Nicht von dieser Welt

Allerheiligen steht vor der Tür. Wir haben uns also einen Begriff vorgenommen, der in unserer schö­nen durchsäkularisierten Gesellschaft ein Fremdwort geworden ist. Was Missbrauch ist, weiß jeder – leider! Doch wenn es um Heiligkeit geht, herrscht allgemeines Analphabetentum.
Da ist auch ein wenig die deutsche Sprache schuld. Die alten Griechen kannten noch drei Begriffe (hagios, hieros, hosios), um deutlich zu machen, was „heilig“ ist. Bei den Lateinern waren es noch zwei, wobei „sanctus“ das Heilige und Göttliche meinte, das Wort „sacer“ hingegen das, was mit dem Heiligen in Überseinstim­mung steht. Unsere europäischen Urahnen hatten eben noch einen differenzierteren Blick, wenn es um das ganz Große geht. Aber auch heute noch kann man „heilig“ in dreifacher Hinsicht verstehen: als das, was von Gott her kommt, was zu Gott hin führt und was bei Gott ist.
Und jetzt kommt es: Geht es um die Kirche, sind alle drei Bedeutungen miteinander vereint. Denn sie kommt von Gott, sie führt zu Gott und ist als mystischer Leib Christi und in ihren Seligen und Heiligen schon mit Gott vereint. Das – dachten wir – sollte man einmal laut und deutlich sagen. Selbst wenn die Kirche hier auf Erden nur aus sündigen Menschen bestünde, und so sah es für viele Zeitgenossen in letzter Zeit ja leider aus, so wäre sie dennoch ganz heilig. Sie ist kein weltliches, sondern ein göttliches Ding!
Sichtbar wird das in der Liturgie, wo im Zelebranten der (sündige) Mensch ganz zurücktreten und dem wirkenden Heiland Platz machen soll. Sichtbar wird das in den Heiligen, die nicht nur moralische Vorbilder, sondern tatsächlich bei Gott sind. Unzählige Menschen haben in den vergangenen Wochen und Monaten über die Kirche gesprochen, als sei sie ein reparaturbedürf­tiger Notstandsbetrieb, das aus den Augen verloren hat? Dass die Glieder der Kirche immer wieder gerufen sind, der Würde ihrer Kirche gerecht zu werden, aber dass diese auch so und auch ohne sie und schon immer und in Zukunft heilig ist.
Woher kommt der merkwürdige Minderwertig­keitskomplex, der sich selbst bei leitenden Häuptern der Kirche eingeschlichen hat, der sich erst einmal ent­schuldigt, dass es Kirche überhaupt gibt, und dann ver­spricht, irgendwie doch so sein zu wollen wie alle: nett, menschlich und gesetzestreu. Es geht nicht darum, dass Christen das Bewusstsein, der einen und heiligen Kirche Gottes anzugehören, wie eine Keule auf ihre armen Mitmenschen nieder krachen lassen. Sondern es geht darum zu wissen, dass man von etwas getragen wird, das einen an Barmherzigkeit und Güte völlig übersteigt, das einen auffängt, wenn man selber mit seinen Schwächen und Mängeln nicht mehr so recht weiter weiß.
Kirche ist also kein irdisches System, das repariert oder an die jeweils heutige Zeit angepasst werden müsste. In ihr stellt sich auch nicht die Machtfrage, denn in ihr hat keiner Macht, sondern nur die Vollmacht, im Auftrag eines Anderen etwas zu tun (das gilt auch für den Papst!). Da gibt es auch keine Strukturen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Wenn von einer Krise in der Kirche die Rede ist, und schwere Zeiten gab es für sie oft, dann kann das nur bedeuten, dass es zu Ver­krustungen, Geschwüren oder bürokratischen Engfüh­rungen gekommen ist, die man entfernen muss, damit die wahre Kirche wieder zum Vorschein kommt. Reform der Kirche bedeutet immer, etwas wegzunehmen, damit ihre Heiligkeit wieder strahlt. Der menschliche Faktor ist es, der die dreifache Heiligkeit der Kirche verdunkelt. Was aber nicht bedeutet, dass diese Heiligkeit aufgeho­ben oder im Nichts verschwunden wäre. Sie ist da und will wirken. Liebe Theologen und Kirchenbürokraten: Gebt sie bitte wieder frei! Versperrt nicht länger die Tür. Geht aus dem Weg.
Guido Horst ist Chefredakteur des Vatikan-Magazins (www.vatikan-magazin.de)

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Über Horst Guido 35 Artikel
Guido Horst wurde 1955 in Köln geboren. Nach dem Studiun der Geschichte und Politologie arbeitete er für die katholische Presse als Journalist. Im Jahr 1998 übernahm Horst die Leitung der katholischen Zeitung Die Tagespost mit Sitz in Würzburg; 2006 gab er den Posten des Chefredakteurs ab und ging wieder nach Rom. Er wurde abermals Rom-Korrespondent der Tagespost und Chefredakteur der zusammen mit Paul Badde konzipierten Zeitschrift "Vatican-magazin".

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