Pariser Leben auf Plakaten

Die Pariser Tänzerin Jane Avril - 1899 aufs Plakat gebracht von Henri de Toulouse-Lautrec, Foto: Hans Gärtner

Erst in eine Ausstellung, dann ins zugehörige Pariser Innenhof-Café? Das Münchner Künstlerhaus bietet dies und mehr: eine eigene Lithografische Werkstatt.  Von Hans Gärtner. 

Bitte, durchgehen. Ganz durchgehen. Die Ausstellung „La Bohème“ ist erst vollkommen angeschaut, wenn die Lithografische Werkstatt auch besucht wird. Ein Atelier, in dem zwei Damen tüchtig am Werk sind. Vielleicht hat man Glück, sie gerade Henri de Toulouse-Lautrecs bewunderte Sängerin Jane Avril ausdrucken zu sehen. Genau: deren Ganzkörper-Konterfei, das er 1899 kreierte: eine junge adrette Dame mit Federhut windet sich, um sich dem Biss einer Schlange zu entziehen, die sich um ihren gertenschlanken Leib windet. Eine ebenso laszive wie dramatische Szene! Die Dargestellte öffnet, blass vor Angst, den Mund und hebt vor Entsetzen die Arme.

Das ist die „Demimonde“ der Pariser „Belle Époque“ der Jahre kurz vor 1900 in Reinkultur, der die Ausstellung gewidmet ist. Gestelzt. Gespreizt. Gestellt. Der kleinwüchsige Maler Henri de Toulouse-Lautrec fing die Grande Dame auf Werbeplakaten ein. Dazu so manche Figur aus dem „Cabaret“, dem „Palais de la danse“ und zwielichtigen Etablissements des Montmartre wie den Sänger Aristide Bruant (1892), die Sängerin May Milton (1897) oder eben die kapriziöse Pariser Tänzerin Jane Avril. Als „Mélinite“ trat sie am 6. Oktober 1889 zur Eröffnung des „Moulin Rouge“ auf. Mit ihr war der adelige Maler, der sich Toulouse-Lautrec nannte und mit 37 Jahren starb, eng befreundet. Das Plakat, das er 1899, zwei Jahre vor seinem Tode schuf, war sein letztes.

Schon wegen dieses Plakats lohnt der Besuch der Ausstellung im Münchner Künstlerhaus

Schon wegen dieses Plakats lohnt der Besuch der Ausstellung im Münchner Künstlerhaus. Man sollte das Exponat in der reichhaltigen Schau als erstes suchen und lange betrachten, um von ihm aus auf weitere „Jane Avrils“ und andere Porträts zu stoßen. Dem Kunstsinnigen, der tief in die Tasche greifen kann, empfiehlt sich der Erwerb eines der 250 limitierten und nummerierten Exemplare „Jane Avril“. Es wird unmittelbar vor Augen des Besuchers in der hauseigenen Lithowerkstatt in vier Farben auf hochwertigem Papier gedruckt. Leiterin Raquel Ro und ihre Assistentin Carol Munoz geben gerne Einblick in ihre Arbeit. Der Stein, den sie verwenden, wurde eigens angefertigt. Gedruckt wird auf der historischen Mansfeld-Presse.

Henri de Toulouse-Lautrecs auf zwei Museen verteiltes, aber erstaunlich geschlossenes lithografisches Lebenswerk lieh sich das Münchner Künstlerhaus vom Musée d`Ixelles in Brüssel aus. In München ist man sehr  stolz, es ganz zeigen zu können und überdies die Erlaubnis bekommen zu haben, das „Jane Avril“-Plakat drucken zu dürfen. Das beschwingte Pariser Leben der vorletzten Jahrhundertwende wird auf subtile und zugleich füllige Art vergegenwärtigt – natürlich ganz besonders in Verbindung mit dem Innenhofcafé in „romantischer Montmartre-Atmosphäre“, die zum ruhigen Verweilen mitten in der lauten Münchner City einlädt.

Eine Ausstellung, wie geschaffen für den sonnigen Münchner Sommer!

Kunstfreund*innen wird in der Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem genannten Brüsseler Museum und dem Institut für Kulturaustausch in Tübingen zustande kam, das Plakat-Werk Toulouse-Lautrecs lückenlos geboten. Das hat allein hat schon was! Darüber hinaus sind Arbeiten von Pierre Bonnard, Alfons Mucha, Felix Vallotton und Théophile-Alexandre Steinlen zu bewundern – alles exzellente „Meister vom Montmartre“. Eine Ausstellung, wie geschaffen für den sonnigen Münchner Sommer!

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Dauer der Ausstellung „La Bohème“: bis 14. August. Öffnungszeiten: Montag von 11 bis 20 Uhr, Dienstag bis Sonntag von 11 bis 19 Uhr. Jeweils sonntags und montags um 11 Uhr Führung. Das Café ist von Donnerstag bis Sonntag 12.30 bis 20 Uhr und Montag von 12.30 bis 21 Uhr frei zugänglich.

Über Hans Gärtner 382 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.