Oberammergauer Ausgrabung – Christian Stückl kürzt, würzt und stürzt sich mit Ibsen in ein Passionstheater-Abenteuer

Der junge Mann, der vor dem Passionstheater in Oberammergau den Premierengästen das Programmheft zu „Kaiser und Galiläer“ von Henrik Ibsen anbietet – sieht er in seinem alpinen Outfit nicht dem Hausherrn Christian Stückl bis aufs Haar ähnlich? „Oder ist`s gar sei Bua?“, will man von der Bierschenkin im Zelt gegenüber erfahren. „Naa, des geht net. Der Stückl hat koane Kinder und koa Frau. Der is mit`m Theater verheirat`!“ Der Bühnenberserker hätte zu Ibsens Zeiten leben müssen. Der Norweger, Vater des modernen Dramas, plagte sich mit dem – von ihm selbst so eingeschätzten – „Hauptwerk“ um die schillernde Figur des Kaisers Julian (4. Jh. n. Chr.) redlich, um es 1896 in Leipzig auf die Bretter zu bringen. Wersollte das Mammut-Stück nachspielen? Stückl grub`s jetzt für seine Lieblingsbühne am Heimatort aus. Er kürzte und würzte es und stürzte sich, risikobereit, in ein Passionstheater-Abenteuer.
Man löst sich nur schwer von dem Gesicht des zarten, femininen jungen Mannes auf Plakat und Programmheft. Ein neuer James Dean oder der neue Titelheld? Stückl lässt raten. Sein Julian sieht jedenfalls anders aus: herb, viril, fanatisch, kämpferisch, zerrissen, was Seelen- und Liebesleben angeht. Mit der Rolle des rücksichtslos den Thron erringenden römischen Herrschers Julian Apostata ist Stückls Pressesprecher Frederik Mayet voll in seinem die Riesenbühne füllenden darstellerischen Element. Er lässt die Tiraden heiligen Zorns, des Gefolgschafts-Verlangens, der werbenden Schutzsuche und des Ringens um religiöse Orientierung wie ein glühender Ofen aus der Esse. Im ersten Teil des Dramas gerät das alles zu vehement; wären da nicht auch Charaktere, die besänftigen, wäre da nicht auch ein – leider textunverständlich – singender Chor (die Vestalinnen ganz in Orient-Weiß) unter Leitung von Komponist Markus Zwink, um die brodelnde Exaltiertheit absenken lassen.

Man spielt pathetisch im Bühnenbild von Ausstatter Stefan Hageneier großes Religions-Theater. Es geht in diesem umständlichen, anspruchsvollen, wortreichen Stück, dessen Handlung sich immer wieder verheddert, bald giftig zuspitzt, bald mit Mord und Totschlag, Hetze und Gewalt gefährliche Dimensionen erreicht, um die Frage des rechten Glaubens: an Weltlichkeit („Kaiser“) oder Göttlichkeit („Galiläer“, Jesus Christus). Den erst christlichen,jedoch labilen, abergläubischen Julian verunsichert der Mystiker Maximos (riesenhafter Guru, zynisch, höhnend: Stefan Burkhardt, s. Foto mit Mayet). Zusehends fällt Julian, der Usurpator, brutal-fanatisch in den Hellenismus mit Faust und Stechmesser zurück. Kurz vor dem Schluss-Vorhang sinkt er dem hohlen Prediger Maximos in den Schoß. Viele seiner Getreuen, auch der unsichere Bischof (Carsten Lück), waren ihm verfallen, sichtbar gemacht in der identischen Anverwandlung durch Rauschebart und Bagwankleid. Der 2. Teil fesselte entschieden mehr als das Gewirre und Gezerre vorher. Burkharts schrilles Hohnlachen klingt freilich noch lange im Ohr, wenn nach fast drei Stunden in die Nacht hinausgefahren wird.

Mit welch großen Sprechspieltalenten das kleine Dorf im Ammertal aufwarten kann, welch hohes Potential schauspielerischer Kraft in dem mit fast 20 tragenden Rollen besetzten Ibsen-Stück steckt, lässt für die Zukunft hoffen. Zeigte sich ein fulminanter Rochus Rückel in der Rolle des Christus-Jüngers Agathon, Abdullah Kenan Karaca als glaubensstarker Gregor v. Nazianz, Peter Stückl als schmächtiger Kaiser Konstantios, abgesehen von Darstellern vom Format eines Anton Preisinger, Kilian Clauss oder Tobias Simon. Eine einzige Frau ließen Ibsen/Stückl in die sich blutig schlagende, bis zum Letzten verausgabende fastgeschlossene Männergesellschaft: Helena (Eva Reiser), Konstantius Tochter und, bis sie der Irrsinn trifft, Geliebte Julians. Was Inhalt und Anforderung dieses das Christentum als überragende, welterlösende Religion propagierenden Ibsen-Spektakulums angeht, dürften manche in vielem ratlos geblieben sein, aber auch voller Bewunderung für das neue Oberammergauer Theater-Wagnis. Es wird noch fünfmal, nach zwei Anfangsaufführungen, am 15., 16., 21., 22. und 23. Juli wiederholt (Kartentelefon 08822 – 9458888).

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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