krieg, den Revolutionsexport Frankreichs nach 1789, die gleichsam als gegeben angesehenen Machtansprüche imperialer Nationalstaaten, die Befreiung Volksangehöriger in anderen Staaten von Hitler bis Putin, Präventivkriege, die Korrektur als ungerecht empfundener Zustände zum Beispiel.
Was sich ebenfalls quer über die Epochen zeigt: Kriege werden wahrscheinlicher, wenn sich Ordnungsgefüge verändern und Machtverhältnisse unklar sind oder werden. Zu nennen sind unter anderem Konflikte um die Bildung frühmoderner Staaten, die konfliktreiche Staatenbildung nach dem Ersten Weltkrieg in Zentraleuropa oder der blutige Zerfall Jugoslawiens nach 1990 und, zeitlich etwas verzögert, der russische Revisionismus nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion.
Kriege zu beenden, war schon immer schwierig, so lange sich eine Kriegspartei noch einen politischen Vorteil davon versprach, ihn fortzusetzen, oder zu viele vom Krieg profitierten; selbst wenn parallel schon verhandelt wurde, wie etwa in den fünf Jahren von 1643 bis 1648 für den Westfälischen Frieden. Noch einmal komplizierter wird es mit den um 1800 entstehenden Nationalstaaten, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert zum „nationalen Machtstaat“ entwickeln. Die Öffentlichkeit spielt eine viel größere Rolle als zuvor, Kriege werden zu Volkskriegen, Massen mobilisiert, Kriege weltanschaulich zum Kampf zwischen Gut und Böse aufgeladen, Gegner dämonisiert. Die Politik dieser Staaten ist für Conze latent „bellizistisch“.
Ein verhandelter, auf Interessenausgleich gerichteter Friede ist unter diesen Umständen schwerer zu vermitteln als in den vormaligen Kabinettskriegen. Erst recht, wenn das Schicksal des Machthabers mit Sieg oder Niederlage verbunden ist, wie etwa die Beispiele Napoleons I. seines Neffen Napoleon III. oder auch des deutschen Kaisers Wilhelm II. 1918 zeigen. Dies ist eine besonders herausragende Facette des engen Zusammenhangs zwischen Innen- und Kriegspolitik, doch keineswegs die einzige. Völlig zu Recht wird aktuell die Frage erörtert, ob etwa Wladimir Putin eine Niederlage in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine politisch überleben würde. Wo nur ein Siegfrieden das politische Überleben sichert, ist ein Verhandlungsfriede besonders unwahrscheinlich.
Einen weiteren Punkt illustriert der Marburger Ordinarius mit vielen Beispielen: Friedensregelungen sind schwerlich von Dauer, wenn sie eine Lage nicht wirklich befrieden. So gelang es etwa im Prager Frieden von 1635 nicht, den 30-Jährigen Krieg zu beenden, weil mit Schweden und Frankreich die außerdeutschen Kriegsparteien nicht einbezogen wurden. Der Wiener Frieden von 1815 konnte nicht von Dauer sein, weil er zu Lasten der nationalen und liberalen Bewegung und Prinzipien geschlossen wurde. Andere Friedensverträge – etwa der deutsch-französische von 1871, der von Brest-Litowsk von 1918 zwischen Deutschland und Sowjetrussland oder der Versailler Vertrag 1919 – demütigten den Gegner und forderten den Revisionismus geradezu heraus.
Die Nachkriegsordnung zwischen 1945 und 1990 sicherte einen Frieden, der zu Recht als Kalter Krieg bezeichnet wird und für die östliche Hälfte Europas vor allem Unfreiheit und den Verzicht auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker bedeutete. Eine lange Reihe von Aufständen war die Folge: 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und Polen, 1968 in der Tschechoslowakei, 1980/81 in Polen und 1989/90 schließlich im ganzen Ostblock und bald in der Sowjetunion selbst.
Friedensschlüsse waren oft mit weiterreichenden Ordnungsvorstellungen oder gar institutionalisierten, regelbasierten Friedensordnungen verbunden, die den Krieg im Prinzip dauerhaft einhegen sollten. Das galt für die bereits erwähnten Friedenssysteme des Westfälischen Friedens von 1648, die Wiener Ordnung von 1815, aber auch den Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg und die UNO nach dem zweiten. Ihre Leistungen und Grenzen kommen zur Sprache. Ihre Erfolge blieben zeitlich begrenzt oder auch weit unter den Erwartungen, die mit ihnen verbunden waren. Letzteres gilt auch für die UNO, die soweit wirksam sein kann, wie sie den nationalen Interessen der Großmächte nicht in die Quere kommt. Im Vetorecht der ständigen Mitglieder im Sicherheitsrat ist dies sogar institutionalisiert.
Friedenserhaltende Wirkung können in einer multipolaren Welt auch Großräume oder Einflusssphären haben. Jedenfalls sofern der Hegemon seine Macht so ausübt, dass sie von den mindermächtigen Staaten und ihren Bürgern akzeptiert werden, und die Grenzen der Einflusssphären klar sind. Kenntnisreich schildert Conze etwa die Abhängigkeit der europäischen Staaten von den USA nach 1945 und den Grenzen, die das insbesondere der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik vor allem bis 1990 setzte. Gleichwohl ist der himmelweite Unterschied zur hegemonialen Praxis Moskaus offenkundig.
Mit Blick auf den Raum, dem sich Conze vor allem widmet, Europa, muss verständlicherweise auch die Europäische Union (EU) als Friedenssystem verstanden werden. Der Verfasser skizziert den Integrationsprozess und seine Motive, ursprünglich die Friedenssicherung auf dem Kontinent und die Eindämmung der Sowjetunion. Er spricht von einem „Imperativ verflochtener nationaler Interessen“, der freilich die Bereitschaft zur Selbstbindung voraussetzt. Der Brexit zeigte, dass auch dies nicht selbstverständlich oder dauerhaft garantiert ist.
Conze verzichtet darauf, eine Summe des entfalteten historischen Panoramas zu ziehen. Zu unterschiedlich sind die Epochen und ihre Konflikte, um daraus allgemeine Gesetzmäßigkeiten formulieren oder Analogien zur Gegenwart ableiten zu können. Eben dadurch hebt das Buch ins Bewusstsein, dass Friedenssicherung eine Daueraufgabe ist, die sich nicht auf den einmal etablierten Arrangements ausruhen kann – es gibt eben kein „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama).
Eckart Conze: Friedlos. Die Deutschen zwischen Kriegsgewalt und Friedenssuche. Von 1648 bis heute, München: dtv, 2026, 569 Seiten, Festeinband, 35 Euro
