Buchneuerscheinung: „Kölner Karneval seit 1823“ von Monika Salchert

Lausbergs Buchtipp

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Monika Salchert: Kölner Karneval seit 1823, Greven Verlag, Köln 2022, ISBN: 978-3-7743-0947-0, 36 EURO (D)

Anlässlich des 200. Geburtstags des Kölner Karnevals im Jahr 2023 hat Monika Salchert einen aufwändig recherchierten Band über dieses Phänomen verfasst und zeigt auf, was den Kölner Karneval so einzigartig macht, was er für die Menschen bedeutet, wo er stark ist und wo er noch besser werden kann.

Das Buch ist keine Chronik, sondern eine Einladung, Ereignisse und Entwicklungen aus den zurückliegenden 200 Jahren neu zu betrachten. Es möchte Debatten auslösen, Neubewertungen von Traditionen vornehmen und unterschiedliche Meinungen widerspiegeln.

Zunächst wird versucht, die Einzigartigkeit des Kölner Karnevals an sich zu erläutern. Danach werden die Diversität, Kreativität und Anarchie im Karneval näher beleuchtet. Der Kölner Rosenmontagszug und die Rolle von Rede, Tanz und Musik im Kölner Karneval folgen danach. Anschließend geht es um die Verbindung von Karneval und Politik und diejenige von sozialen Komponenten und dem närrischen Brauchtum. Der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Karneval steht dann im Vordergrund.

Danach geht es um eine Analyse von positiven und verbesserungswürdigen Aspekten, die thesenartig vorgetragen werden und „Debatten und Initialzündungen auslösen, Denkmodelle und Ideen aufzeigen“ wollen.

Der organisierte Kölner Karneval als wesentlicher Teil der Stadtgesellschaft sollte mehr Selbstbewusstsein entwickeln, dies auch einzufordern. Der Kölner Karneval erreicht zwar eine Menge von verschiedenen Gruppen der Gesellschaft, aber noch längst nicht alle. Die Schull- und Veedelszöch sind für die Zukunft des Karnevals von enormer Bedeutung, weil sie Kindern und Jugendlichen den Weg ebnen, Teil des Karnevals zu sein. Kleinere und wirtschaftlich nicht so gut aufgestellte Gesellschaften und Veedelsvereine müssten mehr unterstützt werden.

Der Karneval lebt vom Ehrenamt. Deshalb sollten Arbeitgeber und Behörden Arbeitszeit- und Lohnmodelle entwickeln, die ehrenamtliche Arbeit berücksichtigt, honorieren und wertschätzen. Der Karneval sollte verbindlich in die Lehrpläne und den Alltag der Kölner Schulen eingebunden sein, es geben viele thematische Anknüpfungspunkte, die kulturell, gesellschaftlich und historisch relevant sind.

Die Grenzen des Wachstums des Karnevals werden angemahnt, und die steigenden Saalmieten, Honorare, Eintritts- und Verzehrpreise und zu viel Kommerz kritisiert. Außerdem werden Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit beleuchtet. Die immer größeren Dimensionen der Sessionseröffnung sollten reduziert werden und ein entschlossenes Eintreten gegen Hass, Rassismus mit der Spielart des Antisemitismus, Homophobie oder der Tatsache, dass bei manchen Gesellschaften Frauen nicht Mitglied werden können angeregt.

Dies sind in der Regel begründete und umsetzbare gute Ideen. Manches jedoch nicht:  Die immer größeren Dimensionen der Sessionseröffnung oder weniger Kommerz ist  nur Wunschdenken, eher das Gegenteil wird der Fall sein. Am Karneval verdienen die Stadt Köln und die Gewerbetreibenden viel zu viel. Die Kritik, der Markenaneignung des Kölner Karnevals in anderen Städten und Gegenden, ist auch doppelbödig. Schließlich finden in Köln zur Wiesn regelmäßig Oktoberfeste statt. Der Verweis auf Eintreten gegen Diskriminierung und Rassismus ist richtig, aber die Aufarbeitung gerade der Nazi-Zeit im Kölner Karneval ist manchmal noch ein blinder Fleck der Selbstkritik.

Nach jedem Kapitel gibt es immer wieder passende Fotografien von Boris Becker, Chargesheimer, Nina Gschlößl, Heinz Held, Oswald Kettenberger, David Klammer, Claudia Kroth, Robert Lebeck, August Sander und Wolfgang Zurborn.

Im Anhang finden sich noch eine Literaturliste, Liedzitate, die Vorstellung der Autorin und der Fotografinnen und Fotografen, die Bildnachweise, ein Register fehlt.

Es wird überzeugend nachgewiesen, wie und dass sich der offizielle und unorganisierte Karneval immer wieder verändert hat. Dabei geht die Autorin einen Spagat zwischen Tradition und Abbild der Zeit ein. Viele Argumente und Denkanstöße – wie oben dargelegt – sind richtig und wichtig, andere realitätsfern oder fehlen.

Es werden durchgängig tolle Bilder, ob schwarz-weiß oder farblich gezeigt.

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Über Michael Lausberg 557 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.